Geschlecht, Wahn und Wirtschaft - Zu Small Town Boy von Falk Richter im Gorki und dem Special TEDDY AWARD

Projekt – Gesellschaft – Intimität 

 

Geschlecht, Wahn und Wirtschaft 

Zu Small Town Boy von Falk Richter im Gorki und dem Special Teddy Award 

 

Am 15. Februar wird Falk Richter in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz im Rahmen der 69. Berlinale den Special TEDDY AWARD 2019 verliehen. Samstag zeigte das Gorki passender Weise wieder einmal sein „Projekt“ Small Town Boy. Die 25 Szenen enthalten wiederholt Anspielungen auf das Medium Film wie „Making of“ oder „YOUTUBEYOUPORNZOMBIE“. Falk Richter hat das Projekt zusammen mit den Schauspieler*innen Mehmet Ateşçi, Niels Bormann, Knut Berger, Lea Draeger, Aleksandar Radenković und Thomas Wodianka erarbeitet. Zeitnah wurden bis zur Premiere am 11. Januar 2014 politische Ereignisse thematisiert wie Wladimir Putins Unterzeichnung des russischen Gesetzes „Zum Zweck des Schutzes von Kindern vor Aufklärungsinformationen der Verleugnung traditioneller Familienwerte“ am 11. Juni 2013. Hinter dem umständlich-euphemistischen Gesetzestitel verbirgt sich ein Gesetz, das Homosexualität in Russland erneut kriminalisiert.

 

Nicht erst seit 2014 entwickelt Falk Richter seismografisch mit Small Town Boy ein politisches Theater, das die parteipolitischen Verwerfungen der jüngsten Zeit wie dem Einzug der AfD in den Bundestag mit dem „Frühling der Reaktionäre“ (Szene 21) vorhersah. Die Berliner Theater und Kulturinstitutionen haben sich am 9. November 2018 zu einer Erklärung der Vielen mit über 140 Unterzeichner*innen zusammengefunden. Denn Pöbelanrufe, Mord- und Anschlagsdrohungen wie z. B. gegen den Intendanten des Friedrichstadt-Palasts, Dr. Bernd Schmidt, versuchen seit Herbst 2017 Angst in der Kulturszene zu verbreiten. Auftritte, Pöbeleien und Angriffe von Identitären sind im Maxim Gorki Theater nicht unbekannt. Vorlesungen an der Humboldt-Universität zu Berlin erhielten Warnungen vor rechten Störern. Das 2014 noch Unvorstellbare strukturiert im Februar 2019 die Realität.

 

Das Gorki in der Intendanz von Shermin Langhoff und Jens Hillje hat sich nicht erst seit der Spielzeit 2013/14 in seiner Geschichte wiederholt politisch klar positioniert. Diese Positionierung ist unverzichtbar geworden. Obwohl auch die Staatsoper Unter den Linden sich mit ihrem Intendanten Matthias Schulz oder das Staatsballett mit Johannes Öhmann und Sascha Waltz als Unterzeichner*innen der Erklärung der Vielen angeschlossen haben, erinnert die Premiere aus dem Jahr 2014 von Small Town Boy daran, dass sich die Gorki-Intendant*innen frühzeitig für ein Konzept entschieden haben, das sich an die „ganze Stadt, mit allen, die in den letzten Jahrzehnten dazu gekommen sind, ob durch Flucht, Exil, Einwanderung oder einfach durch das Aufwachsen in Berlin“ wendet.[1] Am 2. Februar gab es keine rechten Störer im Publikum, vielmehr wurden die Schauspieler*innen im ausverkauften Theater stürmisch und anhaltend gefeiert.

 

Die Identitätsfrage, die in Small Town Boy die entscheidende Rolle spielt, gehört ebenso zum Konzept der Intendant*innen, die internationale Anerkennung genießen. Jens Hillje erhält im Sommer den Goldenen Löwen der 58. Biennale von Venedig in der Kategorie Theater für sein Lebenswerk. Mit der „Kunst des Theatermachens und Theaterschauens“ will das Gorki „die condition humaine des heutigen Menschen und seine Identitätskonflikte (….) reflektieren, um zu einer sorgfältigen und geduldigen Debatte über unser Zusammenleben in der heutigen Vielfalt beizutragen. Wie sind wir geworden, was wir sind? Und wer wollen wir künftig sein? Kurz: Wer ist wir?“[2] Die Momentaufnahme zur brüchigen Identität des Schwulen 2013/14 ist fast eine Art Klassiker geworden. In Small Town Boy wird nicht nur die Synthie-Pop-Ballade Smalltown Boy von Bronsky Beat zitiert, vielmehr winkt von fern auch Ronald M. Schernikaus Kleinstadtnovelle von 1980.[3]

 

Wie viele Identitäten hat ein Schwuler? Muss er sich gar nicht auf eine Identität festlegen? Leder- oder Anzugmann? Ist eine monogame Paarbeziehung – „bis dass der Tod uns scheidet“ – die einzige, wünschenswerte, identitätsstiftende Lebensweise? Der Wunsch nach einer intimen, langandauernden Zweisamkeit und Verschmelzungsphantasien mit dem Körper des Anderen spielen in den 25 Szenen oder Clips wiederholt eine Rolle. Die Realität wird indessen mehrfach anders, einsamer, brüchiger formuliert. In „8 Why don’t you love me anymore“ fragt sich ein Typ, wie das in Berlin nach dem Ausbruch aus der Kleinstadt gehen soll, wenn sich „niemand“ für einen interessiert. Es gibt den Wunsch nach einem „Freund“ nach „Beziehung“, aber „Wie sollte das aussehen? Wie soll ich leben?“[4] Wie geht Leben, wenn ich mich – und jetzt kommt das russische Gesetz von der rechtsorientierten Jelena Misulina – nicht „traditionellen Familienwerten“ unterwerfen will oder es nicht kann, selbst wenn ich es wollte?

 

Die AfD hat sich längst nicht nur mit Gabriele Kuby, die Falk Richter neben Erika Steinbach in Small Town Boy zitiert, auf ganzer Linie in eine Traditionelle-Familienwerte-Partei nach dem Vorbild von Jelena Misulina verwandelt. Annegret Kramp-Karrenbauers homofeindliche Einlassungen sind nur der letzte Beweis dafür. Die CDU soll wieder wählbar werden für Menschen, die sich als Konservative verstehen und die gesellschaftliche Kontrolle zurück bekommen wollen. Traditionelle Familienwerte sind ein nationalistischer Wirtschaftsfaktor. Sie behaupten nicht nur eine russische, amerikanische oder deutsche Tradition in einer vielfältig vernetzten Welt, vielmehr werden sie zu einer wirtschaftspolitischen Machtstrategie – Make Russia ..., Make Britain ..., Make America ..., Make Germany Great Again. Die Hamburger Ökonomen Bernd Lucke, Jörn Kruse und Hans-Olaf Henkel haben die AfD 2013 als sogenannte eurokritische Partei mitbegründet. Die Wirtschaftswissenschaftler und der ehemalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie öffneten nicht nur mit ihrer Kritik am Euro die Büchse der Pandora, sondern ihre wirtschaftlichen Rechenexempel wurden zur „Milchmädchenrechnungen“ für Brexit, Flüchtlingspolitik und reaktionärem Nationalismus.[5]

 

Die Wirtschaftspolitik als Wissensformation vom Wirtschaftlich-Notwendigen ist keinesfalls nur durch Angela Merkel als Kanzlerin mit Wladimir Putin verstrickt. Die Wirtschaftsexperten Lucke, Kruse und Henkel legitimierten vielmehr die Rückkehr der Kategorien von Tradition, Nation, Rasse und Geschlecht in die Politik. Hans-Olaf Henkel hat sich, weiterhin hochangesehen, bis in die Parteilosigkeit im Europäischen Parlament verrechnet, nachdem er noch einmal mit Bernd Lucke die Partei der Liberal-Konservativen Reformer (LKR) als neo-nationalsozialistische Partei mitbegründet hatte. Mittlerweile ist er als „Experte in Wirtschaftsfragen“ den Europäischen Konservativen Reformisten in Europaparlament beigetreten. Er ist zwar zusammen mit dem in der Schweiz lebenden Hamburger Milliardär Klaus-Michael Kühne auf seiner Website gegen den Brexit, hat aber klare Geschlechterrollenbilder, wenn er als Eigenwerbung auf seiner EKR-Seite ganz weißer, alter Mann spaßig formuliert: „Der typische Vorstand trennt sich eher von seiner Frau als von seinem Manuskript.“[6] Na, da ist doch klar, wie der Hase läuft. Da müssen dann die „traditionellen Familienwerte“ gar nicht erst erklärt werden.

 

Das Geschlecht der Vorstände wie Henkel verteidigt eben auch offen, klare Rollenverteilungen. Unter dem Mantel der Wirtschaft verbergen sich sehr antiquierte Vorstellung von Herkunft und Hierarchie. In Falk Richters „Frühling der Reaktionäre“ wird bereits Gabriele Kubys biologistisches Geschlechterbild vom Schauspieler Thomas Wodianka ebenso satirisch wie bestürzend mit seinen Händen und Fingern vorgeführt. Es geht gar nicht mehr, den „Stöpsel“, der in das „Loch“ hineinmuss, wie auf dem Schulhof vor 40 Jahren vorzuführen. Rechte Argumentationsformeln von Jelena Misulina werden schlafwandlerisch von Gabriele Kuby oder Erika Steinbach etc. übernommen: „Bitte respektieren Sie, dass wir unsere Kinder schützen wollen.“ – „Ich will nicht mehr.“ – Angela Merkel hat zu lange gewartet, um am 26. Juni 2017 ausgerechnet im Gorki beim Brigitte Live-Gespräch zu sagen, dass die Abstimmung über die „Ehe für alle“ eine „Gewissensentscheidung“ sein sollte.

 

Am 30. Juni 2017 stimmten die Abgeordneten des Deutschen Bundestages für die „Ehe für alle“. Plötzlich waren die Homosexuellen in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr „Menschen zweiter Klasse“, wie es noch im Januar 2014 in Small Town Boy formuliert werden musste. Falk Richter hat das im Bundestag mitgefeiert. Weil am Hauptgebäude der Humboldt-Universität umfangreiche Renovierungsarbeiten durchgeführt werden, können die unvermeidlichen Baumaschinen kreativ von Aufnahmen einer mit 242.000 Teilnehmer*innen größten Demonstration in der Geschichte der Bundesrepublik umhüllt werden. Die unteilbar-Demo am 13. Oktober 2018 vom Alexanderplatz zur Siegessäule war nicht zuletzt ein Anliegen des Gorki Theaters, das ein Exil Ensemble beherbergt. Und natürlich kommen mit „Murats Ehebruch“, „14 Shades of Grey / Gasthaus Forstengrund / Folge 37_B55598.32918: Murat und Angie im Kanzlerinnenschloss“ oder „18 Bir Derdim Var“ in Small Town Boy auch Stimmen mit Migrationshintergrund vor. Mehmet Ateşçi singt eurovionsschöne Lieder von Matthias Grübel auf Türkisch. Die Erklärung der Vielen wendet sich nicht nur gegen nationalistische und rassistische Übergriffe von AfD-Politiker*innen. Sie entwirft am Gorki auch eine unteilbare Vielfalt. 

WIR SIND VIELE – JEDE*R EINZELNE VON UNS 

Kunst schafft einen Raum zur Veränderung der Welt

Wieland Speck, Vorstand TEDDY Foundation, hat in seiner Begründung für die Verleihung des Special TEDDY AWARD ausgerechnet Small Town Boy nicht erwähnt. Vielleicht tut er es noch auf der TEDDY AWARD Ceremony in der Volksbühne. Das „Projekt“ adaptiert für die Struktur die Sprache des Films, der Serien und „Social Media“. Schnitte werden zur Projektästhetik. Falk Richters „Projekte“ sind immer auch Medienverschnitt und -reflektion. Wieland Speck hat das auf andere Weise formuliert: 

Für das emanzipatorische Wirken der darstellenden Künste hat das Theater von Falk Richter kontemporär die überzeugendsten Werke erbracht. Die Kombination ästhetischer und analytischer Kommunikation, auch unter prominenter Einbeziehung von Arbeiten von Videokünstlern wie Chris Kondek, Michel Auder und Björn Melhus, tragen zur Inspiration des derzeitigen Filmschaffens bei. Die TEDDY Foundation zeichnet Falk Richter als Beweger, von dem wir uns nachhaltige Impulse für das zukünftige queere und weltoffene Kino wünschen, mit dem Special TEDDY AWARD aus.[7]


© Thomas Aurin 

Vielleicht ist die Zeit der narrativen Theaterstücke vorbei. Falk Richters Projekte sind heute in einer Medienkultur zwischen You Tube, You Porn, #Hashtags, Tags, Clips und Wahrnehmung als Film im Schnitt und Gegenschnitt verstrickt. Die 25 Szenen werden in einer schnellen Folge von Schnitten wie im Film abgespult. „1 Filmtitle: Weekend / Scene: 1 Take: 4 / No. 6 Intimität und Sprache“ heißt das Vorspiel. Wieviel Film macht das Leben? Scripted Reality ist vielleicht nicht mehr nur ein Genre des Dokumentarfilms. Slavoj Žižek hat in The Pervert’s Guide to Cinema klipp und klar formuliert, dass „man (…) uns beibringen (muss), uns nach etwas zu sehnen“.[8] Falk Richter macht in dem Vorspann im Modus eines Filmdrehs mit „Intimität und Sprache“ deutlich, wie zwei junge Männer, Schwule, über ihren Sex, über ihre Intimität sprechen wollen und nicht können. Anstatt sagen zu können, was sie erlebt haben, macht die Sprache die erlebte Intimität kaputt. Doch das hat u.a. damit zu tun, dass sie Fußballspieler sind.


© Thomas Aurin 

Sprache verfehlt die Intimität, wenn man Falk Richter folgen will. Das Projekt Small Town Boy wird auf der Drehbühne von Katrin Hoffmann als ein Labor aus Stimmen und Bildern inszeniert. Die Schallplattensammlungen und die Poster mit David Bowie, Rainer Werner Fassbinder und Annie Lennox schaffen eine Art Intimität im Labor, das ein Jugendzimmer sein könnte. Die Bravo-Poster – oder woher sie auch immer kamen – boten so etwas wie Orientierung und Intimität. Sie weckten Begehren. Schließlich bestimmte der Jugendliche, wen oder was er oder sie sich an die Wand hängte, um sich nicht allein zu fühlen, wohlzufühlen und zu träumen. „Sweet dreams are made of this / Who am I to disagree? … Some of them want to use you / Some of them want to get used by you / Some of them want to abuse you / Some of them want do be abused… Hold your head up / Keep your head up, movin‘ on …“ – Gibt es eine größere Intimität, als zu träumen?


© Thomas Aurin 

Annie Lennox schrieb mit Sweet Dreams 1983 eine Art melancholische Schwulenhymne. Im Musikvideo trat sie mit Orange gefärbten Haaren mit Kurzhaarschnitt, dickem Kajalstift um die Augen, mit schmaler Krawatte und Anzug sowie schwarzen Handschuhen und Zeigestock auf. Die Inszenierung überschnitt sich mit der Figur Ziggy Stardust von David Bowie, wie Katrin Hofmann mit ihrem Labor-Bühnenbild vorschlägt. Jener Glam Rock und Raumfahrer-Figur, die Bowie bereits 1972 mit zunächst wenig Kajal um die Augen als futuristisch-androgynes Wesen kreiert hatte. The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars endet als Rockoper mit dem Rock ’n‘ Roll Suicide. Vielleicht laden gerade besonders düstere Szenarien im Jugendzimmer zum Träumen ein. Doch auch Falk Richters Inszenierung von David Bowies und Enda Walshs Lazarus 2018 am Schauspielhaus Hamburg, gibt einen Wink, dass Bowie zum konzeptuellen Bezugsrahmen des Regisseurs gehört.


© Thomas Aurin 

Dave Stewart spielt im Video zu Sweet Dreams ein Cello als Inkarnation der romantischen Melancholie. Er hat 2017 das Making of Sweet Dreams im Interview etwas anders als existentielle Geschichte eines Popsongs und Rettung der Eurythmics erzählt.[9] Der Syntheziser Pop brauchte natürlich kein Solo-Cello, trotzdem wird es im Video in einem surrealen Setting aufgerufen. Das Cello ist nicht zuletzt ein wiederholtes Motiv im Schaffen von Salvador Dalí. Es wird in den surrealistischen Settings von Dalí mehrfach und auf unterschiedliche Weise von Nachttischen oder Elefanten attackiert. Oder es zerfließt in den Traumlandschaften der Zeit neben den berühmten Uhren. Doch in der Musikliteratur der Romantik wie dem Klavierquartett Es-Dur, op. 47 von Robert Schumann wird das Cello zum Gefühlsinstrument schlechthin.[10]


© Thomas Aurin 

Das Musikvideo von Eurythmics Sweet Dreams wurde auf MTV im Fernsehen anfangs fast in einer Endlosschleife gezeigt. Auf YouTube ist es seit 25. Oktober 2009 schon über 300 Millionen Mal aufgerufen worden.[11] Chris Ashbook inszenierte mit Annie Lennox und Dave Steward sowie einer Kuh im Studio eine ebenso futuristische wie surrealistische Szenerie mit einer Verdopplung von Bildern auf Bildschirmen, einem antiquierten Computer und Goldenen Schallplatten an den Wänden. Die Sängerin diktiert in vorgebeugter Haltung mit auf den Schreibtisch gestützten Armen 1983 ihrem Co-Musiker den Songtext in die Computertasten. Gleichzeitig wird mit dem Musikvideo ein feministisches Geschlechterverhältnis in Szene gesetzt. Oder wird durch die überpointierte Performance der Männlichkeit diese dekonstruiert?


© Thomas Aurin 

Der Syntheziser oder Snythie Pop funktionierte allein schon wegen seiner – überwiegend noch analogen – Klangerzeugung als gesellschaftliches Zukunftsversprechen. Rhythmus, Hall und Streichinstrumente kommen sozusagen aus der Maschine. Während der Orchesterapparat der Studiomusiker durch den Syntheziser ersetzt wird, taucht das Cello nur noch als Erinnerung auf. Gleichzeitig knüpfen die Aufnahmen von Menschen- und Kuhaugen an Luis Bunuels und Salvador Dalís Film Un Chien Andalou von 1929 an[12], der Chris Ashbrook als Kameramann und Regisseur bekannt gewesen sein dürfte. Während bei Bunuel mittels Schnitt und Traumlogik das Auge einer Frau durch das einer Kuh ersetzt wird, um es mit einem Rasiermesser zu zerschneiden, bleibt nun das Kuhauge heil.

 

Katrin Hoffmanns Bühne und Kostüme fallen ebenso ästhetisch mehrdimensional wie analytisch aus. Die Bilder von Bowie, Fassbinder und Lennox erinnern nicht nur an eine bestimmte Zeit, sie dienen zugleich der Vereinnahmung oder Identifikation. Mit Slavoj Žižek zeigen eben Annie Lennox und das Musikvideo Sweet Dreams, was wir begehren sollen oder sollten. Diese Bilder funktionieren mehrdeutig wie die in Russland kriminalisierte Aufklärung über vielfältige Lebensweisen. Es geht nicht darum, irgendjemanden schwul zu machen, sondern Bilder zu schaffen, wie das aussehen und sich anfühlen könnte. Nämlich als Stärke, wenn die Träume gerade einmal wieder zerplatzen, wie es mit Sweet Dreams inszeniert wird. Andere Bilder wie Putin mit nacktem Oberkörper zu Pferd erzeugen Abstoßung im Bühnengeschehen. Fotos von Putin, Merkel oder Anna Netrebko werden auf fast atavistische Weise attackiert. Das zeigt wie sehr sich Falk Richter als Regisseur und Katrin Hoffmann aufeinander abstimmen.

 

Die Theatertexte und -bilder funktionieren bei Falk Richter in Small Town Boy wie Seismografen. Statt Kontrollwahn und Abbildungsphantasien verarbeitet er im Format Projekt aktuelle Texte. Er knüpft an Rainer Werner Fassbinder an und schreibt Deutschland im Herbst (2016) als Theatertext oder eben gleich Je suis Fassbinder.[13] Vielleicht ist das, was am meisten an Richters Theatertexten zu faszinieren mag, dass er keine Haltung des Wissens oder der Belehrung einnimmt. Er macht Theater, das die Gesellschaft mit den Schauspieler*innen und seinem Team erforscht, wie auch mit dem Projekt Verräter am Gorki.[14] Hierhin hören und dahin hören, was gerade in den Medien kursiert. Widersprüche inszenieren und Lügen aufdecken. Risse deutlich machen und die Anmaßungen der Deutschland- und die Welterklärer sowie Terrorist*innen der heilen Welt entlarven. 

 

Torsten Flüh

 

Gorki 

Small Town Boy 

von Falk Richter 

demnächst neue Termine

 

Verräter 

von Falk Richter 

19. Februar 2019, 19:30 Uhr 

 

33. Teddy Award Ceremony 

15. Februar 2019, 21:00 Uhr 

Volksbühne 

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[1] Siehe Gorki Profil.

[2] Ebenda.

[3] Vgl. Torsten Flüh: Lesen im Archiv. Zur Eröffnung des Archivs von Ronald M. Schernikau in der Akademie der Künste. In: NIGHT OUT @ BERLIN 13. Oktober 2016 20:30.

[4] Zitiert nach Notiz.

[5] Siehe: Wo haben Sie sich verrechnet? In: Die Zeit Hamburg Nr. 6/2019, 31. Januar 2019.

[6] Hans-Olaf Henkel: https://hansolafhenkel.de

[7] Wieland Speck in: Special Teddy Award geht an Falk Richter #teddyaward 2019/02/27

[8] Siehe Torsten Flüh: Have a drink? - Vom Kino besessen. Zu Sophie Fiennes The Pervert’s Guide to Cinema mit Slavoj Žižek. In: NIGHT OUT @ BERLIN 26. April 2016 20:30.

[9] Eurythmics: how we made Sweet Dreams (Are Made of This). Interviews by Simpson. In: The Guardian Mon 11 Dec 2017 18.47 GMT.

[10] Vgl. blogforscherinnen: MEISTERHAFT JUGENDLICH. Das Notos Quartett im Debüt von Deutschlandfunk Kultur heute um 20:03 Uhr. In: metaihrblog 12. Januar 2018.

[11] Eurythmics: Sweet Dreams (Are Made of This)(Official Video) 25.10.2009.

[12] Luis Bunuel: Un Chien Andalou. (YouTube)

[13] Falk Richter: Je suis Fassbinder. Frankfurt am Main: Fischer, 2016.

[14] Siehe Torsten Flüh: Ziemlich heftiges Verräter-Ding. Zur umjubelten Uraufführung von Falk Richters Projekt Verräter — Die letzten Tage. In: NIGHT OUT @ BERLIN 2. Mai 2017 22:17.  


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