Wow! - Yma - zu schön, um wahr zu sein im Friedrichstadt-Palast

Show – Friedrichstadt-Palast – Superlativ

 

Wow!

Yma – zu schön, um wahr zu sein im Friedrichstadt-Palast

 

Yma wird vom Publikum gefeiert. Yma ist erotisch, waghalsig, mit Dynamit geladen.

Zur Premiere zauberte der oberste Bühnenbildner und Lichtdesigner einen exklusiven Regenbogen für Yma über die gesamte Front des Friedrichstadt-Palastes. Wenn das kein gutes Omen war. Er weiß eben: Licht ist alles. Oder war es einfach die Gunst der Stunde?

 

Yma strahlt, glitzert und lächelt an diesem 2. September mit deutscher Präzision und einem Feuer aus Talent und Leidenschaft. Wer ist diese Yma? Ausgesprochen wird Yma als Ima, das klingt positiv. Yma ist eine Frau. Eine zu schöne, zu grazile, zu perfekte Frau. Sie ist zu schön, um wahr zu sein.

Was das Bild der Frau als dessen Zuviel übersteigt, ist die Fantasie, die der Mann sich von einer Frau macht. Nicht zuletzt deshalb wird die Überbietung des Bildes der Frau oft von einem Mann verkörpert. Wenn der Mann dann auch noch einen betörenden Sopran bieten kann, dann ist die Illusion perfekt.

 

Renee in der Rolle der Yma ist ein Sängerdarsteller der Sonderklasse. Perfekte Stimme, perfekter Körper, perfekte Bewegungen. Soviel Perfektion kann fast Angst machen. Denn der Zuschauer sieht sich mit einer perfekten Grenzüberschreitung der geschlechtlichen Erfassung akustisch und visuell konfrontiert.


Foto: Stefan Gustavus                                      

Travestie ist, wenn unter dem zu schönen Schein der Frau der Mann durchschimmert. Dies ist weder visuell noch akustisch der Fall bei Renees Yma. Andreas Renee Swoboda geht einen entscheidenden Schritt weiter. Er lässt die Travestie hinter sich und schafft ein exklusives Frauen-Modell.

 

Yma wird durch Renee eine moderne Diva à la Lena Meyer-Landrut. Das kleine Schwarze von Yma ist einen Tick mondäner. Ist ja auch von Michael Michalsky. Yma ist eine noch mädchenhafte Frau, die ihre Nächte in den weltbesten und freizügigsten Clubs wie dem Berghain am Ostbahnhof so erfolgreich gemanagt hat, dass sie trotzdem immer noch von der Ehe träumt und bei Stimme ist.


Foto: Stefan Gustavus

Woher kommt diese Show-Fantasie von einer Frau? Die Revue-Frau hat ihre Ursprünge in Fritzi Massary (1882-1969), die in der zweiten Hälfte der Zwanziger Jahre in den sogenannten Massary-Operetten im Berliner Theater in der nahen Charlottenstraße oder dem Großen Schauspielhaus, dem alten Friedrichstadt-Palast, unter Erik Charell, die Männer um den Verstand brachte. Zu ihren Erfolgslieder gehörten Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben und Josef, ach Josef, was bist du so keusch? aus der Operette Madame Pompadour von Leo Fall. Das waren die Formulierungen, mit denen man eine sexuelle Freizügigkeit ausdrückte. An diese Figuren knüpfen Renee, Jürgen Nass (Konzept, Regie) und Roland Welke (Konzept/Libretto) mit ihrer Yma auf höchst moderne Weise an.

 

Der Name des Stars, der bei der Wienerin Friederika Massary mit Fritzi einen leicht männlichen und deshalb frivolen Beiklang erhält, bleibt ebenso bei dem geschlechtlich doppeldeutigen Vornamen Renee ein fragwürdiger Raum des Geschlechts. Die geschlechtliche Ambivalenz ermöglichte damals wie heute Männern und Frauen die erotische Identifikation mit dem Star. Der Star des Abends, Renee in der Rolle der Yma, erzeugt das erotische Schillern der Inszenierung. Sowohl in dem Namen Yma wie in Renee bleibt das Geschlecht uneindeutig und wird in der Performance zur perfekten Illusion von Frau.


Foto: Stefan Gustavus

Der Intendant des Hauses, Dr. Berndt Schmidt, steht konzeptionell für die Erneuerung und Modernisierung der Friedrichstadtpalast-Shows. Die Anknüpfung an die Glanzzeit der Berliner Revue der 20er Jahre macht nur Sinn in einer tiefgreifenden Modernisierung des Genres. Deshalb bewegt sich der Yma-Sound (Paul Glaser, Tiefschwarz, Martin Wingerath) auch eher zwischen Rock, Pop und Rap. Aber das auf einem Live-Niveau, das seinesgleichen sucht. Meike Jürgens, Anja Krabbe und Koffi Missah sind Sängerdarsteller der Spitzenklasse. Alle musical- und gesangserprobt.     

 

Yma ist eine Show der Superlative. Mit 100 Mitwirkenden auf der Bühne ist sie größer als KÀ im Hotel MGM Grand in Las Vegas. KÀ vom internationalen Zirkus-Show-Marktführer Cirque du Soleil hat allerdings 150 Millionen Dollar gekostet. Für Yma standen 8 Millionen € zur Verfügung, was allerdings die höchsten Produktionkosten des Hauses in seiner Geschichte waren. Die besten Shows der Welt, die in Las Vegas laufen, sind der Maßstab, an dem sich der Friedrichstadt-Palast misst, messen lassen will und muss.


Foto: Stefan Gustavus

Selbstbewusst sieht sich Schmidt mit der neuen Show vor London oder Paris, weil in London vor allem Musicals aufgeführt werden und die Pariser Shows des Lido oder Moulin Rouge tief in den 60er Jahren stecken geblieben sind. The Show-Palace, wie sich der Friedrichstadt-Palast international nennt, will und kann in der weltweiten Spitzenliga der Shows mitspielen. 

Nicht zuletzt verdankt Berlin den Superlativ im Showbusiness der DDR. Der Superlativ ist immer ideologischer Natur. Der Friedrichstadt-Palast ist für sich ein Superlativ, den der Sozialismus hervorgebracht hat. Die größte Theaterbühne der Welt mit einer bespielbaren Gesamtfläche von 2.854m² ist dem Streben des real existierenden Sozialismus und seinem Führungsanspruch in der Endphase des sozialistischen, deutschen Staates der 80er Jahre zu verdanken. Am 27. April 1984 wurde der neue Friedrichstadt-Palast mit der weltweit größten Theaterbühne in der Friedrichstraße eröffnet. 5 Jahre später verlor die sozialistische Führung ihr Volk.

Der alte Friedrichstadt-Palast lag sozusagen schräg gegenüber am Schiffbauerdamm. Er war als das Große Schauspielhaus 1919 von Hans Pölzig erbaut worden. Legendär war die expressionistische Tropfstein-Architektur des Zuschauerraums. Sie kehrt noch schemenhaft in den zylindrischen Leuchtkörpern des neuen Theaterbaus wieder.  

 

Neben anderen Veranstaltungen nach 1945 fand im Alten Friedrichstadt-Palast am 21. Januar 1953 eine große Lenin-Gedenkfeier zum 29. Todestag W. I. Lenins statt. Der Sozialismus transformierte kurzer Hand das Revue-Theater zum Polit-Zirkus. Der Zuschauerraum soll 5.600 Plätze gehabt haben, was im Vergleich mit den 1.895 Plätzen des Neuen Friedrichstadt-Palastes eine beeindruckende Größe gewesen sein muss. Das Berliner Publikum der Zeit zwischen 1890 und 1945 war doch erheblich größer. Es gab auch noch kein Fernsehen und Talkshows mit Thilo Sarrazin.

Erik Charell war mit seinen neuartigen Revuen der Zwanziger Jahre der künstlerische Leiter des Großen Schauspielhauses. Er muss also den Nerv der Zeit getroffen haben, um den riesigen Zuschauerraum zu füllen. Wie füllt man einen Superlativ?

 

Die landläufige Vorstellung vom Superlativ entspricht der Pyramide, an deren Spitze er steht. Michel Serres hat in Der Parasit die Pyramide auf den Kopf gestellt. Denn durch die Spitze muss alles hindurch. Die Spitze des Superlativs ist mit Serres eine „Mündung“, durch die das Breite, die Masse hindurch muss.

Der Superlativ von Yma – zu schön, um wahr zu sein ist nicht zuletzt der Werbung geschuldet. Der Superlativ funktioniert in den Kanälen der Presse, weshalb BILD nicht zuletzt ein reines Medium des Superlativs genannt werden darf. Die Breite der BILD-Zeitung oder der Superillu ist schmal oder dünn, wie man will. Aber man erreicht damit Viele und öffnet Kanäle, um einen neuen Superlativ hervorzubringen. Die Größe der Bühne, der Superlativ muss gefüllt werden.

Yma, die Show des Superlativs, mit den meisten Mitwirkenden auf der größten Theaterbühne der Welt mit dem größten Theaterportal immerhin des europäischen Kontinents muss in der Breite angelegt werden. Deshalb decken die 26 Stationen oder Nummern der Show von der Ouvertüre und dem fulminanten Get The Party Started über Michael Joe Jacksons laszives Muscles und Herbert Grönemeyers Männer bis Marianne Rosenbergs Marleen und schließlich This Is My Life ein besonders breites Spektrum ab.      

Auf die Mädchenreihe, the Girl’s Line, kann und darf im Friedrichstadt-Palast nicht verzichtet werden. Sie kommt in der ironischen Version des Touch Me von Matzeit/Caspers auf die Bühne. Die Mädchen stehen mit einem Kleiderständer in Zylinder und Frack auf der Bühne und berühren sich selbst, indem sie ihren linken Arm in den Frack stecken. Das ist witzig und durchaus sehr Berliner Revue.

 

Die Mädchenreihe kulminiert dann in This Is The Dream Of My Life, indem sie in der legendären Schwimmbecken-Versenkbühne zur Pause verschwindet. Die Mädchenreihe auf der Bühne setzt sich in den Synchron-Schwimmerinnen der Aqua-Shows fort. Bei der Mehrheit des Publikums von Yma löst diese Kombination aus Show-Schönheit, Synchronie, Technik, Wasserkraft und Hydraulik ein rhythmisch-frenetisches Klatschen am Schluss des ersten Aktes aus.


Foto: Stefan Gustavus

Im Hotel Wynn in Las Vegas sind in der Aqua-Show Le Reve die Wassermassen möglicherweise noch größer. Doch funktioniert im Friedrichsstadt-Palast die Kombination aus Mädchenreihe und Bühnentechnik immer noch hervorragend. Sie erfüllen den Wunsch nach dem Spektakulären. Im beobachtbaren Übergang vom festen Bühnenboden ins nasse Element, in dieser Art Grenzüberschreitung wird etwas Besonderes angesprochen. Watercatch, bei dem im zweiten Teil noch einmal die Wassertechnik des Hauses zum Einsatz kommt, nach der Musik von Martin Wingerath spricht dagegen wohl eher Liebhaber des Damen-Ringkampfes an. Das ist weniger klassisch und löst im Publikum nicht die gleiche Euphorie aus.

 

In der Mädchenreihe funktioniert ein geheimnisvolles Zusammenwirken von Technik und Bild der Frau. Einerseits findet durch die Anonymisierung in der Reihe ein Versprechen auf die Verfügbarkeit von Frauen statt. Doch die Anonymität durch Reihe, Kostüm und Synchronie im Tanz, also einer gleichwertigen Beherrschung der Tanzschritte, werden von den unterschiedlichen Gesichtern durchbrochen. Insofern spielt die Mädchenreihe eine Auswahlmöglichkeit nach Präferenzen vor, die einerseits so nicht existiert und andererseits zum Versprechen des Marktes selbst gehört.


Foto: Stefan Gustavus 

Kein Mensch, kein Mann, kann sich in der Realität ein Mädchen aus einer Reihe von gleichartigen Schönheiten aussuchen. Doch die Mädchenreihe als Show-Element reproduziert dieses paradiesische Versprechen des Überflusses immer wieder aufs Neue. Yma als Show-Figur einer Frau steht mit ihrer selbstbewussten, hedonistischen Art der Männerwahl genau am anderen Ende der Mädchenreihe. Sie bedroht nicht nur das maskuline Versprechen auf Auswahl, sie treibt ihn mit der perfekten Performance von Frau an die Grenze seines (Selbst-)Wissens vom Geschlecht Mann.

 

Es war möglicherweise kein ganz zufälliger Zwischenruf eines Herren von mächtigem Körperumfang in meiner Nähe, dass er nach der hocherotischen Duschszene zu Sexmachine von Brown, Byrd und Lenhoff, bei der 6 Tänzer in aussiebums hinter Milchglasscheiben verschwanden, die Hosen auszogen und frisch geduscht und gefönt in neuer Wäsche wieder hinter den Duschzellen hervorkamen, als eben jener Herr rief: Und jetzt die Mädchen.


Foto: Stefan Gustavus (bearbeitet von Torsten Flüh)

Yma spielt mit dem Versprechen auf Erfüllung sexueller Träume. Das kann man leicht verbrämt als „ein sehr schönes Leben“ bezeichnen. Doch besteht eben das Dilemma darin, dass gerade nicht jeder Einzelne der Vielen im Publikum die gleiche Bandbreite sexueller Wünsche und Träume hat. Yma, die sich als tolerant bezeichnet, ist nicht automatisch die Projektionsfläche weniger toleranter Präferenzen.

 

Die Trampolin-, Bungee-, Tuch- und Feuer-Artistik, des U-Teams am 14m-hohen Lautsprecherturm gehört zu den artistischen Höhepunkten. Ebenso setzen die Flying Steps mit ihrer Urban Dance oder Break Dance Performance völlig neue, spektakuläre Akzente. Sie wurden bereits 1993 in Berlin gegründet und haben 2007 den Weltmeistertitel im Hip Hop Dance ertanzt. Nicht weniger spektakulär ist der The Flight of Passion mit Dmitriy und Olesya Shulga.

Besonders innovativ erweisen sich die Kostüme von Michael Michalsky, der ästhetisch mit überdimensionalen und spitzen Schulterpolstern die 80er Jahre in einer futuristischen Version beschwört. Das futuristisch aufgepeppte 80er-Jahre-Design kehrt dann auch als Grundton im Bühnenbild wieder.  

 

Das Show-Konzept von Yma ist zwischen den Zirkus-Shows des Cirque Soleil, den Aqua-Shows und dem aktuellen Musical angesiedelt. Es mixt und schüttelt die aktuellen Show-Strömungen zu einem Spitzen-Cocktail, von dem man sagen kann, dass er für sprachunkundige Besucher ebenso geeignet ist wie für alle Berliner.

Eine tolle Show-Band unter dem neuen Leiter Daniel Behrens, überwältigende Kostüme und Bühne, super Künstler und ein einmaliges Ensemble. Schöner geht nicht.

 

Torsten Flüh

  

Yma – zu schön, um wahr zu sein

Friedrichstadtpalast

Friedrichstraße 107

Berlin 10117