Beredte Szenen - Weltpremiere von Étienne Faures Bizarre im Panorama der Berlinale 2015

Sprache – Film – Literatur 

 

Beredte Szenen 

Weltpremiere von Étienne Faures Bizarre im Panorama der Berlinale 2015 

 

Nach dem Abspann klatscht das Publikum in den Kinos auf der Berlinale. Oder auch nicht. Protestbekundungen sind heute eher selten. Gab es aber auch schon. Bisweilen gibt es Jubelstürme. Doch eher herrscht ein Understatement beim Applaus vor. Anders als sonst im Kino gibt es Applaus, selbst dann wenn ein Regisseur und sein Team nicht für Q & A zur Verfügung stehen. Am Samstag, 7. Januar 2015, gab es im Cubix 8 anhaltenden Applaus. Doch von der Crew war niemand mehr da. Vermutlich war irgendein Meeting, eine Party, ein Business für Étienne Faure wichtiger, als Fragen aus dem Publikum Rede und Antwort zu stehen.

Faure hat einen Film über einen Homeless in New York gedreht, der … So könnte eine Filmbesprechung zu Bizarre beginnen. Bizarre (Frankreich/USA) war, wie der Regisseur vor der Vorstellung kurz erzählte, erst vor einer Woche fertig geworden und nun sei esi die „first, very first screening“ des Films. Es hätte also alles, was den Film Bizarre als Film ausmacht, schiefgehen können. Vielleicht hatte Étienne Faure sogar ein wenig Angst davor, über seinen Film im Anschluss an die immerhin Weltpremiere sprechen zu müssen. Bizarre, schräg oder auch queer genug ist Bizarre allemal. Mit dieser Besprechung möchte der Berichterstatter nach 63 Post in der Kategorie Film einmal auf das Problem, vom Film oder auch vom Filmen zu sprechen bzw. zu schreiben, eingehen. Geht es dabei um Literatur? Und wenn, in welchem Verhältnis? 

Die Frage, wie man über einen Film sprechen kann, soll oder will, ist keine unwichtige. Sie kommt nur in der Filmkritik nicht vor, weil Filmkritiker wissen oder wissen sollen oder ihnen auch nur ein Wissen über Filme zugeschrieben wird, mit dem sie ihre Kritiken schreiben. Doch, was ist das für ein Wissen, nach dem geurteilt wird? Mit welchem Wissen werden Filme gesehen? Und wie lässt sich dann darüber schreiben? Soll man das Schreiben über Filme formalisieren? Alles beginnt mit damit, Fragen über das Verhältnis von Film und Sprache zu formulieren. Erstens eröffnete ein Student die Vorstellung seines Blogs vor einigen Wochen damit, dass er sagte, als er angefangen habe, seine erste Kritik über einen Film zu schreiben, habe er gar nicht gewusst, was und wie er schreiben solle. Das war schon mal gut, sehr gut. Schließlich schrieb er über die, sagen wir, Außenseiterrolle eines Regisseurs in Hollywood, über dessen letzten Film er hatte schreiben wollen. Und dann und gerade auf der Berlinale oder Filmpremieren überhaupt das Schweigen vor dem ersten zaghaft, fast ängstlich formulierten Satz, was ICH gesehen habe.

Ich, um es einmal so zu formulieren, möchte und müsste dieses Schweigen nach dem Abspann, nach den Credits solange wie möglich hinauszögern. Wenn ich gleich, weiß, gleich sagen kann, was ich gesehen habe, ist es sehr wahrscheinlich, dass ich den Film nicht gesehen habe. Über mein Schweigen habe ich mir in den letzten Berlinale-Jahre auf NIGHT OUT @ BERLIN keine oder doch sehr viele Gedanken gemacht. In den Jahren, in denen ich mich für die Berlinale hatte akkreditieren lassen, morgens in der Kälte zu Unzeiten um Karten anstand ─ Ankreuzen, anstellen und dann beten ─, quasi von einer Weltpremiere zur nächsten hastete, zwischenzeitlich für den und im Blog schrieb, Fotos schoss, bearbeitete und einfügte, eher wenig als zu viel schlief, an meine Grenzen des Bloggens ging, den Rausch auch genoss, fast täglich postete und die Besprechungen dann doch kaum gelesen wurden, produzierte ich Text aus der großen Berlinale-Maschine, aber auch aus dem Schweigen heraus. Denn darin liegt gerade das Geheimnis des Films, dass sich nur selten beispielsweise mit Freunden darüber sprechen lässt.

 

Über die Berlinale und ihre Filme, insbesondere Wettbewerbsfilme, ob in Konkurrenz um die Preise im Hauptprogramm oder Außer Konkurrenz wird unendlich viel gesprochen, geschrieben und berichtet. Alle wollen dabei sein. Die Journalisten und Berichterstatter aus aller Welt sind Garnison. Pressevorführungen sind ausgebucht. Katja Nikodemus von der ZEIT macht Interviews mit Superstars und schreibt wenig über die Filme, die sie gesehen hat. Vielleicht fällt auch ihr es gar nicht leicht, über die Filme zu sprechen und zu schreiben, die sie gesehen hat. Auf bemerkenswerte Weise, ja, geradezu gesetzmäßige Weise wird der Film im Sprechen über ihn umgangen. Und eine einzige falsche Formulierung auf einer Pressekonferenz kann die internationale Karriere eines jungen, hoffungsvollen Regisseurs beenden bzw. beschädigen, wie auf der Berlinale 2013 mit Emir Baigazin geschehen. Welchen Film hatte wer gesehen?   

 

Bizarre von Étienne Faure mit den jungen, namenlosen Schauspielern Pierre Prieur, Adrian James, Raquel Nave, Rebeka Underhill, Charlie Himmelstein, Luc Bierne zu denen selbst IMDb – Internet Movie Database keine weiteren Informationen bereit hält, als dass Pierre Prieur in Bizarre mitgewirkt hat, thematisiert das Sprechen im Film selbst.[1] Maurice (Pierre Prieur) sagt in der ersten Einstellung des Film, wenn ich mich recht erinnere im Off, dass er Maurice heiße … Oder sagt er, dass er Pierre Prieur heißt? Der Berichterstatter hat den Film ja nur einmal gesehen, als der Film zum allerersten Mal gezeigt wurde. Natürlich macht es einen Unterschied, ob Pierre Prieur im Film sagt, dass er Maurice heißt oder Pierre Prieur ist. Das macht einen großen Unterschied für das ganze Filmprojekt und seine Besprechung. Jedenfalls der Schauspieler Pierre Prieur im Film, dass er das hier alles nur mache, weil es ihm der „Director“ gesagt habe. Und ungefähr sagt er dann auch, dass er eigentlich nicht viel spreche. Tatsächlich wird dann die Rolle des Homeless Maurice im Film gerade dadurch zum Thema des Films, weil er so gut wie gar nicht spricht. 

Der Film und (meine) Filmbesprechung von Bizarre beginnen also mit der Erinnerung daran, dass Maurice im Film wenig und viel weniger noch über sich selbst spricht. Das lässt sich leicht überhören, weil in den meisten Filmen viel gesprochen wird, Hauptfiguren durch sprechen und schweigen, mitteilsam werden sollen. Ja, es gibt sogar eine Art Befehl, ein Gesetz, dass die Hauptfiguren mitteilsam sein müssen. Wenn sie dies nicht sind oder werden, dann, um es einmal so zu sagen, ist es schon mal zappenduster. Das Berlinale Journal (kurz) oder auch das Teddy Award Programm (ausführlicher) kündigen den Film zumal ganz anders an. Kurz: 

Ein junger Obdachloser landet im „Bizarre“-Club in Brooklyn und entfacht einen von Zärtlichkeit und Bedrohung erfüllten Gefühlswirbel. Im Spiegel fulminanter Revuen selbstbestimmten Andersseins verdichtet sich das Geheimnis seiner emotionalen Existenz. (Berlinale Journal, Druck, S. 45) 

Und möglicherweise und wahrscheinlich sieht das Publikum, nachdem es das Programm gelesen hat, einen ganz anderen Film. Das Programm, in dem Bizarre angekündigt wird, und wurde, bevor der Regisseur seinen Film fertig gestellt hatte, stellt bereits eine Geschichte her, die den Film rahmt. Da der Film in der Sektion Panorama läuft, die von Wieland Speck (Westler, 1984) kuratiert wird, erhält der Film unter dem Titel Bizarre bereits eine in gewisser Weise psychologische Rahmung der Gefühle. Natürlich geht es im Berlinale Journal für die 65. Internationalen Filmfestspiele Berlin darum eine Geschichte als Versprechen zu erzählen, damit das Publikum die Filme sehen will. Häufig hat der Berichterstatter hier diese Rahmungen nicht oder nur oberflächlich gelesen. Er will vorher nicht wissen, was er sehen soll. Doch tendenziell geht es mit jedem Festivalprogramm darum, eine Rahmung herzustellen, in der sich viele Geschichten überschneiden können. 

Feelings are facts 

Es ist der Blick zurück ins eigene Leben, der immer wieder neue Geschichtsschreibung fordert, weil die Wahrheit neu erfasst oder umgedichtet wird. Die Welt sich passend machen: Ursprung von Politik, Triebfeder vieler Geschichten, die das Panorama-Programm 2015 durchziehen. Das gilt gleichermaßen für Individuen wie für Staatsgebilde, für Fiktion und Dokument: Die Angst vor dem geschehenen Ungeheuerlichen wird nur überwunden, wenn die Schatten der Vergangenheit als Chance begriffen werden, die es auszuleuchten gilt… (Berlinale Journal, Druck, S. 45) 

Wenn die Rahmung erst einmal gelesen worden ist, wird der Film ein anderer gewesen sein. Die Funktion und die Kraft der Rahmung kann gar nicht überschätzt werden. Sie gehört zum Herstellungsprozess. Und sie entscheidet womöglich darüber, ob und wie stark dann überhaupt noch die Stimme von Maurice/Pierre Prieur als Rahmung bei der ersten Aufführung gehört wird. Eine Rahmung kann einer anderen entgegenstehen, andere Sichtweisen erzeugen. Wie wichtig ist die Existenz des Homeless für Bizarre? Ist er nur zufällig ein Obdachloser, der dann in eine Geschichte gerät, weil ein Obdachloser immer auch keine Geschichte (mehr) hat? Gestehen wir Obdachlosen eine Geschichte zu? Wer will sie hören, sehen? Und das ist dann die zweite Wendung im Film Bizarre: Kim (Raquel Nave) oder Betty (Rebekah Underhill) sieht den obdachlosen Maurice und bietet ihm einen Job in ihrem Club an. Doch die Un-Homeliness von Maurice wird mit der letzten Einstellung des Films nicht beendet sein, sondern eher deutlich inszeniert: Maurice fährt splitterfasernackt in der New York Subway. 

Geht es darum, dass Maurice eine Geschichte von sich erzählt? Étienne Faures Film besticht darin, was er an Geschichte verweigert. Und das hat sehr viel damit zu tun, dass der hübsche Maurice so gut wie gar nicht von sich erzählt. Das macht ihn andererseits allerdings besonders interessant und verführerisch. Interessieren sich zunächst Kim und Betty für ihn, so wird der androgyne Luka bald schon seine Liebe zu Maurice erklären. Doch das ist nicht einfach. Luka sucht nach Worten, wenn er seine Gefühle formulieren will. Die jungen Menschen, die alle nicht gerade viel sprechen, sind sehr gut aussehend, was vielleicht nicht zuletzt damit zu tun hat, dass sie wie Rebekah Underhill und Charlie Himmelstein weniger als Schauspieler, denn als Models bekannt sind. Und vielleicht geht es ja gar nicht so sehr um die Gefühle von Maurice. Vielleicht und sehr wahrscheinlich geht es vielmehr um die Filme von Andy Warhol wie Flesh, Trash und Heat, die Paul Morrissey mit Joe Delessandro zwischen 1968 und 1972 für ihn in der Factory gedreht hat. 

Andy Warhols Factory ist bei Étienne Faure der Bizarre-Club in Brooklyn. Die Shows, die im Film als Bizarre-Shows vorkommen, haben viel von den Factory-Events zwischen Dokumentarfilm und Trash, zwischen Subversion und Politik, zwischen Hardcore und Burleske. Es gibt Momente, in denen sich der Film zwischen den Genre von Fiction und Non-Fiction genau so abspielt, wie es die Eingangsformulierung aus dem Off vorschlägt. Wer spricht? Maurice als Maurice? Pierre Prieur als Maurice? Oder doch sogar Pierre Prieur als Pierre Prieur? Was die Morrisey-Film-Trilogie in (unerträglich) langen Einstellungen mit dem Film heraufbeschworen, war genau jene Frage, die im Medium Film wegen seiner Medialität schon immer auf dem Spiel stand: Spielfilm oder Dokumentation. Bibliotheken an Filmliteratur versuchen diese Trennung aufrecht zu erhalten. Andy Warhol und Paul Morrissey haben sie ganz gezielt und äußerst folgenreich  bis zur Frage, ob das Model Joe Delessandro ein Model oder Schauspieler, straight or queer sei, unterlaufen. Bizarre ist vor allem eine ganz große Hommage an die Filme von Andy Warhol/Paul Morrissey mit den aktuellen technischen Mitteln.  

Es gibt in Flesh und Trash und Heat, ja, auch in Blood for Dracula mit Udo Kier, den Moment der Peinlichkeit. Natürlich ist Bizarre sehr viel schneller geschnitten, weshalb die Peinlichkeitsmomente eher flüchtig bleiben. Doch wenn das Blut aus Zunge oder Lippe einer Performerin in einer der Bizarre-Shows läuft, dann ist das ganz sicher, doch anders, ein Dracula-Moment. Schneidet sie sich wirklich? Dann steckt sie das übergroße Messer in ihre Vagina. Wirklich??? Die Sänger oder Darsteller in den schnell geschnittenen Show-Sequenzen sind entschieden keine hübschen Models, vielmehr Models des Hässlichen, Unförmigen, Abstrusen. Anders gesagt: Faure schneidet das Supermodelhübsche gegen das Matratzenlager des Hässlichen. Das verführerisch Hübsche von Pierre Prieur oder Adrian James, Rebekah Underhill oder Raquel Nave wird äußerst spektakulär dem Übergewichtigen, dem Zahnlosen, dem Alten oder Krankheitsbildern entgegen geschnitten. In einer Show-Sequenz sprechen Maurice und Luka mit einem schwer missgebildeten Performer. Text gibt es keinen. Fiction or Non-Fiction? 

Maurice läuft viel orientierungslos durch die Stadt. Liegt das an seinen Gefühlen? Sagen diese Sequenzen über die Filmfigur Maurice oder New York oder Brooklyn? Vielleicht sagen sie mehr über die Stadt als über die Filmfigur. Hinsichtlich der Einstellungen beispielsweise von den Maurices Fahrten in der New York Subway mit dem Stadtbild sagen sie mehr über New York und das Bild der Medien von New York. Der Spielfilm wird auf diese Weise immer auch zu einem Dokument, das allerdings nicht mit dem Times Square und der Wall Street übereinstimmt. Selten wirkte New York unwirtlicher.  

Möglicherweise oder sogar wahrscheinlicher Weise wird Bizarre kein Kassenmagnet werden und in großen Kinos laufen. Es ist auch gar nicht klar, wie, um hier einmal diesen Begriff zu erwähnen, authentisch Bizarre ist. Alles ist immer schon Inszenierung. Wirklich alles. Im Unterschied zu der Zeit im 1970 und seiner Factory wird heute immer und überall mit dem Smart-Phone fotografiert, werden die Fotos in Social Networks hochgeladen und veröffentlicht. Die Website vom Bushwick Bizarre zeigt ausgiebig Fotos von den Partys und Shows, die dann allerdings doch zurückhaltender bleiben als einige Show-Clips im Film.

Die visuellen Verwicklungen und das Visuelle durch aktuelle Medien vom Smart-Phone bis zur Mobile-Cam werden von Faure und seinem Kameramann Pavlé Savic in Bizarre ebenso dokumentarisch wie fiktional eingesetzt. Duschszenen werden geradezu selbstverständlich mit der Mobile-Cam gefilmt. Die Kamera wird in die Auseinandersetzungen hineingezogen. Zwischen großer kameratechnischer Perfektion und lebensweltlicher Praxis des Visuellen wird ständig hin- und hergeschnitten. Das Unprofessionelle von Unschärfen und verwackelten Einstellungen wird gezielt eingesetzt, um, nennen wir es, Subjektivitäten zu erzeugen. Das darf man nicht mit der „subjektiven Kamera“ verwechseln, wie sie etwa noch im Lexikon der Filmbegriffe der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, den „Standort einer Figur in der Szene, deren „Blick“ das Bild wiederzugeben scheint“. Es gibt bei Faure und Savic keine Standorte mehr, sondern Aktionen, in die die Kamera verwickelt wird, um dann das unterschiedliche Filmmaterial zusammenzuschneiden.  

 

Dass Faure und Pavlé Savic den Oberkörper von Maurice sehr intensiv ins Bild rücken, dieser allerdings auch häufig mit einem Klappmesser über seinen Körper streicht, gibt zumindest einen Wink auf die Kraft und den Fluch der Körperbilder von jungen Menschen heute. Das ist dann in seiner, wie man früher gesagt hätte, Gekünsteltheit, heute hoch aktuell. Model ist ein weit verbreiteter Traumberuf. Und wer es nicht als Professional macht, der tut wenigstens so als ob. Kurz: Natürlich spielt sich das Bizarre von Bizarre ganz woanders als im Club in Brooklyn ab. Und vor allem ist der Film wegen seiner Peinlichkeiten ein sehens- und bedenkenswerter, weil sie Wahrnehmungsweisen schmerzhaft aufeinander schneiden. 

 

Torsten Flüh 

 

Bizarre 

Mittwoch 11.02. 20:15 Uhr im CineStar3 

Donnerstag 12.02. 20:45 Uhr im Cubix 7 und 8 

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