Wie der Löwe vom Alex die Sumpfschildkröte aus dem Tiergarten riss - Zum Showcase Archäologie in Berlin und dem Buch Archäologie Berlins

Artefakt – Archäologie – Lokalisierung 

 

Wie der Löwe vom Alex die Sumpfschildkröte aus dem Tiergarten riss 

Zum Showcase Archäologie in Berlin und dem Buch Archäologie Berlins 

 

Der Elch vom Hansaplatz im Bezirk Berlin-Mitte passte nicht in den Showcase Archäologie in Berlin. Er ist in der Inszenierung einer Jagdszene mit Originalsperr im Steinzeitsaal im Neuen Museum aufgestellt. Natürlich nur noch als Skelett. In relativer Nähe wurde im Bezirk Tiergarten der Panzer einer Sumpfschildkröte aus der Bronzezeit gefunden. Berlins archäologische Funde verdanken sich keiner systematischen Ausgrabungen, sondern der regen Bautätigkeit in der großflächigen Stadt. Der Elch aus der Steinzeit um 10.730 v. Chr. wurde am 16. Mai 1956 beim Bau der U-Bahnstrecke Linie 9 zwischen Turmstraße und Hansaplatz in sieben Meter Tiefe gefunden.

 

Das Buch Archäologie Berlins, das gestern Abend im Treppenhaus des Neuen Museums mit Blick auf das Hochhaus des Welthandelszentrums von 1979 in seinerzeit Ost-Berlin vorgestellt wurde, erzählt zum ersten Mal anhand von „50 Objekte(n)“ „10.000 Jahre Geschichte“. Die Archäologin Claudia Maria Melisch und der Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin Matthias Wemhoff versammeln in dem Buch 50 Geschichten zu im Museum über 2 Etagen verstreute große und sehr kleine Objekte. Vor allem die kleinen, aber auch die großen Museumsobjekte gingen und gehen ansonsten in den Modi der Erzählung von der Vor- und Frühgeschichte leicht unter. Nun wird Archäologie in Berlin sichtbar.

 

Matthias Wemhoff ist bei Bauherren in Berlin ein gefürchteter Mann. Denn als Berliner Landesarchäologe rückt er an, wenn im Boden auf dem heutigen Stadtgebiet von Berlin ein historischer Fund gemacht wird. Baustopp! Matthias Wemhoff ist als Landesarchäologe dem Senator für Stadtentwicklung und Umwelt Andreas Geisel unterstellt. Ob beim Bau des Schlosses als Humboldt-Forum oder dem Abriss des legendären Ost-Berliner Palasthotels gegenüber dem Palast der Republik 1995/96, der Landesarchäologe rettet, was von der Geschichte zum Beispiel der Berliner Börse mit einem Kopf der Berolina-Skulpturen vom Berliner Bilderproduzenten Reinhold Begas übrig geblieben ist. Andreas Geisel als zuständiger Senator wies in seiner Rede daraufhin, dass er erkannt habe, wie wichtig ein Wissen über die Geschichte Berlins sei.

 

Die Zuständigkeit für Geschichte in Berlin ist durchaus aufgespalten. Während der Verein für die Geschichte Berlins mit seinem 150jähren Bestehen als älteste zivilgesellschaftliche Einrichtung durchaus die Aufmerksamkeit und Unterstützung des Senators für Kultur genoss, fällt die Geschichtsarbeit des Landesarchäologen in das Ressort der Stadtentwicklung als zukunftsorientierter Einrichtung. Doch der von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt mit 9 Millionen Euro geförderte Showcase Archäologie in Berlin zeigt eben auch eine Geschichtlichkeit der Stadtentwicklung, die in der Metropole durch vielfältige Diskussionen u. a. um die Mitte von Berlin geführt werden.

 

Die Geschichten, die nun in Archäologie Berlins erzählt werden, handeln ebenso von der Archäologie wie von den Artefakten im Museum der Vor- und Frühgeschichte mit Ausgriffen auf die Geschichte der Fauna, der Spielleidenschaft im Mittelalter und der Stadtentwicklung mit der „Leuchtpatrone vom Mauerabschnitt Bernauer Straße“. Das von Menschenhand gemachte Objekt wie die kleinen Spielsteine aus der Breiten Straße in Mitte und aus Spandau oder die Harpunenspitze aus Charlottenburg verschwinden in ihrer Winzigkeit fast in den Weiten des Museums. Doch wenn die Harpunenspitze mit einer aktuellen Erzählung aus der Tagespresse von bis zu 130 Kilogramm schweren Welsen, die „im letzten Jahrzehnt“ gefangen wurden, verknüpft wird, schießt sie aus den Artefakten des Museums hervor.[1]   

 

Archäologie Berlins ist ein Sachbuch, Roman und Medienereignis. Nicht nur wird der Elch vom Hansaplatz auf dem Cover durch aufwendige, digitale Bildbearbeitung vor mattschwarzem Hintergrund mit spiegelnden Metallic-Farben und Goldglanz eine höhere Wertigkeit verliehen, vielmehr stellt sich auch der Effekt von Dreidimensionalität her. Der Elch wird so quasi auf dem Cover verräumlicht. Die Fotografien der Artefakte wie die „gezahnte Knochenklinge … eines Fischspeers“ von „12,3 Zentimetern“ wird auf 22,2 Zentimeter hochgezoomt.[2] Anders gesagt: Das Sachbuch erweist sich als literarische und medientechnische Verschränkung, die das Artefakt allererst herstellen.

 

Der Langzeit-Roman von Berlin, der mit dem Buch von der Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, Vorrömischen Zeit über die Römische Kaiserzeit und die Völkerwanderung, die Slawen, das Mittelalter und die Frühe Neuzeit bis zur Moderne erzählt wird, lässt auf 160 Seiten zusammenschnellen, was mehr als 12.000 Jahre umfasst. Denn der Elch kam aus der Zeit um 10.730 v. Chr. und der zweite Spielstein aus dem Mittelalter wurde 2014 in der Breiten Straße unweit des Alexanderplatzes geborgen.[3] Wie, wann und woher er dahin gekommen ist, wird sich kaum sagen lassen. Doch in der archäologischen Langzeit-Erzählung von Berlin heißt es ebenso spekulativ wie wissenschaftlich zum ersten Spielstein, gefunden 1970 in Spandau: 

… Dieser Vogel wirft seinen Kopf in den Nacken, er hebt ein Bein und spreizt seine Flügel und seine Schwanzfedern. Schon kurz nach der Entdeckung führte diese merkwürdige Haltung zu einer Idee: Könnte es sich um eine Großtrappe handeln, diesen größten der hier östlich der Elbe heimischen Vögel? …[4] 

 

Die Verschüttung und „Bergung“[5] von Artefakten, die mit dem Sachbuch und seiner „Gestaltung“ durch Feigner & Zierke an Wertigkeit nicht zuletzt unter dem diskreten Einsatz von spiegelndem Gold bzw. goldspiegelnder Metallic-Farbe gewinnen, spielen in der Archäologie Berlins eine entscheidende Rolle. Um in den Fokus der Archäologie und des Landesarchäologen zu gelangen, muss den Artefakten ein Verlust an Wert durch Verschüttung vorausgegangen sein. Nirgends wird diese Dialektik der Archäologie deutlicher als in der sogenannten Mitte von Berlin, die nach 1945 im Ostteil der Stadt als sozialistisches Zukunftsprojekt ausgerufen und gestaltet wurde. Die Hotspots der Archäologie in Berlin sind keine prähistorischen Höhlen, sondern der Petriplatz, der St.-Petri-Kirchhof und der Schlossplatz, wo das sozialistische Berlin entstand, um neue Wertsysteme zu installieren.

 

Natürlich ist nur ein sehr kleiner Teil der Exponate im Museum für Vor- und Frühgeschichte aus Berlin. Ohne die Exponate aus ganz Deutschland, ja, Europa gäbe es das Museum nicht. So ist der Berliner Goldhut aus der Bronzezeit mitnichten in Berlin geborgen, wohl aber 1996 aus dem Kunsthandel erworben und später im Neuen Museum ausgestellt worden. Er ist indessen als Bild derart faszinierend, dass er quasi den Schlusspunkt des einleitenden Artikels Die Bronzezeit bildet: „Der Berliner Goldhut zeugt von astronomischem Spezialwissen, um 1000 v. Chr.“.[6] Mehr noch: Die Erzählung von der Bronzezeit wird mit einem „Panorama der Bronzezeit“, einer farbigen Zeichnung illustriert, deren Legende lautet: 

Zur linken Seite ist ein Priester mit Goldhut zu sehen, wie er auch im Museum für Vor- und Frühgeschichte zu sehen ist.[7]  

 

Indessen ist das Panorama von 30 cm Breite und 7,6 cm Höhe ziemlich klein, der Goldhut mit ca. 3mm winzig, kaum mehr als angedeutet, so dass die imaginationsfördernde Bildlegende ihn allererst sichtbar werden lässt. Ins Auge fällt vielmehr eine Sonne in kräftigem Orange am anderen rechten Ende des Panoramas, die hinter einem Berg untergeht und an der 4 Kraniche vorüberziehen. Das sachbuchartige „Spezialwissen“ von der Bronzezeit und dem Goldhut, der zweifelsohne ein, wenn nicht das Glanzstück des Museums für Vor- und Frühgeschichte ist, stellt sich über eine besonders starke Verschränkung von Bild und Text her. Kaum entscheiden lässt sich, was stärker fasziniert: Die Aussicht auf ein „astronomisches Spezialwissen“, dessen Funktion und Gebrauch sich kaum (re)konstruieren lassen, oder das Panorama, in das die Fotografie vom Museums-Goldhut qua Legende übertragen wird.

 

Die Provenienz des Berliner Goldhuts ist schlechthin unbekannt. Überhaupt sind nur vier Goldhüte aus der Bronzezeit bzw. Urnenfelderzeit bekannt. Die Fundorte der drei anderen Goldhüte sind dagegen mit Schifferstadt, Ezelsdorf-Buch und Poitiers lokalisiert. Das Spezialwissen des Berliner Goldhuts ist als Kalenderskala eines astronomischen Wissens entziffert worden. Das sagt allerdings wenig über den Gebrauch eines so detaillierten Wissens in der Bronzezeit aus. Das astronomische Wissen der Bronzezeit wurde mit der Himmelsscheibe von Nebra anscheinend über einen größeren Raum in Europa verbreitet. Der Berliner Goldhut, der im Buch eine entscheidende Referenzfunktion für das Wissen von der Bronzezeit einnimmt, wird mit den bronzezeitlichen „Opfergaben in der Spree“ verknüpft, die schon 1881 von Bauarbeitern in Spandau gefunden wurden.[8]  

 

Das Sachbuch Archäologie Berlins zeichnet sich durch eine ebenso große Verknüpfung unterschiedlicher Literaturen wie verschiedener Bildmedien aus. Weniger wird ein „Spezialwissen“ entfaltet und beschrieben, als vielmehr eine besondere Elastizität des Wissens im permanenten Wechsel über Zeiträume und Regionen sowie zwischen Bildmaterial und Legenden generiert. Erst im Zusammenspiel eines Wissens über das Balzverhalten der Großtrappe östlich der Elbe und dem mittelalterlichen Spielstein mit dem Burgwall in Spandau[9] als Bergungsort stellt sich das Wissen der Archäologie her. Es generiert sich entschieden aus einer Praxis von Übertragung und Verknüpfung vielfältiger Wissensbereiche und ihrer Medien.

 

Die Lokalisierung des Wissens über die Fundorte in Berlin und darüber hinaus, praktiziert mit der Archäologie nicht nur eine Erweiterung der Geschichte von Berlin, vielmehr führt sie zu einer Verortung von Kultur und Wissen im literarischen Prozess. Das Museum wird, indem es mit bestimmbaren und begehbaren „Bergungsort(en)“ in der Stadt – Schlossplatz, Hansaplatz, Petriplatz, Breite Straße etc. – verknüpft wird, zu einem Knotenpunkt des Wissens von der Stadt. Insofern formuliert Archäologie Berlins ein neuartiges Wissen von der Stadt. Den großangelegten Zeiten und Räumen der Vor- und Frühgeschichte, die beispielsweise mit dem Spezialwissen des Goldhuts bis nach China und in die chinesische Geschichte ausgreifen, wird ein fast schon mikroskopischer Ort wie der Hansaplatz im Tiergarten, der auch eine U-Bahnhaltestelle ist, entgegengestellt. So birgt die neuartige Lokalisierung auch das Versprechen für die Museumsbesucherinnen, selbst zu Archäologinnen werden zu können – durch Zufall.

 

Die Archäologie vermag für die Frühe Neuzeit wie beim „Johanniterkreuz vom Schlossplatz“ bereits auf andere, historische Literaturen zurückzugreifen. 2008 stießen die Archäologen bei Ausgrabungen am Schlossplatz auf einen Raum, in dem 18 Sarkophage vorgefunden wurden. Die Bebauungsgeschichte dieses Ortes ließ sich bis ins frühe 14. Jahrhundert zurückverfolgen, als dort ein Dominikanerkloster gegründet wurde. Während der Reformation wurde das Kloster in eine protestantische Hofkirche umgewandelt. So konnte bei dem entwerteten, geradezu unbrauchbar gewordenen Artefakt an die Überlieferungen zum Geheimen Rat Conrad von Burgsdorff angeküpft werden, der im Jahr 1652 verstorben war. Er war Mitglied des Johanniterorderns gewesen, so dass ihm das Ordenskreuz und ein goldener Ring mit Rubin im Sarkophag mitgegeben wurden. Matthias Wemhoff begründet diese Beigabe noch weit detaillierter und nicht wenig literarisch in seinem Beitrag.[10]     

 

Das gereinigte und gut erhaltene „Johanniterkreuz, Schlossplatz, 1652“ ist im Sachbuch auf gut 15 cm vergrößert worden. Einerseits ist die aufwertende Edition den aktuellen Bildpraktiken zu verdanken, die ein wenig an ein „Big-is-beautiful“ erinnern. Die Abbildungen des Sachbuches sind brillant und legen beim Johanniterkreuz Wert darauf, dass die Bronzeeinfassung glänzt. Andererseits generieren die Bilder der Artefakte ein Wissen von der Archäologie in Berlin, das sich durch Elastizität, Vielfältigkeit und Hybridität auszeichnet. Anders gesagt: Das Spezialwissen der Archäologie wird gerade durch seine Vernetzbarkeit im Medium Sachbuch zugänglich gemacht.

 

Als Museumsführer für Fortgeschrittene wie für Wissbegierige lässt sich das Buch mit seinen Karten „Fundverteilung im Museum“ wie den „Fundorte(n) in Berlin“ bis nach Schwedt im Norden und Glienick im Kreis Teltow-Fläming ebenfalls nutzen. Doch mit der Vor- und Frühgeschichte wird vor allem von Berlin erzählt, als es noch gar keine Stadt war. Doch die Funde aus jener Zeit haben allemal bei ihrer „Bergung“ die Geschichte von Berlin erweitert. 

 

Torsten Flüh 

 

Claudia Maria Melisch, Matthias Wemhoff 

Archäologie Berlins 

50 Objekte erzählen 10 000 Jahre Geschichte 

160 Seiten, 21 x 28 cm, rund 70 Abbildungen Harcover mit Schutzumschlag 

ISBN 9783944594378 

€ 24,95 (D) / € 25,70 (A) / CHF 35,50  

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[1] Charlotte Maria Melisch: 6 Harpunenspitze aus Charlottenburg. In: Charlotte Maria Melisch, Matthias Wemhoff: Archäologie Berlins. Berlin: Elsengold, 2015, S. 24.

[2] Ebd. S. 24 und 25.

[3] Matthias Welmhoff: 30 Spielsteine aus Spandau und Mitte. In: Ebd. S. 102-103.

[4] Ebd. S. 102.

[5] Ebd.

[6] Die Bronzezeit. In: Ebd. S. 33.

[7] Ebd.

[8] Matthias Wemhoff: 10 Opfergaben in der Spree. In: Ebd. S. 38.

[9] Siehe auch die Vergrößerung des Spielsteins auf einen Durchmesser von 18 Zentimetern auf S. 2.

[10] Matthias Wemhoff: 37 Das Johanniterkreuz vom Schlossplatz. In: Ebd. S. 122-123.