Von der Wissenschaft und der Poesie der Kindheit - Cirk La Putyka zeigt Memories of Fools im Chamäleon Theater

Benennung – Raumanzug – Ballistik

 

Von der Wissenschaft und Poesie der Kindheit

Cirk La Putyka zeigt Memories of Fools im Chamäleon Theater

 

Es ist der russische Raumanzug von Yuri Gagarin, der die Besucher*innen vom Plakat grüßt, wenn sie vom Hackeschen Hof das Jugendstil-Treppenhaus hinauf zum Chamäleon Theater steigen. Yuri Gagarins Raumanzug war orange: Memories of Fools. Der neue Zirkus des tschechischen Cirk La Putyka führt zurück in die Kindheitsträume. Im Kinderzimmer fliegen noch immer und immer wieder neue Kinder mit einer selbstgebastelten Rakete aus Pappe und Alufolie oder Legosteinen zum Mond. Man weiß nicht, ob sie zuerst den Mond gesehen oder seinen Namen in einem Gute-Nacht-Lied gehört haben. La Le Lu nur der Mann im Mond ... Im Dezember 2018 lockte das Kinderstück Peterchens Mondfahrt wieder einmal ins Planetarium am Insulaner in Berlin.

Das Theaterstück mit Musik Peterchens Mondfahrt von Gerdt von Bassewitz wurde 1912 in Frankfurt am Main uraufgeführt. Schon zu jener Zeit etwas altmodisch, aber poetisch fliegen die Geschwister Peterchen und Anneliese mit dem Maikäfer Sumsemann zum Mond. Es ist das Geburtsjahr von Wernher von Braun, dessen Traum von der bemannten Raumfahrt mit der Mondlandung von Apollo 11 1969 in Erfüllung ging. Die Mondlandung jährt sich am 21. Juli zum 50. Mal. Vielleicht wird es dann im Chamäleon Theater eine oder mehrere Sondervorstellungen von Memories of Fools geben. Denn kühn und witzig tritt ein Akrobat des Cirk La Putyka unter spacigem Sound im weißen amerikanischen Raumanzug mit einer kleinen tschechischen Fahne stolz auf die Bühne.

Das berühmte und heftig umstrittene Farbbild vom Star-Spangled-Banner in der Mondoberfläche wird humorvoll in die ebenfalls, aber anders blau-weiß-rote Fahne der Tschechischen Republik gewendet. Memories of Fools ist eine Mischung aus Kindheitsträumen vom Fliegen und Raumfahrt-Jubiläum. Am 14. März 2019 erlebte das Showstück seine Welturaufführung im Berliner Chamäleon. Gleichzeitig feiert es damit sein nicht fünfzigstes, aber fünfzehntes Jubiläum von Varieté und Neuem Zirkus. Statt Nummernrevue wird zum Träumen eingeladen. Unter der Regie von Rostislav Novák jr. haben das Kreativteam und die Akrobaten einen Kindertraum von der Mondfahrt für Erwachsene und Kinder wahr werden lassen.

Das Schild MOON zeigt beim Start einer Papprakete an, wohin es gehen soll. Man könnte es das Imaginäre von Technik und Maschine nennen, das den Menschen seit Jules Vernes Roman De la terre à la lune (1865) und der Fortsetzung Autour de la lune (1870) bewegt und nach Erfüllung verlangen lässt. Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts bringt in Kombination mit den Naturwissenschaften und der Kriegsführung ein neuartiges Literaturgenre hervor, das sich wie Wissenschaft lesen lässt und erst verspätet als Science Fiction benannt werden wird. Die Eröffnungssequenz des Romans Von der Erde zum Mond findet passenderweise im „Gun-Club“ von Baltimore in Maryland noch während des Sezessionskrieges von 1861 bis 1865 statt.[1]

Jules Verne nennt den beispielhaften Krieg „la guerre fédérale des États-Unis“. Die Mitglieder dieses Clubs sind Kaufleute, Industrielle, „mécaniciens“ und Militärs oder die „Hauptleute, Obristen, Generäle“ in der Militärschule zu Westpoint werden wollen. Die  Ballistik als physikalische Wissenschaft von der Bewegung der geschleuderten oder geworfenen Körper und Größe der Waffen formuliert Jules Verne als Hauptmerkmal dieses Krieges. Daraus wird eine Reise zum Mond oder die Raumfahrt erstmals entwickelt. In der Wissenschaft der Ballistik übertreffen die USA nach Jules Verne Europa.

Aber in der Ballistik übertrafen sie die Europäer ganz außerordentlich. Sie fertigten Geschütze nicht allein von höchster Vollkommenheit, sondern auch von ungewöhnlicher Größe, die folglich eine noch unerhörte Tragweite haben mußten. In Beziehung auf rasante und Breche-Schüsse, Schüsse in schiefer, in gerader Richtung oder vom Rücken her – kann man die Engländer, Franzosen, Preußen nichts mehr lehren; aber ihre Kanonen, Haubitzen und Mörser sind nur Sackpistolen gegen die fürchterlichen Maschinen der amerikanischen Artillerie.[2]   

Der Traum vom Fliegen wird bei Jules Verne als eine wissenschaftliche Frage von „Größe“ und „Tragweite“ der Geschosse formuliert, die durch die neuartige Eisenindustrie wirtschaftlich wie mechanisch neue Möglichkeiten eröffnet. Zwar entwickelte sich die Ballistik bereits seit Niccolò Tartaglia im 16. Jahrhundert und Gaettano Marzagaglias mathematischer Schrift Dei calcolo balistico von 1748 als moderne Wissenschaft, aber erst im 19. Jahrhundert wird der Wunsch nach einer industriellen Verwirklichung einer Reise zum oder um den Mond von Jules Verne formuliert.

Unwillkürliche Bewegung ergriff die Versammlung. Barbicane rückte rasch seinen Hut und drückte ihn fest, dann fuhr er mit ruhiger Stimme fort:

»Es ist keiner unter Ihnen, wackere Collegen, der nicht den Mond gesehen, oder mindestens von ihm sprechen gehört hätte. Wundern Sie sich nicht, daß ich Sie hier über das Gestirn der Nacht unterhalte. Vielleicht ist's uns vorbehalten, für diese unbekannte Welt die Rolle des Columbus zu spielen. Begreifen Sie mich, unterstützen Sie mich mit allen Kräften, so will ich Sie führen, diese Eroberung zu machen, und der Name des Mondes wird sich denen der sechsunddreißig Staaten anreihen, welche den großen Bund dieses Landes bilden.«

– Hurrah dem Mond! rief der Gun-Club wie mit einer Stimme.[3]

Jules Vernes Verknüpfung der Entdeckung Amerikas durch Columbus mit der Eroberung des Mondes liest sich fast ebenso sinnfällig wie historisch folgerichtig. Allein, dass die Rede Barbicanes von Schriftsteller erstmals formuliert wird. Retrospektiv kann Jules Verne so als Prognostiker eines Ereignisses erscheinen, das erst – oder schon – 104 Jahre später in Erfüllung gehen wird. Doch Jules Verne befand sich in Paris und als Schriftsteller für das Magasin d’éducation et de récréation für Kinder und Jugendliche ab 1864 an der Schnittstelle von Wissensvermittlung und Unterhaltung. Ségolène Le Men hat das Programm der Zeitschrift des Verlegers und Herausgebers Pierre-Jules Hetzel „la science récréative“ genannt.[4] Diese pädagogische Wissenschaft der Erholung verändert und popularisiert das Wissen beispielsweise durch die neuartigen Illustrationen.

Die Art der Wissensvermittlung als Erholung spinnt das vielfältige, teilweise journalistische Tageswissen weiter. Daraus wird die Reise zum Mond und um ihn herum gemacht, ohne dass Verne es genauer hätte ausführen müssen. Es bleibt ein elastisches Wissen, das offen ist für weitere Anreicherungen und Verschiebungen. Während Jules Verne also bereits 1865 für eine Art Jugendmagazin die Ballistik zur Schlüsselwissenschaft der Raumfahrt zum Mond macht und sie mit dem historischen Wissen von der Entdeckung und Eroberung Amerikas verknüpft, lässt Gerdt von Bassewitz 1912 Peterchen und Anneliese noch oder wieder auf einem Maikäfer zum Mond fliegen. Die fantastische Reiseliteratur Jules Vernes saugt in der Welthauptstadt des 19. Jahrhunderts das Wissen der Zeit auf, um es mit Wünschen und Sehnsüchten auf die Stunde berechnet wahr werden zu lassen. Denn im Untertitel heißt De la terre à la lune „trajet direct en 97 heures 20 minutes“.

Als ließe sich schon die Flugzeit technisch genau berechnen, wird wie im Fahrplan der französischen Eisenbahn die Direktverbindung – „trajet direct“ – angegeben. Doch im ersten Teil des Romans funktioniert das „Projectil“ noch keinesfalls wie eine Direktverbindung mit der Eisenbahn, vielmehr gerät es in die Anziehungskraft des Mondes und wird zu einem „neuen Trabanten“. Der erste Versuch stellt eine ganze Reihe neuer Aufgaben, die vor allem die jugendlichen Leser*innen beschäftigen und anregen sollen.

Wie viele Fragen wurden durch diese unerwartete Lösung angeregt! Welche geheimnißvolle Lage blieb den Forschungen der Wissenschaft vorbehalten! Dank dem Muth und der Hingebung dreier Männer hatte dieser dem Anschein nach ziemlich unbedeutende Versuch, eine Kugel nach dem Mond zu schleudern, ein unermeßliches Ergebniß von unberechenbaren Folgen bekommen. Hatten auch die in dem neuen Trabanten eingeschlossenen Reisenden ihr Ziel nicht erreicht, so gehörten sie doch wenigstens der Mondwelt an, kreisten um das Nachtgestirn, und zum ersten Mal konnte das Menschenauge in alle seine Geheimnisse eindringen. Die Namen Nicholl, Barbicane, Michel Ardan haben sich in den Annalen der Astronomie ruhmvoll verewigt, denn diese kühnen Forscher haben, aus Begierde den Kreis der menschlichen Kenntnisse zu erweitern, sich verwegen in den Weltenraum gewagt und in dem seltsamsten Unternehmen der Neuzeit ihr Leben auf's Spiel gesetzt.[5]

Neil Armstrong setzte also 1969 als erster Mensch seinen Fußabdruck auf den Mond. Den Röhrenbildschirm des Fernsehers verdeckte 1969 bis zum Abend oder bis zur Sendung eine „verschließbare Jalousie das technische Gesicht“ wie beim Modell Blaupunkt Palermo. „Kanadisch Nußbaum“ oder Edelholzimitate machten das Fernsehgerät solange zum Möbelstück, bis es angestellt wurde. Am 20. Juli 1969 wurde die Jalousie im Wohnzimmer der Großeltern schon früher beiseite geschoben. Man hörte das Kontrollzentrum in Houston, sah unscharfe Bilder und alles war für einen Jungen von 7 Jahren unerhört geheimnisvoll, aber wirklich. Denn das Wirkliche kam aus dem Fernseher vom Nachrichtensprecher bis zu Lassie. Der Fernseher war das Fenster zur Welt. Wenn nun also mit Damien Chazelles Film First Man nach der Premiere am 29. August 2018 auf den Filmfestspielen von Venedig eine heftige Debatte darüber ausbrach, dass er das Bild von der Flagge auf dem Mond ausspart, kann der Junge nur sagen, dass er sich nicht an die Flagge erinnern kann. Schon gar nicht in Farbe.

Die Flagge auf dem Mond als eine lang tradierte Geste der Landnahme und eben, wie bei Jules Verne formuliert, „Eroberung“, fehlt in Damien Chazelles Film. Marina Koren urteilte am 12. Oktober 2018 in The Atlantic in der Rubrik „Science“, dass First Man kein unpatriotischer Film ist.[6] Doch die Geste kehrt in humorvoller Weise nun in Memories of Fools wieder. Wahrscheinlich werden die Akrobaten wie der im blauen Hasenkostüm niemals ihre Flugbahnen mit Hilfe der Ballistik berechnen. Doch sie werfen sich oder werden wie Geschosse durch die Luft geworfen. Die Show greift die Elemente der Geschichte von der Mondlandung auf, um sie zugleich ins ebenso Komische wie Akrobatische zu verwandeln. Starke Männer und mutige Frauen nehmen an der Geschichte teil, von der man nicht genau weiß, wie es nun mit dem Star-Spangled-Banner im Wind auf dem Mond wirklich war.

Vielleicht können nur Narren (fools) wie Cirk La Putyka die wahren Geschichten von der Reise zum Mond erzählen und akrobatisch darstellen. Gewiss werden viele Besucher*innen den berühmten orangen Raumanzug nach Yuri Gagarin auf dem Plakat übersehen und sich gar nicht fragen, warum dann ein Tscheche in einem weißen mit der Flagge in der Hand auf der Bühne als Mond steht. Die Aufschrift „CCCP“ für UdSSR auf dem Helm fehlt auf dem Plakat. Stattdessen spiegelt sich eine Akrobatin kopfüber am Trapez in der Scheibe des Helms. Die Geschichte und nicht zuletzt die patriotische und die Nationen bewegende von der Raumfahrt und dem Sieg im Wettlauf um den ersten Fußabdruck auf dem Mond zwischen den USA und den UdSSR wird sozusagen kopfüber erzählt.

Matthias Schwartz hat in seinem Essay Gagarins Raumanzug die paradoxe „Funktionskleidung“ der ersten bemannten Raumfahrt um die Erde durch Yuri Gagarin bedacht.[7] Anders als in Christopher Rileys Film The first Orbit (2011)[8] konnte Gagarin wegen des Raumanzugs kaum etwas sehen: „Tatsächlich war die Freude eher gering, hatte man den Helm doch so fest auf den Raumanzug fixiert, dass Gagarin ihm kaum bewegen konnte… Hinzu kam, dass die Luke der Raumkapsel, durch die er nach außen blicken konnte, maximal weit von seinem Sitzplatz entfernt lag, an dem er festgeschnallt war, die Kapsel zudem ständig schaukelte und sich drehte und sich drehte und Gagarin also nur in einer spezifischen Schräglage überhaupt einen Blick auf die Erde werfen konnte“.[9] Doch Yuri Gagarins Flug um die Erde befeuerte ungemein den Wunsch sehr vieler Menschen, die Erde aus dem Orbit sehen zu wollen.

Natürlich kann man Memories of Fools einfach als sehr unterhaltsamen Neuen Zirkus sehen und bei einem Getränk am Tisch wohl gar mit einem Imbiss genießen. Wahrscheinlich hat sich das Kreativteam auch nicht all zu viel Gedanken über die „Funktionskleidung“ der Raumanzüge gemacht. Doch spielen diese Assoziationen auf der Bühne alle eine Rolle in Zeiten, in denen Multimilliardäre und nicht mehr nur Nationen unbedingt, aber möglichst komfortabel nicht nur in den Weltraum, sondern am liebsten gleich auf den Mars wollen. Das hält dann auch wie weiland bei Jules Verne die Wissenschaft und Forschung am Laufen.

 

Torsten Flüh

 

Chamäleon Theater

Memories of Fools

bis 18. August 2018

 

Aus techischen Gründen wird dieser Blog bereits unter der Adresse http://nightoutatberlin.de parallel weitergeführt, bis er nur noch als Archiv vorgehalten wird.

 

Bitte sehen Sie sich auch diesen Beitrag im neuen Blog an: Von der Wissenschaft und der Poesie der Kindheit.

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[1] Jules Verne: De la Terre à la Lune. Paris: J. Hetzel et Compagnie, 1868. (p. 1-7).

[2] In der deutschen Gesamtausgabe von Jules Vernes Romanen erscheint 1874 Von der Erde zum Mond als erster Band. (siehe Erscheinungsjahr und Reihenfolge) Jules Verne: Von der Erde zum Mond. Wien und Leipzig: Hartleben, 1874. (Gutenberg)

[3] Ebenda 2. Kapitel (Gutenberg)

[4] Ségoène Le Men: Hetzel ou la science récréative. In: Romantisme, 1989, 65, S. 69-80. (Romantisme)

[5] Jules Verne: Von … [wie Anm. 2] Schlusskapitel.

[6] Marina Koren: The Absurdity of the First Man Flag Controversy. In: The Atlantic, OCT 12, 2018.

[7] Matthias Schwartz: Gagarins Raumanzug. In: Christine Kutschbach, Falko Schmieder (Hg.): Von Kopf bis Fuss. Bausteine zu einer Kulturgeschichte der Kleidung. Berlin: Kadmos, 2015, S. 24.

[8] Vgl. dazu: Torsten Flüh: Sehen, was Juri Gagarin sah. Christopher Rileys Film The first Orbit auf YouTube. In: NIGHT OUT @ BERLIN Mai 5, 2011 22:56.

[9] Matthias Schwartz: Gagarins … [wie Anm. 7] S. 26.


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