Joghurt und Weltliteratur - Zum 6. Internationalen Literaturpreis und die Lange Nacht der Shortlist im HKW

Weltliteratur – Shortlist - Wolkenbildung 

 

Joghurt und Weltliteratur 

Zum 6. Internationalen Literaturpreis und die Lange Nacht der Shortlist im HKW 

 

Yoko Tawada servierte als Festrednerin zu Ehren der Weltliteratur zum Sommerfest der Literaturen auf der Dachterrasse des HKW bei nicht zu direktem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen Joghurt. Mit ihrer Literatur-Performance feierte sie die 6 Autorinnen Zsófia Bán, Georgi Gospodinov, Mohsin Hamid, Bernardo Kucinski, Madeleine Thien und Dany Laferrière sowie deren Übersetzerinnen in die deutsche Sprache. Tawada, die in Deutsch und Japanisch schreibt sowie ins Französische, Englische, Polnische, Kroatische, Italienische, Koreanische etc. aus dem Deutschen und Japanischen übersetzt worden ist, kennt sich aus mit dem Übersetzen von Welt und Literatur. Auf Seidenkrepppapier übersetzte sie die Autorennamen anagrammatisch ins Deutsch-Englisch-Japanische: Honda-Mimisch, Reine Lady Farre …

Die Lange Nacht der Shortlist mit der finalen Preisverleihung des Internationalen Literaturpreises an Dany Laferrière und Beate Thill als seine Übersetzerin wurde von so illustren Jurymitgliedern des deutschen und internationalen Literaturbetriebes wie Iris Radisch (Die ZEIT) und Verleger Egon Ammann begleitet. Weitere Akteurinnen der Literaturvermittlung und –vermarktung wie Verena Auffermann, Sigrid Löffler oder Joachim Satorius wanderten wie das übrige Publikum mit den Synchronübersetzerinnen im Kopfhörer zwischen den drei zeitweilig gleichzeitig bespielten und belesenen Bühnen auf der Dachterrasse umher. Geschichten und Geschichtsaufarbeitung von der polyglotten Shortlist auf Portugiesisch, Ungarisch, Bulgarisch, Französisch, Englisch mündeten in die deutsche oder englische Simultanübersetzung.  

Weltliteratur als ein von Johann Wolfgang Goethe nachhaltig geprägter Begriff von Literatur, der am Ende des 19. und im 20. Jahrhundert akademisch und bildungsbürgerlich zum Qualitätssiegel, Kulturbesitz und Versprechen von Bedeutung umgemünzt wurde, stößt in Zeiten globaler Vernetzung und Zirkulation ein wenig auf. Die Münze der Bedeutung kursiert weiter, obwohl Bedeutung als Wert schlechthin schwankt. Auch darauf spielt Yoko Tawada in ihrer witzigen Preisrede „über eine spezifische Form von Kultur“ mit der „Joghurtkultur“ an. Woher die Joghurtkultur kommt, hängt nämlich von der Ursprungsfrage ab. Bulgarien, Griechenland, Türkei, Deutschland oder Europa? Mit der Joghurtkultur ist es wie mit der Weltliteratur.

Der Leiter des HKW, Bernhard Scherer, rettete sich bei der Eröffnung der Preisverleihung im Auditorium in eine Formulierung, mit der offen bleibt, was Weltliteratur heute heißen könnte, indem er hervorhob, dass es vor allem um eine „Leseerfahrung“ gehe. Mit der Weltliteratur geht es auf jeden Fall um Übersetzungen und Übersetzungsprozesse verschiedenster Art. Immer geht Bedeutung bei der Übersetzung verloren und wird hinzugewonnen. Sie lässt sich nicht anhalten oder einfangen. Gerade das zeichnet möglicherweise die Übersetzung, die beim Internationalen Literaturpreis neben dem Preis von 25.000 € mit 10.000 € für die Übersetzerin prämiert wird, aus. Es ist immer ein Spiel von Verlust und Zugewinn.

Die Zungen der Übersetzungen sind nicht nur einfach Wörter aus Wörterbüchern, vielmehr auch Syntax, Rhythmus und Sound unabschließbarer Kulturräume. Hans Christoph Buch als Juror erwähnte in seiner Laudatio nicht nur seinen Großvater, der um die Jahrhundertwende eine Apotheke auf Haiti, wo Dany Laferrière geboren wurde und später nach Kanada exilieren musste, vielmehr lobte er auch den Jazz in L’énigme du retour und Das Rätsel der Rückkehr. Poly-, Inter- und Transglottolalien, Jazz-Rhythmus und -Stimmung. Übersetzerinnen bewegen sich auf unsicherem Terrain, auf dem sie von Speichelflüssen und mehr hinweggerissen werden können.

Zungen, Magen, ja, der ganze Sprachkörper arbeitet an der Übersetzung und der Kultur mit. Das ist in Erinnerung zu rufen, wenn man die Festrede von Yoko Tawada, die eben nicht nur fest, vielmehr eher flüssig war und ist, würdigen will. Die Bedeutung des Festgeredeten von Yoko Tawada tendiert, wenn man nun doch einmal Goethe zitieren will, zu einem nachdenklichen Leichtsinn[1] und stellt ein lockeres, aber nachhaltiges Verhältnis von Sprache und Joghurt her: 

 „Joghurt“ ist ein Lehnwort aus dem Türkischen, und vielen Europäern ist nicht bewusst, wie oft sie sich etwas Türkisches auf die Zunge legen. Die Wörter „Sauermilch“ oder „Dickmilch“ sind noch nicht vergessen, während das Wort „Setzmilch“ kaum noch verwendet wird. Ich habe es in einem Wörterbuch gefunden und las zuerst „Satzmilch“. Als Folge entstanden im Sprachzentrum meines Gehirns Wörter wie Wortmilch, Sprachmilch, Prosamilch, Haikuhmilch, Nachlassmilch, Übersetzungsmilch. Es gibt auch Wörter, die neu geboren werden.[2]    

Yoko Tawada hatte einen Schamanenbaum für ihre Performance auf die Bühne gestellt und der eine und andere Luftzug spielte mit, um Namen und Anagramme flattern zu lassen. Denn wie auch immer die Übersetzungen letztlich ausfallen, bereits die Buchtitel funktionieren oft auf ganz unterschiedliche Weise und geben einen Wink auf das Unübersetzbare. Zum guten Ton gehört es zwar, dass die Autorin den Titel der Übersetzung lobt. Doch deutlich wird oft ein entscheidender Unterschied, wenn beispielsweise Bernardo Kucinskis Roman K. (2012) im brasilianischen Portugiesisch heißt und nun K. oder Die verschwundene Tochter (2013) in der Übersetzung von Sarita Brandt heißt. Während in der brasilianischen Originalausgabe K. als Titel den verschlüsselnden Sprachmodus literarisch und graphisch unterstreicht, wird im Deutschen mit K. die Geschichte von einer „verschwundenen Tochter“ versprochen.

Vielleicht ist es mit der Bedeutung heute eher wie mit Wolken. Denn der Internationale Literaturpreis 2014 wurde und wird auf der Website www.ilp-onblog.de vom Literaturpreis-Team des HKW, der Redaktion von LitRadio der Universität Hildesheim sowie Mitgliedern des Studiengangs Literatur und Medienpraxis der Universität Duisburg-Essen begleitet, nachgelesen, verarbeitet und vercloudet: Die Romane der Shortlist bzw. ihre Übersetzungen kehren graphisch wieder als Wortwolken oder „Wolkenbildung“. Wolkenbildung statt Bedeutung und Bildung, könnte man sagen, weil es mit der Weltliteratur nicht zuletzt um einen Bildungsbegriff geht. Madeleine Thiens Roman Dogs at the Perimeter (2011) wird in der Übersetzung von Almuth Carstens zu Flüchtige Seelen, um als Wolkenbildung | Seelen bewahren im Medium Blog wiederzukehren.

Literatur und Internationaler Literaturpreis im Online-Medium-Blog kehren geradezu exemplarisch auf Internationaler Literaturpreis on blog in einer medialen Übersetzung von Graphik, Animation, SOUNDCLOUD und Pics im Tagarchiv: aufgelesen wieder. Zwischen Performance, Textverarbeitung und Programmierung nimmt die Literatur aus dem Medium Buch andere Medialisierungen an. Wieviel Literatur ist Wolkenbildung? Oder muss man fragen, wieviel „Sprachzentrum“ (Yoko Tawada) Wolkenbildung enthält?

Läuft es mit der Wolkenbildung auf ein anderes Verständnis von Literatur hinaus? Welche Verschiebungen finden vom Buch in die Cloud, ob SOUNDCLOUD, Wolkenbildung oder Tagarchiv statt? Das Speichermedium Cloud generiert auf sprachlicher Ebene in letzter Zeit neuartige Verknüpfungen, die nicht folgenlos bleiben. Versprechen nicht gerade das Tagarchiv und Wolkenanimation ein Semantic Web[3], in dem sich Dinge finden lassen sollen? Das Speichermedium Cloud verlängert die Haltbarkeit von Daten und Semantik, die auf diesem Wege die „Joghurtkultur“ der Literatur löscht, ließe sich formulieren. Die Cloud wird einerseits zum sicheren Speichermedium, die mehr Sicherheit und den Zugriff von überall her verspricht. Andererseits verweist die Cloud auf das Wissen vom Wetter als das Wandelbare, das Schwer-zu-beschreibende, wenn nicht Unfassbare schlechthin. 

Mit dem 3. Juli 2014 und dem Internationalen Literaturpreis ist auch auf das Veranstaltungsformat Lange Nacht zurückzukommen. Die „Lange Nacht der Wissenschaften“, „Lange Nacht der Museen“, „Lange Nacht der Industrie“ etc. gibt es mittlerweile in Berlin. Und der Salon Sophie-Charlotte wäre eben auch eine Lange Nacht der Akademie der Wissenschaften, die allerdings mit dem Lable Salon einen eher intimen Gesprächsrahmen anstimmt. Durch das Format Lange Nacht werden Information, Unterhaltung, Geselligkeit und Effizienz miteinander verknüpft. Das Format verspricht eine Offenheit beispielsweise durch günstige Eintrittspreise oder gar freien Eintritt bei hohem Niveau der Veranstaltungsbeiträge. Die Lange Nacht kann von unterschiedlicher Länge sein. Und dem Publikum steht es eigentlich frei, jederzeit den Ort zu wechseln oder gar vorzeitig zu verlassen. Das kann man als komfortabel in der Kulturmetropole empfinden.

Die Vielfalt, aber auch die Gleichzeitigkeit von mehreren Ereignissen, Lesungen, Podiumsgesprächen, Darbietungen zeichnet das Format Lange Nacht aus. Wer alles mitbekommen wollte, wird scheitern müssen. Immer passiert gleich nebenan oder gegenüber etwas, was man nicht mitbekommen kann. - Auf Bühne 2 wird gerade gelacht, während sich auf Bühne 3 das Gespräch ein wenig dahinschleppt. - Das Versprechen der Vielfalt und der Wahlmöglichkeiten wird insofern immer von der Gleichzeitigkeit durchkreuzt. Deshalb verlangt die Lange Nacht eine gewisse Lässigkeit. Mit dem Rote-Beete-Creme-Brot und Beck’s Gold oder einem Glas Merlot etc. in der Hand schlendert man vom Programmpunkt Seelen bewahren zu Blow-up mit Zsófia Bán, Katharina Raabe und Iris Radisch, die dann gerade leidenschaftlich über das „White-out“ als Erzählwendung und Roland Barthes sprechen, um kurz noch in Geraffte Zeit mit Eike Schönfeld, Laurenz Bolliger und Sabine Peschel hineinzuhören. Weltliteratur der Shortlist im Zeitraffer.

Dany Laferrière, geboren 1953 in Port-au-Prince, wurde anagrammatisch bei Yoko Tawada zu  Reine Lady Farre. Das lässt sich hybrid und post-kolonial lesen als eine unhintergehbare Verknüpfung von Deutsch, Englisch und Französisch. Haiti als Herkunftsland Dany Laferrières, das sich bereits 1804 von Frankreich als unabhängig erklärt hatte, erlebte im Januar 1914 eine Invasion von englischen, amerikanischen und deutschen Truppen, die ihre jeweilige Zivilbevölkerung bei Unruhen beschützen sollte. Amerikanische Truppen wurden stationiert. Insofern Haiti nicht zuletzt mit Heinrich von Kleists Erzählung Die Verlobung von St. Domingo, die zu „Port au Prince“ spielt, frühzeitig die Frage des Geschlechts u.a. bezüglich der Herkunft als literarisches Thema aufwirft, wird das Anagramm zum Wink.

Laferrières Roman Das Rätsel der Rückkehr beginnt mit einem Telefonanruf, der den Tod des Vaters mitteilt. Doch das Genre Roman wird von Anfang an mit dem Titel Der Anruf und dem schroffen, wiewohl poetischen Erzählton und einem Druckspiegel für Gedichte durchbrochen. Das Rätsel der Rückkehr springt zwischen den Zeiten, beschwört das Schreiben und Erzählen und eröffnet gleichzeitig eine literarische Vielschichtigkeit. Die Eröffnungssequenz ist hoch komponiert und schlägt einen Ton an, der in Variationen über 61 Abschnitte oder mit eigenem Titeln von Der Anruf bis Der letzte Schlaf durchgehalten wird.   

Die Kunde schneidet die Nacht entzwei. 

Die fatale Nachricht am Telefon, 

die jeden Mann reiferen Altern  

einmal erreicht. 

Mein Vater ist soeben gestorben.[4] 

Dany Laferrière, der mit seinem Roman vom Tod des Vaters und der Unmöglichkeit einer Autobiographie wie Biographie erzählt, den Roman passagenweise aus einer Gedichtsammlung eines Ich-Erzählers komponiert, der von Herkunft und Rückkehr im Exil schreibt, ist am 12. Dezember 2013 auf das Fauteuil 2 in der Académie française nachgerückt, das von 1728 bis zu seinem Tod 1755 Montesquieu inne hatte. Das Rätsel der Rückkehr ist der erste Text, der von ihm in deutscher Sprache erscheint. Gedichtartige Passagen wechseln mit längeren Prosa-passagen. Die Ordnung des Genre Roman wird kunstvoll und witzig hintergangen.

Das Aufnahmegerät läuft. Im Grunde schreiben Sie nur über Identität? Ich schreibe nur über mich. Das haben Sie schon mal gesagt. Offenbar hat es keiner gehört. Haben Sie den Eindruck, dass man nicht auf Sie hört? Die Leute lesen, um sich selbst zu suchen, nicht um jemand anderen zu finden. Haben Sie Paranoia? Davon hat man nie genug. Denken Sie, dass Sie einmal um Ihrer selbst willen gelesen werden? Das war meine letzte Illusion, bevor ich Sie traf. Sie kommen mir in der Realität anders vor. Sind wir uns schon mal in einem Buch begegnet? Sie sammelt ihre Sachen mit der gelangweilten Miene auf, die dir einen sonnigen Tag verderben kann. (Das Exil, S. 31)

 

Mehrdeutigkeiten machen einen literarischen Zug von Laferrières Roman aus. Die Kneipenszene mit der jungen Reporterin, die für Gratiszeitungen arbeitet, kommt einerseits trostlos und banal daher, andererseits ließe sich ein Bogen zur Frage der Identität und dem Schreiben schlagen. Die Szene erinnert auch an eine Vergeblichkeit des Schreibens. Schreiben für nichts. Was heißt schreiben und was lesen, wenn „die Leute lesen, um sich selbst zu suchen“. Mit dem großen Projekt des Romans wird in der Kneipe im Gespräch mit der Gratiszeitungsreporterin illusionslos aufgeräumt. Schreiben macht nicht besser und bringt schon gar keinen Lebensunterhalt. L'enigme du retour ist Wieder- und Umschrift von Aimé Césaires Cahier d'un retour au pays natal (1939). Die Lektüre des Cahier taucht in der Erzählung immer wieder auf, ohne dass Laferrière etwas von seiner Lektüre verraten würde. Kunstvoll umgeht er sie.

Ich las im Schatten gerade Césaire („Erde, den großen Schoß zur Sonne gereckt“), als sich mein Neffe heranschlich wie eine Katze. Wie ist es?, schießt er plötzlich los. Was? Woanders zu leben. Ach, dort ist es für mich genauso geworden wie hier. Aber es ist doch nicht die gleiche Landschaft. Ich habe das Ortsgefühl verloren... (Nach Süden, S. 253)       

 

Die Lektüre des Cahier als Schlüsselerzählung der Negritude findet im Schreiben des Romans selbst statt. Und das fast beiläufige Zusammentreffen mit dem Neffen, den das Cahier nicht interessiert, durchkreuzt ebenso die Frage der Herkunft, des Exils und der Verortung. Das Rätsel der Rückkehr lässt sich auf mehreren, vielen Ebenen lesen. Doch wenn dem Ich, das „Ortsgefühl verloren“ gegangen ist, dann wird damit auch The Location of Culture (Homi K. Bhabha) beantwortet. Die Lektüre ihrerseits findet nicht als Aussage, sondern Erzähl- und Schreibprozess statt. — Weil es aber die beiläufigen Szenen und Erzählungen sind, kann man sich dem bei Dany Laferrière nie sicher sein.     

 

Torsten Flüh

 

6. Internationaler Literaturpreis 

3. Juli 2014 

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[1] Vgl. Zitat von Heike Bartel nach Briefzitat Goethes „Ich bin […] der nachdenkliche Leichtsinn“. In: Bartel, Heike; Keith-Smith, Brian: ‘Nachdenklicher Leichtsinn’. Essays on Goethe and Goethe Reception. New York. 2000. p. ix

[2] Zitat aus der Festrede laut Veröffentlichung durch den Tagesspiegel am 4. Juli 2014

[4] Laferrière, Dany: Das Rätsel der Rückkehr. Roman. Aus dem Französischen von Beate Thill. Heidelberg 2013. S. 11