Verzeitigt - Über ein Eröffnungswochenende der MAERZMUSIK, Festival für Zeitfragen

Format – Offenheit – Zeit

 

Verzeitigt 

Über ein Eröffnungswochenende der MAERZMUSIK, Festival für Zeitfragen, und Internet-Kriminalität

 

MAERZMUSIK als Plattform für Musik und Gespräche über Zeit, von Berno Odo Polzer kuratiert, ist am Wochenende nach 2015 fulminant in die zweite Runde gestartet. Unterschiedliche Aufführungsformate kamen sogleich zum Einsatz. Mit dem Eröffnungskonzert time to gather mit Marino Formenti über gut 4 Stunden und mehr stellten sich nicht nur die leitenden Kulturorganisatorinnen von Hauptstadt Kulturfonds, Ernst von Siemens Musikstiftung, Bundeskulturstiftung, Goethe Institut und Berliner Künstlerprogramm des DAAD auf der zur Lounge eingerichteten Bühne um den Konzertflügel ein. Das Publikum hatte vielmehr eine spürbare Verjüngung erfahren. Denn das von Marino Formenti entwickelte Langzeitkonzertformat heißt „Party“.

 

Neben dem Verbringen von Zeit miteinander wurde am Samstag und Sonntag auch im Konferenzformat zusammen über Zeit nachgedacht bei thinking together unter dem Titel Time and the Digital Universe. Einerseits knüpften die Gespräche und Vorträge an George Dysons Buch Turing's Cathedral: The Origins of the Digital Universe (2012) und Elena Espositos Die Zukunft der Futures. Die Zeit des Geldes in der Finanzwelt und Gesellschaft (2010) an, andererseits erinnerte die Abgrenzungen zwischen dem digitalen Universum und der Realität, zwischen den algorithmischen Vorhersagen im Finanzmarkt und „unserer Komplexität“ eher an Unterhaltungen beim Kaffeekränzchen. Spät am Samstagabend lud Annie Dorson mit Yesterday Tomorrow zum algorithmisch live generierten Musiktheater. Und Sophie Rois las am Sonntagabend Elfriede Jelineks „Theaterstück“ Winterreise mit Musik und Zeitfragen.    

  

Der Pianist Marino Formenti zählt gegenwärtig zu den spannendsten Konzertarrangeuren zwischen größtmöglicher Offenheit des Formats und höchster Konzentration bei der Darbietung seiner Interpretationen unterschiedlichster Musikstücke aus verschiedensten Zeiten und Genres. Ein Star unter den Pianisten, der keiner sein will. Als Eröffnung spielte er eine Komposition der extremen Art unter vollem Körpereinsatz. Galina Ustwolskajas Kompositionen bergen für den Interpreten Körperverletzungsgefahren, wie sich erst kürzlich mit dem Konzert von Christoph Grund im Radialsystem V hören ließ. Doch anders als Grund setzt Marino Formenti, mit den Unterarmen und den flachen Händen spielend, Galina Ustwolskaja als zirzensischen Auftakt an den Anfang seines Konzerts. Damit verändert sich alles.

 

time to gather war und ist eine ungeheuerliche Provokation für die Konzertmaschinerie des Musikbetriebes, an deren anderem Ende Daniil Trifonov seine Erfolge feiert. Die gängige Konzertdramaturgie wird über den Haufen geworfen. Oder besser: sie wird mit den ebenso brachialen wie spirituellen Kompositionen der Schostakowitsch-Schülerin und -Kritikerin zertrümmert. Während Galina Ustwolskaja womöglich argumentiert hätte, dass der körperliche Extremismus ihrer Kompositionen für die Spiritualität notwendig ist, verschafft sich Marino Formenti Gehör im Kreis des Publikums, um dann mit leicht wienerischer Einfärbung im Party-Mekka zum Genuss einzuladen. Das gerät effektvoll und widersprüchlich, dekonstruiert die Konzertmaschinerie, stellt sie in Frage und lässt sie ton- und aufführungstechnisch unterschwellig weiter mitlaufen. Mit Marino Formenti: 

„time to gather“ ist der Versuch, eine andere Beziehung zwischen Spieler und Hörer*innen, zwischen Hörer*innen und Musik und zwischen Spieler und Musik zu etablieren; der Versuch, den Zwischenraum, den wir Musik nennen, als solchen anders zu erfahren.[1] 

 

Marino Formenti macht mit time to gather das Konzertformat zum Ort unterschiedlicher Hör-, Spiel-, Produktionspraktiken aus dem Moment der Umschläge heraus. Auf Galina Ustwolskaja folgt Louis-Nicolas Clérambault oder John Lennon oder Johann Sebastian Bach oder Enno Poppe oder Franz Schubert oder Brian Eno etc. Die Geschichtlichkeit der Musik in Epochen und Stile bleibt in der Kombinatorik des Unerwarteten unbeachtet, doch im Spiel nicht unbedacht. Dazwischen Gespräche mit dem Publikum, das sich um den Flügel und am Tisch mit den Noten drängt. Ein junger Mann möchte mit Marino Formenti vierhändig spielen. Akkorde könnten an Rhapsodie in Blue erinnern. Dann bricht das Experiment aus der Kommunikation heraus wieder ab. Das Publikum hört hin. Manche auch nicht. Konzentration im Hinhören wird harsch durch Schritte auf dem Bühnenboden unterbrochen.


Foto: Camille Blake

Wahrscheinlich lehnte es Marino Formenti ab, dass sein Arrangement durchaus einige Meisterschaft in der Kommunikation und im Spiel erfordert. Er ist geradezu ein Perfektionist im Umschalten zwischen den Praktiken. Das Publikum ist heute möglicherweise auch einfach höflicher als zu Zeiten von John Cage, an den er selbstverständlich anknüpft. Es hört schneller zu. Einmal vermag die Phrasierung eines Stückes von John Lennon die Bewegungen und die Gespräche für einen Moment einzufrieren, Konzentration auf sich zu ziehen. „Partytiger“, sagt er irgendwann. Bier, Wein, Club Mate wird geholt, getrunken. Flaschen fallen zu Boden. Und überhaupt die Frage: Ist Kommunikation auf einer Konzerttheaterbühne mit 600 Menschen mehr oder weniger möglich? Was heißt Kommunikation? Flow? Oder Konzentration auf den Moment? 

„time to gather“ ist ein Spiel zwischen Kommunikation und Einsamkeit, Intimität und Trennung, Dialog und Selbstgespräch, Botschaft und Leere, Erhabenheit und Vulgarität, Nähe und Distanz – ein Spiel zwischen Zuhören, Hören, Weghören.[2]


Foto: Camille Blake

 

In der Dekonstruktion der Konzertdramaturgie ist Marino Formenti nicht zuletzt Musikphilosoph. Die Offenheit, in der vermeintlich alles möglich ist und wird – „Ein Plädoyer gegen die lineare Zeit, gegen das Künstler-Sein, gegen das Publikum-Sein, gegen die künstlerische Kunst, gegen die Bewertung, gegen die nichterhabene Erhabenheit, gegen die schicke Nichterhabenheit: möglichst am Hip-Sein vorbei“ – funktioniert nicht ohne Kalkül. Der Musikphilosoph und -praktiker Formenti verfügt auf auch widersprüchliche Weise über ein profundes musikliterarisches Wissen zwischen Guillaume de Machaut aus dem 14. Jahrhundert und Björk. Doch durch die Aufführungspraxis von time to gather schält er die Musik auch aus ihrem Wissen von sich selbst heraus. Man muss das nicht alles wissen, um die Musik zu hören, die, wie er formuliert, in einem „Zwischenraum“ stattfindet.

 

Am Samstagmittag unterhielt sich Berno Odo Polzer im Live-Stream mit dem Wissenschaftshistoriker George Dyson in Bellingham im Bundesstaat Washington an der nördlichen Westküste der USA. Der Live-Stream gehört bekanntlich zu den digitalen Formaten des Internets, wobei sich Polzer und Dyson nicht einen Moment über die Zeitlichkeit des Live-Streams und ihres Live-Gesprächs via einer Skype-ähnlichen Software unterhielten. Vielmehr ging die Zeit sozusagen im Gespräch auf und Dyson sprach von „No Time Is There: The Digital Universe and Why Things Appear To Be Speeding Up“. Nun ist es gerade die digitale Technik des Streaming und Live-Stream, die erstens ältere Formate wie die Live-Sendung oder Aufzeichnungen im Fernsehen ersetzt, woraufhin kürzlich bei der Teddy Award Gala hingewiesen wurde, und zweitens eine besondere globale Zeitlichkeit des Moments mit gleichzeitigem Streaming erzeugt. Mehr noch: sie basiert auf Algorithmen und formatiert beispielsweise das Gespräch zwischen Polzer und Dyson, so dass das digitale Universum offenbar ins vermeintlich analoge Gespräch hineinreicht.

 

Das Streaming markiert, anders gesagt, genau jene Schnittstelle, wo sich die Universen überschneiden oder miteinander verschaltet werden. Als Wissenschaftshistoriker erzählt Dyson die Entwicklung des „entire digital universe“ seit der „32-by-32-by-40-bit matrix“ aus dem Jahr 1946. Es sei einfach zu glauben, dass die Zeit im digitalen Universum mit der Zeit in unserem Universum korrespondiere, schreibt er. Doch nichts könnte weiter „from the truth“ entfernt sein. Auffällig ist zunächst einmal Dysons Unterscheidung zwischen dem digitalen Universum und „our universe“. Im Streaming und Live-Streaming via Internet wird diese Unterscheidung eigentlich ad absurdum geführt, wenn man nicht von einem vulgären Gebrauch des Begriffes „universe“ ausgehen will. Denn gerade über die Einheit des in sich gekehrten kann man nun wirklich entweder seit Albert Einsteins Relativitätstheorie[3] und/oder seit Sigmund Freud überhaupt nicht mehr sicher sein.

 

Erstaunlich war nicht nur bei George Dyson die verallgemeinernde Rede von „our universe“ in Abgrenzung zum „digital universe“, sondern auch Elena Espositio argumentierte gegen eine „Algorithmic Prediction“, die nur a „digital prediction is about the present future, not the future present“. Esposito sprach wiederholt von unserer Komplexität, die eben so komplex sei, dass sie sich nicht durch algorithmische Vorhersagen bestimmen lasse. Elena Esposito ist Schülerin von Niklas Luhmann und Soziologin in Mailand. Als sei es möglich, insbesondere im Finanzmarkt und im Hochfrequenzhandel Vorhersagen zu treffen, referierte sie mehrfach auf eine – „unsere“ – Komplexität, die diese Vorhersagen unterlaufe, als ließe sich die Zukunft überhaupt derart genau von einer Gegenwart trennen. Wenn algorithmische Vorhersagen im Finanzmarkt auch nur annähernd funktionieren würden, gäbe es keine drastischen Kursschwankungen an den Aktienmärkten. Das Andere des digitalen Universums wird auf grob-materialistische Weise von „unserem“ getrennt, als funktioniere die Unterscheidung von Analogizität und Digitalität noch. Wenn man wüsste oder auch nur einmal formulieren würde, was das Unsere ist – ein kollektives Subjekt, ein Universum, ein Zeitgefühl? –, dann müsste eigentlich auffallen, dass die Unterscheidung schwierig, wenn nicht unsinnig ist.

 

Der digitale Live-Stream findet nur in der durchaus merkwürdigen Zeitlichkeit seiner Verschaltung statt. Berno Odo Polzer lädt George Dyson am Schluss seines Gesprächs ein, sich noch den Live-Stream anzusehen, bevor er abgeschaltet wird und Elena Esposito ans Rednerpult tritt. Der Live-Stream ist wie das Gespräch immer gleich vorbei. Denn genau das heißt ja Live-Stream. Verblüffend allerdings ist gerade die Synchronie, mit der sich wie auf einem Podium zwischen Berlin und Bellingham, Washington, sprechen lässt. Es gibt allein minimale Verzögerungen. Es findet live im Digital Universe statt, für das Berno Odo Polzer genauso stehen muss, dass er von der Kamera am anderen Ende des Raumes auch gefilmt werden kann, damit George Dyson ihn ebenfalls sieht auf dem Bildschirm. Ist wie Cyber… - Nein, das schreibe ich jetzt nicht.

Algorithmen sind keine Zauberformeln, sondern einzig und allein binäre Entscheidungen also Entweder-Oder-Verfahren. Hinter den Algorithmen als Wissensproduzenten verbirgt sich nicht zuletzt ein Binarismus, 0 und 1. Dies darf man allerdings nicht mit einem (1) und keinem (0) Zeichen verwechseln, was allerdings genau dann getan wird, wenn man so tut, als reiche das digitale Universum nicht längst in „unseres“ hinein. Das digitale Universum ist streng rational, könnte man meinen. Doch es stellt überraschender Weise die Rationalität als Berechenbarkeit in Frage. Letztlich verbirgt sich hinter der Rede von der Unterscheidung zwischen digitalem Universum und „unserem“ ein altes, wenn nicht ein Problem der Moderne und der Versprechen der Aufklärung. Wenn der Mensch sich durch seine Rationalität aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit, wird er dann nicht zur Maschine als Modell der Berechenbarkeit?

Das Problem der Rationalität wird zum ersten Mal sehr deutlich in den Erzählungen von E. T. A. Hoffmann formuliert. Es kommt zwar schon bei Heinrich von Kleist vor. Aber die Figur der Olimpia in der Erzählung Der Sandmann von 1817 führt vor allem den perfekten Menschen bzw. die perfekte Frau als Maschine vor. Nathanael verliebt sich in Olimpia, nicht weil er wahnsinnig ist, sondern weil er an ein rationales Schönheitsideal glaubt. Doch die Berechenbarkeit der Schönheit, ihre Benennbarkeit verkehrt sich in ein Monster. Das Unsere im Unterscheidungsdiskurs zur Digitalität wird aus dieser Sicht zu einer Vulgär-Romantik, die bereits E. T. A. Hoffmann entlarvt hat. Bei Hoffmann spielen zwar noch Brillengläser etc. eine gewisse Rolle. Doch die Verwechslung der Maschine mit einem sehnsüchtigen „Liebesblick“ der Frau – Cyberbrille – betrifft vor allem die Rationalität als Berechnung. 

Nathanael war ganz entzückt; er stand in der hintersten Reihe und konnte im blendenden Kerzenlicht Olimpias Züge nicht ganz erkennen. Ganz unvermerkt nahm er deshalb Coppolas Glas hervor und schaute hin nach der schönen Olimpia. Ach! – da wurde er gewahr, wie sie voll Sehnsucht nach ihm herübersah, wie jeder Ton erst deutlich aufging in dem Liebesblick, der zündend sein Inneres durchdrang. Die künstlichen Rouladen schienen dem Nathanael das Himmelsjauchzen des in Liebe verklärten Gemüts, und als nun endlich nach der Kadenz der lange Trillo recht schmetternd durch den Saal gellte, konnte er, wie von glühenden Ärmen plötzlich erfaßt, sich nicht mehr halten, er mußte vor Schmerz und Entzücken laut aufschreien: „Olimpia!“ – Alle sahen sich um nach ihm, manche lachten…[4]

Die Zeit und die Kultur vielleicht nicht des digitalen Universums, falls es dieses noch als Einheit geben sollte, aber als Zeitlichkeit hat sich längst auf eine ganz andere Weise über Praktiken in unsere Körper geschlichen. Dafür lässt sich eine kurze Geschichte ganz anderer Art erzählen. Es geht in dieser Geschichte nämlich um das Wissen von den Praktiken und Sprachen im Internet. Da diese Geschichte dem Berichterstatter kürzlich selbst passiert ist, kann sie als empirisch belegt gelten. Es geht, wie gesagt, vor allem um die Sprache und das Wissen von der, sagen wir, Technik des Internets. Der Berichterstatter sitzt am Computer – wie jetzt auch –, der online ist, weil im Internet häufig Informationen und Formulierungen beim Schreiben überprüft werden. Beispielsweise wird die Quelle Der Sandmann, den er sogar schon einmal mit Studentinnen im Seminar gelesen hatte, aufgesucht, überprüft und mit dem Original im Deutschen Textarchiv verlinkt. Während einer derartigen Text- und Schreibarbeit klingelt also das Festnetztelefon.

„This is Microsoft Support. You have problems with your Computer. We will help you. Where are you now? How old are you?“. So oder so ähnlich hört sich die freundliche, junge Frauenstimme am Telefon an. Ja, tatsächlich es waren Probleme mit der E-Mail aufgetreten. Eine Verunsicherung. Die freundliche Stimme sagt auch irgendwie, dass gerade viele Andere dieses Problem auch haben. Und dass man mir jetzt helfen werde. Das Telefonat läuft auf Englisch. Im Hintergrund hört man aufgeregte Call-Center-Atmosphäre. Vielleicht ist etwas bei Microsoft schiefgelaufen. So etwas soll vorkommen. Die Telefonnummer auf dem Display des Telefons wird gecheckt. Offenbar eine Nummer aus Süddeutschland: 067872222. Bin ja nicht blöd, checke die Nummer. Die freundliche, professionell formulierende Frauenstimme leitet mich weiter an eine junge Männerstimme. Das soll man nicht unterschätzen. Das geht sozusagen nach Formaten, die man kennt. Frauen gleich freundlich, Männer gleich IT-Fachmann.

Das Gespräch lässt nichts zu wünschen übrig. Selbstverständlich schließe ich alle Programme, mit denen ich gerade gearbeitet habe. So etwas weiß man. In Internet Explorer soll ich nacheinander mehrere Buchstaben und Zeichen in die Adressenzeile eingeben. Ich gelange auf die Seite von Teamviewer, den ich als Programm nicht kenne und nicht benutze. Microsoft Support gibt mir ein Passwort, das in einem Fenster erscheint und mit dem ich mich einlogge. Ich habe gelegentlich auch schon andere Support-Dienste benutzt, die über Remote mit mir Einstellungen an meinem Computer vorgenommen haben. Eine Buchhaltungssoftware z. B., bei der es sehr ähnlich funktioniert. Und am Schluss war ich meine Sorgen los. Über Teamviewer wird mir gezeigt, dass meine Windows Firewall ausgeschaltet ist, weil mein Microsoft Certificate abgelaufen ist. Alles wird mir in sehr freundlichem Ton mit hörbarer Kompetenz am Telefon erzählt und auf dem Bildschirm schlüssig vorgeführt. Es funktioniert alles nach der Rationalität, gar dem Realitätsprinzip.

 

„Sir, please wait a moment, we will help you“, sagt die Stimme. Eine neue Männerstimme wird zugeschaltet. Im Hintergrund der Call-Center, wo viele Menschen gleichzeitig mit Experten am Telefon sprechen. Ein neues Fenster erscheint auf dem Bildschirm. „Sir you have to renew your Microsoft Certificate. I’ll make an offer, sir, please read.“ Mir werden drei Zahlungsmöglichkeiten angeboten, um das Zertifikat zu erneuern. „Ha, you are a criminal“, rufe ich sofort in den Lautsprecher am Telefon. „No, Sir, we are not. How old are you“, sie wollen meine Geschäftsfähigkeit überprüfen. Langer Rede kurzer Sinn: Sie wollen, dass ich per Kreditkarte zahle. Ich weigere mich, behaupte, keine zu besitzen. „Okay, please, wait a moment“?

 

Sie wissen mittlerweile, wo ich wohne und wie alt ich bin und wahrscheinlich von meiner Festplatte auch noch so manches mehr. „I can help you, sir. Did you use Western Union before?“ „No“ „You can make a transaction by Western Union and we will renew your Microsoft Certificate. Please, transfer 199,- Euro to Yongtao Hou in China. You pay cash and give me the Transactionnumber. Do you understand?! How long will you need?“ „Two to three hours.“ „No, Sir, Western Union is very near to your home. You can make it in less than half an hour.“ - Ohne Rücksicht auf Verluste schalte ich den Computer aus. „What are you doing!!!! Keep the computer running!“... Aufgelegt. Der Computer war bereits gekapert worden. Die Festplatte musste neu aufgesetzt werden. Der Zeitaufwand, um das Arbeitsumfeld wieder einzurichten, ist immens, ein erheblicher finanzieller Schaden. Zeitraub.

 

Es gibt noch ein E-Mail-Problem, das ich hoffe, über Telekom-Hilfe lösen zu können. Die Telefon-Hilfe funktioniert nach einem strikten Algorithmus. Mit der Analyse des Problems bin ich nach Stunden und Tagen weit gekommen. Ich weiß jetzt genau, woran es liegt. Ein angebliches Hilfsformular auf einer Seite, wurde durch einen Link zu einer Eingabenseite ersetzt, die nicht funktioniert. Die Frauenstimmen, etwas älter, leicht süddeutsche, weiche Sprachfärbung, verspricht, mir zu helfen. „Ich habe eine gute Nachricht für Sie. Die E-Mail-Adresse, die sie wieder haben wollen, ist noch frei. Und ich habe für sie, weil … ein gutes kostenloses Angebot. Ein Dankeschön der Telekom.“ Wie nett... Das Problem ist bisher nicht gelöst, woran es liegt, wurde mir nicht mitgeteilt. Aber irgendein Extra mit einem Magenta-Namen habe ich bekommen. Das nennt man den Segen des Algorithmus.

 

Während der Zeit, in der mir der Computer nicht zur Verfügung stand, musste ich ein älteres Mini-Notebook benutzen. Nein, ich kann auch ohne PC leben, aber, wenn ich arbeite, bin ich auf eine Geschwindigkeit im Tippen und Surven hochgefahren, dass die Verlangsamung zu einer Art körperlichen Entzug wurde. Jedenfalls vorübergehend. Und jetzt sprechen wir vielleicht noch einmal über die Zeit, das digitale Universum und die Algorithmic Prediction und uns oder auch nur mich. Die digitalen Aspekte haben sich in mein Leben, allemal als Blogger derart eingeschlichen, dass das Bloggen und NIGHT OUT @ BERLIN zu einer Lebens-, wenn nicht gar Überlebenspraxis geworden sind. Auf Facebook verfolge ich die Kommentare und Shares einiger Freunde, die möglicherweise informierter sind als ich. Auf Facebook werden sie gehört, gesehen und geliked für Formulierungen und Bilder, die ich oft hochnotpeinlich finde.  

 

Nach dem Vortrag von Luciana Parisi am Sonntagmittag bei thinking togehter fragt ein junger Mann aus dem Publikum, worin denn nun das kritische Potential ihrer Ausführungen gelegen habe. Sie habe lediglich eine andere Epistemologie mit Automated Temporalities and the Becoming of Artificial Intelligence entwickelt, aber keine Kritik an dem Intelligenzbegriff geübt. Der Wunsch nach einer Kritik der Zeit wird so erstens als eine an der zeitlicher Prozessualisierungen nach dem Modell der Uhr und zweitens als eine nach der Intelligenz formuliert. Aktuelles Beispiel ist dafür der Sieg eines Computers über einen menschlichen Meister im chinesischen Strategiespiel Go, der ein Medienhype auslöste. Sorry, ganz alter Hut! Bereits vor gut 20 Jahren, 1996, besiegte Deep Blue den Schachweltmeister Garri Kasparow. Das alte Narrativ Mensch gegen Maschine wird reproduziert. Warum sollte es beim Go auch nur annährend anders sein? Und selbstverständlich kann ein Computer heute die Strategiezüge schneller ausrechnen und genauer vorhersehen als ein Mensch. Alles eine Frage der Zeit. Schach und Go sind beispielhafte Algorithmusmodelle. Sie waren nie etwas Anderes. Wenn sie dann bisweilen zum Zeitvertreib genutzt wurden, war das eine mögliche Praxis. Wenn sie als Beweis für menschliche Intelligenz benutzt wurden, war es ein Irrtum.

 

Möglich wird eine Kritik an den Zeitmodellen des Digitalen eher schon dadurch, wenn man aufdeckt, was selbst Charles Babbage, Ada Lovelace und Norbert Wiener bei der Konzeption von Maschinen und Algorithmen Probleme bereitete. Der Vortrag The Time of the Automaton: Finance and the Algorithmic Division von Matteo Pasquinelli ging in diese Richtung, wenn er darauf hinweist, dass Norbert Wiener seltsamer Weise die Meteorologie als Beispiel „of the statistical science to study the expanding and temperamental character of cybernetics“ herangezogen habe. Ist es doch gerade die Meteorologie – die Wettervorhersage –, die seit der Zeit um 1800 nicht zuletzt von Johann Wolfgang Goethe erforscht und formuliert wird, wie es Marianne Schuller 2012 in der Ringvorlesung Source Code – Kulturen des Wissens zwischen Sprachlichkeit und Technizität der Technischen Universität Berlin als Zeichen- und Zeitproblem formuliert hat. Ada Lovelaces Kommentar zu Charles Babbage formuliert nicht zuletzt mit einem gewissen sprachlichen Aufwand und dessen Elastizität den ersten Algorithmus der Moderne, der nie getestet wurde, aber als Ursprung für das digitale Zeitalter zitiert wird.[5]   

 

Annie Dawson führte in der Sektion Algorithmic Composition am Samstagabend ihr faszinierendes Musiktheaterstück Yesterday Tomorrow (2015) auf. Die Aufführungen müssten in ihrer Live-Interaktion einmalig und unwiederholbar sein, wenn es der Berichterstatter richtig verstanden hat. Denn der Beatles-Song Yesterday wird durch einen Algorithmus, der mit den Bewegungen der Sängerinnen also visualaudio verschaltet ist, textlich und kompositorisch live zerlegt, um gleich einem Chiasmus im Song Tomorrow aus dem Musical Annie zu münden. In der Bühnentiefe leuchtet dazu eine Buddha-Figur. Denn der Algorithmus generiert nicht einfach Sinn, sondern zerlegt ihn bis an die Schmerzgrenze beim karaokeartigen Mitlesen des Textes. Mit dem Text verrutscht der Sinn, könnte man sagen. Für die beeindruckenden Sängerinnen – Allison Hai-Tang Chinn, Wesley Chinn und Natalie Raybould –, die quasi ihren eigenen Gesangstext generieren, verlangt die algorithmische Komposition in Echtzeit äußerste Disziplin und Genauigkeit. Am Schluss hat sich durch den Algorithmus der Song Tomorrow zusammengesetzt.


Foto: Maria Baranova

Zwischen der Karaokeformatierung des Gesangs, ein Live-Nachsingen im Moment des Aufleuchtens des Textes, also einer automatischen Verzeitlichung der Aufführungspraxis und dem Zufallsgenerator des Textverrückung, stellt sich beim Berichterstatter zwischenzeitlich das Gefühl ein, dass er verrückt wird, wenn er den live-projizierten Text weiter mitliest. Als sich vor allem der Text von Tomorrow herausgeneriert, empfindet er es geradewegs als eine Erleichterung, um nicht zu sagen, Erlösung. Beeindruckend. Und großen Respekt für die Sängerinnen, die auf keinen Fall verstehen dürfen wollen, was sie singen. Sehr spannender Prozess. Hätte Annie Dawson den Algorithmus auch einfach ins Leere laufen lassen können?


Foto: Maria Baranova 

Und dann tritt Sophie Rois am Sonntagabend so um Sieben auf die Bühne des Hauses der Berliner Festspiele – anderes Publikum, gepflegte Damen mit sehr alten Herren, anderer Text, Sophie-Rois-Fans –, und die Winterreise von Franz Schubert mit den Texten von Wilhelm Müller, nun aber als „Theaterstück“ von Elfriede Jelinek. Welches Theater? Das auf der Bühne oder das im Text? Bei Wilhelm Müller spricht ein Ich oder wird zum Sprechen gebracht. In Elfriede Jelineks Text geht es nicht zuletzt um die Zeit und dessen Zeitlichkeit. Um das Vorbei. Und um Natascha Kampuschs 8jährige Gefangenschaft. Um Iche, die sich gegen Medien zum Beispiel behaupten wollen. Wer spricht? Wer darf sprechen? Und wer nicht? Aus der Kombinatorik der schubertschen Winterreise mit den Mediennarrativen zu Kampusch und Fritzl entsteht ein Horrortext vom Ich, der – und das soll er – wenn nicht ganz, so wenigstens passagenweise an die Textbücher der AfD oder auch der Österreichischen Regierung erinnert. Das ist der Spannungsraum von Elfriede Jelineks Winterreise.

 

Ulrike Vedder hat in ihrer Antrittsvorlesung 2012 Elfriede Jelineks „Textverfahren“ in der Winterreise genauer entfaltet und deutlich herausgearbeitet, wie die Verortung des Geschlechts im Prätext als männliches Ich von Jelinek unterlaufen wird. Die Verortung des Geschlechts findet nicht zuletzt in der Dimension der Zeit statt. Denn, was für das Ich „vorbei“ in der Eröffnungssequenz sein soll, darf nicht vorbei sein. Das Ich konstituiert sich gegen das temporale Vorbei, weil es sich der Zeitlichkeit des Ich nicht unterwerfen will. Kampusch wird nicht zuletzt eingeschlossen, um sie und ihre Kindheit, die längst vorbei ist, zu behalten, am besten zu kontrollieren. Das Textverfahren hat insofern Auswirkungen auf die Zeitlichkeit des Ich.

Wenn Elfriede Jelinek in ihrer Winterreise (2011) den Zyklus Die Winterreise von Wilhelm Müller und Franz Schubert aufgreift, wie sie in ihren Texten immer wieder Prätexte aufnimmt und ‚zerschreibt‘, so treibt sie damit ihr über Jahre entwickeltes Textverfahren fort, das auf Kombinatorik anstelle von auktorialer Erfindungsgabe setzt, auf uneigentliches Sprechen anstelle von originellen Selbstäußerungen, auf diskurskritisches Zitatwesen anstelle von utopischen Gegenentwürfen, auf Textflächen anstelle von figurenkonturierender Rede.[6]   


Foto: Camille Blake 

Elfriede Jelineks Winterreise, die kein „Theaterstück“ mit Rollen- oder Figurenaufteilungen ist, und in der Sophie Rois schwerlich eine Rolle spielen könnte, was im Publikum erwartet worden sein dürfte, knüpft durchaus an einen eher musikalischen Modus des Textes an, wenn Ulrike Vedder ihn als „polyphone Textpartitur“[7] formuliert. Die Polyphonie mochte Sophie Rois brillant aufzuführen, was gewiss auch ein wenig irritierend ist, wenn nach dem Format eines Theaterstücks die Interpretation eines Ichs als Rolle erwartet wird. Die durchaus auch erschreckende Polyphonie, die auf Artikulationspraktiken im Internet anspielt, bietet keine geschlossene Zeitlichkeit oder ein geschlossenes Narrativ vom Ich. Vielmehr zersplittert es, um auf gespenstische Weise in geschlechtlichen Narrativen von Rasse, Frau, Mann, Nation, Wir etc. wiederzukehren. MAERZMUSIK setzt da entschieden noch bis 20. März auf Polyphonie. Hingehen, hören! (Vielleicht ein wenig stark, darf in Zeiten wie diesen aber einmal gemacht werden.)  

 

Torsten Flüh 

 

MAERZMUSIK 

Festival für Zeitfragen 

bis 20. März 2016   

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[1] Marino Formenti: time to gather. In: MaerzMusik, Festival für Zeitfragen: Programmzettel: Opening, Berlin, 11. März 2016, S. 5.

[2] Ebenda.

[3] Dazu: Torsten Flüh: Gravitation statt Geist - Zu 100 Jahre Relativitätstheorie von Albert Einstein und dem Film Interstellar. In: NIGHT OUT @ BERLIN 30. November 2015 19:02.

[4] E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann. In: ders.: Nachtstücke 1. Berlin: Realschulbuchhandlung, 1817, S. 57-58. (Deutsches Textarchiv) 

[5] Dazu auch: Torsten Flüh: Bloggen - Zu einem Blog an der Schnittstelle von Journalismus, Literatur und Wissenschaft“ in: Jürgen Joachimsthaler (Hrsg.): Gegenwartskultur als methodologische Herausforderung der Kulturwissenschaft(en). (Reihe: Kulturwissenschaft(en) als interdisziplinäres Projekt 10) Frankfurt am Main: Peter Lang Edition, 2016, S. 226-229.

[6] Ulrike Vedder: „längst im dunklen Wasser unter dem Eis“ Elfriede Jelinek. Kältelehren der Winterreise. Antrittsvorlesung 11. Januar 2012. Berlin: Humboldt Universität, 2012, S. 4. (Digitale Ausgabe als PDF)

[7] Ebenda S. 18.