Ehre und Erotik verdinglicht - Zur Sonderbriefmarke 150. Geburtstag Magnus Hirschfeld und der Ausstellung Erotik der Dinge

Briefmarke – Erotik – Liebesdinge

 

Ehre und Erotik verdinglicht 

Zur Sonderbriefmarke 150. Geburtstag Magnus Hirschfeld und der Ausstellung Erotik der Dinge 

 

Auf dem Festakt in der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum überreichte die Staatssekretärin beim Bundesminister der Finanzen, Christine Lamprecht, am Donnerstag offiziell das am 12. Juli 2018 herausgegebene Sonderpostwertzeichen 150. Geburtstag Magnus Hirschfeld in einer queeren Zeremonie an Daniel Baranowski von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und Ralf Dose von der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e. V. 1968 zum 100. Geburtstag von Magnus Hirschfeld wäre eine derartige staatlich-finanzministerielle Ehrung noch völlig undenkbar gewesen. Quasi gerahmt von der Serie „Deutschlands schönste Panoramen“: Gartenreich Dessau-Wörlitz und 100. Geburtstag Nelson Mandela (Gemeinschaftsmarke mit Südafrika) ist nun zumindest der Name Magnus Hirschfeld mit seinen Lebensdaten 1868-1835 und den astronomisch-geschlechtlichen Symbolen für Venus und Mars bzw. Frau und Mann auf der Sonderbriefmarke in einer Auflage von 4,2 Millionen Stück erschienen.

 

Das „nassklebende Sonderpostwertzeichen“ sollte nicht unterschätzt werden, zumal es einst in die Liebesdinge verwickelt war. Unzählige erotische Abenteuer begannen einmal damit, dass eine „Briefmarkensammlung“ zuhause gezeigt werden sollte. Zur Überreichung der Sonderbriefmarke waren zahlreiche Vertreter*innen aus Gesellschaft wie Politik unter ihnen Rabbiner Walter Homolka, Lily Kreuzer, Prof. Dr. Andreas Krass, Jan Feddersen, Manuela Kay erschienen. Die Briefmarke ist vielleicht kein liebesmittel wie sie Magnus Hirschfeld im Institut für Sexualwissenschaft in Berlin im vornehmen Stadtteil Tiergarten zu Studienzwecken sammelte und 1930 zusammen mit Richard Linsert im Berliner Man Verlag als Buch mit „zahlreiche(n) Bilder(n) aus den einzigartigen Sammlungen des Instituts für Sexualwissenschaft“ veröffentlichte. Doch Briefmarken waren oft in Verführungskünste verwickelt. Das seltene Hirschfeld-Buch liebesmittel lässt sich indessen noch bis 1. Oktober 2018 im Museum der Dinge in der Ausstellung Erotik der Dinge – Sammlungen zur Geschichte der Sexualität bestaunen.  

  
© BMH/Benjamin Hauf

Man muss die liebesmittel als solche auch sehen können! Als Mittel und Mittler sind sie medial verschränkt. Das hat mit der Erotik zu tun und einem besonderen Wissen um die Praktiken, in die die Dinge zur Stimulation verwendet werden. Man kann dabei an eine Formulierung der Schriftstellerin Gertrude Steins erinnern: „A rose is a rose is a rose“[1] Eine Briefmarke ist eine Briefmarke ist eine … Ein Turnschuh ist ein Turnschuh ist ein … Ein Kronleuchter ist ein Kronleuchter ist ein … Bleiben wir zunächst bei der Briefmarke und der Frage: „Willst Du meine Briefmarkensammlung sehen?“ Mathias Ottmann nannte sie noch 2017 den „entscheidenden Wendepunkt bei einem Date“.[2] – Dass ein hirschfeldsches Liebesmittel auf einer Sonderbriefmarke aus dem dafür zuständigen Bundesministerium der Finanzen abgebildet werden könnte, erscheint völlig undenkbar. Doch werden Briefmarken, zumindest die nassklebenden seit Generationen oft mit der Zunge geleckt, wie es sich die meisten Geliebten verbitten würden. Also lässt sich die Briefmarke doch in erotische Praktiken verwickeln.


© BMH/Benjamin Hauf 

Sprachliche Verknüpfungen und Praktiken sind für die Erotik der Dinge wichtig. Man kann eine nassklebende Briefmarke recht genüsslich lecken, bevor sie auf den Briefumschlag oder eine Postkarte etc. geklebt wird. Noch 2001 soll die Royal Mail ihrer Majestät der Königin von England erklärt haben, dass man „etwa 5,9 Kalorien zu sich“ nehme beim Lecken einer Briefmarke. Die königlich britische Post wies darauf hin, dass der „Briefmarkenrücken“ Zucker enthalte.[3] Lieben Kinder heute noch das Briefmarkenlecken? Machen es Sekretäre und Sekretärinnen noch? Das hat es zumindest früher gegeben. Die gummierte Rückseite bespucken, war eigentlich immer etwas schnöde und gefährlich. Es konnte 'was danebengehen. Die Erotik der Dinge und selbst der Briefmarke beginnt vielleicht mit der ersten nassklebenden Briefmarke.


Scan T.F. 

Magnus Hirschfeld hat es nicht als Portrait auf die Briefmarke geschafft. Das hat etwas mit dem „Programmbeirat“ und dem „Kunstbeirat“ im Bundesfinanzministerium zu tun. „Früher entschieden die Landesfürsten allein darüber, was auf einer Briefmarke zu sehen ist. Heute kann jeder Themen vorschlagen“, heißt es zur Entstehung eines Briefmarkenmotivs.[4] Eine Briefmarke ist eine ernste Angelegenheit. Gar die des Souveräns. In einer Demokratie ist dies das Volk bzw. dessen gewählte Vertreter. Vielleicht hätte ein Portrait doch zu viel Ehre bedeutet. Wie gut, dass es noch Sonderstempel(!) gibt. Die Post ist zwar privatisiert und hat ihren Konzernsitz in Bonn, doch sie kooperiert mit dem Ministerium in Berlin unter der Postleitzahl 10117. So wurde ein Dissens um das zwar zweigeschlechtliche Postwertzeichen, das wenigstens mit den Farben der queeren Regenbogenfahne verrutscht scheint, zumindest mit einem Sonderstempel des Ministeriums in vier Geschlechtskombinationen am „Erstausgabetag“ gestempelt und beglaubigt. Der Post-Konzern steuerte vom Sitz in 53113 Bonn einen Sonderstempel mit Portrait bei.


Scan T.F. 

Der Bundesminister der Finanzen Olaf Scholz hat im Juli 2018 die Festausgabe der Sonderbriefmarke mit Sonderstempeln schwungvoll abgezeichnet. Das darf nicht unterschätzt werden. Die Staatssekretärin Christine Lamprecht versicherte beim Festakt, dass mit Andrea Voß-Acker, Wuppertal, eine versierte und hochangesehene Gestalterin von Postwertzeichen durch den Kunstbeirat ausgewählt worden sei. Wahrscheinlich muss man sich die Zusammensetzung des Kunstbeirats gar so vorstellen, dass die im Bundestag vertretenen Parteien inklusive CSU und AfD sowie die Evangelische und die Katholische Kirche ein Mitspracherecht haben. Da wird dann einiges gegen ein Portrait gesprochen haben, zumal Magnus Hirschfeld zwischen 1918 und 1928 wenigstens an 4, sagen wir sexualhygienisch-volksaufklärerischen Filmen des Berliner Filmregisseurs Richard Oswald beratend beteiligt war: Sündige Mütter (§ 218 StGB - Abtreibung), 1918, Anders als die Andern (§ 175 StGB – Homosexualität), 1918/1919, Das gelbe Haus/Die Prostitution/Im Sumpf der Großstadt (§ 184 StGB etc.), 1919, Geschlecht in Fesseln. Die Sexualnot der Strafgefangenen.[5]  

Magnus Hirschfeld galt nicht nur als Experte für Varianten der geschlechtlichen Neigung und Betätigung, vielmehr wird er um 1918 besonders populär, weil die Hygiene und Gesundheit der Bevölkerung durch Sexualverkehr am Ende des Ersten Weltkriegs schwer belastet war. Geschlechtskrankheiten und ungewollte Schwangerschaften entzogen sich weitgehend der Kontrolle im Krieg und in den industriellen Zentren. Penicillin oder andere Medikamente gegen Krankheiten gab es nicht, Verhütungsmittel oder gar die Pille waren kaum oder gar nicht vorhanden. Abtreibungen wurden illegal unter mangelnden hygienischen Verhältnissen vorgenommen. Gleichzeitig hielt aber vor allem die Katholische Kirche an ihrem Sittenkodex zur Sexualität fest, wie er jüngst erst in der Republik Irland gesetzlich geändert wurde. Magnus Hirschfeld sah in seinen Liebesmitteln nicht nur einen erotischen Aspekt, sondern auch einen hygienischen, der sich heute kaum noch vorstellen lässt. Insofern überschneiden sich in der Sammlung ein historischer und ein hygienischer Wissensaspekt. In der wissenschaftlichen Begründung von Daniel Baranowski heißt es: 

Magnus Hirschfeld war Arzt, Jude, Sozialdemokrat und schwul. Er kämpfte zeit seines Lebens gegen die rechtliche und soziale Ungleichstellung der Homosexuellen, forschte zur Vielfalt von Sexualität und Geschlecht und war einer der Hauptinitiatoren der ersten homosexuellen Emanzipationsbewegungen der Welt. 

 

Die Ausstellung Erotik der Dinge ist ein Gemeinschaftsprojekt der Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität der Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Werkbundarchiv – Museum der Dinge in Kooperation mit dem Kinsey Institute und dem World Erotic Art Museum. Sie ist das erste in einer Reihe von kooperativen Forschungs- und Ausstellungsprojekten, welche die Forschungsstelle unter der Leitung von Prof. Dr. Andreas Krass mit der Sammlung des von Naomi Wilzig gegründeten World Erotic Art Museum in Miami durchführt. Erotisieren und/oder fetischisieren lassen sich vermutlich die meisten Dinge des Lebens. Oft findet die „Erotisierung von Dingen als kulturelle Praxis“[6] in einer Kombination mit Erzählungen wie in der vom Kronleuchter statt: 

»Schon in meiner frühesten Kindheit,« schreibt sie mir, »gab ich mich den Wonnen des Kristalls hin. (…) 

An einem Kronleuchter mit Kristallprismen versenkte ich mich immer wieder in die Brechungen des Lichts und ließ mich von dem Farbenspiel betören. – 

Ich studierte den Kronleuchter während der verschiedenen Beleuchtungen des Tages; ich wußte, wann die Sonne sich darin fangen würde, und ich unterließ es nie, um die Stunde meinen Besuch bei ihm zu machen. Das strahlende Licht, was zu allen Seiten sprühte, bereitete mir einen außerordentlichen Genuß – es war, als wenn es wie feiner Goldstaub durch mein Blut sickerte -, ich fühlte es heiß durch meinen ganzen Körper rieseln bis zur Ermattung.«[7]  

 

Der Verknüpfung der Kindheit, wie in dem nach Magnus Hirschfeld in der Ausstellung zitierten Text, mit einer wiederholt ausgeübten Praxis und einem Versenken, Studieren, Wissen und Vergessen des Ichs lassen sich anscheinend in die entlegensten Bereiche übertragen. In der Ausstellung werden nicht nur im Eingangsbereich unter Glashauben auch witzige Souvenirs wie Miniaturplastiken der nackten Meerjungfrau im Hafen von Kopenhagen, des Heiligen Sebastian, des David von Michelangelo in Florenz oder der steinzeitlichen Venus von Willendorf gezeigt, vielmehr werden im Durchgang auch naturkundliche Mineraliensammlungen in zufällig dem weiblichen oder männlichen Geschlechtsteil ähnlichen Ausformungen in Schauschränken ausgestellt, die sich fast übersehen lassen. Über die Wahrnehmung einer Ähnlichkeit lassen sich in Steinspalten Vulven oder in Kristallanhäufungen Penisse erkennen. Die Natur gibt sozusagen geschlechtliche Zeichen. 

Die Form der Dinge, deren Körperähnlichkeit und die Phantasie, sie zu berühren, tragen entscheidend zur erotischen Wirkung von Dingen bei, ob es sich um Naturobjekte oder Artefakte handelt. Die Gestaltung von Alltagsobjekten greift dabei oft – bewusst oder unbewusst – auf primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale zurück. Das taktile Versprechen bestimmter Materialarten wie Leder, Seide, Fell, Lack, Latex, Nylon und Metall scheint eine besondere Anziehungskraft auszuüben. Fragen zur Erotik im Material werden im interaktiven »sensing materials lab« nachgegangen, das über die Ausstellungszeit wächst.[8]

 

Sinn wird in Sinnlichkeit mit der Erotik der Dinge in hölzernen Wäscheklammern, einem Montageschlüssel, Sisalleinen oder einem Reibebrett für das Glätten und Abreiben frisch aufgebrachten Putzes umgewandelt. Die Zweckentfremdung von Dingen durch oft höchst individuelle Praktiken sorgt für ein erotisches Moment, das anderen völlig verborgen bleibt. Ein Klassiker darunter ist die Aubergine oder Egg Plant, die schon Robert Mapplethorpe so fotografiert hat, dass deren fotographische Abbildungen unter Pornographie-Verdacht gerieten. Die Umwandlung des Nahrungsmittels in ein sensuelles Penetrationsding ließ den Blick permanent kippen. In der Ausstellung wirkt sie dagegen in einer Vitrine etwas verloren, weil es immer um das mögliche Kippen des Blicks geht.

 

Zwischen Dingen aus dem „Herrenzimmer“ und „Körper-Teile“ wird die Erotik in Vitrinen gebannt. Anfassen lassen sie sich nicht. Die Vitrinen rahmen die Dinge in einer geradezu entsexualisierenden Weise. Trotzdem mag der einen oder anderen Besucher*in der Besuch der Ausstellung peinlich werden. Das kann man nicht so genau wissen. Vor den „sexuellen Inhalten“ wird am Eingang zum Ausstellungsbereich gewarnt. „Bitte beachten Sie, dass in der Ausstellung Erotik der Dinge sexuelle Inhalte zu sehen sind. Es steht deshalb im Ermessen der Besucher_innen entsprechend damit umzugehen. Kinder sollten von einem Erwachsenen begleitet werden.“ Das Schild markiert die Grenze des Imaginären. Denn die naturkundlichen Mineralien sind noch vor dem Schild platziert. Dahinter wird es sexuell und/oder wissenschaftlich.

 

Die Tischvitrine – „Visuelles Erscheinungsbild und Ausstellungsgrafik: Rose Apple, Wolfgang Schneider“ – nutzte schon Magnus Hirschfeld in seinem Institut für Sexualwissenschaft. Tischvitrine, Schautafel oder Bilderatlas[9] lassen sich als visuelle Verfahren der Wissenschaft beschreiben. Sie zeigen und ordnen die Dinge, um mit Texttafeln oder Listen zu benennen und festzulegen. Oft sind Tischvitrinen von Finger- oder ganzen Handabdrücken gezeichnet, als müssten sich die Ausstellungsbesucher gegenüber dem Ding auf Distanz halten und/oder wollten sie dieses unbedingt berühren. Das hat vermutlich mehr mit den Methoden der Wissenschaft als mit dem „sexuellen Inhalten“ zu tun. Wie sich bereits bei der Verwissenschaftlichung der Schriften Johann Joachim Winckelmanns beobachten ließ[10], verdrängt die Wissenschaft zugleich das Wissen um den sexuellen Genuss und macht diesen unablässig zum Gegenstand des Wissens.     

 

Magnus Hirschfelds liebesmittel, die neben der „Klassifizierung des Sex“ durch Alfred C. Kinsey und dem World Erotic Art Museum von Naomi Wilzig den Ausgangspunkt für die Ausstellung bilden, wurden 1930 mit einem starken Wissensgestus in typologischem Fettdruck auf dem Schutzumschlag veröffentlicht. Gerade, was heikel und peinlich bei den „sexuellen Inhalten“ werden könnte, wird als reformerisches Anliegen durch „riesige Praxis und Erfahrung“ adressiert. 1930 hat sich ein Erfahrungswissen im Institut akkumuliert, das mit dem der historischen Wissenschaft verknüpft und in Bildern dargestellt werden kann: 

Zahlreiche Bilder aus den einzigartigen Sammlungen des Instituts für Sexualwissenschaft illustrieren dieses kultur- und sittengeschichtlich wertvolle Werk, das unser Wissen um eine bisher kaum behandelte Seite unseres Liebeslebens vertieft, besonders wertvoll durch seinen rücksichtslosen Kampf gegen Geheimmittelschwindel, Aberglauben und Kurpfuscherei.[11]      

 

Doch welche Art von Wissen wird mit Tischvitrinen, Schautafeln und dem Bilderatlas praktiziert? Gewarnt wird vor einem vermeintlich verstörenden, verletzenden Inhalt. Das kann eine Strategie der Ausstellung sein. Kinder könnten – und das dürfte schon passiert sein – völlig unbefangen die Aubergine, die Webarbeiten, die Seile und Körperteile gesehen haben. Soll man als Erwachsener gleich aufschreien und erklären, was nicht gesehen werden darf? Tischvitrinen, Schautafeln und Bilderatlas als Tische wie Tafeln, würde Georges Didi-Huberman sagen, sind wie die Figur des Atlas, die „Gelegenheit zu einem tragischen Wissen darstellte, einem Wissen durch Berührung und durch Schmerz“.[12] Alles, was wir über Sex wissen, beziehen wir von einem „eigenen Unglück“, um Didi-Huberman einmal zu paraphrasieren: 

Ein nahes Wissen, aber gerade deswegen ein unreines Wissen: ein beunruhigendes (savoir inquiet) und sogar »unheilvolles« Wissen …[13] 

 

Mit einem Spint, einer Holzbank und einem Turnpferd wird am anderen Ende der Ausstellung ein Trauma aus dem Schulsport und Fetisch inszeniert. Die Welt der Arbeit, der harten Körperarbeit von Bauarbeitern und Schulsport wird zum erotischen Ding. Zu sehen ist nichts als Dinge, Socken, Turnschuhe bzw. Sneakers etc. Es riecht nicht wie im Umkleideraum oder auf der Baustelle nach Schweiß und Arbeit und Angst. Es riecht nach Ausstellung, sieht aber fast genau so aus wie jene Orte der Disziplinierung und gewiss auch Angst. Über einen Turnbock oder ein Turnpferd möchte man niemals wieder springen müssen, um in Sport keine 5 zu bekommen und nicht in die nächste Klasse versetzt zu werden. Doch wenn das Turnpferd in ein erotisches Ding, in einen Fetisch verwandelt wird, verliert es vielleicht seinen Schrecken. Mit den Worten der Ausstellungsmacher*innen:  

Sexualwissenschaft und Psychoanalyse haben die Erotisierung von Dingen und die Fixierung auf bestimmte Objekte mit dem Begriff des Fetischismus bezeichnet und dieses Verhalten lange Zeit pathologisiert. Hirschfeld sprach hingegen freundlich von erotischen Dingen auch als „Liebesmitteln“. Heutzutage produziert eine ganze Industrie Objekte, die euphemistisch als Spielzeug benannt werden.[14]

 

Der Fetisch ist leer. Das Turnpferd hatte im Schulsport die Funktion der Geschlechtung, Disziplinierung und Kategorisierung von Schüler*innen, die darüber sprangen, und solchen, die es nicht konnten. Warum der Absprung vom Sprungbrett gelang oder nicht gelingen wollte, um über das Turnpferd zu kommen, wurde nie wirklich geklärt. Auch Ängste und ihre Mechanismen wurden nicht aufgeklärt. Es ging nicht darum Ängste, durch den Sprung vom Brett über das Pferd zu überwinden, sondern als unüberwindbare aufzubauen. Das waren die Effekte der Disziplinierung. Es ging um Einteilungen, um Werte und Minderwertigkeiten. Auf diese Weise hat Sigmund Freud den „Penis des Weibes“, die Klitoris vom „Bild des Penis des Mannes“ um der Geschlechtung willen unterschieden. Oder wie Claudia Reiche es in queer plexus – Zu medialen und symbolischen Wandlungen der Klitoris als „Schlussgedanke Freuds“ formuliert hat: 

Vorbild des Fetisch ist der Penis des Weibes. Dieses Vorbild geht meist in das Bild des Penis des Mannes über. Daraufhin gilt die Klitoris als der reale kleine Penis des Weibes und als Bild eines minderwertigen, nämlich kleineren Organs. Jedoch wirkt in diesem Bild das paradoxale Original des weiblichen Phallus weiter.[15]  

 

Claudia Reiche insistiert auf das „Undarstellbare der sexuellen Differenz als Differenz“[16] und gibt damit einen Wink auf das Sexuelle nicht als Wissen, sondern als Differenz. Das Sexuelle oder die Erotik sind den Dingen nicht eigen, vielmehr werden sie durch kulturelle Praktiken erotisch. Physische Handlungen mit den Dingen reichen für die Stimulation nicht, sie müssen vielmehr in einen imaginären Überschuss verwickelt werden. Vielleicht sind es die Dinge aus dem Herrenzimmer, die den Körper fast ausschließlich der Frau als lustvoll genießenden darstellen, um sich von der eigenen phallischen Lust zu überzeugen, sich als Herr über die Lust selbst zu vergewissern. Doch die hirschfeldschen Liebesmittel und das industriell verfertigte Spielzeug queeren auch die Selbstvergewisserung. 

 

Torsten Flüh 

 

Sonderbriefmarke 

150. Geburtstag Magnus Hirschfeld 

Shop der Deutschen Post 

0,70 € 10er Bogen   

 

Erotik der Dinge 

bis 1. Oktober 2018 

Museum der Dinge 

Oranienstraße 25 

10999 Berlin

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[1] Zuerst: Gertrude Stein: Sacred Emily. (1923) In: Geography and Plays. Letters of Note.

[2] Vgl. Mathias Ottmann: Das ist der entscheidende Moment bei einem Date. In: GQ Deutschland 07. September 2017.

[3] Welt: Notiert: Briefmarken-Lecken macht dick. In: Der Tagesspiegel 30.01.2001, 00:00 Uhr.

[4] Siehe: Bundesministerium der Finanzen: Entstehung. 18.09.2014.

[5] Siehe: Richard Oswald: Regisseur und Produzent. Red. Helga Belach u. Wolfgang Jacobsen. München: edition text + kritik, 1990.

[6] Zitiert nach Museum der Dinge: Erotik der Dinge – Sammlungen zur Geschichte der Sexualität. Ausstellungen 2018.

[7] Zitiert nach Ausstellungstext aus Magnus Hirschfeld: liebesmittel. Berlin: Man Verlag, 1930.

[8] Museum der Dinge: Erotik … [wie Anm. 6].

[9] Zum Bilderatlas siehe auch: Torsten Flüh: Gefeierte Enden der Sexualwissenschaft. Zum Festakt für Magnus Hirschfelds 150. Geburtstag im Haus der Kulturen der Welt. In: NIGHT OUT @ BERLIN 18. Mai 2018 16:46.

[10] Vgl. Torsten Flüh: Zur Verfertigung der Wissenschaft mit Briefen. Die Weimarer Ausstellung und der Katalog Winckelmann. Moderne Antike und die aktuelle Winckelmann-Forschung. In: NIGHT OUT @ BERLIN 31. Juli 2017 19:29.

[11] Magnus Hirschfeld: liebesmittel … [wie Anm. 7] Schutzumschlag.

[12] Georges Didi-Huberman: Atlas oder die unruhige Fröhliche Wissenschaft. Paderborn: Wilhelm Fink, 2016, S. 103.

[13] Ebenda.

[14] Museum der Dinge: Erotik … [wie Anm. 6].

[15] Claudia Reiche: queer plexus – Zu medialen und symbolischen Wandlungen der Klitoris. In: Josch Hoenes, Barbara Paul (Hg.): un/verblümt. Queere Politiken in Ästhetik und Theorie. Berlin: Revolver Publishing, 2014, S. 40

[16] Ebenda S. 52.