Lesen im Archiv - Zur Eröffnung des Archivs von Ronald M. Schernikau in der Akademie der Künste

Archiv – Material – Antagonismus

 

Lesen im Archiv 

Zur Eröffnung des Archivs von Ronald M. Schernikau in der Akademie der Künste

 

Erfolg und Berühmtheit sind besonders im Literaturbetrieb ungerecht. Sie kommen immer unzeitig zu früh oder zu spät. Der Schriftsteller Ronald M. Schernikau wurde 1980 mit 20 Jahren auf einen Schlag wenigstens so berühmt, dass sein Text Kleinstadtnovelle, verlegt im eher kleinen Rotbuch Verlag Berlin, im SPIEGEL unter LITERATUR von Wolfgang Spindler besprochen wurde. Dann war erstmal Funkstille zu Schernikau im SPIEGEL. Unzeitig kommt er ab 2009 achtzehn Jahre nach seinem Tod an AIDS mit dem Jubiläum 20 Jahre Mauerfall und der Biographie von Matthias Frings wieder ins Gespräch. Mehr noch: Am 7. November 2014 nach der Uraufführung von Die Schönheit von Ost-Berlin. Eine Ronald-M.-Schernikau-Collage am Deutschen Theater werden seine Texte neu gelesen und bedenkenswert. Am 19. und 20. März 2015 fand im Literaturforum im Brecht-Haus die Tagung „lieben, was es nicht gibt“ statt.  

 

Im Studio der Akademie der Künste am Hanseatenweg wurde nun am 7. Oktober die Archiveröffnung unter dem titelgebenden Zitat es zählt, was ich der zeit entgegensetze als später Erfolg gefeiert. Das Ronald-M.-Schernikau-Archiv wurde mit jeweils einem Findbuch seiner Mutter und Thomas Keck symbolisch von der Leiterin des Literaturarchivs der Akademie der Künste Sabine Wolf übergeben. Über die Datenbank des Archivs ist für den Lesesaal aus dem Nachlass nun die werkbezogene Sammlung zu Schernikaus Skandalbuch Die Tage in L. (1989) von 1988 als Leipzig-Konvolut zugänglich gemacht worden. Während sich das Volk der DDR in eine revolutionäre Absetzbewegung begab, hatte sich der schwule, kommunistische Schriftsteller aus West-Berlin zum Schriftstellerstudium 1986 an das Johannes R. Becher Institut nach Leipzig begeben und 1989 die Staatsbürgerschaft der DDR angenommen.

Das Paradox der Geschichtsschreibung und der Geschichte als eine andere führte dazu, dass Die Tage in L. im revolutionären Herbst 1989 literaturkritisch untergingen. Weder ein offizieller Verlag der DDR noch ein großer der BRD wollte das Buch, an dem Schernikau intensiv 1988 in Leipzig am Literaturinstitut geschrieben hatte, verlegen. Stattdessen erschien es im Hamburger Konkret Literatur Verlag immerhin mit „Unterstützung“ „der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin(West)“.[1] Der Literaturverlag gehörte und gehört zum Konkret Magazin Verlag, der die „Zeitschrift für Politik und Kultur“ konkret mit dem Motto „Lesen, was andere nicht wissen wollen“ herausgibt. Das Motto konnte und kann durchaus ebenso für den Literaturverlag in der Altonaer Ehrenbergstraße von Dorothee Gremliza gelten. Die Tage in L. führen den Antagonismus auf.

 

Die Tage in L. sollten nicht einfach als tagebuchartige Literatur gelesen werden, vielmehr formulierten sie einen Widerspruch zur Verständigungserwartung an die Literatur als Untertitel prominent auf dem Cover: „darüber, daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können, geschweige mittels ihrer literatur“.[2] Das war stark, als alle von Verständigung und Annährung, dann sogar von Wiedervereinigung und Einheit sprachen. Ein offener Widerspruch, der sich quer und queer stellte. Doch der Titel hatte in vielfachen Umschriften und Umstellungen der Typoskripte in der „Mappe VORFASSUNGEN“ nach Thomas Keck im Original noch sperriger ausfallen sollen: 

DIE SCHÖNHEIT VON UWE, DIE LOSUNG 43 UND DER SPASS DER IMPERIALISTEN. DARÜBER, DASS DIE DDR UND DIE BRD SICH NIEMALS VERSTÄNDIGEN KÖNNEN, GESCHWEIGE MITTELS IHRER LITERATUR[3]

Die Literatur und das Verständnis von Literatur stehen mit Die Tage in L. durchaus auf dem Spiel. Ist das jetzt Tagebuchliteratur, Journalismus oder ein Roman? Soll das ein Kunstwerk sein? Sind das geständnisartige Autorentexte? So gibt es unter 3 die Passage EINLAGE: SIEBEN INTERVIEWS. Das Genre Interview wird kanonisch dem Journalismus zugeschlagen.[4] Für die Literaturkritikerin Iris Radisch war 2015 die Vergabe des Literaturnobelpreises an die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch schlechthin „falsch“, weil man „solche Materialcollagen oder Reportagen“ nicht „literarische Meisterwerke“ nennen sollte.[5] Thomas Keck hatte in seiner Editorische(n) Notiz bereits 2001 auf verschiedene „Legefassung(en) bzw. Klebefassung(en)“ in den Mappen aufmerksam gemacht.[6] Mit der Eröffnung des Ronald-M.-Schernikau-Archivs im Archiv der Akademie der Künste werden nun die Literaturpraktiken des Exzerpierens, Notierens, Schreibens, Tippens (hier Schreibmaschine), Zerschneidens und Montierens bzw. Verklebens und Verdichtens für eine interessierte Öffentlichkeit mit Die Tage in L. zugänglich.

 

Ronald M. Schernikau gelingt es durch die Interviews, Antagonismen auf schärfste Weise aufzuführen. Das Verfahren des Interviews durch Frage und Antwort erlaubt somit, was im literarisch-auktorialen „Meisterwerk“ verloren gehen muss. Die Haltung des Schriftstellers wird nun vielmehr darüber deutlich, wie er mit der Sprache umgeht. 

1 

– matz, möchtest du gern in der ddr leben? 

- nein. 

- warum nicht. 

- kann ich mir nicht vorstellen. 

 

2 

– sabine. möchtest du gern in der ddr leben. 

– nein. 

– warum nicht. 

– es gibt gute gründe, dort leben zu wollen … 

5 

– ronald. Möchtest du gern in der ddr leben. 

– ja. 

– warum. 

– weil ich gelernt habe, die ddr ist richtig und die brd ist falsch. biografischer zufall. also ich will weg, und ich will nicht nur weg, ich glaube alle leute wollen hier weg, sondern ich will auch noch in die ddr. 

– was ist der unterschied … 

6 

– matthias. möchtest du gerne in der ddr lebe. 

– in der ddr leben? um himmels willen! 

– warum nicht. 

– ich will nach amsterdam fahren, …[7]

 

Matz, Sabine, Ingrid, Thomas, Ronald, Matthias, Stephan kommen in den schematisierten Interviews zu Wort. Sind sie Journalismus? Oder was wird nicht zuletzt mit den Namen der Interviewten inszeniert? Wer fragt und wem antwortet „ronald“? Der Name Ronald legt erstens nahe, dass die Antwort von Ronald M. Schernikau stammt. Schließlich beginnt die mit zahlreichen Zitaten von Rainer Werner Fassbinder bis Georg Wilhelm Friedrich Hegel verschachtelte Eröffnungssequenz mit einer Einführung eines Ich-Erzählers, von dem man wissen kann, dass es historisch verbürgt Ronald M. Schernikau war. Das hat sich ja wirklich zugetragen und lässt sich überprüfen. Das Frage-und-Antwort-Format Interview appelliert immer auch an die Wahrheit. Doch wenn man genauer hinschaut, sind die Antworten derart schematisch, dass sie einen Zweifel an der Wahrheit von Matz, Sabine, Ingrid, Thomas, Ronald, Matthias, Stephan aufkommen lassen. Erklärungsmuster? Sprachhülsen?

 

Ronalds bejahende Antwort auf die wiederholte Frage als Lernerfolg ist ihrerseits so schematisch, dass sie sich auch als Ironie lesen lässt. Die Rede von Ronald M. Schernikau auf dem Außerordentlichen Schriftstellerkongress der DDR vom 1. bis zum 3. März 1990, die mit einem Ausschnitt bei der Archiveröffnung im Studio der Akademie der Künste eingespielt wurde, fiel denn auch einigermaßen verstörend für die Genossen Schriftsteller aus. — „die dummheit der kommunisten halte ich für kein argument gegen den kommunismus.“ — Mehrfach wurde während seiner Rede gelacht oder sogar gebuht. — „die ddr hat sich wertlos gemacht.“ — Der radikale Kommunismus Schernikaus wandte sich gegen nichts so sehr wie die institutionalisierte Dummheit des Sozialismus als real existierenden. Und dieser Zug war nicht etwa eine späte Einsicht nach der „Wende“, sondern schon 1980 in der Kleinstadtnovelle angelegt, worauf auch Stefan Ripplinger in seinem Vortrag hinwies.

 

Wie Schernikau in der Talkshow club2 am 9. Oktober 1980 anlässlich der Frankfurter Buchmesse auf die Frage nach dem Satz „wichtig ist, dass sie dir beibringen: es gibt keine alternative zum nichtstun.“[8] antwortet, dass sich nichts wirklich ändere im Großen wie im Kleinen[9], gibt bereits einen Wink auf entschiedene Systemkritik. Schernikau gebraucht den Begriff des Nichtstuns auch anders. Das Nichtstun wird vom System nur scheinbar bekämpft, aber tatsächlich gefördert. Während das Nichtstun von der Produktivgesellschaft des Kapitalismus wie der des real existierenden Sozialismus als Gammeln oder Lungern, aber auch als „subkultur“ verurteilt wird, entlarvt „b.“ das Nichtstun als ein gewünschtes, damit das System nicht gefährdet wird. 

meine freizeit wäre das gegenteil von nichtstun, weiß b., und er weiß es wie jeder: ob er che an der wand hängen hat, den es an jeder ecke zu kaufen gibt, oder bruce lee, was die hilfloseste form von protest ist. sie können popkonzerte veranstalten oder lange haare schön finden, wichtig ist, daß sie dir beibringen: es gibt keine alternative zum nichtstun.[10]   

 

Im Video von Matthias Frings aus dem Jahr 1984 sitzt Ronald M. Schernikau im kurzen schwarzen Trägerkleid mit silbernem Gürtel auf einem Stuhl und singt. Es existiert im Netz neuerdings in zwei Versionen auf YouTube. Einmal stark gekürzt als Trailer des Aufbau Verlags für Frings‘ Schernikau-Biographie Der letzte Kommunist von 2009.[11] Und einmal als Gedenksendung des Magazins andersrum von 1991, die erst im April 2016 hochgeladen wurde.[12] Die längere Version des vermutlich im Offenen Kanal produzierten TV-Magazins andersrum eröffnet mit der Frage nach Schönheit, die in der Literatur Schernikaus nicht zuletzt mit dem Titelbeginn DIE SCHÖNHEIT VON UWE eine wichtige Rolle spielt, hier auf bedenkenswert einschränkende Weise. 

ich würde mich sowieso nicht nach mir auf der straße umdrehen. und ich glaube auch nicht, dass ich die schönste bin. aber wenn man, äh, wenn man hingucken kann, also wenn man keine barrieren hat und so, und wenn man das nicht sowieso abstoßend findet, dann bin ich schon schön. – ich bin zufrieden.[13]    

 

Schernikaus Kommunismus und Schreib- wie Montagestrategien lassen sich nicht nur mit der Interview-Inszenierung und dem Nichtstun kontextualisieren, sondern sie formulieren die Frage nach der Kategorie, nach dem Geschlecht und seiner Darstellung in ihrer Abhängigkeit vom Diskurs und seiner Herrschaft als Doxa. Schernikaus Kommunismus schreibt insbesondere gegen die Doxa, gegen ein Wissen, auf das sich alle einigen können. Im Moment des merkwürdigen Grenz- und Mauerfalls schlägt er sich auf die verlorene Seite bzw. auf jene eines Kommunismus, den es nicht oder nicht anders als in der Sprache gibt. Die sprachlichen Operation sind darauf fokussiert, dass sie sich nicht einfach kapitalistisch verwerten lassen. Weil DIE SCHÖNHEIT VON UWE nicht in den Titel passt, weil sie zu viel anspricht und mit dem Kommunismus herkömmlichen Erzählens kollidiert, wird sie weggeschnitten. DIE SCHÖNHEIT VON UWE hat aber möglicherweise sehr viel mehr mit dem Kommunismus als die DDR zu tun.

 

Der Kommunismus, den Schernikau schreibt, unterläuft Identitätskonzepte. Das hat er sehr scharf und aphoristisch formuliert. Identität ist geradezu die Pest aus dem Westen oder eben auch aus dem Osten. Wenn es einen „Dokumentarismus“ (Helmut Peitsch) bei Schernikau gibt, dann kommt er in der literarischen Form des Aphorismus in Die Tage in L. vor. Das Aphoristische hat folgen. Wenn man es zuspitzen will, dann sah Schernikau die Morgenröte der Identitären von Pegida und AfD. Die Funktion der Identität gegen „die kindische angst, selber zu verschwinden“ ist schon sehr präzise formuliert.

das wort identität, das jetzt sogar feierlichen einzug in die dokumente der deutschen kommunistischen partei gefunden hat (unsere kommunistische identität) (wolle mer se reilasse? unsere kommunistische identität! helau! helau! helau!), dieses wort ist der ausdruck nicht nur für die kindische angst, selber zu verschwinden, sondern vor allem für das der welt. – weil alles so bunt und vielfältig ist, kucken wir lieber gleich ganz weg. ich bin ich, und eigentlich reicht mir das auch. leider gibt es mich nicht.[14]  

 

Eröffnet wurde die Veranstaltung des Archivs mit dem Tondokument einer Lesung Schernikaus aus dem Vorspann von Die Tage in L.. In dem Ausschnitt der SFB-Talkshow Berlin 19 vom 19. November 1989, also 10 Tage nach der Maueröffnung, zeigt Schernikau seinen neuen DDR-Personalausweis. Ursula Werner und Thorsten Hierse lasen aus Nachlassdokumenten und Stefan Ripplinger hielt seinen Vortrag Schernikaus postmodernes Drama. In einer längeren Sequenz lasen Ursula Werner und Thorsten Hierse aus LEGENDE. 

sie müssen sich bei eitelkeiten immer klar machen, daß ich zehn jahre lang fast vollkommen erfolglos war, als ich das hier schrieb. 

sie müssen bedenken, daß ich gezwungen war, mein spätwerk schon in meinen dreißigern zu liefern. wenn sie dieses buch lesen, bin ich schon lange tot. hoffentlich! die vergangenen zeiten! der heitere abschied! komisch ist, was über die mühe erhebt.[15]

 

Die postume Veröffentlichung von LEGENDE im Jahr 2000 kam nur zustande, weil einige Erstsubkribenten wie Wieland Speck, Sahra Wagenknecht, Mario Wirz, Peter Hacks, Elfriede Jelinek und Matthias Frings sowie Subskribenten wie Detlev Meyer, Petra Pau und Helmut Mörwald die Herausgabe unterstützten.[16] Es ist ein Text zwischen Drama, Poesie und Prosa, der nicht zuletzt viel Leipziger Material in einem ausgeklügelten „Bauplan der Legende“ (S. 810) verarbeitet. Die Ankündigung eines Spätwerks geschrieben noch nicht einmal in den „dreißigern“, sondern gerad mal mit Dreißig, dessen Veröffentlichung 1990 ja nicht einfacher wurde, ist auch ein literarisches Versprechen: Jetzt gilt’s der Literatur, während der literarische Status für Die Tage in L. sich nicht ganz so leicht klären ließ.  

Teil I Die Götter 

|1| die welt ist einfach, das ist furchtbar und schön. 

|2| die götter wohnen in großen, hellen räumen. die götter sind freundlich. 

|3| das ist ihr problem. Weil die götter freundlich sind, müssen sie zurück auf die erde.[17]

 

LEGENDE, die nach dem Bauplan mit der „vorstellung“ und „verneigung der götter“ beginnt, wurde wohl schon in Leipzig mehr oder weniger parallel zu Die Tage in L. zu schreiben und montieren begonnen. LEGENDE ist Drama und Legendenbildung vom Autor zugleich. Bertold Brecht und Dante Alighieri winken mit den ersten Sätzen herüber. Wieviel Sprachmaterial enthält LEGENDE beispielsweise aus Brechts Der Gute Mensch von Sezuan? Für die Parallelität von Die Tage in L. und LEGENDE spricht, dass das im Archiv zugängliche „Leipzig-Konvolut I 98“ beispielsweise ein Typoskript mit folgender Passage enthält: 

die götter machen ja doch, was sie wollen. aber es gilt nun für mich, zu erkunden, ob die rahmen an den wänden hängen für sie im institut für weltbeschreibung. ich werde die rahmen finden oder nicht. das ist der auftrag. 

fifi kaufau stino und tete, nach den zeichen durchforsten sie die welt. die zeichen sagen, was sie machen sollen. liebenswerteste menschen! immer glauben sie, die götter seien die zeichen oder wenigstens lieferten sie; der kindliche irrtum. die menschen sind es, die die zeichen geben.[18]

 

In der Eröffnungssequenz der mehr als achthundertseitigen LEGENDE kehrt Schernikau kurzer Hand einmal die Zeichentheorie um. Man kann das auch Dekonstruktion nennen, vielleicht gar fiktionale Dekonstruktion. Die Beanspruchung Schernikaus als Kommunisten wird damit durchaus schwierig oder nur in dem Maße möglich, wie der Kommunismus keine Identität sein kann. Das hat viel mit der Produktionsweise von Die Tage in L. und LEGENDE zu tun, wie sie sich im „Leipzig-Konvolut“ beobachten lässt. Es gibt zahlreiche handschriftliche Zettel und Schnipsel, die in Typoskripte verwandelt werden, um dann fotokopiert zu werden. Diese Fotokopien werden dann wiederum zerschnitten und in neuen Konstellationen auf Papierseiten geklebt. Beispielsweise gibt es die handschriftliche Notiz „ich bringe thomas eine zahnbürste mit, weil sie hier alles so billig ist, und beim ersten benutzen fallen die borsten raus. ich fange an, die ddr zu verteidigen.“

 
Mit freundlicher Genehmigung von schernikau.net. Foto: Torsten Flüh

Man kann diesen Zettel auf zweierlei Weise lesen. Die knappe Formulierung kann biographisch gelesen werden, was letztlich wenig spannend und ergiebig ist, weil es der Zeichentheorie huldigt. In seiner singulären Knappheit kann er allerdings auch einfach eine Formulierungsübung sein. Ein Aphorismus, der mit dem Namen und der Personalisierung an das Biographische herangerückt wird. Geht es doch beim Aphorismus darum, ein antithetisches Bauprinzip prägnant auszuführen. Thomas und ich werden dann nebensächlich. Natürlich gibt es in diesem Aphorismus einen zweifachen Antagonismus. Wenn ich Thomas eine Zahnbürste mitbringe, weil hier alles so billig ist, dann ist das weder für die DDR noch für Thomas ein Ausdruck der Wertschätzung. Die Billigkeit wird zu kapitalistischem Handeln. Die Zahnbürste wird nur mitgebracht, weil sie so billig ist. Dann erweist sich auch noch die Zahnbürste als völlig wertlos, weil beim ersten Benutzen die Borsten rausfallen. Damit könnte eigentlich schon genug sein. Doch nun wird auch noch die beschriebene, widersprüchliche Handlung in eine Verteidigung der DDR gedreht.

 

Die sprachlichen Operationen, die mit dem Leipzig-Konvolut beobachtet werden können, schlagen auch eine andere Praxis des Archivs bzw. des Lesens im Archiv vor. Es geht weniger um die zeichenlogische Bedeutung von Namen und biographische Spuren als vielmehr um eine Beobachtung der literarischen Produktion. Die literarische Produktion findet mit und im Sprachmaterial nicht zuletzt der Aphorismen statt. So sind es denn auch zahlreiche Aphorismen berühmter Namen die Schernikau dem Leipzig-Buch voranstellt. Stehen die Aphorismen dort wegen der Namen in Majuskeln oder wegen der literarischen Umstellungen, die wie bei Hegel zu allererst praktiziert werden? 

was wirklich ist, das ist vernünftig; 

und was vernünftig ist, das ist wirklich. 

GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL[19]     

 

Hegels Aphorismus ist vor allem in seiner literarischen Konstruktion beachtlich. Man könnte fragen, wo bei Hegel das Unwirkliche bleibt. Auffällig wird allerdings die geradewegs kreuzweise Vertauschung in der Syntax. Der Wirklichkeitssinn entspringt bei Hegel der literarischen Operation des Chiasmus. „wirklich“ und „vernünftig“ werden jeweils in der gleichbleibenden Syntax nur ausgetauscht. Das lässt sich für einen Schriftsteller von Hegel lernen. Und aus ähnlichen sprachlichen Operationen baut Ronald M. Schernikau sein viel zu frühes Spätwerk. Wer so mit Sprache arbeitet, von dem kann nicht mehr gesagt werden, dass er nichts tut. — Weitere Archiveröffnungen im Studio der Akademie der Künste werden folgen. 

 

Torsten Flüh 

 

Archiv der Akademie der Künste

 

Video-Aufzeichnung der Archiveröffnung Hier:

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[1] Ronald M. Schernikau: Die Tage in L.. Hamburg: Konkret Literatur Verlag, 1989, S. 4 (nicht paginiert)

[2] Ebenda Cover.

[3] Thomas Keck: Editorische Notiz. In: Ronald M. Schernikau: Die Tage in L.. Hamburg: Konkret Literatur Verlag, 2001, S. 212.

[4] https://www.youtube.com/watch?v=-GLSQwUDl6IS. 83-91.

[5] Iris Radisch: Plötzlich ist jeder Text ein Kunstwerk. In: Die Zeit Nr. 42 vom 15. Oktober 2015, Hamburg, S.51.

[6] Thomas Keck: Editorische … [wie Anm. 3] S. 213.

[7] Ronald M. Schernikau: Die Tage … [wie Anm. 4].

[8] Ronald M. Schernikau: Kleinstadtnovelle. Berlin: Rotbuch Verlag, 1980, S. 36.

[9] ronald m. schernikau im club2 – 1980 https://www.youtube.com/watch?v=-GLSQwUDl6I

[10] Ronald M. Schernikau: Kleinstadtnovelle [wie Anm. 8].

[11] Aufbau Verlag: Matthias Frings - Der letzte Kommunist Hochgeladen am 19.01.2009

[12] Schernikau-Gedenken /"andersum" - Sendung 1991 (vermutlich Offener Kanal) Veröffentlicht am 03.04.2016

[13] Transkription nach Video von Torsten Flüh.

[14] Ronald M. Schernikau: Die Tage … [wie Anm. 1] S. 16.

[15] Ronald M. Scherninkau: LEGENDE. Dresden: ddp goldenbogen, 2000, S. 5.

[16] Ebenda S. 842/843.

[17] Ebenda S. 17.

[18] Ronald-M.-Schernikau-Archiv Archivdatenbank

[19] Ronald M. Schernikau: Die Tage … [wie Anm. 1] S. 7.