Flash des Krieges in Trauma-Bildern und -Musik - Zur neuen Musik und zu den alten Bildern von Abel Gance' Meisterwerk J'accuse beim Musikfest

Krieg – Musik – Trauma 

 

Flash des Krieges in Trauma-Bildern und -Musik 

Zur neuen Musik und den alten Bildern von Abel Gance‘ Meisterwerk J‘accuse beim Musikfest 

 

Der Pariser Komponist Philippe Schoeller hat zur Uraufführung der rekonstruierten Fassung von Abel Gance‘ Weltkriegsepos J’accuse (Ich klage an) aus dem Jahr 1918/1919 am 11. November 2014 eine streckenweise verstörende, verletzende Trauma-Musik geschrieben, die ihresgleichen sucht. Hans, mein Großvater, der im Ersten Weltkrieg war, hat nie über den Krieg gesprochen. Er hat offenbar auch seinen Söhnen Hans-Peter und Günter nicht davon erzählen können. Wenn etwas nicht erzählt werden kann, hat es entweder keine Bedeutung oder es war eine derart traumatische Erfahrung, dass es dafür keine Worte gab. Hans war immerhin nicht verwundet worden, sondern in den 20er Jahren ein großer Turner am Reck und am Barren sowie Leiter der Frauenriege im Kieler Turnverein, KTV. Die zwanziger Jahre müssen für Hans als Bäckermeister sportlich und gesellschaftlich erfolgreich gewesen sein, schließlich heiratete er Erika.

  

Abel Gance hat nicht nichts erzählt. Vielmehr waren für ihn seine Kriegserlebnisse so schmerzhaft, dass er sie nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst wegen einer Erkrankung bearbeiten musste. Weil er zuvor in der Pariser Filmindustrie tätig gewesen war, hatte er offenbar Praktiken entwickelt, genau hinzuschauen. Er hatte Kriegshandlungen als Kameramann mitten aus dem Geschehen gefilmt und/oder fotografiert. Nach seiner Entlassung bemühte er sich sogleich um eine Drehgenehmigung für J’accuse, das eine Dreiecksgeschichte zwischen zwei Männern und einer Frau im Krieg in Szene setzt. Fiktion und Dokumentation überschneiden sich in seinem Film. J’accuse reißt nicht zuletzt mit der Musik von Philippe Schoeller Wunden auf. Der 1. Weltkrieg war keinesfalls das eher harmlose Vorspiel des Zweiten, wie es uns der Geschichtsunterricht vermitteln wollte. Es war ein industrialisierter Krieg mit Massenvernichtungswaffen wie Gas, Feuer, der Dicken Berta und dem Eisenbahngeschütz Langer Max.


© Adam Janisch

Die Uraufführung dirigierte Frank Strobel als führender Dirigent im Genre der Stummfilmmusik mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France in Paris. In der Deutschen Erstaufführung leitete er nun das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Immer dann, wenn man in den letzten Jahren denken konnte, dass ein Stummfilm nicht mehr rekonstruiert werden könnte, engagieren sich ZDF und ARTE für eine ultimative Rekonstruktion. So war es 2016 bei Ivan Grozny von Eisenstein und Prokofjew zum Musikfest[1] oder schon 2012 bei Oktjabar von Eisenstein mit der Musik von Eduard Meisel zur Berlinale.[2] Die Stummfilm-Premieren mit Live-Musik für großes Orchester sind einmalige Festival-Ereignisse, die eigentlich restlos ausverkauft sein müssten. Später kann man sie noch geschrumpft auf DVD oder im Stream erleben. Doch i. d. R. nie wieder live und groß, obwohl insbesondere J’accuse viel öfter gezeigt werden müsste.


Abel Gance: J'accuse (Trailer, Screenshot, T.F.) 

ARTE ist überhaupt der einzige Fernsehsender, der Stummfilme als festen Programmteil zeigt. Der Sender hat eine eigene Redaktion dafür, die besagte Rekonstruktionen und Vertonungen durch spezifische Stummfilmmusik in Auftrag gibt. Der heranrückende Jahrestag als Sendeformat hat nun 2014 zur Rekonstruktion von Abel Gance‘ J’accuse geführt, der in mehreren, die ursprüngliche Fassung nach den Gesetzen des Filmmarkts schon vor der Uraufführung verstümmelten Kürzungen in Paris erhalten geblieben war. Derartige Rekonstruktionen eines Director‘s Cut werden um so aufwendiger, je weiter die Produktion zurückliegt.[3] Meine hoch informierten französischen Freunde in Berlin zeigten sich äußerst erstaunt, dass Abel Gance überhaupt einen Film mit dem Titel J’accuse gedreht haben soll. Émil Zolas gleichnamiger öffentlicher Brief zur Dreyfus-Affaire ist ein Begriff, der Film nicht. Die nie beendete Arbeit an Napoléon (1927) war ihnen bekannt. Von J’accuse hatten sie nichts gehört. Dabei wäre J’accuse für den Unterricht z.B. am Lycée Français de Berlin, das es seit 1689 gibt, und sonst auch für das nationale Abitur geeignet.


Abel Gance: J'accuse (Trailer, Screenshot, T.F.) 

Der Film wurde nun in einer Schnittfassung von 166 Minuten gezeigt, wobei man sogleich sagen muss, dass die Schnitte für einen Stummfilm ziemlich schnell sind. Abel Gance nutzte alle ihm zur Verfügung stehenden Film- und Bildtechniken zwischen Dokumentar-, Trick- und Spielfilm mit zum Teil viragierten Sequenzen, um seine Kriegserzählung hervorzubringen. Wenigstens in der frühen Fassung werden Film- und Bildtechniken bis an ihre Grenzen neu kombiniert. Es überschneiden sich nicht nur Tricksequenzen eines mittelalterlichen Totentanzes in Überblendungen und Doppelbelichtungen beispielsweise mit dem berühmten Renaissance- und Humanismus-Gemälde Frühling aus Sandro Botticellis Jahreszeiten, vielmehr werden Spielfilmsequenzen und Kriegserzählungen oft hart auf Dokumentaraufnahmen z.B. vom riesigen Eisenbahngeschütz Langer Max im Einsatz geschnitten.


Abel Gance: J'accuse (Trailer, Screenshot, T.F.) 

Die harten Schnitte generieren Kontraste, Widersprüche und eine Haltung gegen den Krieg durch Bilder und Bildwissen. Wenn der trickreiche Totentanz über den Frühling von Botticelli geblendet wird, dann wird das Lebensversprechen der Renaissance von der Gegenwart des Totentanzes zum Verschwinden gebracht. Die Kombinationen und Transformationen von Bildungswissen, das beispielsweise mit dem Frühling aufgerufen wird, generieren eine Auslöschung eben dieser Bildung durch den Krieg. Man könnte meinen, dass die Bilder durch Kombinationsverfahren für sich sprechen, wie es insbesondere um 1930 bei Eisenstein wie bei Gance bis zu Hirschfeld formuliert wird. Für Abel Gance war die „Zeit des Bildes … angebrochen“[4]: „Le temps de l’image est venu!“ hatte er 1927 in L’ Art cinématographique[5] proklamiert. 


Abel Gance: J'accuse (Trailer, Screenshot, T.F.) 

Der emphatische Anbruch einer „Zeit des Bildes“ als ultimativen Sinnes-, Erkenntnis- und Wissensträger wird von Gance erst nachträglich und insbesondere hinsichtlich der Premiere seines Films NAPOLEON, in dessen „Mahlstrom“ er „keine Zeit (hatte), (s)eine entstehenden Gedanken wirklich zu ordnen“[6], kommentiert. Ob erst bei NAPOLEON oder doch schon bei J’accuse: der Film entspringt mehr oder weniger ungeordneten „Gedanken“ oder Träumen. Gleichwohl generieren Bilder und der Film sehr ähnlich wie in Magnus Hirschfelds Bilderatlas (1930)[7] und dem Stummfilm Anders als die Andern (1919) eine besondere Form des Wissens, das eben auch traumatischen Ursprungs sein kann. Hinsichtlich des neuartigen Mediums Film spricht Gance von einer „Musik des Lichts“. 

Il y a deux sortes des musique : la musique des sons et la musique de la lumière qui n’est autre que le cinema ; et celle-ci est plus haute dans l’échelle des vibrations que celle-là./Es gibt zwei Arten von Musik: die Musik der Töne und die Musik des Lichts, die nichts anderes ist als das Kino; und diese ist stärker an Schwingungen als jene.[8]


Abel Gance: J'accuse (Trailer, Screenshot, T.F.) 

Dem Kino bzw. Medium Film als „Musik des Lichts“ sind, laut Gance, stärkere Schwingungen eigen als der „Musik der Töne“. D. h. zweierlei, Wellen und Schwingungen als physikalische Wissenskonzepte visueller wie auditiver Wahrnehmung können ein neuartiges Wissen übertragen. Um 1823 war von Joseph von Fraunhofer u.a. eine Wellentheorie des Lichts mit dem Kurze(n) Bericht von den Resultaten neuerer Versuche über die Gesetze des Lichtes, und die Theorie derselben[9] formuliert worden. Heinrich Hertz konnte z.B. 1888 mit Ueber electrodynamische Wellen im Luftraume und deren Reflexion[10] elektromagnetische Wellen oder Radiowellen nachweisen. Er gebraucht Wellen und Schwingungen synonym in seinen Schriften.[11] Doch Vibrationen oder Schwingungen sind elastischer als Wellen, wenngleich Gance im Original von einer Skala der Schwingungen, „l’échelle des vibrations“, spricht.


Abel Gance: J'accuse (Trailer, Screenshot, T.F.) 

Mit der Skala werden eine Messbarkeit und Vergleichbarkeit der Schwingungen über die unterschiedlichen, physikalischen Bereiche hinaus poetologisch formuliert. Streng genommen kann eine Skala nämlich nur innerhalb des Lichts oder der Töne angesetzt werden. Die Schwingungen, Vibrationen betreffen insofern stärker den Bereich der Wahrnehmung, der sich schlecht messen lässt, als den der Physik und verknüpfen beide Wissensfelder im alchimistischen Kino. Das Kino als Bereich der Wahrnehmung wird von Abel Gance mit einem „Evangelium von morgen“ als einem prophetischen Wissen verknüpft. Doch anders als bei NAPOLEON war 1919 der Krieg für J’accuse noch keine vergangene Epoche, sondern ziemlich präsent. 

     Ein großer Film? Das Evangelium von morgen. Eine Brücke des Traums, geschlagen von einer Epoche zu einer anderen; alchimistische Kunst, das große Werk für die Augen. 

     Die Zeit des Bildes ist angebrochen![12]


Abel Gance: J'accuse (Trailer, Screenshot, T.F.) 

Die Titelformulierung J’accuse wird im Film mehrfach als Schriftbild wiederholt. Nackte, gefesselte Frauenkörper bilden „J’ACCUSE“ in Majuskeln. Der Dichter Jean Diaz (Roumald Joubé) zermartert sich den Kopf über den Krieg und die Beziehung zu seiner Geliebten Edith Laurin (Maryse Dauvray), während „J’ACCUSE“ als Lettern über seinem Kopf erscheint. Diaz schreibt mit Angèle (Angèle Guys) auf die Einfassung des Kamins mit Kreide „J’accuse“. Als Jean Diaz ebenso wahnsinnig wie hellsichtig aus dem Krieg zurückkehrt, führt Angèle seine Hand um „J’accuse“ über den Kamin mit Kreide zu schreiben. Das „Ich klage an“ ist nicht nur abstrakt mit den Bildern vom Krieg und der Dreiecksgeschichte von Jean, Edith und François Laurin (Séverin-Mars) verknüpft, vielmehr taucht die Anklage konkret im Kontext mit Angèle auf. Denn Edith war von deutschen Soldaten im Elsass vergewaltigt worden und kehrt mit dem Kind des Feindes aus der Gefangenschaft in das Haus ihres Schwiegervaters Maria Laurin (Maxime Desjardins) zurück.


Abel Gance: J'accuse (Trailer, Screenshot, T.F.) 

Der Inhalt oder die Zusammenfassung wird in der Regel bislang falsch kolportiert. Die „Musik des Lichts“ generiert durchaus eine andere Erzählung als die, dass François Ediths Tochter Angèle getötet hätte, weil er darin einen Ehebruch mit Diaz gesehen hätte. Der größte Makel Angèles ist vielmehr, dass sie das Kind des Weltkriegsfeindes ist, das Edith nicht bei der Geburt umgebracht, sondern mit Fürsorge und Liebe in Gefangenschaft aufgezogen hat. Edith hat nicht moralisch oder nationalistisch, sondern humanistisch gehandelt. Darin liegt der zentrale dramatische Konflikt des Films. Dieser Konflikt ist so groß, dass sich ihr Schwiegervater Maria Laurin lieber umbringt, als den Makel im Dorf zu ertragen. Diaz macht Angèle, das in Gefangenschaft bei den Deutschen aufgewachsene Kind, zu einer Französin, um als erste Lektion „J’accuse“ an den Kamin als Ort des Heimes zu schreiben. Schließlich erweist sich Angèle als derart gelehrig, dass sie Diaz die Hand führt.


Abel Gance: J'accuse (Trailer, Screenshot, T.F.) 

Die Frauenkörper, die „J’ACCUSE“ bilden, sind nicht nur eine dem Jugendstil verwandte Bildfindung, vielmehr bilden die missbrauchten Frauenkörper wirklich die Anklage. Doch diese „Musik des Lichts“ ließ und lässt sich womöglich immer noch zugunsten des Titels übersehen. Denn die Anklage der Frauenkörper generiert sich erst, wenn man die „Musik des Lichts“ nicht nur in ihrer Stärke hört, sondern liest. „Die Musik des Lichts“ lässt sich nicht nur genießend hören/sehen, sie kann und muss auch gelesen werden. Und wie bei NAPOLEON wird Abel Gance weniger aus einem geordneten Konzept als vielmehr nach der Stärke oder Intensität von Schwingungen an der Grenze zum Traum seinen Film gedreht, montiert und geschnitten haben. Denn das Reale der Dokumentarfilmsequenzen wird geradezu surreal, weil der Film nach anderen Modi des Erzählens funktioniert.


Abel Gance: J'accuse (Trailer, Screenshot, T.F.) 

Abel Gance wird filmhistorisch als Autor des Drehbuchs und Regisseur ausgewiesen, als hätte ein durchkomponiertes Drehbuch vor Drehbeginn existiert. Der „Mahlstrom“ der Filmproduktion im Krieg und kurz danach wird schwerlich ein ausgearbeitetes Drehbuch erlaubt haben. Vielmehr entsteht der Film an der Grenze des Planbaren, einer bewussten Ordnung. Offenbar gab es auch für die Dreiecksgeschichte zwischen Jean, Edith und François keinen Theatertext. Hinweise, dass J’accuse das Theaterstück Miracle à Verdun von Hans Chlumberg zugrunde liegen könnte, dürften sich chronologisch als vollkommen falsch erweisen.[13] Die rekonstruierte Schnittfassung und die konzeptuellen Ausführungen zur „Musik des Lichts“ geben einen Wink auf die kaum dokumentierte Produktionspraxis aus dem Krieg und Kriegserlebnis heraus. Es gab vermutlich sehr ähnlich wie bei Wim Wenders Himmel über Berlin kein Drehbuch.[14]


Abel Gance: J'accuse (Trailer, Screenshot, T.F.) 

Was sich als Handlung lesen lässt, stellt sich als nachträgliche Konzeption heraus. Das Trauma wird als Drei- bzw. Vierecksgeschichte verarbeitet, die den Kriegsgegner gerade nicht verurteilt, sondern an Angèle eine fast rousseausche Pädagogik vorführt. Angèle ist durchaus eine Schwester von Rousseaus Émile. Die Volten in der Handlung von J’accuse sind zahlreich und überraschend. Dass es hier allein um die Inszenierung des Pazifismus als politische Haltung gegen den Krieg gehen sollte, lässt sich kaum denken. Mit der Liebesgeschichte von Jean und Edith werden indessen zahlreiche Neben- und Seitenstränge verknüpft. François schickt Edith zu ihren Eltern, damit sie keinen Kontakt mehr zu Jean haben kann. Er übt quasi ein patriarchales Eherecht gegenüber seiner Frau aus. Doch genau dieses tradierte Eherecht führt dazu, dass Edith von den deutschen Kriegsgegnern vergewaltigt und gefangen genommen wird. Der Krieg sprengt nicht zuletzt tradierte Rechtskonstruktionen, worauf durchaus so mancher junge Mann 1914 seine Hoffnung gesetzt hatte. Doch diese Situation verkehrt sich in einen unvorstellbaren Schrecken.


Abel Gance: J'accuse (Trailer, Screenshot, T.F.) 

Geben die Volten einen Wink? Die erzählerischen Volten generieren einen tendenziell viel zu langen Film. 166 Minuten oder der nicht enden wollende NAPOLEON mit einem ersten Teil von sechs Stunden geben einen Wink auf einen tendenziell endlosen Film als „Musik des Lichts“. Die Volten funktionieren also schon in J’accuse als eine Verlängerung des Films und Filmemachens in die Unendlichkeit. Mit Mühe und Not lassen sich Steigerungen konstruieren und Jean wird am Schluss zu einem ebenso prophetischen wie verrückten Erzähler von der Auferstehung der Toten vom Schlachtfeld und ihrer Heimsuchung der Angehörigen. Jean, der Dichter wird zum Propheten im Medium Film, der trickreich erzählen und zeigen kann, wie die Toten nahen. Nina Goslar hat daran erinnert, dass „die Auferstehung der Toten, (...) im französischen Süden im September 1918 (entstand)“ .

Dort waren Soldaten in großen Camps untergebracht und hatten eine Woche Fronturlaub, bevor sie wieder nach Verdun zurück mussten. Mit 2000 Soldaten drehte Gance Jeans Vision von der Wiederauferstehung der Toten und ihrem Marsch durchs Dorf. Diese Soldaten wussten, dass sie bei ihrer Rückkehr von den Dreharbeiten die Holle des Krieges wahrscheinlich nicht überleben würden, ...[15]


Abel Gance: J'accuse (Trailer, Screenshot, T.F.)

 

Die Kunst und Wissenschaft der Alchemie vermag, Tote zum Leben zu erwecken. Und der Schrecken der Bilder tritt erst ein, wenn man bedenkt, dass die auferstandenen Toten dem Tod geweiht sind. Abel Gance provoziert mit seinem Film eine Grenze des Todes und macht das Medium zu einer Totenkunst. Mit jedem Film werden nach einer gewissen Zeit Tote zum Leben erweckt. Und Todgeweihte können wissen, dass sie durch die „Musik des Lichts“ überleben werden. Die „alchimistische Kunst“ des Films lässt die Toten real mit Dokumentarszenen aus dem Krieg auferstehen. Das neu Evangelium des Films knüpft bei Abel Gance an Hesekiel 37.10 aus dem Alten Testament materiell an. Die Toten haben sich durch Belichtung auf dem Zelluloid eingeschrieben, um jederzeit wiederzukehren.      

 

Motivisch werden Filmsequenzen in J’accuse wiederholt, sie kehren wieder. Die Wiederholung von Motiven als klassische Kompositionspraxis gibt auch hier einen Wink auf das Kino als eine neuartige Musik, die kaum enden will. Der Film- und Kinomarkt verlangte und verlangt allerdings keine Wiederholungen und zeitlich aufwendigen Filme, sondern stringente, zeitlich abgemessene Erzählungen, nach deren Gesetze J’accuse verstümmelt werden muss. Es geht weniger um das Epos als Großerzählung vom Krieg, als vielmehr um Erinnerungsschleifen, die das Trauma traumartig ständig wiederkehren lassen. Darin liegt Abel Gance`Praxis des Kino. Selbst in der rekonstruierten Fassung lässt sich nicht der „ganze“ Film sehen. Der Lange Max wird in rot viragiert und kehrt feuernd als Trauma mehrfach wieder. Das geschieht weniger, um die Deutschen anzuklagen, als vielmehr die Wunde dieser Massenvernichtungswaffe – und gewiss Wunderwaffe – nicht in Daten und Technikfaszination aufgehen, sondern als Schrecken wiederkehren zu lassen.

 

Philippe Schoellers Live-Musik für großes Orchester und virtuellen Chor lässt einerseits die Szenen in Tönen wiederkehren wie z.B. bei Tanzszenen. Anderseits hinterlassen die akustischen Detonationen einen besonders nachhaltigen Eindruck. Es pfeifft und braust und donnert unter der Leinwand auf dem Podium im Konzerthaus. Bereits in Händels Dettinger Te Deum gibt es Kanonendonner und Detonationen. Doch sie dienen zur Danksagung an Gott für Sieg in der Schlacht von Dettingen am 27. Juni 1743. Wie die Filmbilder keine Schlacht verherrlichen, so ist es bei Philippe Schoeller auch die nackte, fast schrille Detonation, die sich ins Gehör und die Erinnerung scheidet. Frank Strobel führte diese Musik mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin ebenso sensibel wie präzise aus. Offene wie konzentrierte Augen und Ohren waren für die Vibrationen gefragt, doch wer sie zuließ, wurde auf beeindruckende Weise geflasht.

  

Torsten Flüh

  

Siehe zu Sendeterminen und Stream 

ARTE   

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[1] Vgl. Torsten Flüh: Vom Schrecken der Macht des Einen. Zur Welturaufführung beider Teile von Eisensteins und Prokofjews Ivan Grozny beim Musikfest. In: NIGHT OUT @ BERLIN 21. September 2016 22:07.

[2] Siehe Torsten Flüh: Revolutionäre Zeiten. Les Adieux À La Reine und Oktjabr auf der Berlinale 2012. In: NIGHT OUT @ BERLIN 11. Februar 2012 22:44.

[3] Vgl. auch: Stummfilme auf ARTE fünf Fragen an die Redaktion. In: Musikfest Berlin: 14.9.2018 Film & Live Musik Abel Gance: J’accuse Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Frank Strobel. Berlin: Berliner Festspiel, 2018, S. 17.

[4] Abel Gance: Die Zeit des Bildes ist angebrochen. (Übersetzung von Margrit Tröhler und Jörg Schweinitz) In: Ebenda S. 18.

[5] Abel Gance: «Le temps de l’image est venu!», in: L’ Art cinématographique, Bd. II. Hg. v. Leon Pierre Quint, Germaine Dulac, Lionel Landry und Abel Gance. Paris: Alcan 1927, S. 83-102. Siehe auch: Züricher Filmstudien: Französische Originaltexte. Seminar für Filmwissenschaft. (Texte zum Downloaden)

[6] Abel Gance: Die … [wie Anm. 4] S. 18.

[7] Siehe u. a. Torsten Flüh: Gefeierte Enden der Sexualwissenschaft. Zum Festakt für Magnus Hirschfelds 150. Geburtstag im Haus der Kulturen der Welt. In: NIGHT OUT @ BERLIN 18. Mai 2018 16:46. 

[8] Abel Gance: Le temps … [wie Anm. 5] S. 83/Abel Gance: Die Zeit … [wie Anm. 4] S. 18.

[9] Joseph von Fraunhofer: Kurzer Bericht von den Resultaten neuerer Versuche über die Gesetze des Lichtes, und die Theorie derselben. München 1823. (BSB digital)

[10] Heinrich Friedrich Hertz: Ueber electrodynamische Wellen im Luftraume und deren Reflexion. In: Annalen der Physik und Chemie. Band 270, Joh. Ambr. Barth, Leipzig 1888, S. 609–623.

[11] Vgl. Heinrich Hertz: Beiträge in den Annalen der Physik (Wikisource)

[12] Abel Gance: Die Zeit … [wie Anm. 4] S. 25.

[13] Vgl. „Ich klage an“ auf Wikipedia.

[14] Vgl. zum Filmdrehen ohne Drehbuch: Torsten Flüh: Kühlendes Kino in der Hitzewelle. Zum Freiluftkino und der restaurierten Fassung von Der Himmel über Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 3. August 2018 16:31.

[15] Nina Goslar: Entstehung des Films. In: Musikfest Berlin: 14.09.2018 ... [wie Anm, 3] S. 9.