The Endless Labour of Language - Homi K. Bhabhas Laureaten-Vortrag The Global Humanities an der Freien Universität

 

Zivilgesellschaft – Global – Humanities

 

The Endless Labour of Language

Homi K. Bhabhas Laureaten-Vortrag The Global Humanities an der Freien Universität und Yang Weidongs Film Xū Yào

 

Am vergangenen Donnerstag wurde dem Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker Homi K. Bhabha (Harvard) die Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften an der Freien Universität Berlin in Dahlem verliehen. Damit wurden seine Verdienste um die internationale, akademische Zusammenarbeit insbesondere am Dahlem Humanities Center von Univ.-Prof. Dr. Peter-André Alt, dem Präsidenten der FU, und in einer Laudatio von Univ.-Prof. Dr. Joachim Küpper vom DHC und Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft gewürdigt.

Die Honorary Degree Recipient’s Keynote Address war zweifellos der Höhepunkt der höchst feierlich mit Blumenschmuck und musikalischem Ausklang ausgestatteten Veranstaltung: The Global Humanities. Wie formuliert Homi K. Bhabha die „Global Humanities“, also „globalen Geisteswissenschaften“? Bhabhas Keynote Address konnte nicht zuletzt als ein Echo auf die Frage der Geisteswissenschaften, und wie „deutsch sie sein“ sollten, wie sie von Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford) im Dezember in der Akademie der Künste beantwortet worden war, gehört werden.

Überraschender Weise saß Hans Ulrich Gumbrecht, der an der Stanford University bei San Franzisko lehrt, in der ersten Reihe bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde. Wie wird er die Rede zu den Geisteswissenschaften gehört haben? Gumbrecht hatte im Dezember auf der Jahrestagung, nachDenken, des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) u. a. „den Kampf um die deutsche Sprache als Wissenschaftssprache“ als „verloren“ beklagt. Die Frage nach den Geistes-wissenschaften/Humanities wurde mit anderen Worten nun also von Homi K. Bhabha nicht unter dem Adjektiv „deutsch“, sondern „global“ fortgesetzt.

Bhabha beschäftigt sich seit längerem mit der Frage nach dem Zusammenspiel von Globalisierung und Geisteswissenschaften. Bereits in der Neuedition von The Location of Culture 2004 hatte er das Thema der Globalisierung im Vorwort angeschlagen. A Global Measure ist bereits seit längerem für Havard University Press angekündigt. Und The Right to Narrate soll bei Columbia University Press erscheinen. Am 18. Mai 2010 hielt er an der Peking University anlässlich der Feierlichkeiten zum 100jährigen Bestehen der Universität eine Rede zum Thema The Humanities in an Age of Global Transition.

Das Thema der Geisteswissenschaften/Humanities ist im Transformationsprozess der Globalisierung drängender geworden. Wie sollen sich die Geisteswissenschaften zu globalen Prozessen verhalten? Aus der knappen Zusammenfassung der Rede in Peking geht hervor, dass Bhabha seine Rede offenbar in vier Teile gliederte: „crossing cultural boundary, undefined boundary of globalization, the humanities, and globalized theory and poetics.“ Bhabha selbst hatte mit The Location of Culture(1994/2004) und dem „Post-Colonialism“ geradezu einen globalwirksamen akademischen Erfolg. Und er ist als  akademischer Akteur nicht zuletzt ein „Global Player“ der Humanities.

Die Einführung der Hybridität als „Konzept“[1] in The Location of Culture durch Homi K. Bhabha seit den 1980er Jahren hat eine derartige Karriere erfahren, dass sie selbst jüngst zum Gegenstand einer „Kulturgeschichte der Hybridität“ geworden ist. Kien Nghi Ha hat eine vielbeachtete Dissertation zur „Kulturgeschichte der Hybridität seit der Antike … mit einer kritischen Analyse der gegenwärtigen Obsession um kulturelle Hybridität als revolutionäres Technologiemodell, kulturindustrielle Massenkonsumware und Phänomen des postkolonialen Signifyings mit ihren potentiellen Widerstandsmöglichkeiten“ vorgelegt.[2]

Ha unterzieht „de(n) postmoderne(n) Hype um Hybridität“ (S. 17) eine strenge Befragung mit den Mitteln der Diskursanalyse, wie sie von Michel Foucault entwickelt worden ist.

In Anlehnung an Michel Foucaults Verständnis von Diskurs und Macht/Wissen, …, lese ich in diesem Buch die eurozentrierte Kulturgeschichte der Hybridität als eine mehrschichtige, dynamisch geprägte Diskursformation. (S. 26)  

Seine „Kritik“ gilt dabei weniger Homi K. Bhabha als vielmehr „der deutschsprachigen Übernahme des Hybriditätskonzeptes“ (S. 19) und der „Kommodifizierung“ mit der plötzlich von „Hybridantrieb“, „Hybridmaterialien“, „Hybrid-Festplatten-Technologie“ oder „genetische(r) Hybridisierung“ (S. 16) gesprochen wird.

Auf die Frage nach dem Globalen und Homi K. Bhabha zurückkommend, lässt sich für das Buch von Kien Nghi Ha formulieren, dass es durchaus erstaunlich ist, wie die Hybridität mit der Diskursanalyse nach Foucault in einem kritischen Bestreben gelesen werden kann. Wird damit nicht eine (Re-)Historisierung eines dekonstruktivistischen Ansatzes betrieben? Während bei Bhabha die Hybridität gerade kein positivistisches Problemlösungsversprechen formuliert, sondern strategisch eingesetzt wird, lässt sich bei der Verwendung von hybrid als Adjektiv und Präfix im Deutschen beobachten, dass genau dies versprochen wird.  

Hybridität hat bei Bhabha weniger die Funktion eines umrissenen Konzeptes als vielmehr die Artikulation von Differenz in einem ständigen Prozess der Differenzialität. Hybridität dekonstruiert ein zentralisierendes und fokussierendes Denken von Ursprung und Wurzel. Sie fragt nicht nach dem Ursprung der Artikulation, sondern rückt sie selbst ins Interesse der Humanities:

The social articulation of difference, from the minority perspective, is a complex, on-going negotiation that seeks to authorize cultural hybridities that emerge in moments of historical transformation. (The Location of Culture, p. 3[3])

Hybridität unterscheidet sich vor allem von der Homogenisierung. Weitaus entscheidender als herauszuarbeiten, was Hybridität bei Bhabha ist, lässt sich beobachten, wie er sie gegen die Homogenisierung ins Spiel bringt. Beispielsweise ist Fanon

far too aware of the dangers of the fixity and fetishism of identities within the calcification of colonial cultures to recommend that `roots´ be struck in the celebratory romance of the past or by homogenizing the history of the present. (p. 13)

Bereits 2004 hat Bhabha die Frage der Globalisierung angeschnitten und quasi auf einen anglo-amerikanischen Kontext bezogen. Denn nach ihm müsse Globalisierung immer zuhause beginnen:

Globalization, I want to suggest, must always begin at home. A just measure of global progress requires that we first evaluate how globalizing nations deal with `the difference within´ - the problems of diversity and redistribution at the local level, and the rights and representations of minorities in the regional domain. (The Location of Culture, p. XV)

Insofern ist es nicht nur eine Attitüde, wenn Bhabha am Donnerstag bei den „English habits and minds“ ansetzt und an Jacques Derridas eröffnende Formulierung aus dem Buch Monolinguism of the Other or The Prothesis of Origin (1998) erinnert:

I only have one language; it is not mine.

In seinem Vortrag am Donnerstag schärfte Bhabha die Frage nach den Global Humanities vor allem mit Derrida in Richtung der Sprache. Welche Rolle spielt die Sprache für die Global Humanities?

Die paradoxe Formulierung Derridas geht auf einen mündlich gehaltenen Vortrag anlässlich eines Colloquiums über Frankophonie an der Louisiana State University in Baton Rouge im April 1992 zurück. Derrida eröffnet in der Buchausgabe seiner Rede in der Übersetzung von Patrick Mensah dies mit dem Bild einer Mauer neben der Seitenzahl, um daran anknüpfend fortzufahren:

—Picture this, imagine someone who would cultivate the French language.

         What is called the French language.
         Someone whom the French language would cultivate.
         And who, as a French citizen, would be, moreover, a subject of French culture, as we say.
         Now suppose, for example, that one day this subject of French culture were to tell you in good French:

         “I only have one language; it is not mine.“

         Or rather, and better still:

I am monolingual. My monolingualism dwells, and I call it my dwelling; it feels like one to me, and I remain in it and inhabit it. It inhabits me. … [4] 

Das Problem der Sprache und „the endless labour of language“ wurden von Bhabha in seinem Vortrag scharf herausgestellt. Anders als bei Hans Ulrich Gumbrecht geht es bei Bhabha nicht nur um eine wie auch immer formulierte Vorherrschaft einer nationalen Sprache in den Geisteswissenschaften, sondern um das Problem der Sprache in den Humanities in Bezug auf das Humanum und einen Humanismus der Dekonstruktion. Bhabha geht es um eine „decolonisation“ von „English habits and minds“. Gerade in dem Maße wie Bhabha einen Text Derridas in Englisch zitiert, der die französische Sprache problematisiert, gewinnen die Global Humanities eine pointiert andere Kontur.

Das Problem der Sprache und der „English habits and minds“ wurde in der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Homi K. Bhabha geradezu performativ in Szene gesetzt. Die Verleihung und die Rede fanden in Englisch statt. Doch bei der Überreichung der Urkunde vergaß die Dekanin des Fachbereichs Philosophie and Geisteswissenschaften, Univ.-Prof. Dr. Doris Kolesch, nicht, darauf hinzuweisen, dass Homi K. Bhabha kein Deutsch spreche, die Urkunde aber in Deutsch abgefasst sei. Sie verlas dann auch den Urkundentext auf Deutsch. Dieser Umstand wurde von allen Beteiligten mit einigem Witz goutiert. Mehr als der deutsche Text wurde die Geste der Überreichung betont.

Die Performance des Problems der Sprache in den Humanities hätte nahezu allein die Verleihung der Ehrendoktorwürde an Homi K. Bhabha gerechtfertigt. Der witzige Umstand, Homi K. Bhabha in einer ansonsten auf Englisch durchgeführten Verleihung, den deutschen Urkundentext vorzulesen, den er nicht versteht und natürlich doch versteht, machte die Paradoxien von Global Humanities geradezu überdeutlich. Und die Forderung nach einer „decolonisation“ von englischen Gewohnheiten oder Eigenschaften (habits) und Gedanken oder Denken (minds) wird in dem Maße paradox wie Bhabha selbst mit Gesten, Aussprache und Gebrauch des/seines Oxford-Englisch kaum ein brillanterer Redner sein könnte.

In seinem Vortrag sprach Bhabha sehr wohl „my Anglo-American habitus“ an. Doch ihm geht es um eine „culture of processes“ die im Maße eines Humanismus das Globale nicht als „one world“, sondern in seiner Vielfalt denken. Einer Totalität des Globalen in den Humanities müssten gerade diese widerstehen. Im Unterschied zu Gumbrecht lässt sich bei Bhabha beobachten, dass er gar nicht erst den Versuch machte, die Geisteswissenschaften von den Humanities oder umgekehrt abzugrenzen, sondern die Humanities allein auf der sprachlichen Ebene dekonstruiert. Denn es geht nicht darum ein Wissen über das Humanum herzustellen, sondern die Prozesse des Wissens über das Humanum zu befragen.

Einen weiteren Punkt betonte Bhabha für die Global Humanities deutlich. Die Rolle der „civil society“ (Zivilgesellschaft) für eine „global society“. Bei einer „global society“ müsse es um eine Verknüpfung der „conversation“ gehen. Anders als im Deutschen die Konversation als „geselliges, leichtes, etwas förml. Gespräch, gepflegte Unterhaltung“[5] meint „conversation“ im Englischen eher ein spontanes, interaktives Sprechen. The Conversation ist allerdings auch eine akademische Plattform in Australien: „Academic rigour, jounalistic flair. Latest ideas and research. From the curious to the serious.“ Doch Bhabha möchte das spontane, interaktive Sprechen in der Zivilgesellschaft als Rahmenstruktur verknüpfen.

Wie könnte ein derart zivilgesellschaftliches Sprechen aussehen oder sich anhören? Der chinesische Dokumentarfilmer Yang Weidong hat im Juli 2011 auf der Hongkonger Buchmesse seinen Film Xū Yào … als ein „work in progress“ vorgestellt. Nicht zuletzt sieht er seine künstlerische Arbeit als einen Beitrag zur „civil society“.

“… As both an artist and a Chinese national, he refers to his actions as an instance of performance art, injected with sincere and legitimate social concerns and responsibilities of a true member of a civil society.”

Dieser Film wurde nun vom ZDF-Auslandsjournal am 16. Mai 2012 zu einem aktuellen Beitrag über China unter dem Titel China: Filmemacher auf Wahrheitssuche journalistisch verarbeitet und gleichzeitig wurde Was braucht China? - Der komplette Film in der ZDFmediathek online gestellt. Den Film gibt es nun mit einer deutschen Synchronisation und Kommentierung zweimal. Die Antwort von Nicola Albrecht auf die Frage lautet: „Yang Weidong hat mehr als 300 Chinesen gefragt, was sie sich wünschen. Die Hauptantwort: Freiheit“.

Yang Weidong muss einerseits mit Repressionen des chinesischen „KeiGeBo“ rechnen. Andererseits ist die Antwort auf die Frage im bisher fertig gestellten Film Xū Yào … keinesfalls so eindeutig, wie es im journalistischen Beitrag formuliert wird. In dem Film lassen sich vielmehr sehr unterschiedliche und auch widersprüchliche Antworten hören. Die Vielfalt der meist nur sehr kurzen Antworten stellt eine zivilgesellschaftliche Conversation her. Aber genau dies fasst der chinesische Staatsschutz als bedrohlich auf.

In dem Maße wie das journalistische Cover den Film auf eine „Hauptantwort“ verkürzt und den chinesischen Staatsschutz als „Stasi“ übersetzt, passieren für den deutschen Hörer und Fernsehzuschauer zweierlei. Erstens wird Yangs Film dramatisiert und zweitens wird er mit einer deutschen Geschichte verknüpft. Dies geschieht bereits mit der Formulierung Yangs als „Wahrheitssucher“. Geht es noch um eine Wahrheit? - Wenn es im Chinesischen überhaupt eine phonologische Übersetzung für den Staatsschutz gibt, dann ist sie mit Sicherheit nicht „Sta Si“. Eine phonetische Entsprechung von „sta“ gibt es im Chinesischen nicht. Dies funktioniert allerdings sehr wohl mit „KeiGeBo“ als KGB.

Was sich als Conversation in Anknüpfung an Homi K. Bhabha mit 需要/Xū Yào … beobachten lässt, kann als eine Verknüpfungstechnik formuliert werden. Denn es ist ja ein Sprechen in einem offenen kulturellen Prozess ebenso wie ein „work in progress“. Wobei sich am chinesischen Titel darauf achten lässt, dass /xū meistens als Substantiv gebraucht und mit „Bedarf“ übersetzt werden kann. In der Kombination mit /yào wird daraus das Verb „brauchen, bedürfen, etwas nötig“ haben. Das Schriftzeichen yào kommt in vielen Kombinationen vor. Yào allein wäre vielleicht am ehesten mit „wichtig“ zu übersetzen.

Im Chinesisch-Unterricht für Ausländer kommt die Wendung xū yào als „wŏxū yào xiū xi“ exemplarisch vor. Was dann soviel heißt wie „Ich muss/will studieren/lernen“. Yang Weidong lässt allerdings gerade das wŏ als 1. Person Singular weg. Einerseits muss man das Ich im Chinesischen nicht mitsprechen, um es trotzdem mitzuhören. Andererseits wird so mit dem Titel der Bedarf stärker von einem Subjekt entkoppelt. Die deutsche Übersetzung des Titels mit „Was braucht China?“ darf man also als zumindest gewagt bezeichnen. Sprachlich verfährt Yang Weidong weitaus subtiler. Denn 需要formuliert weder eine Frage noch kommt China im Titel vor.

Philip hatte als Teilnehmer des Kurses „Blog-Wissenschaft“ an der Humboldt-Universität den Link zum Film 需要 auf iversity.org hochgeladen, wofür ich ihm danke. „Knitting conversation together“ (Bhabha) kann heute nicht zuletzt durch derartige Verknüpfungen praktiziert werden. Denn es geht letztlich um eine „world in a state of transition“, für die Homi K. Bhabha in seinem Vortrag „new languages“, „new pictures“, „empathy and understandig“, „careful reading and listening“ bei einer fortwährenden Beteiligung der „neighbours“ und „strangers“ wünscht.

Die Verleihung der Ehrendoktorwürde endete mit der Suite Nr. 1 G-Dur, BWV 1007, von Johann Sebastian Bach, die Mischa Meyer exzellent auf dem Violoncello spielte. Mischa Meyer ist seit 2007/08 Solocellist des Deutschen Symphonieorchesters Berlin. Es war mit anderen Worten nicht nur ein „musikalischer Ausklang“ der Verleihung, sondern durchaus ein weiterer Höhepunkt. Denn die Suite Nr. 1 G-Dur in sechs Sätzen gehört zu den herausragenden Kompositionen für Cellisten überhaupt.   

 

Torsten Flüh      

 

Kien Nghi Ha

Unrein und vermischt.

Postkoloniale Grenzgänge

durch die Kulturgeschichte der Hybridität

und der kolonialen »Rassenbastarde«

Bielefeld 2010

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[1] Ha, Kien Nghi: Unrein und vermischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolonialen »Rassenbastarde«. Bielefeld 2010. S. 18

[2] Ebenda S. 30

[3] Bhabha, Homi K.: The Location of Culture. London/New York 2004. 

[4] Derrida, Jacques: Monolingualism of the Other or The Prothesis of Origin. Stanford. 1998. p. 1

[5] Wahrig, Gerhard: Deutsches Wörterbuch. Gütersloh 1994.