Credibility als Perspektive - stiftung neue verantwortung diskutiert "Journalismus 2020" mit Mathias Müller von Blumencron

Credibility – Inhalt – Apps

 

Credibility als Perspektive

stiftung neue verantwortung diskutiert „Journalismus 2020“ mit Mathias Müller von Blumencron

 

Mathias Müller von Blumencron, Chef der digitalen Angebote der Spiegelgruppe einschließlich des „Spiegel-Online“, einer der mächtigsten, deutschen Mediengruppen im Internet, ist zugleich ein von der Geschwindigkeit der Entwicklungen Getriebener. Am Mittwochabend diskutierte er in der stiftung neue verantwortung den „Policy Brief“ Journalismus 2020 – Perspektiven für den Journalismus in der digitalen Moderne.

Die Veränderungen im Internet sind so rasant, dass eine Prognose auf 9 oder 10 Jahre schon mit dem nächsten Algorithmus aus Silikon Valley überholt sein könnte. Wider Erwarten hat gerade das iPad dazu geführt, dass der Spiegel-Online als App nun stärker verkauft wird, was Müller von Blumencron freut. Apps in Verschaltung mit Tablets sind das Gebot der Stunde. Die Spiegel-Online-Ausgabe bietet gegenüber der Print-Ausgabe Extras, für die Leser bereit sind zu zahlen.

Dr. Leonard Novy, Fellow der stiftung neue verantwortung, stellte zu Beginn die Ergebnisse des „Policy Brief“ vor. Lutz Hachmeister, Grimme-Preisträger, Journalist und Regisseur, moderierte das Gespräch. Die Arbeitsgruppe ging von der Prämisse aus, dass „eine demokratische Öffentlichkeit … unabhängigen und ressourcenstarken Journalismus – heute mehr denn je“ brauche. Die Medien und damit der Journalismus befänden sich in einem „grundlegenden Strukturwandel, der Mediennutzung verändert, Geschäftsmodelle infrage stellt und ein ganzes Berufsbild herausfordert“. Die stiftung neue verantwortung versteht ihre Arbeit als „Gesellschaftsberatung“ entsprechend einem Briefing im Englischen.

Der Journalismus befindet sich in der Krise. Eine „Rückkehr zum Normalzustand“ (Novy) ist nicht möglich. Einerseits haben Facebook und Twitter wesentliche gesellschaftliche Funktionen übernommen, die zuvor quasi zu den medienimmanenten Exklusivrechten von Zeitungen, Rundfunk oder Fernsehen gehörten. Andererseits gibt es in den meisten Ländern heute eine große Zahl gut ausgebildeter Journalisten und Journalistinnen, die von den Medienanbietern nicht mehr adäquat bezahlt werden können. Für Politik und Gesellschaft kommt dem Journalismus nicht zuletzt die Funktion eines Meinungs- und Wissensregulativs zu, das durch die Informationsbreite des Internets und der Algorithmen von Google fundamental in Frage gestellt wird.         

Für Mathias Müller von Blumencron ist eine Informationsversorgung durch Google News eine Horrorvorstellung. Sein professionelles Infomix besteht aus Flipboard, Tweets und „klassischen Stationen“ wie The New York Times. Er orientiert sich an Tweets von bestimmten Leuten, die er sozusagen in Echtzeit „verfolgt“, und an den News aus dem „Redaktionskosmos“ der New York Times. Gleichwohl ist für den Spiegel-Online Google News unverzichtbar, denn Google News bringt dem Online-Magazin, das über 120 redaktionelle Mitarbeiter verfügt, Clicks und Leser.

Die Grenzen zwischen guter und schlechter Information verschwimmen. Sie verschwimmen mehr und anders als in einem überschaubaren Zeitungsangebot am Kiosk. Wie ich informiert werden will, wird immer stärker zu einer Auswahlfrage in einem Ozean von Information. Der von Leonard Novy eingangs zitierte Spruch von Karl Valentin hat seinen Witz eingebüßt:

Es ist komisch, dass jeden Tag gerade so viel passiert, wie in eine Zeitung passt.

Tageszeitung und Tagesschau bestimmen längst nicht mehr, was am Tag passiert ist. Allenfalls sind sie Leuchttürme für die Navigation durch die Ereignisse des Tages.  

Nähert sich die Informationsflut einerseits einem permanenten Tsunami, der das Format der Tages- und Wochenzeitung in gedruckter Form überspült, so wird andererseits das Bedürfnis des Abonnenten oder Stammlesers größer, von einer informationsregulierenden Redaktion betreut zu werden. Nach Müller von Blumencron trifft dieses Bedürfnis auf das, was der Spiegel bzw. Spiegel-Online als Marke bietet. Wobei es durchaus eine Frage wäre, wie nachhaltig dieses Markenkonzept als Informationsheimat des Lesers funktionieren kann, wenn sich heute der Leser tendenziell stärker als Akteur sieht.

Der Leser als Akteur, wie er sich über die Kommentarfunktion der Online-Magazine artikuliert, kratzt nicht zuletzt am „Berufsbild“ des Journalisten. Quantitativ und qualitativ will der Leser im Unterschied zum traditionellen Leserbriefschreiber mitreden. Der klassische Leserbriefschreiber war vor allem ein komischer Querulant. Wenn er Glück hatte, gelangen ihm Formulierungen vom Format eines Karl Valentin.

Der Kommentator versteht sich als Akteur und fordert via Blog und „Leser-Kommentar“ die Aufmerksamkeit der Redaktion auf eine bisher nicht gekannte Weise ein. Prominentes Beispiel für Blog und „Leser-Kommentar“ war am 26. Februar 2011 Giovanni di Lorenzos Leitartikel Doktor a.D.. Obwohl oder gerade weil der Artikel die Titelseite der gedruckten(!) ZEIT-Ausgabe zierte, wurde ihm eine umso größere Kommentierung im Internet zuteil.

Anders als bisher wird der „Redaktionskosmos“, der im Spiegel-Haus in Hamburg gar über ein Schwimmbad verfügte, von außen okkupiert. Eine grobe Fehleinschätzung – und im Falle di Lorenzos eine irrwitzige Falschformulierung, denn es gibt keinen „Doktor a.D.“, weil der Doktortitel durch eine akademische Kommission verliehen oder aberkannt wird, – findet heute in kürzester Zeit eine Verbreitung, die knallharte und massenweise Reaktionen, z.B. Abonnementskündigungen, zur Folge haben können. Der Leser als Akteur hat sich nicht allein für Online-Ausgaben in den „Redaktionskosmos“ gebeamt.

Müller von Blumencron stimmte der Policy-Brief-Formulierung über die prägende Rolle von Medien zu:

Medien prägen Inhalte, Strukturen und Prozesse von Öffentlichkeit – und damit die kommunikative Infrastruktur unserer Demokratie. Akteure in Medien, Politik und Zivilgesellschaft insgesamt müssen sich den massiven Umbrüchen in der Medienbranche stellen.

Der Medienbegriff knüpft damit an einen eher traditionellen, begrenzten Horizont von institutionalisierten Medien einer „Medienbranche“ an. Doch lassen sich Medien heute überhaupt noch abgrenzen? Und wenn das der Fall wäre, wie sähe dann die Grenzziehung einer „Medienbranche“ aus?

Was machen Medien nicht nur mit dem „Berufsbild“, sondern dem Bild vom Menschen? Denn ein informationelles Demokratiemodell und eine Öffentlichkeit kommt ohne die Frage nach dem Menschen nicht aus. Der am Dienstag in Berlin verstorbene Medienwissenschaftler Friedrich Kittler (1943-2011) schrieb seine Habilitationsschrift Aufschreibesysteme 1800/1900 (1985)nicht zuletzt als Gegenposition zu Marshall McLuhan. Denn, wo McLuhan Medien als The Extensions of Man (1964) sah, befand Kittler 1986 in Grammophon Film Typewriter polemisch den „Tod des Menschen“.

Worin sieht Kittler den „Tod des Menschen“, der im Medienbegriff der „Medien“ fröhliche Urständ feiert? Frank Hartmann hat im Online-Magazin Telepolis 1998 mit seinem Aufsatz Vom Sündenfall der Software – Medientheorie mit Entlarvungsgestus: Friedrich Kittler recht prägnant heraus-gearbeitet, was damals noch Software hieß und heute als Algorithmen aus Silicon Valley in aller Munde ist. Kittler dachte buchstäblich in „Aufschreibesystemen“:

Mit der Druckerpresse ist die indisch-arabische Mathematik des Stellenwerts in europäisches Schreiben eingebrochen, mit der Schreibmaschine hat die Druckerpresse, diese Kombination von alphabetischen Kombinationen und technischen Algorithmen, Einzug ins alltägliche Schreiben gefunden. Mit dem Computer schließlich ist die Codierung universal geworden - Maschinencodes und Softwareprogrammen sieht es niemand mehr an, ob sie einfach Zeichen setzen oder aber Zeichen zu setzen befehlen.
(Zitiert nach Hartmann)

Bringt man dieses Kittler-Zitat mit der Frage des Journalismus, der Medien, der „Inhalte, Strukturen und Prozesse“ in eine Konstellation, dann ergeben sich zumindest Reibungen. Die erfolgreiche, lukrative Verschaltung der Apps mit der Hardware des iPad, einem Langeweilekiller anno 2010, wird geradezu existenznotwendig für das Medium Spiegel-Online. Die Applikation, die Zusammen-Faltung, vom Lateinischen plicare wie falten, ist nicht einfach eine Anwendung. Sie faltet vielmehr den User in einen Prozess ein. Erst durch die Apps ist das iPad – weniger entscheidend das iPhone - zu einem Produkt von größter Tragweite geworden. Ohne Apps kein i von Apple. Darin zeigen sich gleichzeitig eine Bestätigung und eine Infragestellung der Kittlerschen Entlarvung. Die Apps sind längst zu „Inhalten“ geworden.

Apps sind Programmierungen, die bestimmen, was ich lese. Die von Kittler mit Entlarvungsgestus vorgetragene Formulierung, dass niemand mehr „Softwareprogrammen“ ansieht, „ob sie einfach Zeichen setzen oder aber Zeichen zu setzen befehlen“, geht letztlich von einem idealistischen Subjekt aus, das sich als Herr über Zeichen und „Aufschreibesysteme“ versteht. Lesen und Schreiben sind für Kittler vor allem im Sinne eines „alltägliche(n) Schreiben(s)“ äußerliche Tätigkeiten.

Der Mensch ist bei Kittler insbesondere Subjekt, das sich Objekte schafft, sie erfasst oder erkennt. Es ist die schwierige Formulierung des Ansehens – „sieht es niemand mehr an“ –, die von einem Subjekt ausgeht, das sich im Sehen als Erkenntnisprozess konstituiert. Wo ihm das Sehen aber nicht mehr möglich ist, und zwar niemandem, „befehlen“ die Softwareprogramme. Das Subjekt wird in der Kittlerschen Kriegslogik zum Befehlsempfänger degradiert.

Sind Apps Befehle an den zum User degradierten „Menschen“? Waren Printmedien, z.B. Zeitungen Befehle an die Abonnenten? - Es ist gut möglich, dass Apps befehlsförmige Funktionen annehmen. Doch im Unterschied zu 1998 - oder 1986 gar - ist es ähnlich wie mit dem Mobile oder Handy. Selbst …, nein, gerade in Diktaturen ist es heute keine Wahl mehr, keine Apps oder Mobiles zu benutzen. Die Umbrüche in Tunesien, Libyen, Ägypten oder Syrien, aber auch in Israel und anderswo führen vor, dass Software nicht nur Befehle erteilt, sondern Befehlsstrukturen durchbrechen kann. Gerade mit der Möglichkeit des Umkippens von Befehlsstrukturen durch Soft- und Hardware erweist sich Kittlers Wunsch nach Entlarvung und Verortung als fragwürdig.

Spiegel-Online gibt es seit dem 25. Oktober 1994. Seit Dezember 2000 ist Mathias Müller von Blumencron quasi Chefredakteur des Spiegel-Online. Spiegel-Online kann also auf ein redaktionelles Programm von 10 Jahren zurückblicken. 2010, im WikiLeaks-Jahr, als Spiegel-Online die von WikiLeaks freigesetzten Dateien mit 50 Mitarbeitern für das Internet redaktionell aufbereitete, erreichte Spiegel-Online 778.703.669 Seitenaufrufe. Und im Frühjahr dieses Jahres ging die „Online-Reichweite durch die Decke“. Der „Informationsbedarf der Leute wurde komplett durch das Internet abgedeckt, was es noch nie zuvor gegeben hat“, sagte Müller von Blumencron am Mittwoch.

Dem Journalismus kommt die „Produktion von Inhalten“ laut Müller von Blumencron zu. Inhalte sind mit „Glaubwürdigkeit“ verschränkt. Wobei er mit Glaubwürdigkeit an den Gebrauch der angloamerikanischen Credibility anknüpfte. Wie verhält sich die Credibility zu Inhalten? Inhalte sind nicht unbedingt Wahrheit. Inhalte lassen sich vielmehr als ein redaktionelles Netz aus Lesererwartung, Redaktionsbetreuung und Informationsmanagement formulieren. Wenn die Leser- bzw. User-Erwartungen mit dem Inhalt übereinstimmen bzw. sich der Inhalt dem Erwartungshorizont nähert, entsteht Credibility.

Credibility hängt im Angloamerikanischen eng mit der Polysemie von credit als Ansehen, Kreditwürdigkeit, Vertrauen, Verdienst, Vorschuss und im Plural credits als Abspann, also Nennung der Mitarbeiter an einem Film oder auch an einem Buch, zusammen. Deshalb passt Glaubwürdigkeit im Deutschen nur sehr bedingt. Für Stars und Medien ist beispielsweise eine Street Credibility äußerst wichtig. Wenn man das Vertrauen der Straße genießt, gilt es als Synonym für Erfolg. Street Cred macht reich. Street Cred ist ein Coolness-Faktor.

Commanding a level of respect in an urban environment due to experience in or knowledge of issues affecting those environments. (Urban Dictionary)  

Journalismus und Medien wie der Spiegel-Online brauchen Street Cred. Möglicherweise wird sich bald die Street Cred in eine Facebook- oder Twitter-Cred verschieben. Denn der Wunsch, den Mathias Müller von Blumencron für Spiegel und Spiegle-Online formuliert, lautet, dass der Freund des Freundes mit dem Freund über den Spiegel spricht, dass man über die „Inhalte“ des Spiegels spricht. Die Street Cred wird sich tendenziell in eine – wahrscheinlich durch Google Algorithmen messbare – Net Cred verschieben. Doch Straße und Netz, Urbanität und Virtualität bleiben aufeinander bezogen. „Poke back“, ist schon jetzt bei Facebook ein freundschaftliches Schubsen wie auf der Straße.

Credibility und „Redaktionskosmos“ sind beispielsweise beim Londoner Guardian bereits so stark aufeinander bezogen, dass der Guardian kürzlich seine Leser um die Auswertung von Dateien bat, weil es die Redaktion nicht mehr leisten konnte. Der Guardian stellte vor kurzem sogar sein Tagesprogramm ins Netz, was bislang als höchstes Geheimnis einer Redaktion galt, verriet Müller von Blumencron. Damit deutet sich an, dass sich nicht nur „Inhalte“ verändern, sondern Informationsprozesse umkehren könnten. Sicherte bisher das geheime Tagesprogramm den Vorsprung vor anderen konkurrierenden Zeitungen oder Medien, so sprengt dessen Veröffentlichung den „Redaktionskosmos“ unter dem Druck des Internets zugunsten einer Net Cred.

Torsten Flüh