Fatale Selbstversicherung - Zu Lauingers - Eine Familiengeschichte aus Deutschland von Bettina Leder

Erzählen – Memoiren – Überleben 

 

Fatale Selbstversicherung 

Zu Lauingers – Eine Familiengeschichte aus Deutschland von Bettina Leder 

 

Bettina Leder ist in einer Sisyphos-Arbeit von mehr als 10 Jahren die Veröffentlichung einer Familiengeschichte gelungen, die größte Wertschätzung verdient. Es geht in der Familiengeschichte der Lauingers, die sie aufgeschrieben hat, nämlich vor allem um die Fragen von Familie, Geschichte, Identität, Judentum, Deutschtum und Homosexualität. Mehr oder weniger zufällig lernte die Forscherin und Schreiberin Wolfgang Lauinger bei Recherchearbeiten kennen, um immer stärker in eine Familiengeschichte hineinzugeraten, die ihre Tragik ebenso wie Faszination durch wiederholten Verrat im Ringen um Geschichte und Identität erhält. 

Wolfgang Lauinger sitzt am Sonntag im siebenundneunzigsten Lebensjahr auf dem Podium im großen Saal der Stiftung Neue Synagoge und wippt mit dem rechten Fuß im Takt des Swing Dance Orchestra. Als er dies in jungen Jahren 1940 in einem Caféhaus in Frankfurt am Main tat, hätte ihn das leicht sein Leben kosten können. Er ist für die Buchvorstellung extra aus Frankfurt angereist. Denn es geht nicht nur um seine vertrackte Familiengeschichte, um die Fragen einer unendlich hinausgeschobenen Wiedergutmachung, sondern insbesondere um die menschenrechtswidrige Verfolgung und Stigmatisierung von homosexuellen Männern in der Bundesrepublik Deutschland der 50er Jahre, an die Volker Beck im Vorwort erinnert. Wolfgang Lauinger ist in mehrfacher Hinsicht ein Überlebender. 

Wahrscheinlich war es für Wolfgang Lauinger lebensrettend, dass er es erzählend niemals besonders herausgestellt hat, wie sehr und vielfältig er als Halbjude, anarchischer Sohn, Swing-Musik hörender Jugendlicher und Homosexueller ein Überlebender wurde. Immer saß er gleich zwischen mehreren Stühlen, die die Familie und seine Herkunft als sogenanntes Scheidungskind ebenso heraufbeschworen, wie sie andererseits den wiederholten Verrat durch den Vater beinhalteten. Vielleicht ist das schon zu viel gesagt, doch falsch ist es nicht.  

Die Willkür unterschiedlicher Gesetze und ihre willkürliche Anwendung gefährdeten Wolfgang Lauingers Leben zwischen 1933 und 1945 sowie in den 50er und 60er Jahren und hätten es sogar beenden können. Als er 1950 in die kampagnenartige Frankfurter Homosexuellenverfolgung hineingerät und wochenlang im Gefängnis ohne Verfahren sitzt, beenden mehrere homosexuelle Männer aus Frankfurt ihr Leben selbst, wie es der Forscher Andreas Pretzel von der Forschungsstelle Archiv für Sexualwissenschaft am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin recherchiert hat. Der Spiegel berichtete ausführlich und empört über das Sexualverhalten und das „Strichjungenunwesen“ am 29. November 1950. Verzweifelt wendet sich Wolfgang hilfesuchend aus dem Gefängnis an seinen, aus dem Londoner Exil zurückgekehrten, Vater Artur, der bis 1933 auf eine äußerst erfolgreiche Journalistenkarriere bei der renommierten Frankfurter Zeitung zurückblicken konnte. Der Vater verweigert ihm seine Hilfe, weil es keinen schwulen Sohn in seiner Familie geben kann und darf. 

Zum Überleben muss man selbst vielleicht gar nichts tun, oder doch alles? In der schwierigen Frage der Zeugenschaft und des Überlebens, wie es gelingen kann und dass es dann trotzdem nicht gelingt wie beispielsweise bei Primo Levi, spielen die Fragen des Erzählens, des In-Worte-fassens, der Identität und, wie Bettina Leder es für Artur Lauinger nennt, Selbstversicherung eine wichtige Rolle. Das Überleben entzieht sich immer auch eines benennbaren Wissens vom Leben, weil die Regeln und Gesetze für das Leben nicht eingehalten werden können. Per Gesetze waren Swinghören und Judesein und Sex wie Liebe unter Männern bei Strafe verboten.   

Ohne Bettina Leder wüssten die Leser des Buches ─ und vermutlich auch Wolfgang ─ nichts oder zumindest weniger vom Überleben. Denn unter anderem geht es um die Frage der Identität als Jude, eines Vaters, der selbst als Journalist vor allem ein Deutscher und kein Jude sein wollte. Artur Lauingers Manuskript gebliebene Memoiren, die Bettina Leder sensibel für die Familiengeschichte sprechen lässt, scheitern vielleicht deshalb so schmerzlich, weil sich der Schreiber seiner selbst all dessen versichern will, was ihm spätestens seit 1933 abgesprochen wurde. 

… Es war das voranschreitende Aufgehen, die Anpassung an eine auch in liberalen jüdischen Kreisen damals noch fremde Lebensauffassung, trotz mancher Beziehungen zu Karlsruher jüdischen Kreisen. Die sehr liberale Religionsauffassung meines väterlichen Hauses erleichterte die Angleichung. Soweit ich mich erinnere, vollzog sich dieser Vorgang ohne jede Aktivität, also unter Vermeidung jeder gewollten Anpassung… 

… Aber gerade diese ersten Jahre brachten auch etwas Gutes: den starken Willen zu eigenem, freieren Leben und die innere Unabhängigkeit. In diesen Jahren wuchs ich.[1]

Artur Lauingers Selbstversicherung, wie er sie für seine Jugend- und Internatsjahre in Karlsruhe formuliert, pendelt zwischen einem „Vorgang ohne jede Aktivität“ und dem paradoxen Wachsen eines „starken Willen“. Denn das Wachsen betrifft eben nicht nur ein körperliches des Heranwachsenden. Vielmehr spricht er von einem Wachsen, durch das er auch den „jüdischen Kreisen“ entwächst, als einem „eigenen, freieren Leben“, das sich doch gleichzeitig dem Regime eines akademischen Preußen- und Deutschtums bis hin zur Teilnahme am 1. Weltkrieg unterwirft. Das Soldatentum, das dem Modus eines „eigenen, freieren Lebens“ folgt, wirkt seit 1914 auf trügerische Weise normalisierend oder, wie es Artur formuliert, angleichend. Es zeigt auch noch seine Wirkung, als er 1933 nicht gleich nach den Nürnberger Rassengesetzen als Fachjournalist im Versicherungs- und Wirtschaftsresort entlassen, sondern „nur“ als Schriftleiter abgesetzt wird und bis 1937 weiter arbeiten darf.

Bettina Leder lässt sich die Familiengeschichte als eine heteromorphe und polyphone der Ich-Erzählerinnen Artur Lauinger, Wolfgang Lauinger, Elisabeth Bamberger, Herbert Berry Westenburger, Carlo Gramlich, Josef Steingas, Franz Kremer und Elisabeth Abendroth entfalten. Dabei geht es um eine komplexe und kontrastreiche Erinnerungsarbeit. Als Ausgangstext mit seinen Brüchen und Widersprüchen wird das Manuskript ungewisser Datierung zwischen 1937 und den 1950er Jahren von Artur genutzt. Denn der Versuch „ein gelingendes Leben“ quasi testamentarisch den Söhnen Wolfgang und Heinrich zu erzählen, scheitert nach Bettina Leder in mehrfacher Hinsicht: „Sie (die Intention) zerplatzt wie eine Seifenblase, und daneben steht eine ganz andere Erzählung, die aus Buchenwald berichtet und sich in dem Textganzen nicht integrieren lässt.“ (S. 18) Kann ein Leben in Deutschland noch als ein gelungenes verbucht werden, wenn es nach Buchenwald geführt hat? 

Artur Lauinger wird 1938 durchaus willkürlich nach Buchenwald gebracht, um nach relativ kurzer Zeit wieder freizukommen, seinen Haushalt und Vermögen dem Regime des nationalsozialistischen Deutschland zu liquidieren, damit es durch Versteigerung in die Staats- und Kriegskasse fließen konnte, um dann mittellos nach London emigrieren zu dürfen. Die Liquidation jüdischer Vermögen war eine entscheidende, durch Gesetze legitimierte Strategie, um Juden, die bisher in Deutschland überlebt hatten, ihrer Existenzgrundlagen zu berauben. Strategisch durchorganisiert finden die willkürlichen Verhaftungen um 1938 überall in Deutschland statt. So ergeht es auch dem Handwerker Kasczynsky aus der Chausseestraße 6 in Berlin, der nach Sachsenhausen bei Oranienburg deportiert wird. Er kann mit Frau und Kindern nach London immigrieren. Sein Schwager, der Jurist Dr. Martin Happ und dessen Frau Sophie, nicht. Beide werden in Auschwitz ermordet.  

Die Selbstversicherung Artur Lauingers wird von einem kaum auszuhaltenden Widerspruch zwischen den ebenso willkürlichen wie strategischen Methoden der Ausgrenzung an ihm und seiner Beteuerung einer rechtmäßigen wie anständigen Behandlung durch das Regime durchzogen. Gesetzmäßigkeit und Willkür schließen sich gerade nicht aus, sondern gehören zu einer komplexen Strategie der Entrechtung, die der angesehene Journalist nicht wahrhaben will, weil sie die Konzeption einer Rechtfertigung seiner Selbst sonst hätte katastrophal gefährden müssen. 

… Meine Schutzhaft dauerte eine Nacht und einen Tag. Es war in dieser bewegten Zeit eine kurze Frist ungetrübter Ruhe. Ich habe mich nicht um Fingerbreite über die Behandlung zu bescheren… Es war friedlich, fast gemütlich. Auf diese Weise bin ich auch einmal im Gefängnis gewesen, ich habe allerdings 53 Jahre gebraucht, um dahin zu kommen. Man hat mir nichts getan. Es hat mir auch nicht geschadet… (S. 57) 

Als Artur Lauinger am 10. November 1938 mit vielen anderen männlichen Juden verhaftet, in der Frankfurter Festhalle misshandelt und nach Weimar deportiert wird, wo die Bevölkerung der Stadt Goethes und Schillers die Entrechteten mit abermaligen Misshandlungen und einer Art entfesselten Spießrutenlauf empfängt, um endlich im Konzentrationslager Buchenwald jeglicher Menschenwürde beraubt zu werden, entkommt er nach 4 Wochen nur, um seiner Besitztümer in Frankfurt vor seiner Emigration beraubt zu werden. Unter Androhung von Gewalt und Vernichtung muss er Listen seiner Wertgegenstände erstellen, damit sie in Auktionen liquidiert werden können.  

Das System der Liquidation war perfekt organisiert, um seine Rechtmäßigkeit zu demonstrieren. Die Emigration nach London gelingt nur mühsam 1939. Die Administratoren der Gesetze und die nun als rein definierte Bevölkerung des Dritten Reiches soll und darf sich im Recht fühlen. Die Systematik der gesamten Aktion bleibt Artur Lauinger nicht verborgen, obwohl er nicht ganz in letzter Konsequenz die das Regime stabilisierende Funktion der Gesetze und Verordnungen zu formulieren wagt. 

Der Auswanderung voran ging die übliche Ausplünderung durch den nationalsozialistischen Rechtsstaat. Judenvermögensabgabe, Reichsfluchtsteuer, Beitreibungen durch die Golddiskontbank für mitgenommenes Auswanderungsgut, fast entschädigungslose Ablieferung aller Metall- und Schmuckwertstücke, so genannte „Treugelder“ für Ältere, Sonderabführungen an die öffentlichen Ämter (Wirtschaftsstellen) bei Genehmigung von Geschäfts- und Hausverkäufen, Sonderjudenabgaben für die Religionsgemeinschaft (zu Gunsten der Auswanderung Vermögensloser), das waren und sind so ungefähr die Titel, unter denen verhindert wurde, dass der zur Auswanderung Gezwungene auch einen bescheidenen Teil seines Gutes in das Ausland mitnehmen konnte, wobei selbstverständlich auch noch die Beschlagnahme alles so genannten deutschen Kulturgutes von den Behörden durchgeführt wurde… (S. 114/115) 

In der nahezu chronologischen Abfolge der verschiedenen Ich-Erzählungen stellt sich eine große Tragik dadurch ein, dass Artur erstens seinen noch minderjährigen Sohn Wolfgang in Frankfurt zurücklässt und sich wünscht, er möge dem deutschen Reich dienen, obwohl ihm die Gefährdung des Jugendlichen als Halbjude bewusst gewesen sein musste. Zweitens glaubt er an die Rechtmäßigkeit des im Nationalsozialismus verschärften § 175 StGB gegen Homosexuelle, als Wolfgang Lauinger im Juli 1950 in einer kampagnenartigen Aktion gegen Homosexuelle verhaftet wird. Obwohl er die Perversion des „nationalsozialistischen Rechtsstaat(s)“ bezüglich der „Ausplünderung“ formulieren konnte und detailliert niedergeschrieben hatte, glaubte er offenbar an das Recht und die Gesetzmäßigkeit selbst noch, nachdem er nicht nur ausgeplündert, sondern in brutalster Weise entwürdigt worden war. 

Dass ihm seine wie die Menschenwürde seines Sohnes vom „nationalsozialistischen Rechtsstaat“ aus reinen Machtinteressen systematisch abgesprochen worden war, vermag Artur Lauinger nicht zu realisieren. Die Schaffung von Gesetzen, ob sie sich auf wirtschaftliche oder sexuelle Praktiken beziehen, verfolgte insbesondere im Nationalsozialismus einzig und allein die Installation eines geschlossenen Systems. Der Vater formuliert die Homosexualität des Sohnes allein in Begriffen eines Selbstverlustes und einer verlorenen Selbstkontrolle, weil der Sohn nicht sein kann, was er nach den Mustern einer Selbstversicherung nicht sein darf. Natürlich ist Artur Lauinger 1950 keine Ausnahme, sondern entspricht einem Regime der Reinheit, das mühelos strafrechtlich in die Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland übertragen wird.  

Wolfgang Lauinger: Ich muss den Gerichtsbeschluss raussuchen, ich hab ihn irgendwo. (…) Da steht, der Vater macht geltend, dass Steingass ausgenutzt hat „die Jugend, Unerfahrenheit und den Leichtsinn“ seines alleinstehenden und in Not geratenen Sohnes, der ihm gegenüber auch in einer gewissen, sogar strafbaren Abhängigkeit gestanden habe, „um sich in den Besitz der Sachen zu setzen.“ Er hat also versucht, das alles auf die Abhängigkeit zu schieben. 

Bettina Leder: Im Grunde hat er Josef und Dich mit dieser Äußerung vor Gericht angezeigt, Artur wusste doch, dass es den Paragraph 175 gibt. … (S. 235/236)   

Bettina Leder hat mit Lauingers eine widersprüchliche, tragische und spannende jüdische Familiengeschichte in Deutschland entfaltet. Bevor Artur Lauinger Deutschland verlassen musste, ließ er sich mit seinem Sohn in einem Fotoatelier portraitieren. Es ist das Titelbild. Vater und Sohn blicken konzentriert in die Kamera. Jenseits der generationellen Differenz entspricht die Inszenierung von Vater und Sohn im Fotostudio dem Modus des Freundschaftsfotos. Hierarchien schimmern höchstens diskret durch. Es ist eine Inszenierung der Freundschaft, die allgemein ebenso unverfänglich wie verfänglich in den 30er Jahren praktiziert wird. Und sie wird beispielsweise von homosexuellen Freunden wie Walter Ahrens und Erwin B. für ein letztes Mal um 1938 im Fotostudio Alfred Klein am Jungfernstieg 44 in Hamburg[2] aufgesucht.   

 

Torsten Flüh

 

 

Bettina Leder

Lauingers

Eine Familiengeschichte aus Deutschland

Berlin 2015

24,90 €

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[1] Leder, Bettina: Lauingers. Eine Familiengeschichte aus Deutschland. Mit einem Vorwort von Volker Beck. Reihe »Jüdische Memoiren« Herausgegeben von Hermann Simon. Band 26. Berlin 2015. S. 37/38

[2] Foto im Privatbesitz von Torsten Flüh. Verwendet als Titelbild für Müller, Stefan: Ach, nur’n bisschen Liebe. Männliche Homosexualität in den Romanen deutschsprachiger Autoren in der Zwischenkriegszeit 1919 bis 1939. Würzburg 2011.