Die Blumen des Verrats - Zhang Yimous Die Blumen des Krieges im Offiziellen Programm der Berlinale 2012

Propaganda – Nanjing – Blumen

 

Die Blumen des Verrats

Zhang Yimous Die Blumen des Krieges im Offiziellen Programm der Berlinale 2012

 

Der chinesische Starregisseur Zhang Yimou war nicht nur persönlich zur spätabendlichen Vorführung seines neuesten Films im Offiziellen Programm der Berlinale im Berlinale Palast, also der Toplocation des Festivals angereist. Er hatte auch die schönsten, frischen Blumen aus dem Reich der Mitte in größerer Zahl mitgebracht. Die jungen Damen, Ni Ni und Zhang Xinyi, die jüngste Generation chinesischer Filmdiven, sowie der derzeitige Herzensbrecher des chinesischen Kinos Tong Dawei und Christian Bale wurden auf dem Roten Teppich ausgiebig von chinesischen Fans und Fernsehteams gefeiert.

Die internationale Karriere Zhang Yimous begann 1988 mit dem Goldenen Bären für Rotes Kornfeld auf der Berlinale. Im letzten Jahr war man im Haus der Kulturen der Welt bereits erstaunt über die Themenwahl und deren Ausgestaltung, also filmische Umsetzung des wahrscheinlich mächtigsten chinesischen Regisseurs. Es handelte sich um eine eher kleinere Produktion. Nun kam ein Hauptarbeit. Begann Zhang mit einer Low-Budget-Produktion, so steht ihm heute der Apparat der chinesischen Filmindustrie für Großproduktionen zur Verfügung. Doch sah man früher noch rätselhafte Schauspielerinnen in Zhangs Filmen, so bleibt es heute bei hübsch und melodramatisch. Rien.

Wenn man Zhang Yimou zur Berlinale bekommen kann, dann muss man ihn wohl nehmen. Er ist ein internationaler Top-Star. Tatsächlich war der Berlinale Palast um 22:30 Uhr ausverkauft und voll besetzt. Ob die Besucher irgendeine Vorstellung davon hatten, wovon der Film handeln könnte, weiß ich nicht. Die Mehrheit sicher nicht. Der Film handelt nämlich von dem schrecklichen Kriegsverbrechen der Japaner 1937 in Nanjing. Es gab 200.000 Opfer unter der Zivilbevölkerung.

In Deutschland wurde dieser chinesische Mythos zuletzt durch John Rabe (2009) mit Ulrich Tukur bekannt. Zuvor hatte Bill Guttentag 2007 Nanking ins internationale Kino gebracht. Jede Erzählung von Nanjing muss notweniger Weise im Genre Kriegsfilm platziert werden. Das ist ein schwieriges Genre, weil es unweigerlich Partei für eine Seite ergreifen muss. Das wäre eine Regel des Kriegsfilms. Im Krieg geht es um das Töten der Gegner und die Darstellung von Toden und Toten. Das ist genrebedingt. Wenn man die Gräuel eines Krieges zeigen will, dann wird es nicht ohne menschliche Körper, die zerstört werden, gehen. Oder man dreht einen Antikriegsfilm.

Zhang Yimou macht aus dem Durchschießen, Zerschmettern, Durchstechen, Zerquetschen und Zerplatzen von chinesischen (Opfer-)Körpern ein visuelles Fest. Durch die digitale Technik können die Blutfontänen nur noch besser und „realer“ gezeigt werden. Das Blut spritzt in die Blümchengardinen und tropft der bestialisch vergewaltigten und erstochenen Prostituierten von den Haaren. Der Körper der Klosterschülerin schlägt knackend und spritzend auf dem Boden der Nanjinger Winchester Kathedrale auf. Der Realismus digitaler Wargames ist am Werk. Der Zuschauer mittendrin.

In den letzten Jahren ist in der Volksrepublik zu beobachten, dass Filme zu Nanjing mehrfach mit hohem finanziellem Aufwand produziert wurden. Nicht zuletzt nimmt das Verbrechen in Frank Capras Propagandafilm The Battle of China (1944) in seiner Filmserie Why We Fight eine wichtige Rolle ein. Von Nanjing zu erzählen oder einen Film zu machen, verlangt eine Entscheidung darüber, wie man es erzählen will oder unter den mehr oder weniger offenen Zensurbestimmungen der chinesischen Regierung gestalten kann. Es ist mit anderen Worten ein hoch differenziertes Regelsystem, das zur jeweils aktuellen Inszenierung der Ereignisse von Nanjing führt.

Bereits in meiner Jugend kann ich mich an chinesische Filme (schwarzweiß) im Fernsehen zum Japanisch-chinesischen Krieg und Nanjing erinnern. Es war in Schwarzweiß, doch so schockierend, dass ich noch heute einzelne Szenen erinnere. Denn es waren nicht zuletzt Propagandafilme der 50er Jahre aus den chinesischen Filmstudios. In der Erzählung vom modernen China des 20. Jahrhunderts nimmt Nanjing eine zentrale Funktion ein. Es geht nicht zuletzt um die Darstellung und den tragischen Heroismus der chinesischen Soldaten in Nanjing, allen voran Major Li (Tong Dawei). Sie stellen sich gegen die Übermacht und werden unter äußersten Verlusten schließlich siegen.   

Die Blumen des Krieges/Jin Li Shi San Chai (wörtlich: Die 13 Blumen des Krieges) erzählt nun den Krieg als Melodram. - Wichtig und interessant ist am Titel die Anzahl der Blumen. Im deutschen/westlichen Kontext wird die Zahl 13 weggelassen, weil es eine Unglückszahl ist. In der Erzählung wird sehr genau unterschieden zwischen den 13 Klosterschülerinnen und den 14 Prostituierten. Die Zahl 14 ist wegen der Homophonie von shi si mit „sein tot“ im Chinesischen eine Unglückszahl. - Für den Modus des Melodrams als vorhersehbares Unglück ist das Zahlenspiel also nicht ganz unwichtig. Das Melodram zeichnet sich als Genre durch die gezielte Erzeugung von Gefühlen aus. Wenn im Chinesischen allerdings mit den Zahlen 13 und 14 gespielt wird, dann zeichnet sich auch eine Vorhersehbarkeit der Gefühle am. Wie lassen sich Gefühle inszenieren, denen sich das Publikum nicht entziehen kann? Ein Melodram funktioniert dann, wenn der Taschentuchverbrauch besonders gesteigert wird.

Die Gefühle des Melodrams gelten als menschlich und universell. Jede/r der/die kein hartes Herz hat, muss sich dem Drama der Gefühle hingeben. Mit anderen Worten: wenn ein chinesisches Melodram quasi global und nicht zuletzt für die Mitglieder der Film-Akademie in Los Angeles bei der Oscar-Nominierung und -Verleihung funktionieren soll, muss ein Gefühlsmodus gefunden werden, der im Westen wie im Osten verstanden wird. Das ist keinesfalls so einfach, wie es unter dem Mythos einer Univeralität von Gefühlen erscheinen mag. Denn nur allzu häufig sind chinesische oder indische Filme gerade an der Inkompatibilität von in Erzählungen und Bildern gefassten Gefühlen gescheitert. Beispielsweise kapiert kein westlicher Cineast die todtraurige Symbolik von Schmetterlingen in chinesischen Filmen. Natürlich verzichtet Zhang auf eine derartige Bildsprache. Wie lassen sich also Gefühle erzeugen, die universell verstanden werden können? Besonders gut funktionieren Gefühle der Trauer und Wut in Szenen des Abschieds, in denen der Abschied erzwungen ist und deswegen als ungerecht erscheint.  

Der Abschied im Melodram findet als Träne, die sich nicht zurückhalten lässt, statt. Wenn der oder die, die oder der zuvor noch als besonders roh und herzlos agiert hat, im Abschied eine Träne aus dem Augenwinkel fließt, kann sich das Publikum einer teilnehmenden Träne nicht erwehren. Meist wird die Abschiedsträne eingeleitet durch ein Entgleiten der Gesichtszüge und ein Zucken um die Mundwinkel. Gesteigert wird der Abschied nur noch, wenn es um Kinder geht, die entweder als Opfer beweint werden oder selbst ihren Abschied von einem anderen Kind mit einer Träne besiegeln.

In Jin Li Shi San Chai, also eigentlich 13 Blumen des Krieges wird oft nach dem vorgegeben Muster geweint. Mit Blumen werden im Chinesischen Prostituierte benannt. Kontrastreich geht es um 13 Klosterschülerinnen und 14 junge Frauen aus dem Liebesgewerbe. Selbstredend passt das nicht zusammen. Es kommt zwischen diesen beiden Frauen- bzw. Mädchengruppen zu Konflikten. Das ist der eigentlich dramatische Konflikt im Kriegsfilm. Der Totengräber John Miller (Christian Bale) soll zwar die beiden Mädchengruppen vor den Japanern schützen und sie in Sicherheit bringen, aber das ist nicht der dramatische Konflikt.

 

Der Konflikt geht durch die chinesischen Gruppen der Mädchen. Sie agieren gegeneinander. Der Heroismus von Yu Mo (Ni Ni), der schönsten und klügsten Prostituierten, wird darin bestehen, den feigen John Miller mit ihren Reizen dazu zu bringen, alle Mädchen zu retten. Sie wird zur Sprecherin erst der einen und dann beider Mädchengruppen. Sie wird in mehrfacher Hinsicht zur Nummer 1. Sie spricht mit einer Stimme für alle anderen und sie schafft es, den (die) Ausländer von der Notwendigkeit einer Rettung zu überzeugen. Es sollte dabei nicht übersehen werden, dass Yu Mo dabei die geradezu generalsähnlichen Anweisungen des einzigen chinesischen Jungen, George Chen (Huang Tianyuan - toller Kinderstarname: Huang gleich Gelb, Tianyuan gleich Himmelsgarten), übernimmt und in einen Begehrensdiskurs überführt. Einem Kind, einem chinesischen Ministranten, verzeiht man selbst eine Befehlssprache, derer sich sonst die chinesische Pressesprecherin des Außenministeriums gerne bedient. 

Was Major Li (Tong Dawei leider nur kriegerisch mit schmutzigem Gesicht) nur bedingt in seinem heroischen Selbstopfer gelingt, indem er die japanischen Soldaten von den Klosterschülerinnen ablenkt und sie in einen Hinterhalt lockt, um den Gegner im eigenen Tod mit in den Tod zu reißen, wird in der Figur der Yu Mo im Modus der Liebe und Erotik weiter ausgeführt. Denn Yu Mo opfert sich und lockt John Miller von Anfang an. Worauf dieser eigentlich unmoralische und unsichere Helden-Kandidat, John Miller, reagiert, sind nicht zuletzt die betonten Hüftschwünge Yu Mos auf dem Laufsteg der Kathedralengänge.

 

Nach der xten Gefühlsattacke gingen die ersten Zuschauer. Mir wurde es dann spätestens nach den bluttropfenden Haaren einer der vergewaltigten Blumen und dem Bericht von John Miller darüber zu bunt. Mit anderen Worten, und das wurde in dieser Szene nur allzu deutlich, das spritzende, digitale Blut und der zerplatzende Körper wird imaginativ nur davon übertroffen, dass er nicht gezeigt wird, dass er geleugnet wird und dadurch nur um so mehr die Imagination anspricht. Wenn die „Blumen“ nach der die Vergewaltigungen leugnenden Berichterstattung in Tränen ausbrechen, die im Film gerade die letzten 10 oder 15 Minuten episch bebildert worden war, dann werden die Tränen zum Appell, nun doch definitiv haltlos mit zu heulen. Das funktioniert gerade deswegen, weil der Zuschauer die kürzlich gesehenen Bilder „selbst“ erinnern muss. Das war zwar dramaturgisch brillant, aber dann doch ein so offensichtlich propagandistischer Zug, dass es mir reichte.

Wovon handelt nun also Jin Li Shi San Chai? Das Kriegsverbrechen von Nanjing in nur die Folie. Es geht um eine Geschichtserzählung. Geht es um eine historische Wahrheit? Bei John Rabe ging es zumindest um einen Mann zwischen den ideologischen Lagern, der vielleicht sogar ein wenig Widerstand gegen das aus der Ferne agierende Naziregime zeigte und dadurch Menschenleben retten konnte. Doch darum geht es in Jin Li Shi San Chai nicht. Vor allem unterscheidet sich die Rolle und Funktion des Ausländers. John Miller ist ein äußerst unzuverlässiger Charakter, der nur durch die sanfte Lenkung Yu Mos zum Held wird. John wird dadurch ein besserer Mensch, weil er sich durch Verlockung und Entzug von Yu Mo instrumentalisieren lässt. – Donnerlittchen noch einmal!

 

Mit anderen Worten die Hauptfigur Yu Mo wird vor allem als Sprecherin aller Anderen, die in sich zerstritten sind, zur Heldin. Ob sie dafür am Schluss sterben muss, ist mir nun leider entgangen. Folgerichtige wäre es. Yu Mo funktioniert nicht zuletzt als Übersetzerin. Sie spricht Englisch, während ihre Kolleginnen kein Englisch können. Es geht also vor allem um den Mythos der Einheit, die sich nur in einer Stimme artikulieren kann. Das wäre die Handlung und Botschaft des Films für 1,3 Milliarden Chinesen.

Es ist als Fan eines Regisseurs – beispielsweise - nicht einfach, wenn man feststellen muss, dass er sich instrumentalisieren lässt oder selbst gar von seiner Kunst überzeugt ist. Doch bevor ich ging, schoss mir unwillkürlich durch den Kopf, dass der einst verehrte Regisseur den Tiefstpunkt seiner Karriere erreicht hatte. Staatspropaganda. Mir fällt dazu nur Kolberg (1945) ein. Das macht mich sehr traurig.

 

Torsten Flüh

 

PS: Mittlerweile habe ich mir sagen lassen, dass sich nicht nur Yu Mo, sondern auch ihre Kolleginnen für die Kinder, die Klosterschülerinnen opfern. Das hatte ich bereits als Programm der Propaganda-Erzählung vermutet. Und natürlich liebt Yu Mo in der Stunde des Abschieds John Miller alias Christian Bale alias Batman (!) auch „wirklich“.