Das Nachleben der Diskursfriedhöfe - Falk Richters Fear an der Schaubühne am Lehniner Platz

Angst – Theater – Tanz 

 

Das Nachleben der Diskursfriedhöfe 

Falk Richters Fear an der Schaubühne am Lehniner Platz 

 

Die Causa Fear ist noch frisch. Der Theaterskandal kaum beendet. Erst am 11. Mai 2016 zog die AfD-Politikerin Beatrix von Storch die Berufung gegen das Urteil des Berliner Kammergerichts zurück. Beatrix von Storch hatte gegen die Schaubühne am Lehniner Platz wegen des Stücks Fear von Falk Richter auf Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte und der Menschwürde geklagt. Erstinstanzlich hatte das Kammergericht nach einer einstweiligen Verfügung im Dezember bereits im Januar entschieden, dass die Darstellungen und Zitate Beatrix von Storchs im Stück unter den Schutz der Kunstfreiheit fallen, wie die Schaubühne argumentiert hatte. Beatrix von Storch und Hedwig Freifrau von Bevervoerde hatten für einen lange nicht dagewesenen, politischen Theaterskandal gesorgt.

Am Mittwoch lief Fear wieder in der Schaubühne. Tosender Schlussapplaus. Es geht um die Angst, die in Deutschland kursiert. Mit ihr wird konservative Politik gegen ein imaginäres `68 gemacht. Fear hatte Premiere am 25. Oktober vergangenen Jahres. In einer aktuellen Kombination aus Agitprop, Tanztheater, Medienkolportage und Street Art wird das Thema Angst vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert inszeniert und verhandelt. Ein Totentanz der anderen Art. Gerade wünscht sich der Chefideologe der AfD und Akademische Rat für Philosophie der namhaften Karlsruher Hochschule für Gestaltung, Marc Jongen, im Zeit-Interview die Rückkehr des „lebendige(n) Geist(s)“ nach „einer historischen Phase der Differenz“ und des Geists als ein „Spuk“ bei Jacques Derrida.


Screenshot (Torsten Flüh): Trailer Fear (Julia Elger) 

Nach der Vorstellung kam es in einer Schöneberger Wohnung zu einem Gespräch über Fear und Ängste.[1] Mit Aplomb warf einer der Herren, der eine ganze Bibliothek in einem einzelnen Zimmer sein Eigen nennt, ein Theorie-Leser seit Adorno, in die Gesprächsrunde, dass die Universitäten keine Theorien und Analysen mehr böten. Stimmt das? Geht es mit dem Führungspersonal der AfD und ihrer Wählerinnen um Unkenntnis? Wird die AfD gewählt, weil das Geschichtsbewusstsein und die Kritische Theorie nicht bekannt sind?


Screenshot (Torsten Flüh): Trailer Fear (Julia Elger) 

Erstens stimmt das so nicht, weil die Medien zu jedem Thema einen Universitätsmitarbeiter als Experten befragen. Zweitens ist der AfD-Politiker Björn  Höcke Oberstudienrat für Geschichte aus Nordrhein-Westfalen. Drittens geht es mit dem medienpräsenten Spitzenpersonal der AfD um eine konservative, akademische Bildungselite. Das Gründungsmitglied Olaf Henkel war Präsident der Leibniz-Gesellschaft. Frauke Petry ist als Hochbegabte von der Studienstiftung des Deutschen Volkes gefördert und jung promoviert worden. Bernd Lucke ist Professor für Makroökonomie in Hamburg. Marc Jongen, lehrt an einer der führenden Universitäten Deutschlands Philosophie. Beatrix von Storch ist promovierte Juristin und kommt als geborene Herzogin von Oldenburg und der Linie der Grafen von Schwerin aus den ältesten, weitverzweigten Adelsgeschlechtern nicht nur Deutschlands, sondern Europas.


Screenshot (Torsten Flüh): Trailer Fear (Julia Elger) 

Die AfD hat das Geschlecht in seiner, der deutschen Sprache eigenen Bedeutungsvielfalt von Herkunft wie z.B. Adelsgeschlecht, biologischem Geschlecht in seiner dichotomisierten Norm von Mann und Frau, Geschlechterrolle als Mann oder Frau, Geschlechtspraxis als Sexualität – „Gegen Sexualisierung“ -, religiöser Zugehörigkeit, „Mentalität“, Rasse, Nation, Heimat, Familie, Ort und Namen wie im Namen der Adelsgeschlechter zum Schlachtfeld konservativer Parteipolitik gemacht. Der Autor und Regisseur Falk Richter reagiert darauf mit seinen Performern, indem er den Sprachmüll aus kaum syntagmatisch ausformulierten, überhasteten Sätzen aus den Medien und von Demonstrationen wie der „Demo für alle“ in harten Schnitten montiert.


Screenshot (Torsten Flüh): Trailer Fear (Julia Elger) 

Beatrix von Storch widmet Falk Richter in der Sequenz Zombie II eine auch genealogische, kabarettistisch verfremdete Erzählung. Die Geschichte und das Wissen von der Geschichte kommen als gruseliges Kabarett in Fear vor, indem die von den Konservativen instrumentalisierte Geschichte gegen sie gewendet wird. „Enkelin von Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk, Reichsfinanzminister von 1932-1945, ab 1933 unter Adolf Hitler.“ Johann Ludwig Graf Schwerin wurde am 14. April 1949 im Wilhelmstraßen-Prozess zu 10 Jahren Haft als Kriegsverbrecher verurteilt, wie sich selbst auf Wikipedia nachlesen lässt. Für das politische, administrative Handeln von Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk war das Denken in den Begriffen von Heimat, Rasse, Identität, Deutschland, Familie verbindlich. In der Sequenz True Detective heißt es: 

uns rutscht alles weg, unsere heimat, unsere identität, unser gefühl dafür, wer wir sind und was deutschland ist, kein fester boden mehr unter unseren füßen, deutsch sein deutsche werte deutsche ehe deutscher mann deutsche frau deutsche familie deutsche heimat deutsche seele deutsche gefühle WAS IST DENN DAS WER SAGT UNS DAS WER GIBT UNS ANTWORTEN WER HÖRT UNS ZU?[2]


Foto: ©Arno Declair

Die Frage „WER HÖRT UNS ZU“, die Falk Richter in dem überhasteten Sprechen, in einen Wortschwall einbaut, ist nicht zuletzt die zentrale Frage in der Inszenierung von Thomas Bernhards Roman Das Kalkwerk im Studio der Schaubühne mit Felix Römer als Konrad gewesen. Wenn mir nicht zugehört wird, verwandle ich mich in ein Monster und zwinge wenigstens meine Frau in einer „Studie“, mir zuzuhören, lautete die Logik Konrads schon in den 70er Jahren. Die geradezu als Selbstgenuss artikulierten Wort- mehr denn Sprachkaskaden auf der Straße, stehen den Reden und Interviews des politischen Spitzenpersonals entgegen. Das sagt wie gerade Marc Jongen im Gespräch mit Jens Jessen und Ijoma Mangold „Mentalität“, wenn der Begriff „Rasse“ aufgespart werden soll, und von der „Zukunft unseres Landes“ spricht, wenn er Nation und Nationalismus sagen möchte.[3]


Screenshot (Torsten Flüh): Trailer Fear (Julia Elger) 

Es geht gerade nicht um eine Flüchtlingskrise, eine vermeintliche Islamisierung des Abendlandes und islamistischen Terror, sondern erstens um einen geradezu entfesselten, sexistischen, ja, sexuellen Selbstgenuss als Artikulation von Angst. Zweitens wird eine Wiederkehr autoritärer Machtverhältnisse verbalisiert, wie sie im Programmheft zu Fear von „Pediga-Alina“ anlässlich eines Besuches von Angela Merkel in einem Flüchtlingsheim in Heidenau am 27. August 2015 transkribiert wird. Die sprachliche Entgleisung wird gerade durch die Wiederholung gesteigert und genossen. 

Fotze! 

Kuck hin, da ist sie! 

Volksverräterin! Du blöde Schlampe! 

Zeig dein hässliches Gesicht Gesicht! 

Volksverräter, Volksverräter! 

Du dumme Fotze! 

Komm ruhig her! Komm ruhig her, zeig deine hässliche Fresse! Fotze. 

Ja, steig ruhig ein in deine hässliche Kutsche! 

Und du, fotographier mich nicht! 

Du hast doch n Piepmatz, oder was! 

Es klatscht gleich! 

Keen Beifall! 

Es klatscht gleich Beifall! 

Jetzt fährt sie weg. Das elende Mistvieh! 

Verpiss dich du Hure, du elende Fotze! 

Du elende Fotze! Hör auf mich zu fotografieren! 

Fick dich, du Fotze, DU FOTZE, du elende Fotze, HURE! 

Hure! Hure! Verpiss dich! Du Nutte! 

Fotze. Dumme Hure.[4]  


Foto: ©Arno Declair 

Fear beginnt leise, sprachlos im Tanz. Falk Richter hat mit Denis Kuhnert, Frank Wilkens und Jakob Yaw eine treffende Choreographie entwickelt. Bevor die verräterischen wie verführerischen Wortkaskaden der Angst losbrechen, winden sich Jakob Yaw, Denis Kuhnert und Frank Wilkens am Boden um das Gestänge der Plattformen (Bühne Katrin Hoffmann). Das Sich-Winden erinnert sowohl an eine Embryonalhaltung wie an ein Kauern vor Angst. Bevor das Sprechen beginnt, gibt es eine unaussprechliche Angst. Eine existentielle Angst und Angst vor der Existenz wie Jacques Lacan sie formuliert hat, als er im Seminar formulierte: „Wenn wir in diesen Text hineingehen, werden Sie genau das sehen, was im Bezug auf die Angst zu sehen ist, nämlich, dass es kein Netz gibt. Wenn es um die Angst geht, hat jede Masche, wenn ich das so sagen kann, nur dadurch Sinn, dass sie die Leere belässt, in welcher es die Angst gibt.“[5] In der Leere gibt es die Angst. Weshalb die artikulierte Angst niemals die Angst ist. Sie ist bereits im Begehren verstrickt.


Screenshot (Torsten Flüh): Trailer Fear (Julia Elger) 

Die Inszenierung knüpft im Programmheft dramaturgisch nicht zuletzt an Heinz Budes Buch Gesellschaft der Angst (2014) und an Heiner Müllers Gesammelte Irrtümer 3 (1994) an. Die Struktur des Begehrens spielt auch für Heinz Bude eine wichtige Rolle, wenn er im Abschnitt „Die Angst der Anderen“ die Frage stellt: „Wer hat hier Angst vor wem?“[6] Die Angst um das Eigene, auch um eigene Errungenschaften, die einer temporalen Prozessualität unterliegen, generiert nach Bude immer auch die Angst der Anderen. Dabei wird paradoxer Weise das Fremde als Einheit halluziniert, die das Eigene bedroht. Es gibt den Islam nicht, keinen einheitlichen. Der Islam kennt keinen Papst. Ebenso wenig gibt es eine Einheit der Flüchtlinge, unter denen jede und jeder um sein Überleben kämpfen muss. Trotzdem werden die Flüchtlinge als Einheit, „eine Invasion“, wahrgenommen, weil sie das Eigene anrufen und gefährden. 

Die Deutschen sind als abgeschlossene Einheit genauso wenig darstellbar wie die Osmanen oder die Araber oder die Europäer. Dies sind letztlich abstrakte Bezeichnungen, die zwar mit großen Gefühlen aufgeladen werden, aber außerordentlich variable konkrete Zuordnungen verdecken. […] 

Im Augenblick geht es darum, keiner der beiden gedachten Seiten ihre Angst zu verbieten. Dann ist für die Beteiligten vielleicht zu erkennen, dass die Angst ums Eigene sofort die Angst der Anderen provoziert.[7]  


Screenshot (Torsten Flüh): Trailer Fear (Julia Elger) 

Man muss die „Angst ums Eigene“, wie sie Heinz Bude formuliert, noch einmal zuspitzen, weil beispielsweise niemand vielfältiger ist als „die“ Homosexuellen, was zumindest ansatzweise mit der Ausstellung HOMOSEXUALITÄT_EN im Deutschen Historischen Museum deutlich gemacht geworden ist. Niemand kann sich besser über die Darstellung, über die Repräsentation von Homosexualität streiten und zerstreiten, als jene, die sich als Homosexuelle adressiert und angesprochen fühlen. Trotzdem und sehr wahrscheinlich aus politischem Machtkalkül hat sich Falk Richters Protagonistin Beatrix von Storch prominent gegen eine vermeintliche Homo-Mafia in Berlin positioniert. Die Macht, die sie bei den Homosexuellen in Berlin halluziniert, weil es u. a. einen schwulen Regierenden Bürgermeister gab, kann sich mitnichten auf eine Einheit der Schwulen, Lesben, Trans und Inter berufen. Doch um die beanspruchte, weil begehrte Macht namhaft und benennbar zu machen, wird ein vermeintlich von der Geschichte legitimiertes „Volk“ gegen ein „EU-Volk“ aufgerufen und für einen autoritären Demokratiebegriff eingesetzt. 

Demokratie heißt Herrschaft eines Volkes, nicht der Völker. Wir haben kein EU-Volk.[8]  


Foto: ©Arno Declair 

Die sprachlichen Operationen, mit denen die Ideologen der AfD mit Begriffen zwischen Volk und Schießbefehl, zwischen Eigenem und `68, zwischen Land und Differenz, Mentalität und Rasse arbeiten, setzen auf Revision. Sie beanspruchen einen Konservativismus, der die Zeit vor 1968 als eine bessere, ja, natürlichere und naturgegebene Gesellschaftsordnung propagiert. In dem Interview mit Marc Jongen werden die Begriff der Sprache, die Gefährdung der deutschen Sprache und Kultur als entscheidende Bereiche des Eigenen besonders stark strapaziert. So argumentiert er mit dem uralten Beispiel, „dass wir am Ende die eigene Sprache gar nicht mehr sprechen – wie schon heute in manchen Studiengängen an deutschen Universitäten“. Die eigen(st)en Sprachen der deutschen Universitäten und Akademien im 19. und 20. Jahrhundert waren Latein und Altgriechisch, Herr Jongen!


Foto: ©Arno Declair 

Paradoxerweise wird von Jongen Europa als Kulturmodell in Zweifel gezogen, während er gleichzeitig vom christlichen Abendland als das Eigene spricht. Das Eigene und das Eigentumsrecht, die sich bekanntlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausbilden, wie mit den Tagebüchern von Volker Braun besprochen wurde, werden von Jongen mit einer Definition von Kultur verbrämt, die sich letztlich genealogisch-rassistisch formulieren muss, weil sie sich gegen Europa mit einer nationalstaatlichen oder gar folkloristisch-regionalen Kultur – Südtirol im Interview – abgrenzt. 

Soweit ich sehe, ist das eine Jugendbewegung, die den Identitätsaspekt in jugendlichem Überschwang geradezu glorifiziert. Ich würde mich dem nicht anschließen wollen, weil zweifellos ein verkürztes Verständnis von Kultur dahintersteht, aber ich sehe es trotzdem mit Sympathie, weil da versucht wird, das aus dem Lot geratene Gebilde der europäischen Kultur von Identitätsseite her zu korrigieren.[9]  


Screenshot (Torsten Flüh): Trailer Fear (Julia Elger) 

Falk Richter trifft mit seinen Texten und seiner Inszenierung sehr genau die Figur des Zombies als Rückkehr eines Untoten. Dabei sind Zombies weniger Individuen als Sprach- und Handlungsmuster. Zombies treten mit Vorliebe als entindividualisierte Gruppen, die zerfleddert aus Gräbern steigen, auf. Das marginalisierte Denken und Reden der politischen Rechten von Marine Le Pen in Frankreich über Geert Wilders als Gastredner bei Pediga und AfD bis Frauke Petry, Beatrix von Storch, Hedwig Freifrau von Bevervoerde und Eva Hermann kehrt insbesondere mit totgeglaubten Redefiguren wieder. Das Sprachmaterial der Rechten ist in der Regel weniger originell als die philosophischen Verschachtelungen Marc Jongens, die Klartext zu reden beanspruchen, ohne Nation, Rasse, Familie, Heimat, ja, Faschismus zu sagen. 

die untoten steigen aus ihren gräbern und belagern die fernsehstudios, das internet die kommentarspalten sie lungern vor flüchtlingsheimen herum oder spazieren durch dresden leipzig und stuttgart sie gründen parteien und vereine zur re-zombieisierung des abendlandes. da sitzen sie und reden in unverständlichen zusammenhanglosen sätzen all ihre untotensätze die schon mit dem ende des zweiten weltkrieges untergegangen sind und begraben liegen unter den massenvernichtungsanlagen und leichenbergen der schlachtfelder aber sie kriechen alle wieder aus den gräbern der diskursfriedhöfe und stolpern mit blutleeren augen durch die öffentlich rechtlichen fernsehanstalten die internetforen die blogs die kommentarspalten und durch die verwaisten straßen der zusammenbrechenden leblosen landschaften fernab unserer wahrnehmung. der zombie irrt nicht wie einst in „DAWN OF THE DEAD“ verloren durch die shopping malls und knallt mit dem kopf gegen konsumgüter, er irrt durch die kommentarspalten der internetforen und facebookposts …[10]


Screenshot (Torsten Flüh): Trailer Fear (Julia Elger) 

Die Sprachlichkeit des Zombies – „diskursfriedhöfe“ – in Talkshows, Internetforen und Facebookposts, ja, sogar im Feuilleton der ZEIT, entspringt nicht der Angst vor Flüchtlingen, islamistischem Terror oder dem Untergang des Euro. Vielmehr entspringt sie einer Angst, sich durch Sprache nicht des Lebens versichern zu können, nicht gehört zu werden. Die außerordentlich hohe Frequenz der Kommentare in den Social Media, bei denen dann im Fall von Beatrix von Storch schon einmal die Maus ausgerutscht sein kann oder Alexander Gauland nicht gesagt haben will, dass viele Menschen Boateng nicht als Nachbarn haben wollen, gibt wenigstens einen Wink darauf, dass die Sprache der Kommentarspalten sich bisweilen an der Grenze des Legalen verselbständigt. Der faschistische Genuss an der Sprache wie er sich mit Roland Barthes Antrittsvorlesung vom 7. Januar 1977 am Collège de France formulieren lässt, spielt beim Posten, Aussagen und „Zurückrudern“ eine wichtige Rolle. Der Facebookpost von Beatrix von Storch u. a. entspringt einem Zwang zum Sagen, zum Aussagen, „denn Faschismus heißt nicht am Sagen hindern, er heißt zum Sagen zwingen“.[11]


Screenshot (Torsten Flüh): Trailer Fear (Julia Elger) 

Wenn man sich dafür interessiert, welche Seminare Marc Jongen in den letzten Jahren in Karlsruhe veranstaltet hat, fällt sein Philosophie-Seminar „Figuren des Untoten im zeitgenössischen Denken“ auf. Er formuliert in der Ankündigung eine etwas ungewöhnlichen Leseweise von Derridas Hantologie gegen diesen mit einer Lebenslogik. Die Ankündigung für das Wintersemester 2014/2015 liest sich folgendermaßen: 

Galt im philosophischen (und religiösen) Denken Alteuropas der „lebendige Geist“ als das Medium des Erkennens,—noch Hegel spricht vom „Leben des Geistes“, das „im Tode sich bewahren“ müsse—, so ist das avancierteste Denken heute mit Metaphern und Figuren des Untoten bevölkert. Für Jacques Derrida ist der Geist ein Spuk zwischen den Signifikanten, Slavoj Zizek deutet den Zombie als Verkörperung des freudschen Todestriebs, Boris Groys vergleicht die Philosophen mit Vampiren, die ihre Leser heimsuchen, Giorgio Agamben sieht im „Muselmann“, dem auf einen „lebenden Toten“ reduzierten KZ-Insassen, die Conditio humana in der Moderne exemplarisch verwirklicht. 

Im Seminar werden diese und weitere Autoren auf die Frage hin gelesen, ob sich aus ihren Theorien ein „untoter Geist“ als Signatur unserer Zeit extrahieren lässt.[12]


Foto: ©Arno Declair 

Die „Signatur unserer Zeit“ als die des „untote(n) Geist(s)“ will der „historischen Phase der Differenz“[13] auch das „Leben des Geistes“ als „Medium des Erkennens“ entgegensetzen. Dies geht allerdings nur mit einer Hegel-Lektüre, die als Lebens- und Biopolitik verstanden wird. Wer derart um das Leben ringt und die Philosophie von sprachlichen Prozessen abkoppeln will, um das Leben wieder in Worte fassen zu können, landet entweder in den Algorithmen des Internets der Dinge oder in Züchtungsphantasien des Lebensborns. Es muss hier derart zugespitzt formuliert werden, weil der Philosoph Marc Jongen aktive und politisch wirksame Lebensphilosophie des Erkennens als AfD-Politiker und Kandidat betreiben will und betreibt. Mit einer positivistischen Lebensphilosophie gegen „Islamisierung“ kehrt indessen Jongen als Zombie und Oswald Spengler von Karlsruhe wieder.    

 

Falk Richter dockt mit seinem Schreibverfahren an Heiner Müller an. Der Theatertext ist mehr eine Textmontage als originaler Dramentext. „Heiner“ wird von Kay (Kay Bartholomäus Schulze) in „Landschaften“ angerufen. Aber Heiner hat auch keine Antwort auf die drängenden Fragen. Die Fragen nach Heimat, Geschichte und Kultur werden auf die Spitze getrieben. Doch, „Heiner sag mal was bitte“, antwortet nicht. Vielleicht hatte Heiner nie Antworten parat. Aber im Fragenstellen wie in Zement war er so gut, dass er verboten werden musste. Erst verspätet wird dann Zement am Gorki wieder aktuell. Es ist wohl eine falsche Erwartung von Kay, dass „diese DDR Intellektuellen“ Antworten gehabt hätten. Der Kulturverlust wird von Kay mit den „Ureinwohnern Australiens“ imaginiert. 

da hab ich mal so eine Doku gesehen wie die so vor sich hinvegetieren in ihren Slums nichts zu tun haben keinen Bezug mehr haben zu irgendeiner Art von Kultur jede eigene Kultur verloren haben keinen Bezug mehr haben zu der verlorenen alten Kultur ihrer Ahnen und keinen Bezug haben zu dieser neuen schnellen Kultur, die ständig in Bewegung ist, komplett aus der Zeit gefallen sind, nicht gebraucht nur noch so weggeschafft werden in so kaputte Landschaften wo sie dann rum liegen und Klebstoff schnüffeln …[14]    


Screenshot (Torsten Flüh): Trailer Fear (Julia Elger)

Das Versprechen der „blühenden Landschaften“ wird im Sprachfluss über den Kulturverlust der australischen Ureinwohner fatst beiläufig in „kaputte Landschaften“ gewendet. Der DDR-Bürger wird zum australischen Ureinwohner und umgekehrt. Heiner und „diese DDR-Intellektuellen“, die ja auch irgendwie schuld am Untergang der DDR und ihrer Kultur sind, antworten partout nicht. Diskursgeister, die Früher heißen. Früher war mehr Einheit. Das sah Heiner sicher nicht so. Trotzdem wird er gern als Zeuge aufgerufen. Falk Richter arbeitet und verarbeitet in Fear derartige Sprachgesten und Redeweisen. Kay ist keine Theaterrolle. Kay Bartholomäus Schulze spricht eher, was als Sprachmaterial kursiert. In Fear gibt es keine Rollen. Lise (Lise Risom) spricht mehr, als dass sie Zombie I spielt. Trotzdem ist Fear als Inszenierung und Theater schnell, unterhaltsam und hintergründig.

 

Auf das Zombie-Kabarett schneidet Falk Richter Guerilla Gardening und Hippie-Revival zur Guitarre. Guerilla Gardening trifft auf Comedy-Dauersendung, wo das politische Tages- oder Wochengeschehen in der Heute Show zerlacht wird, das Abgeordnete des Deutschen Bundestages auf Facebook likend teilen, um Wählerstimmen zu generieren. Die Sprechweisen des Ensembles oder Teams ändern sich. Freigelegt werden muss erst einmal das Twitter- und Facebook-Verhalten von Politikerinnen, die bisweilen Praktikantinnen und Mitarbeiterinnen für die Präsenz in den Social Media einsetzen. Die Präsenz und Like, Share und Post, Follower sind heute politisch überlebenswichtig. Selten, nie zuvor waren Wählerinnen und Parteifreundinnen so nah dran am Politikerleben wie heute – und dann eben doch gar nicht.    

 

Gelacht wird gegen Schluss von Fear viel. Das Publikum lässt sich in die Comedy mitreißen, weil es Comedy kennt und liebt. Wenn der Abend gut läuft, bleibt das Lachen auch im Halse stecken. Comedy ist brandaktuelle Politik-Praxis. Falk Richter dekliniert in Fear die Sprach- und Medienformate der Angst durch: Talkshow, Demo, Twitter, Facebook, Comedy, Guerilla Gardening, Seedbombs, Serie, Kabarett etc. Die hohe Kunst der Dramaturgie für das Theater und dazwischen Tanz. Weil Zombies zwar fürchterlich sind, aber eben auch Teil der „Populärkultur“, wie Marc Jongen es in seiner Seminarankündigung nennt, und Tote außer in der Literatur und im Kino bislang nicht dabei beobachtet werden konnten, wie sie aus den Gräbern steigen, sind sie vor allem fürchterlich unterhaltsam. Im perfekten, aber nicht allzu ernsthaften Durchspielen der Ängste auf der Theaterbühne vergeht vielleicht sogar die Angst. – Welche Angst?

Liest man noch einmal die Textauswahl im Programmheft zu Fear, dann springt in dem Gespräch von Patrick Landolt mit Heiner Müller vom 24. November 1989 das entscheidende Problem der Moderne als „Gefühl“ überhaupt hervor. Das Verhältnis von Leben und Tod gehört zu den wichtigen Fragestellungen der Philosophie in der Moderne. Marc Jongen macht es nicht nur zum Thema seines Philosophieseminars, es wird zur Scharnierstelle seines politischen Philosophierens und seiner Philosophie als Politik: das Leben als Stärke: „Die AfD wird stark sein, wenn sie avantgarde-konservative Positionen vertritt.“ Das Motto seiner Politik auf seiner Homepage entspringt der Lebensphilosophie. Die Angst, nicht gelebt zu haben, formuliert denn auch Heiner Müller 1989 als „Motiv“ für den „Straßenaufstand“: 

Ein Motiv für diesen Straßenaufstand in der DDR war das Gefühl, das Leben verpasst zu haben durch eine falsche Politik oder einfach durch das Unglück, am falschen Ort geboren zu sein…[15]

Die weiteren Ausführungen von Heiner Müller verorten lediglich das so drängende und schwer auszuhaltende „Gefühl, das Leben verpasst zu haben“.    

 

Torsten Flüh 

 

Fear 

von Falk Richter 

nächste Vorstellungen 

Mit englischen Übertiteln 

23.06.2016, 20.00 - 22.00 

24.06.2016, 20.00 - 22.00 

25.06.2016, 20.00 - 22.00 

27.06.2016, 20.00 - 22.00 

28.06.2016, 20.00 - 22.00 

29.06.2016, 20.00 - 22.00 

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[1] Obwohl das Online-Medium Blog eine temporal-strukturelle Nähe zum Tagebuch aufweist, hält sich der Berichterstatter damit zurück, Namen aus einem semi-privaten Rahmen zu nennen. Das Tagebuch des Berichterstatters dagegen ist ein eher buchhalterischer Kalender, in dem dann auch Namen notiert werden.  

[2] Falk Richter: Fear. 2015. Zitiert aus: Homepage Falk Richter About Artikel 07/05/16 TRUE DETECTIVE aus FEAR.

[3] »Man macht sich zum Knecht« Marc Jongen ist der philosophische Kopf der AfD. In: Die Zeit (Print) Nr. 23, 25. Mai 2016, S. 42.

[4] Zitiert nach: Falk Richter. Fear. Berlin, Schaubühne am Lehniner Platz, 2015, S. 54. („Dieses Video ist nicht mehr verfügbar, weil das mit diesem Video verknüpfte YouTube-Konto gekündigt wurde.“)

[5] Lacan, Jacques: Das Seminar, Buch X. Die Angst/L’Angoisse. Aus dem Französischen von Hans-Dieter Gondek. Wien-Berlin: Verlag Turia + Kant, 2010, S. 19. (Siehe auch: Torsten Flüh: Hardcore Schnitt für Schnitt. Gespräche der Karmelitinnen von Francis Poulenc an der Komischen Oper Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 28. Juni 2011 22:20.

[6] Zitiert nach: Falk Richter. Fear … [wie Anm. 4] S.

[7] Ebenda S. 20/21.

[8] Ebenda S. 89.

[9] »Man macht …« … [wie Anm. 3]

[10] Falk Richter … [wie Anm. 2] 07/05/16 LISE aus FEAR

[11] Roland Barthes: Leçon/Lektion. Frankfurt am Main: edition suhrkamp, 1980, S. 19.

[13] »Man macht …« … [wie Anm. 3]

[14] Zitiert nach: Falk Richter. Fear … [wie Anm. 4] S. 85.

[15] Ebenda S. 24.