Die Sprache der Sexualitäten und ein queerer Glücksfall - Zum Jahrbuch Sexualitäten 2018 und warum es kein queeres Begehren gibt

Begehren – Ehe – Queer 

 

Die Sprache der Sexualitäten und ein queerer Glücksfall 

Zum gerade erschienen Jahrbuch Sexualitäten 2018 und warum es kein queeres Begehren gibt 

 

Am Freitagabend wurde im taz.café in der Rudi-Dutschke-Straße von Rainer Nicolaysen das Jahrbuch Sexualitäten in seiner dritten Ausgabe mit queeren Gästen aus Theater, Forschung, Politik und Journalismus vorgestellt. Volker Beck, Martin Dannecker, Lily Kreuzer, Gustav Peter Wöhler, Christiane Härdel, Jan Feddersen, Sophie Richter, Babette Reichardt, Heteros, Homos, Trans und Inter sowie Menschen ohne kategorisch-sexueller Identität hatten sich recht zahlreich im taz.café eingefunden, um das neue Buch mit Jessica Lynn auf dem Cover in Orange zu feiern. Nach einem Portrait des schwulen Michel Foucault in Blau und einem lesbischen Paar in Rot signalisiert Jessica als trans*Person geschlechtliche Vielfalt. Die Rede- und Schreibweisen zu Sexualitäten werden im Jahrbuch abermals breit aufgefächert und diskutiert.

Volker Beck bringt sich in seiner Vorstellung des Essays (K)ein Glücksfall von Jan Feddersen im neuen Jahrbuch in freier Rede sogleich in Stellung. Er fühlt sich mit dem Essay als Politiker und Aktivist kritisch angesprochen. Schließlich war er es als Politiker und Bundestagsabgeordneter des Bündnis 90/Die Grünen im Frühjahr 2017 gewesen, der die „Ehe für alle“ ins Wahlprogramm gepusht hatte. Jan Feddersens kritischen Essay zur „Eroberung des heterosexuellen Kerngehäuses: die Ehe für alle und ihre Durchsetzung in Deutschland“ wollte Beck nicht unwidersprochen gelten lassen. Am 30. Juni 2017 lud die Bundestagsfraktion der SPD zu einem spontanen Empfang mit Thomas Oppermann, Johannes Kahrs, Martin Schulz etc. unter Anschnitt einer Regenbogen-Torte durch die damalige Bundesministerin Barbara Hendricks, die am 30. Oktober 2017 ihre Lebenspartnerin heiratete, in das Reichstagsgebäude.

 

Die Zeiten ändern sich so rasant, dass der Jahrestag der „Ehe für alle“ angesichts revanchistischer, nationalistischer und geschlechtsrevisionistischer Debatten im Deutschen Bundestag fast vergessen wurde. Das „Konfetti, das am 30. Juni 2017 im Deutschen Bundestag, exakt um zehn Minuten nach neun Uhr, auf Volker Beck herabregnete, missfiel“ nicht nur „dem die Sitzung an diesem Freitagmorgen leitenden Bundestagspräsidenten Norbert Lammert“.[1] Während CDU-Abgeordnete wie Stefan Kaufmann oder Ursula von der Leyen nach der Befreiung vom Fraktionszwang durch die Bundeskanzlerin für die eherechtliche Gesetzesänderung gestimmt hatten, erinnerte Volker Beck daran, dass Norbert Lammert im „Diskussionsforum zum politischen Handeln aus christlicher Verantwortung“ kreuz-und-quer.de noch am 23. Mai 2016 die „Ehe für alle“ unter dem Titel UNGLEICHES UNGLEICH BEHANDELN – ZUR EHE UND GLEICHGESCHLECHTLICHEN PARTNERSCHAFTEN verhindern wollte.[2]

 

Worum geht es also nach wie vor mit dem Geschlecht, der Gleichgeschlechtlichkeit und der Sexualität? Das Geschlecht wird gebraucht in einer Bedeutungsvielfalt von „Gesamtheit der Merkmale, wonach ein Lebewesen in Bezug auf seine Funktion bei der Fortpflanzung als männlich oder weiblich zu bestimmen ist (…) Gesamtheit der Lebewesen, die entweder männliches oder weibliches Geschlecht (..) haben (…) Geschlechtsorgan (…) Gattung, Art (…) Generation (…) Familie, Sippe (…) Genus“.[3] Weiterhin hat Robert Tobin darauf aufmerksam gemacht, dass sich der Begriff „sexuality“ um 1800 mit der Übersetzung von Carl von Linnés systematisch-botanischen Schriften aus dem Lateinischen ins Englische als einer der Kategorisierung verbreitete.[4] Es geht mit dem Geschlecht und der Sexualität also immer um Einteilungen in Kategorien. Das Einzelne und Einzigartige wird einem Geschlecht zugeordnet.

 

Als Geschlechtsrevisionismus muss die aktuelle Debatte um außereuropäische Flüchtlinge und dem „Geschlecht“ der Europäer, Italiener, Deutschen und Bayern etc. wahrgenommen werden. Hergestellt und sichtbar gemacht werden Geschlechter, die längst in einem Diskurs der Differenz aufgegangen waren. Mit Trachtentreffen in Weiß-Blau werden auf Wahlkampfbühnen selbst Kinder vor der Geschlechtsreife, wie man sagt, vom Geschlecht eingeholt. Die Geschlechtserkennung wird durch Rosa und Blau zwar kaum noch praktiziert. Doch in Weiß-Blau wird es auf einmal wieder notwendig, das Geschlecht sichtbar zu machen. Das widerspricht zwar selbst der Geschlechts- und Einkaufspraxis des Fußballvereins Bayern München, doch politisch soll es den Klassenerhalt sichern. Längst sind die chinesischen Fans zum Machtfaktor geworden, so dass der FC Bayern am 22. März 2017 sein „China-Büro in Shanghai“ eröffnete.[5]  

 

Volker Becks Plädoyer für die gesetzliche Durchsetzung der Ehe als „Ehe für alle“ gegen Norbert Lammert und seine katholischen Mitstreiter im Mai 2016 muss ein wenig zugespitzt werden. Denn mit der ebenso feinen wie vernebelnden Formulierung „Ungleiches ungleich behandeln“ kopierten die ausnahmslos männlichen Laien und Funktionäre der katholischen Kirche – „Dieter Althaus, Alois Glück, Friedrich Kronenberg, Hermann Kues, Norbert Lammert, Thomas Sternberg, Bernhard Vogel“ – den Differenzdiskurs und drehten ihn machtvoll in einen kategorisierenden bzw. geschlechtenden Konservativismus um. Die hochausdifferenzierte Sprache der Juristen sollte einzig und allein der Verhinderung einer Gleichstellung dienen, weil jedoch der öffentliche Diskurs zur Ehe weitaus elastischer, also auch ungenauer stattfindet, war es die juristische Genauigkeit Volker Becks, die schließlich zur Gesetzesänderung führte.

 

Bei der „Eroberung des heterosexuellen Kerngehäuses“ geht es Jan Feddersen letztlich um die ideologische Frage, ob der Begriff der Homosexualität in eine subversive, staatskritische Lebens- und Sexualpraxis gewendet werden soll oder nicht. Einerseits sieht Feddersen „eine Art Glücksfall“ in der Entscheidung des Deutschen Bundestages vom 30. Juni 2017. „Und zugleich war es auch keiner, wenn man bedenkt, dass mit der Ehe für alle eben keine Signatur von Identitätspolitik geleistet wurde, sondern nur dem Gebot der Säkularisierung des Eherechts Folge geleistet wurde: ein Akt der Demokratisierung gegen als traditionell empfundene Gefühle vorwiegend christlicher Provenienz.“[6] Volker Becks Erinnerung an den Artikel in kreuz-und-quer.de deckt unterdessen eine diskurspolitische Strategie auf, die nicht nur von konservativen Katholiken eingesetzt wurde, sondern spätestens seit Frühjahr 2015 zum höchst erfolgreichen Diskurswerkzeug der AfD gehört. Der linke, dekonstruktivistische Diskurs nach ’68 soll mit den gleichen Mitteln umgedreht werden.

 

Es geht nicht nur um Homosexuelle, Ehe und Gleichstellung, vielmehr ging es für die katholischen Funktionäre in der CDU im Mai 2016 wie im Juni 2017 um die Rückeroberung des politischen Diskurses. Das Mitglied des Bundestages Dr. Marc Jongen (AfD), mittlerweile Obmann des Ausschusses für Kultur und Medien im Bundestag und ordentliches Mitglied des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung sowie des Ausschusses für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages hat diese Diskursstrategie bereits am 25. Mai 2016 klipp und klar im Interview mit der ZEIT erklärt.[7] Doch schon am 14. Januar 2016 hatte Jörg Scheller in der Printausgabe der Zeit darauf hingewiesen, dass der „AfD-Landesparteitag Baden-Württembergs die Gleichstellung der Geschlechter (unter seiner Federführung) mit der Begründung (ablehnte), man wisse sich dabei "mit den ethischen Grundsätzen der großen Weltreligionen einig"“.[8] Es gab, und das sollte nicht vergessen werden, für die katholischen Funktionäre geschlechtspolitisch eine gewisse Vorlaufzeit zur Erklärung vom 23. Mai 2016.

 

Marc Jongen wird als Parteiideologe von den Medien und der politischen Öffentlichkeit weniger wahrgenommen als die theatralen Parteivorsitzenden Alice Weidel und Alexander Gauland sowie Beatrix von Storch, weil der flüchtige Diskurs schnell vergisst und/oder verdrängt wird. Die AfD will nicht nur mit schwulen Identitären am CSD teilnehmen, sie will richtige und falsche Lesben wie Schwule selektieren. Deshalb waren die Abstimmung im Deutschen Bundestag am 30. Juni 2017 und Volker Becks juristisches wie politisches Gespür ein uneingeschränkter Glücksfall. – Er wäre heute nicht mehr möglich! Die „bürgerliche() Vernunft“[9] feiert unterdessen mit der Re-Installation von innereuropäischen Grenzen insbesondere in Deutschland mit den meisten europäischen Nachbarländern fröhliche Urständ. Die Re-Installation von Grenzen, Geschlechtern und Kategorien geschieht aktuell mit atemberaubender Schnelligkeit aus einer vermeintlich politisch notwendigen Pragmatik.

 

Weniger kontrovers verlief Christiane Härdels Vorstellung der Queer Lecture von Rainer Herrn zu Abbildungspraktiken in der ersten Transvestitenzeitschrift »Das 3. Geschlecht«, die wie fünf weitere Lectures im Jahrbuch Sexualitäten 2018 abgedruckt ist. Rainer Herrn ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin. Er hat im Forschungsprojekt Kulturen des Wahnsinns mitgearbeitet, über dessen Abschlussveranstaltung auf dem RAW-Gelände NIGHT OUT @ BERLIN 2015 berichtete.[10] Mit seinem Aufsatz eröffnet Herrn nun ein relativ neues Forschungsfeld, indem er einräumt, dass sich „Historiker_innen Abbildungen“ bedienten, „um maßgebliche Personen, Ereignisse und Dokumente zu illustrieren, und nur selten, um die historischen Abbildungspraktiken zum Gegenstand ihrer Betrachtungen zu machen“.[11] Zeitlich fällt die Veröffentlichung der fünf Hefte der Zeitschrift zwischen 1930-1932 mit Magnus Hirschfelds Sexualwissenschaftlichen Bilderatlas zur Geschlechtskunde von 1930 zusammen, in dem Bilder wie im Medium der Illustrierten fast ohne Text auskommen.[12]  

 

Um 1930 gibt es durchaus verschiedene Abbildungspraktiken, die überhaupt mit der von Magnus Hirschfeld entfalteten Bild-Wissenschaft der Sexualitäten unter dem Motto des Bildatlasses „Bilder sollen bilden. M.H.“ entfaltet werden.[13] Hirschfeld verknüpft insofern mit seiner Geschlechtskunde einen Bildungsauftrag. Das Bildkonzept soll Wissen von der Sexualität und von sich selbst vermitteln. Darauf geht auch Rainer Herrn mit „der besonderen Rolle der Bildlichkeit als konstitutivem Bestandteil einer visuellen Selbstermächtigungs- und -vergewisserungsstrategie der Transvestit_innen“ ein.[14] Die Zeitschrift stellt nach Herrn in gewisser Weise einen Sonderfall dar, insofern sie die „Bebilderung“ „Illustriert mit 20 Bildern“ in der ersten Ausgabe bis zu „Illustriert mit 30 Bildern“ selbst steigert, um auf das „Bedürfnis, sich mit den Abgebildeten zu identifizieren, wie es bei“ den Leser_innen „überwiegend der Fall gewesen sein dürfte“, einzugehen.[15] Die Verschränkung von Bild- und Selbstfindung machte insoweit den Zug der Zeitschrift aus.

 

Der Bilderaustausch und die „Bildwanderungen“ spielten nach Herrn eine wichtige Rolle für die Zeitschrift. Denn häufig wurden von Leser_innen „Privatbilder() zur Veröffentlichung“ eingesandt.[16] Es entstehen dabei offenbar Wechselwirkungen zwischen angeschauten und den von sich selbst gemachten/eigenen Bildern, die in der Zeitschrift abgebildet gewünscht werden. Andererseits ergeben sich in den von Friedrich Radszuweit verlegten und herausgegebenen Illustrierten nach Herrn auch Probleme der „Grenzziehung“ und kategorischen Zuordnung von Bildern, was deren Abbildungsversprechen durchaus fragwürdig werden lässt: 

Auch die Bildwanderungen zwischen Homosexuellen- und Transvestititen-Zeitschriften aus dem selben Verlag, die mit entsprechenden Umetikettierungen der Fotos einhergingen, verweisen auf eine gewisse Durchlässigkeit der Grenzziehungen zwischen Minderheiten. Andererseits bestand die Redaktion von »Das 3. Geschlecht« vornehmlich aus Homosexuellen, die die Bilder auswählten, bearbeiteten und mit Bildunterschriften versahen und damit über die Inszenierungen der heterosexuellen transvestitischen Leserschaft urteilten.[17]  

 

Die Vielfalt der theoretischen und methodologischen Ansätze im Jahrbuch Sexualitäten ist groß, was durchaus Anlass für den einen oder anderen Dissens gibt. Beispielsweise könnte und müsste man fragen, ob es in der Sexualität und Ausübung von geschlechtlichen Praktiken überhaupt „Minderheiten“ im Unterschied zu einer Mehrheit geben kann. Interessant wird die geschlechtliche Praxis doch gerade an dem Punkt, wenn Transvestiten nicht zugleich Sex mit Männern praktizieren, was übrigens einen Wink auf die illustrierte autobiographische Erzählung My Life von Jessica Lynn im Jahrbuch gibt.[18] Geschlechtskörper und Geschlechtspraktiken können in unendlichen Variationen auseinanderfallen und umspielt werden. Doch das ist vor allem eine Frage der öffentlichen Diskurse, gesellschaftlichen Normen und der Rechtsprechung, die Hans Giese noch nicht als eine freie genießen durfte. Den diskurskritisch-biographisch angelegten Artikel Sexualwissenschaft als Lebenswerk. Zur Biografie Hans Gieses (1920-1970) von Moritz Liebeknecht stellte Raimund Wolfert vor.

 

Hans Giese belebte nicht nur die Sexualwissenschaft nach 1949 in der Bundesrepublik Deutschland wieder, er war auch wissenschaftlicher Berater des Remakes von Anders als die Andern (1919), dem ersten Film zur Homosexualität und gegen den § 175 StGB, eine Art Dokudrama, an dem Magnus Hirschfeld beratend mitgewirkt hatte. Das Remake kam 1957 unter dem leicht verschobenen Titel Anders als du und ich (§ 175) in der Regie von Veit Harlan in die bundesdeutsche Kinolandschaft, um zensiert und verschnitten auf fatale Weise Handlungsmuster im Umgang mit vor allem homosexuellen Söhnen für die nächsten Jahrzehnte bis in die 80er Jahre zu prägen.[19] Der Film war ausgerechnet von dem nationalsozialistischen Starregisseur Veit Harlan mit Beratung durch den 37jährigen Hans Giese gedreht und konzeptualisiert worden, um im öffentlichen Diskurs wahlweise als Anbiederung an die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen oder als Bestätigung des verbrecherischen Paragraphen wahrgenommen zu werden. Liebeknecht weist denn auch auf die ambivalente Rolle Gieses in der Sexualwissenschaft hin: 

Während er einerseits als zutiefst konservativer Akteur beschrieben worden ist, der durch seine Arbeit das System überkommener Moral- und Wertvorstellungen in der Bundesrepublik der 1950er Jahre gestützt habe, wurde er andererseits als homosexueller Aktivist dargestellt, der sein reformerisches Wirken unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit zu verbergen suchte.[20]     

 

Liebeknecht behandelt u.a. die „Institutionalisierung der Sexualwissenschaft in den 1950er und 1960er Jahren“, indem er die sexualpolitische Diskussion um den § 175 und Gieses Haltung zu rekonstruieren versucht.[21] Es ist schon ein wenig überraschend, dass in dem Abschnitt der ambige Spielfilm Anders als du und ich keine Erwähnung findet. Ist es doch gerade dieser wirkmächtige und umstrittene Film, der das Klischee der Verführung zur Homosexualität durch einen Künstler als Versagen der Aufsichtspflicht der Mutter inszeniert, um so überhaupt einen Schutz vor Homosexualität zu begründen. Anders als die Andern hatte 1919 dagegen die gesellschaftliche Diskriminierung und Erpressbarkeit von Homosexuellen in den Vordergrund gerückt. Die historische Dimension der Homosexualität wird im Jahrbuch dem Liebeknechts folgend von Götz Wienolds Essay Der Junge mit dem dunklen Teint oder: Fünfmal »Ich bin homosexuell« 1947 bis 1969 autobiografisch-linguistisch entfaltet.[22]    

 

An fünf datierbaren Szenen als „Gegebenheiten“ spielt Götz Wienold Erinnerungen durch, wie er gelernt hat, »Ich bin homosexuell« zu sagen.[23] Die Dramatik dieser Formulierung wird gerade in den Kinos mit dem Film Love, Simon (2018) als Coming-of-age-Drama für die USA, Hollywood und dann wohl doch noch die westliche Welt inszeniert.[24] Ein unterhaltsamer Highschool-Film für Teenager, in dem vor allem die Sprache im digitalen Medium E-Mail die entscheidende Rolle spielt. Indem Simon eine E-Mail-Korrespondenz mit Blue führt, der sich unter Pseudonym im Internetforum der Highschool als „gay“ geoutet hat, verliebt er sich in den imaginären Leidensgenossen, stellt sich verschiedene gleichaltrige Jungs als Blue vor und erklärt sich schließlich vor den Freund*innen, der Familie und der ganzen Schule als »Ich bin homosexuell« bzw. „gay“. Man mag den ziemlich mainstreamigen Film in vielerlei Hinsicht kritisieren, sehr treffend wird allerdings die sprachliche Verfertigung des homosexuellen Ich von Regisseur Greg Berlanti, der mit dem ehemaligen Fußballspieler Robbie Rogers seit 2017 verheiratet ist, inszeniert, als hätte er Wienold gelesen. Robbie Rogers sagte erst kurz vor seinem Karriereende als Fußballspieler 2017, dass er homosexuell ist. 

»Ich« zu sagen, ist auch etwas, das wir lernen, wenn wir sprechen lernen, und das uns einiges auferlegt, und Sprachen verfahren auch in diesem Punkt nicht alle gleich. Leserinnen und Leser wissen schon, ich bin ein Mann, ich schreibe als Mann.[25]     

 

Wienolds Confessions linguistiques rücken einerseits in Erinnerung, wie schwer oder geradezu unmöglich es zu bestimmten Zeiten war, »Ich bin homosexuell« zu sagen. Um 1950 hätten ihm „André Gide und seine Bücher“ geholfen, „ohne André Gide“ hätte er „nicht überlebt“. Doch es gilt eben auch heute noch für jeden Einzelnen und jede Einzelne, sich einer bestimmten Kategorie zu unterwerfen, wenn man wie Simon durch Verrat gezwungen wird, »Ich bin homosexuell« zu sagen. Es geht um einen Akt der Unterwerfung des Ich in eine sprachliche Zuschreibung oder Kategorie. Das wird selbst oder gerade an dem hollywoodhaften Teenager-Film Love, Simon deutlich. Simon spielt im Film scherzhaft durch, wie es wäre, wenn Teenager ihren Eltern sagen müssten, dass sie heterosexuell sind. Es geht immer wieder und vor allem um die Aussage des Ich. Daran hat sich trotz und alledem nichts geändert. Auch in digitalen Zeiten des Smartphones und der Internetforen nicht. Die Aussage folgt immer der Logik der Konfession als einem Geständnis vielleicht nicht mehr der Sünde oder eines Verbrechens, sehr wohl aber der Unterwerfung unter die sprachliche Ordnung. Götz Wienold zitiert dafür Jean-Paul Sartres Roman Zeit der Reife, der 1949 in Deutsch erschien, Karl Mays Ich, aus Karl Mays Nachlass ca. 1931, Walt Whitmans Leaves and Grasses (1860), André Gides Acquasanta und Briefe sowie die Entdeckung der Linguistik, „denn Linguistik liegt quer – im nicht anrüchigen Sinn mit nur einem e – zur traditionellen Fächerstruktur der Philosophischen Fakultäten“.[26]  

 

Warum sollte queer anrüchig sein? Wer oder was macht queer anrüchig? Der öffentliche Diskurs? Darüber wäre noch einmal zu sprechen. Vielleicht ist Götz Wienold an dieser Stelle als mutiger und innovativer Linguist doch noch ein wenig in der Sprache und ihrem Gebrauch gefangen, obwohl er sich mit der Verteidigung seiner Habilitation zu Patricia Highsmiths The Talented Mr. Ripley auf linguistisch-akademische Weise emanzipiert hat. Zu jener Zeit, erinnert Wienold, bestimmte noch ein Literaturbegriff den wissenschaftlichen Diskurs, der den linguistischen Begriff Text nicht kannte. Konfessionen sind eben immer sowohl identitätsstiftendes Bekenntnis als auch schuldhaftes Geständnis, obwohl die letztere Bedeutungsebene im Deutschen fast verschwunden ist. Doch die Linguistik kann auch queer sein, weil sie vor allem sprachliche Prozesse, Mehr- und Doppeldeutigkeiten thematisieren und aufdecken hilft. Nicht zuletzt spielt die Linguistik zumindest eine diskrete Rolle für die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum „dritten Geschlecht“, die Konstanze Plett im Jahrbuch thematisiert und die Lily Kreuzer vorstellte.

 

 

Wienolds linguistische Autobiographie spielt nicht zuletzt für die Frage nach der Identität eine wichtige Rolle. Ist die Identität im vorsprachlichen Begehren angelegt oder muss sie sprachlich in einer Kategorie artikuliert werden? Bei Götz Wienold wie beim Filmteenager Simon geht es mit der Aussage »Ich bin homosexuell«, um die auch fremde Identität als Homosexueller, die gar nicht so recht zum Ich passen will. Soll Simon sich jetzt schwul kleiden? Kleidung, Aussehen und Performance stellten dann allererst Identität her. Katharina Oguntoye stellte Timo Lehmanns Jahrbuch-Beitrag James Baldwin jenseits der Identitäten vor und unterstrich, wie wichtig für sie James Baldwin identitätspolitisch gewesen sei. In seinem Gespräch mit Jan Feddersen spricht Martin Danneker dagegen sehr streitbar über Queer Theory, die schon deshalb nicht „anrüchig“ sein kann, weil es nach Dannecker „kein queeres Begehren“ geben kann. 

Das Begehren käme in die Irre. Wenn es dort Begehren gäbe, wäre es ein Begehren ohne Körper. Wenn das Begehren sich nicht an körperlichen Repräsentanzen festmachen würde, hätten wir ein Begehren, was gleichsam wie die Liebe zur Literatur ist. Man sich einem Buch hingeben, sich von ihm abwenden, ein neues Buch nehmen und kann sich intensiv darauf einlassen. Die Tatsache, dass man als schwuler Mann mit einem weitgehend festgelegten Begehren in die ödipale und adoleszente Welt eintritt und diese Festgelegtheit auch noch als sexuell befriedigend erlebt wird, ist eine fortlaufende Wiederlegung der queeren Utopie.[27]    

 

Es ist ganz unzweifelhaft, dass es in der Sexualwissenschaft als Disziplin das Begehren geben muss. Das Begehren ist der Dreh- und Angelpunkt der Wissenschaft von der Sexualität und ihrer Begründungszusammenhänge. Und weil ein „schwuler Mann mit einem weitgehend festgelegten Begehren in die ödipale und adoleszente Welt eintritt und diese Festgelegtheit auch noch als sexuell befriedigend erlebt wird“, könnten wir die ganze sprachliche und praktische Ausgestaltung dieses Begehrens in ihrer Vielfalt vergessen. Mit der „Festgelegtheit“ wird allerdings auch eine deterministische Komponente der Sexualwissenschaft angesprochen. Gegen diesen diskreten Determinismus arbeitet die Queer Theory, weil sie sich eben nicht auf eine derartige Wissensformation festlegen lassen will. Darin hat die Queer Theory nach wie vor ihren Ursprung: Vielleicht lässt es sich so formulieren: die Queer Theory verbietet kein Begehren, sie wendet sich gegen einen genetischen, physio- und/oder psychologischen Determinismus. Und das geht nur über die Befragung der Sprache und Bilder.

 

Es spricht für die Vielfalt des Jahrbuch Sexualitäten, dass es nicht nur Kontroversen durch unterschiedliche Methoden zulässt, sondern provoziert. Martin Danneckers Verdienste und sein Lebenswerk im Einsatz für die Abschaffung des § 175 StGB und für die Regulierung der politischen Maßnahmen durch „Aufklärung statt Einschüchterung“[28] Anfang der 80er Jahre sind nicht hoch genug einzuschätzen. Martin Dannecker hat wenigstens die Schwulen vor der Internierung durch den CSU-Politiker Peter Gauweiler mitgerettet. Das darf nie vergessen werden. Die CSU war und ist eine politische Bewegung der Ausgrenzungen, Grenzziehungen und Internierungen. Jan Feddersen erinnert im Gespräch mit Martin Dannecker an die unbestreitbaren Verdienste seiner Sexualwissenschaft zu einer Zeit, als die Queer Theory nicht zuletzt als Kritik an Wissens- und Wissenschaftsmodellen in Zeiten von HIV/AIDS am Entstehen war.

 

Die Kurzvorstellungen der Release Party im taz.café können hier noch nicht einmal vollständig referiert werden. Ebenso wie vielleicht niemand das ganz Jahrbuch Sexualitäten 2018 von der ersten bis zu letzten Seite lesen wird. Zwar ist dem wissenschaftlichen Jahrbuch die Geste eigen, ein zumindest ansatzweises Wissen oder einen Stand der Wissenschaft in einer Disziplin zu präsentieren oder gar zu repräsentieren. Doch das Jahrbuch Sexualitäten hat mit seinen Abschnitten Editorial, Essay, Queer Lectures, Im Gespräch, Miniaturen und Rezensionen vor allem eine einladende und oft auch unterhaltende Vielfalt für jede einzelne Leser*in ihres Geschlechts zu bieten. 

 

Torsten Flüh  

Jahrbuch 

Sexualitäten 2018  

Hg. im Auftrag der Initiative Queer Nations von Janin Afken, Jan Feddersen, Benno Gammerl, Rainer Nicolaysen und Benedikt Wolf 

Reihe: Jahrbuch Sexualitäten 

Jahrgang 2018 

€ 34,90 (D) | € 35,90 (A) 

Alle Preise inkl. MwSt zzgl. Versandkosten 

lieferbar, 331 S., 52 Abb., geb., Schutzumschlag, 15,0 x 22,3 

ISBN: 978-3-8353-3293-5 (2018)

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[1] Jan Feddersen: (K)ein Glücksfall. Die Eroberung des heterosexuellen Kerngehäuses: die Ehe für alle und ihre Durchsetzung in Deutschland. In: Janin Afken, Jan Feddersen, Benno Gammerl, Rainer Nicolaysen, Benedikt Wolf: Jahrbuch Sexualitäten 2018. Göttingen: Wallstein, 2018, S. 15.

[2] Redaktion kreuz-und-quer.de: UNGLEICHES UNGLEICH BEHANDELN – ZUR EHE UND GLEICHGESCHLECHTLICHEN PARTNERSCHAFTEN. In: kreuz-und-quer.de 23. Mai 2016.

[3] Es wird hier die aktuelle Definition des Begriffs im (Google-)Wörterbuch zitiert. Auf de.wikipedia.org wird aktuell der Begriff Geschlecht diskutiert: „Diese Seite wird derzeit im Sinne der Richtlinien für Begriffsklärungen auf der Diskussionsseite des Wikiprojektes Begriffsklärungsseiten diskutiert. Hilf mit, die Mängel zu beseitigen, und beteilige dich an der Diskussion!“ Dies weist nicht nur daraufhin, dass der Gebrauch des Begriffes in seiner binären Anordnung wie im Google-Wörterbuch fragwürdig geworden ist, nachdem das Bundesverfassungsgericht am 10. Oktober 2017 den Gesetzgeber aufgefordert hat, bis Ende 2018 das „Personenstandrecht (…) weiteren positiven Geschlechtseintrag zulassen (muss)“. Beschluss vom 10. Oktober 2017.

[4] Robert Tobin: Bildung und Sexuality in the Age of Goethe. In: E. L. McCallum (ed.): The Cambridge History of Gay and Lesbian Literature. Cambridge: University Press, 2014, S. 257.

[5] PRESSEINFORMATION: FC Bayern eröffnet China-Büro in Shanghai. Erstellt am 22.03.2017 um 10:00 Uhr von Redaktion.

[6] Jan Feddersen: (K)ein … [wie Anm. 1] S. 27.

[7] Vgl. insbesondere zu Marc Jongen: Torsten Flüh: Das Nachleben der Diskursfriedhöfe. Falk Richters Fear an der Schaubühne am Lehniner Platz. In: NIGHT OUT @ BERLIN 31. Mai 2016 18:48. 

[8] Jörg Scheller: Wenn die stolzen Geister denken. In: Die Zeit 28. Januar 2016, 4:38 Uhr.

[9] Jan Feddersen: (K)ein … [wie Anm. 1] S. 27.

[10] Siehe Torsten Flüh: Wahnsinn mit Methode. Zur Abschlussveranstaltung Kulturen des Wahnsinns im Abulatorium. In: NIGHT OUT @ BERLIN 14. Juli 2015 21:31.

[11] Rainer Herrn: Abbildungspraktiken in der ersten Transvestitenzeitschrift »Das 3. Geschlecht«. In: Jahrbuch … [wie Anm. 1] S. 57.

[12] Zu Magnus Hirschfeldts Sexualwissenschaftlicher Bildatlas zur Geschlechtskunde siehe: Torsten Flüh: Zu Magnus Hirschfelds Bilderatlas. Aus Anlass der Spendengala Marlene für Magnus – DenkMal für Hirschfeld und die ersten Hirschfeld-Tage. In: NIGHT OUT @ BERLIN 16. Mai 2012 22:51.

[13] Zum Bildungskonzept und zur Bildpraxis von Hirschfelds Bildatlas siehe: Torsten Flüh: Gefeierte Enden der Sexualwissenschaft. Zum Festakt für Magnus Hirschfelds 150. Geburtstag im Haus der Kulturen der Welt. In: NIGHT OUT @ BERLIN 18. Mai 2018 16:46.

[14] Rainer Herrn: Abbildungspraktiken … [wie Anm. 11] S. 58.

[15] Ebenda S. 61.

[16] Ebenda S. 84.

[17] Ebenda S. 85.

[18] Jessica Lynn: My Life. In: Jahrbuch … [wie Anm. 1] S. 272-277.

[19] Vgl. dazu das sexuell Unheimliche der Orgel in der „Verführungsszene“ von Anders als du und ich: Torsten Flüh: Der Orgel verschrieben. Cameron Carpenter an der renovierten Karl-Schuke-Orgel. In: NIGHT OUT @ BERLIN 2. Oktober 2012 17:28.

[20] Moritz Liebeknecht: Sexualwissenschaft als Lebenswerk. Zur Biografie Hans Gieses (1920-1970). In: Jahrbuch … [wie Anm. 1] S. 112-113.

[21] Ebenda S. 125-130.

[22] Götz Wienold: Der Junge mit dem dunklen Teint oder: Fünfmal »Ich bin homosexuell« 1947 bis 1969. In: Jahrbuch … [wie Anm. 1] S. 133-156.

[23] Ebenda S. 134.

[24] Love, Simon (2018) Erscheinungsdatum: 28. Juni 2018 (Deutschland), Regisseur: Greg Berlanti, Kamera: John Guleserian, Cutter: Harry Jierjian, Executive Producer: Timothy M. Bourne, Musik komponiert von: Rob Simonsen. (Der Original-Trailer fällt definitiv besser aus als der deutsche.)

[25] Götz Wienold: Der … [Anm. 22] S. 134.

[26] Ebenda S. 152.

[27] Jan Feddersen/Martin Dannecker: »Es gibt kein queeres Begehren« In: Jahrbuch … [wie Anm. 1] S. 185. Zur Queer Theory und dem Begriff queer sowie „Queere Politiken im Feld von Kunst und visueller Kultur“ siehe: Josch Hoenes und Barbara Paul: un/verblümt – Geschlecht, Sexualtität und Begehren. In: dies.(Hg.): un/verblümt Queere Politiken in Ästhetik und Theorie. Berlin: Revolver Publishing, 2014, S. 16-22. 

[28] Ebenda S. 177.