Der Suizid muss ein moderner Wiener sein und stören - Thomas Macho stellt Das Leben nehmen in der Feierhalle vor

Suizid – Moderne – Mensch

 

Der Suizid muss ein moderner Wiener sein - und stören 

Thomas Macho stellt sein Buch Das Leben nehmen in der Feierhalle des Kulturquartiers silent green vor 

 

Die Affinität der Wiener zum Tod ist eine besondere. Das wussten schon Topsy Küppers und der gebürtige Wiener Georg Kreisler, als sie das Couplet Der Tod, das muss ein Wiener sein arrangierten. Thomas Macho ist ein jüngerer Wiener, der an der Humboldt-Universität zu Berlin und in Wien Kulturwissenschaft lehrt. Tatsächlich gibt es Autobiographisch-Familiäres, das ihn dazu bewogen hat, sich nicht nur mit dem Tod, sondern sich in ebenso charmanter Weise wie kulturwissenschaftlicher Art mit dem Suizid zu befassen. Passenderweise wurde das Suhrkamp-Buch Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne in der Feierhalle des Kulturquartiers silent green, dem ehemaligen Krematorium in der Weddinger Gerichtstraße, vorgestellt. 

 

Thomas Macho sieht die Verschiebung der Einstellung zum Suizid in der Moderne und während der letzten Jahre ambivalent. Einerseits wurde der Suizid in Europa im 20. Jahrhundert entkriminalisiert, andererseits wird er durch Kriseninterventionsangebote stärker als Ausnahme pathologisiert. Dabei gehört der Suizid weltweit zu den häufigsten Todesursachen. Doch bei aller Entkriminalisierung und literarischer Vielfalt ist der Suizid weiterhin mit einem Schweigegebot belegt. Über den Suizid wird möglichst nicht gesprochen. Statt den Suizid zu benennen, werden plötzliche Herz-Todesarten vorgeschoben, um ihn zu verdecken. Und selbst bei Kenntnis des Suizids als Todesart kann die Frage nach der Ursache auf beunruhigende Weise oft nicht beantwortet werden. Mit dem Titel Das Leben nehmen eröffnet Thomas Macho eine Doppeldeutigkeit von Aneignung und Beendung des Lebens, um zugleich auf die „Selbstspaltung“ als Kulturtechnik zu verweisen.

 

Aufmerksame Leser*innen auf Facebook bekommen heutzutage durchaus mit, wenn sich einer der zwei- oder dreihundert etc. Facebook-Freunde das Leben genommen hat und die engsten Freunde plötzlich in Traurig-Icons ausbrechen, um gleichzeitig peinlichst einen Hinweis auf den Suizid zu vermeiden. Die Sprache der Pics und Icons auf Facebook meidet den Suizid. Selbst das „Remembering“-Profil erwähnt ihn nicht. Das Leben bricht mit dem letzten Post ab. Eindeutige Anzeichen für die sich anbahnende Entscheidung über Leben und Tod gibt es oft nicht. Thomas Macho thematisiert den Suizid nun quasi zum ersten Mal von einer „übergreifende(n) Perspektive“[1], der des Kulturhistorikers und -wissenschaftlers. Dafür knüpft er an Walter Benjamins Formulierung aus den Baudelaire-Studien an, dass „die Moderne »im Zeichen des Selbstmords«“ stehe.[2]

 

Am 24. Oktober unterhielt sich Svenja Flaßpöhler von Deutschlandfunk Kultur mit Thomas Macho in der Feierhalle des ehemaligen Krematoriums Wedding und heutigen Kulturquartiers bisweilen launig über das Buch. Das erste Krematorium in Berlin und eines der ersten in Deutschland überhaupt von 1912 hat mittlerweile eine umfangreiche Dokumentation erhalten.[3] Ein neuartiges Denken der Hygiene, nicht zuletzt durch den Begründer der Bakteriologie und Mikrobiologie Robert Koch befördert[4], strukturierte fortan den Umgang mit dem Tod und den Toten. Im Nationalsozialismus wurde es intensiv genutzt, um wiederholt Widerständige wie Schenk Graf von Stauffenberg spurlos verschwinden zu lassen. Das Krematorium wurde so in den Dienst einer Auslöschung des Gedenkens an Tote gestellt.

 

Statt religiöser Symbole trägt eine antik gewandte Frau eine Urne als Symbol der Trauer über dem Eingang zur Feierhalle. Damit wird ein kultureller Wandel symbolisch angezeigt. Der Tod bekommt einen religionsfreien Darstellungsmodus. Statt religiösem Pomp und Trauerflor bleibt er nun allenfalls als Urne zurück. „Fortschritt, Säkularisierung, Umwelt- und Hygienebewusstsein“[5] traten nach Darstellung des Kulturquartiers silent green an die Stelle christlich-symbolischer Aufladung des Todes. Während im 19. Jahrhundert die evangelische und katholische Kirche die Feuerbestattung noch vehement ablehnten, ja, bekämpften, gilt sie heute als weitgehend akzeptierte kulturelle Praxis. Ähnliches ereignete sich nach der Jahrhundertwende im Umgang mit dem Suizid.

 

Thomas Macho geht es um eine „Beschreibung von Suizidkulturen“[6] mit einem theoretischen Ansatz, der an Michel Foucaults Begriff der „techniques de soi, der »Selbsttechniken«“ anknüpft.[7] Deshalb hat er kein Buch über Ursachen und Hintergründe von Suiziden geschrieben. Vielmehr unterscheidet er „zwischen suizidfaszinierten Kulturen und Epochen, die dem Suizid ein hohes Maß an Aufmerksamkeit schenken, und suizidkritischen Zeiten und Lebensformen, die den Suizid tendenziell tabuisieren und abwerten“.[8] Dafür bietet er ein reiches Spektrum an Beispielen wie Andrej Tarkowskis Film Nostalgia (1983), Shohai Imamuras Narayama bushiko (1983) und Peter Handkes Liebe (2012). Für die christlich, abendländische Kultur formuliert er gar einen Kontext zum Martyrium Christi. 

Vielleicht vertrat die christliche Religion gerade darum eine besonders rigorose Haltung gegenüber dem Suizid, weil sie ihren eigenen Faszinationskern – die Sehnsucht nach dem Martyrium als Königsweg der »Nachfolge Christi« - so gut kannte.[9]

 

Der Suizidwunsch wird, wie Macho erforscht hat, über eine „»Subjektspaltung«“ formuliert. So wie mit der deutschsprachigen, nicht übersetzbaren Redewendung sich das Leben nehmen, eine ganze Reihe von Fragen aufkommt, die darum kreisen, wer wem das Leben nimmt. Wenn ein Ich sich das Leben nimmt, muss es ein zweites Ich geben, dem das Leben genommen wird. „Das Selbst als aktiver Produzent entwirft sich selbst als Werk, als Produkt, dessen Verbesserung angestrebt wird“, schreibt Macho.[10] Eine derartige Rede vom Selbst, das sich selbst reflektiert, wird von Macho u. a. mit dem neuartigen „akzeptable(n) Reflexionsniveau“ von Spiegeln seit dem 17. Jahrhundert in Verbindung gebracht. Kurz: Kant musste kulturtechnisch auf gute Spiegel zurückgreifen können. Die neuen Spiegel gehören zu den „Selbsttechniken“ als „Anwendung symbolischer Kulturtechniken“ „wie Sprechen, Schreiben, Lesen, Abbilden oder Singen“, die selbstreferentiell praktizierbar sind.[11]     

 

Eine kulturwissenschaftliche Theorie des Suizids in der Moderne bietet Thomas Macho nicht. Das wäre eine falsche Erwartung. Vielmehr formuliert er genaue Fragen an den Suizid von Lateinisch sui wie seiner [selbst] und caedere in der Bedeutungsvielfalt von fällen, niederhauen, erlegen, töten, hauen, vernichten, zerschlagen. Die „Selbsttechniken“ als kulturelle Praxis nehmen einen wichtigen Raum für seine Forschung ein. Sie sind ein spezifisch moderner Bereich, in dem gelernt wird, wie Ansprüche an das Selbst formuliert werden, das sich damit allererst hervorbringt. Das Selbst ist nach Macho nicht zuletzt verwickelt in seine Medialität und die Medien, die es gebraucht. 

Selbsttechniken – als symbolische Kulturtechniken – erschöpfen sich freilich nicht in Selbstreferenzen, sondern brauchen und generieren Medien. Als primäres Medium der Sprache figurierte die Stimme; … Auffällig ist, wie leicht die Medien ignoriert und übersehen werden.[12]

 

Von Materialität spricht Thomas Macho nicht. Doch mit den materiell, verbesserten Spiegeln als Medien oder heute der Smartphone-Selfie-Funktion als Spiegel sind Praktiken der Reflexion und der Überprüfung mit materiellen Dingen als Selbsttechnik verknüpft. Die Selfie-Funktion des Smartphones erlaubt es aktuell, zu überprüfen, ob die Haare richtig sitzen, wenn sich der Hipster die Strickmütze oder Kapuze abnimmt. Sie verführt vielleicht sogar zu einer kulturellen Praktik, die sich mehr und mehr verbreitet. Das Smartphone übernimmt eine Funktion wie der kleine, runde Taschenspiegel des 20. Jahrhunderts, der auch erst einmal erfunden werden musste. Zweifellos geht es dann darum, mit dem Selbst, das angeschaut wird, zufrieden zu sein – oder nicht. Selbsttechniken und ihre Medien ermöglichen allererst eine „Subjektspaltung“. Macho sieht darin eine Erweiterung von „Handlungsmöglichkeiten und Freiheitserfahrungen; sie vertiefen die Hoffnung, sich verändern und ein anderer werden zu können“.[13]

 

Die Selbsttechniken sind für Thomas Macho in Anknüpfung an Michel Foucault „jahrtausendelang nur kleinen Eliten“ zugänglich gewesen. Das ändert sich in einem entscheidenden Maße mit der „allmählichen Alphabetisierung breiter Bevölkerungsschichten … der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts“. Womöglich lässt sich sogar so weit gehen zu sagen, dass wie nicht zuletzt mit dem Briefroman Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang Goethe »Werther-Fieber« und gar »Selbstmordepidemien« medial ausgelöst werden können. – „Am 20. Januar Ich muß Ihnen schreiben, liebe Lotte, hier in der Stube einer geringen Bauernherberge, in die ich mich vor einem schweren Wetter geflüchtet habe…“ – Das Schreiben und Lesen des Briefromans als eines der Briefe, die ein Anderer höchst vertraut persönlich adressiert hatte, eröffnete für breite Bevölkerungsschichten eine neuartige Technik, sich selbst wahrzunehmen und vor allem danach zu kleiden. Denn die Kleidung spielt ebenfalls eine wichtige, symbolische Rolle als Selbsttechnik.[14] Doch das erklärt den Suizid nicht. 

Mit … polemischen Kommentaren wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegen das »Werther-Fieber« gewettert, und heute werden soziale Plattformen und das Internet, vor allem aber die Formen medialer Berichterstattung verdächtigt, die Benutzer zu Melancholie und Suizid zu verführen.[15]   

 

Macho entfaltet eine ganze Bandbreite an Darstellungsweisen von Suizidversuchen und Suiziden in Literatur, Malerei, Kunst und Film. So fragt er: „Kann man spielen und lachen mit dem Tod?“ Und er findet sogleich eine ganze Reihe von Beispielen dafür, dass u.a. „im europäischen Karneval oder am Día de los Muertos“ der Tod und gar der Suizid komisch werden.[16] Ausgerechnet Georg Kreislers Lied, besser Couplet Der Tod, der muss ein Wiener sein nennt er nicht. Der Suizid kommt nicht vor im Couplet, das bei Georg Kreisler ebenso hintergründige Gesellschaftskritik an den Wienern wie komische Züge annimmt. Weil der Tod ein Wiener sein muss, der „den richtigen Ton (trifft)“, eignet er sich schlecht für den Suizid. Doch der „richtige Ton“ erweist sich vor allem als eine dialektale Anrede, die sich ebenso gut in ein suizidales Selbstgespräch übertragen lässt:

Der Tod, das muss ein Wiener sein, 

genau wie die Liab a Französin. 

Denn wer bringt dich pünktlich zur Himmelstür, 

da hat nur a Wiener das Gspür dafür. 

Der Tod, das muss ein Wiener sein, 

nur er trifft den richtigen Ton: 

Geh Schatzerl, geh Katzerl, ja was sperrst dich denn ein. 

Der Tod muss a Weaner sein. 

 

Geh Mopperl, du Tschopperl, 

na komm brav mit (d)em Freund heim (gespr.: no kumm scho) 

Der Tod muss ein Wiener sein.[17]

 

Vielleicht bildet sich immer dann eine Praxis des Komischen am Tod und Suizid heraus, wenn er besonders häufig und (zu) nah auftritt. Er stört auf auch komische Weise trotz Entkriminalisierung weiterhin den Staat, die Politik und besonders den gesundheitspolitischen Diskurs. „(N)ach Berichten der Weltgesundheitsorganisation (begehen jährlich) signifikant mehr Menschen Suizid, als durch Kriege oder Gewalttaten ums Leben kommen“, hat Macho recherchiert. „2012 starben weltweit rund 56 Millionen Menschen, davon 620 000 durch Gewalt, nämlich 120 000 in Kriegen und etwa 500 000 durch Mord und Totschlag; aber mehr als 800 000 Menschen begingen im selben Zeitraum Suizid.“[18] Doch die Darstellungsbreite des Suizids ist vielfältig, während er dennoch beschwiegen wird, weil er stört. Gleichzeitig ereignet sich seit ca. 20 Jahren in den Grenzbereichen zwischen Tod durch Krankheit und Suizid mit der Palliativmedizin und ambulanten Palliativversorgung sowie der zivilgesellschaftlichen Hospizbewegung eine neuartige Praxis des Sterbens.

Für Thomas Macho, der sich als Kulturwissenschaftler ebenso mit dem Bereich der Grenzen zwischen Tier und Mensch sowie Mischwesen u. a. in der Ausstellung HUMANIMAL im Tieranatomischen Theater der Humboldt-Universität[19] auseinandergesetzt hat, wird der Suizid nicht zuletzt zur Signatur der Moderne, weil der Mensch, aber Tiere keinen Suizid begehen. Das ist nicht nur eine Frage der Empirie, vielmehr eine der medialen Selbsttechniken. In der Feierhalle führte er dafür die Fälschung des „Disney-Dokumentarfilm(s) aus dem Jahr 1958: White Wilderness (Weiße Wildnis), in dem die »Massensuizide« der Lemminge eindrucksvoll gezeigt wurden“, an.[20] Der Mythos des filmisch dokumentierten „Massensuizids“ der Lemminge war einer sich immer schneller drehenden Scheibe und der zunehmenden Fliehkraft sowie Assistenten in Hollywood zu verdanken.[21]

Doch die Frage, ob Tiere sich das Leben nehmen, wurde bei der Buchvorstellung besonders von einer jungen Frau aus dem Publikum nachgefragt. Denn mit der Behauptung, dass Blauwale sich an den Strand spülen lassen, um Suizid zu begehen, werden insbesondere Jugendliche seit Anfang 2017 auf die Blue Whale App gelockt, um dort in einem Spielmodus bis zum Suizid zu gelangen. Der Mythos vom Tier, das sich das Leben nimmt, vermischt sich hier offenbar mit mehreren Aspekten im Spielmodus. Die Liebe zum Tier als unschuldigem, hilflosem Wesen besonders bei Jugendlichen wird zum medialen „Challenge“, zur Herausforderung und zur Selbsttechnik. Galina Mursalijewa erklärt die Faszination der App-Erzählung folgender Maßen: 

"Die Jugendlichen werden mit Liebe umgarnt. Ihnen wird gesagt, wie schön es sei, dass sie den Weg zu den Walen gefunden haben und solche Sachen." Langsam werden sie in den Sog aus dunklen Bildern, trauriger Musik und Schreckensfilmen gezogen, die alle nur eine Botschaft vorgaukeln: Es lohne sich nicht, zu leben.[22]   

Doch der Modus dieses Suizid-Mythos, der sich besonders im Internet bei Jugendlichen schnell verbreitete, ist so unsicher und gerüchteweise, dass der öffentlich-rechtliche MDR ca. einen Monat später Zweifel an Online-Spiel „Blauer Wal“ mit Hilfe von „Jugendschützer(n)“ äußerte.[23] Tier-Mythologie und Wissen über Apps als neuartige Selbst-Medien vermischen sich geradezu beispielhaft in der MDR-Meldung, so dass der vorausgehende Beitrag unter den Verdacht der Fake News gerät. Als kontrastierendem Faktum werden nun „UNICEF-Angaben“ also des Weltkinderhilfwerks angeführt, die die Blue Whale App als Ersatzerzählung zur unerklärlichen und überdurchschnittlichen Höhe von „Selbstmord(en)“ bei russischen Jugendlichen darstellen. 

Die hohe Selbstmordrate unter Jugendlichen in Russland gilt seit Jahren als Problem. Nach UNICEF-Angaben lag sie im Jahr 2011 dreimal höher als im weltweiten Durchschnitt. Über 1.700 russische Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren würden jährlich Selbstmord begehen.[24]    

 

Thomas Macho wollte und konnte während der Diskussion mit dem Publikum nicht genauer auf die Blue Whale App eingehen, weil diese gerüchteweise Erzählung quasi zu aktuell für sein umfangreiches Buch ist. Bei der Vielzahl und Diversität der Suizid-Mythen hatte er sich ohnehin schon für das Buch einschränken müssen. Die Frage ist denn auch weniger, ob sich Blauwale das Leben nehmen oder nicht, als vielmehr wie sehr die App auf Smartphone und PC zur „Selbsttechnik“ anstelle des Lesens von Büchern vorgerückt ist. Statt „allmählicher Alphabetisierung breiter Bevölkerungsschichten“ wie im 19. Jahrhundert steht, wie auf der Frankfurter Buchmesse zu hören war, gerade ein neuartiger Analphabetismus in der europäischen Bildungspolitik zur Debatte.[25] Allerdings wird damit deutlich, dass Machos kulturwissenschaftlicher Ansatz durchaus für das Medium Smartphone und die App, die „Anwendung“ als spielerische Erzählweise tragfähig ist. Entscheidend ist für Macho die Haltung, dass der Suizid in der Moderne durch Selbsttechniken neuartige, wenn auch widersprüchliche Formierungen in Literatur, Kunst, Musik, Film erhalten hat, die Tiere nicht ausüben können. 

Die Idee, dass ich und mein Leben mir gehören, verkörpert sich heute vor allem in der paradoxen Forderung, mein Tod solle mir gehören.[26]    

 

Thomas Macho hat sein Buch neben Einleitung und Nachwort in 13 Abschnitte von Wem gehört mein Leben? über Philosophie des Suizids in der Moderne bis Debatten um Sterbehilfe und assistierten Suizid chronologisch mit 57 Abbildungen eingeteilt. So berücksichtigt er nicht nur individuelle Suizide und ihre kulturelle Ausformung, vielmehr geht er ebenso auf den „deutsche(n) Massensuizid von 1945“[27] ein. Massenweise nahmen stramme Nationalsozialisten, Militärangehörige und Funktionäre zuvor organisiert verteilte Zyankali-Kapseln, was wiederum besonders auf amerikanische Fotograf*innen wie Margaret Bourke-White, Lee Miller und Robert Capa eine große Faszination ausübte. Der gemeinsame, ja, gemeinschaftliche Selbstmord wird wie auf Margaret Bourke-Whites Foto des Leipziger Stadtkämmerers und Nationalsozialisten Kurt Lisso mit seiner Frau und seiner Tochter im Leipziger Rathaus zum Staatsschauspiel. Der Suizid findet wie der organisierte Massenmord an den Juden vom Schreibtisch aus nun an ihm statt.[28]

 

Das Foto von Margaret Bourke-White ist aus einer entschiedenen Aufsicht, vermutlich aus einem Stockwerk über dem Arbeitszimmer mit Schreibtisch, Ledersessel und Ledercouch aufgenommen. Der Vater liegt mit dem Kopf auf dem Schreibtisch. Seine Frau ist aus dem Sessel weggeknickt und die Tochter, Regina Lisso, die Lee Miller in einer Nahaufnahme fotografiert hat, liegt halb auf dem Sofa. In der Totalen von Margaret Bourke-White überschneiden sich patriarchale Familienaufstellung, Ökonomie und Politik im Arrangement des gemeinschaftlichen Suizids. Der Suizid des Stadtkämmerers ist organisiert, choreographiert und im höchsten Maße effizient. Denn mit dem Suizid entzogen sich die Täter auch der Rechtsprechung. Während Leni Riefenstahl in ihren Reichsparteitagsfilmen zwischen 1933 und 1935 sowie im Olympiafilm 1936 die Untersicht präferierte, um vor allem die Männer, aber auch blonde Frauen größer und übermächtig erscheinen zu lassen, bietet die Aufsicht nun ein Panorama des geordneten Zusammenbruchs. Von Chaos keine Spur. Der Schreibtisch mit Schreibutensilien und Telefon als Einrichtungsstück der Planbarkeit von Massenmord wie Massenselbstmord wird zum Ort des Schreckens. Leider geht Thomas Macho in seinem Abschnitt Suizid, Krieg und Holocaust eher weniger auf den erschreckend effizienten und konsequent modernen Massenselbstmord der Nationalsozialisten ein, um sich ausführlicher in Suizid der Menschengattung mit dem seppuku der japanischen Soldaten[29] und der Atombombe[30] zu befassen.   

 

Das Leben nehmen ist mit seinen Erzählungen vom Suizid und dessen unterschiedliche Rahmungen äußerst lesenswert mit einem schmunzelnd ironischen Ton geschrieben. Die Erzählungen, in denen es um „Selbsttechniken“ geht, die vielleicht nicht immer so reibungslos funktionieren wie gewünscht, verselbständigen sich, wie bereits mit der Blue Whale App angedeutet. Und wer gar „ein wenig zugunsten des Selbstmords (sagen)“ will[31] wie Michel Foucault, dem wird gerüchteweise gar unterstellt, „(e)r hätte sein Leben dann mit einer selbstmörderischen Geste der Solidarität geendigt, indem er sich im Herbst 1983 in die Badehäuser San Franciscos verschanzte und seinen Körper ein letztes Mal in einem schockierenden, doch auf befremdliche Weise lyrischen und logischen Akt der Leidenschaft aufs Spiel setzte,“[32] wie es James Miller formulierte. Damit wäre Michel Foucault dann der entscheidende Philosoph des Suizids in der Moderne.[33] Doch der Suizid bleibt ambivalent und störend, selbst dann, wenn er nicht als politische Geste ausgeführt wird. Er lässt sich nicht mit einer „selbstmörderischen Geste der Solidarität“ normalisieren. Wenn der Suizid nicht mehr stört, dann wäre auch etwas falsch. „Entheroisierung, Entmoralisierung und Entkriminalisierung des Suizids“[34], wie Thomas Macho es zusammenfasst, sind gewiss wünschenswert. Dennoch sollte sein Störpotential nicht aufgegeben werden. 

 

Torsten Flüh

 

Thomas Macho 

Das Leben nehmen 

Suizid in der Moderne 

Erschienen: 11.09.2017 

Gebunden, 532 Seiten 

ISBN: 978-3-518-42598-5 

D: 28,00 € 

A: 28,80 € 

CH: 38,50 sFr 

Auch als eBook erhältlich 

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[1] Thomas Macho: Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne. Berlin: Suhrkamp 2017, S. 7.

[2] Ebenda S. 8

[3] Seit 2009 hat sich bezüglich der historischen Aufarbeitung der Geschichte des Krematoriums viel getan. Das lässt sich auf der Website des Kulturquartiers silent green wie an einer Säule mit drehbaren Teilen nachlesen. Bei der Eröffnung des Interessenbekundungsverfahrens durch den Liegenschaftsfonds war die Zukunft des Hauses völlig offen. Siehe: Torsten Flüh:  Pimp up your crematory. Eröffnung des Interessenbekundungsverfahrens zum Krematorium Wedding. In: NIGHT OUT @ BERLIN 5. Dezember 2009 16:57.

[4] Als Robert Koch 1910 in Baden-Baden verstarb, konnte er im dort bereits existierenden Krematorium eingeäschert werden. Seine Witwe Hedwig Koch transportierte die Urne mit der Bahn nach Berlin, wo sie schließlich im zum Mausoleum umgestalteten Fotolabor hinter einer Platte eingelassen wurde. Während die Verhandlungen über das Krematorium in Berlin mit dem Magistrat der Stadt noch liefen, konnte Robert Koch noch nicht in Berlin eingeäschert werden. Zu Robert Koch und die Hygiene als Wissensformation siehe auch: Torsten Flüh: Vom Museum und Wissenschaft der Moderne. Hans Beltings Vortrag »„Weltwissen“ ohne Kolonien« im Rahmen der Ausstellung WeltWissen. In: NIGHT OUT @ BERLIN 3. Dezember 2010 16:57.

[5] Siehe Website des Kulturquartiers silent green.

[6] Thomas Macho: Das … [wie Anm. 1] S. 13.

[7] Ebenda S. 15.

[8] Ebenda S. 14.

[9] Ebenda S. 15.

[10] Ebenda S. 16.

[11] Ebenda S. 16-17.

[12] Ebenda.

[13] Ebenda S. 18.

[14] Vergleiche dazu: Torsten Flüh: Der Mensch als Comicfigur. Zum Cosplay Corner und der Deutschen Cosplay Meisterschaft auf der Frankfurter Buchmesse 2017. In: NIGHT OUT @ BERLIN 21. Oktober 2017 17:19.

[15] Thomas Macho:  Das … [wie Anm. 1] S. 19.

[16] Ebenda S. 22.

[18] Thomas Macho: Das … [wie Anm. 1] S. 12.

[19] Siehe: Torsten Flüh: Haarige Konfrontationen. Zu Thomas Machos Vortrag Verwandlungsgeschichten: Von Wölfen und Schweinen. In: NIGHT OUT @ BERLIN 18. November 2013 21:35.

[20] Thomas Macho: Das … [wie Anm. 1] S. 28.

[21] Besonders interessant ist die mehrfache Transformation des Lemminge-Narrativs in einem YouTube-Video von dem offenbar neuen rechten „Doc GermaniCus“, das am 08.01.2011 mit einem aufklärerischen Gestus hochgeladen wurde. Der Google-Algorithmus listet es an erster Position bei der Suche nach „Hans Scheibner Lemminge“. Erstens werden Ausschnitte aus dem „gefälschten“ Disney-Dokumentarfilm mit dem linken Protestsong „Lemminge“ von Hans Scheibner aus dem Jahr 1979 kombiniert, der 1984 mit der Buchveröffentlichung Lemminge, Lemminge. Neue Satiren bei dtv weiter veröffentlicht wurde. Zweitens schlägt diese Kombination von Protestsong und Film vor, dass Scheibners satirisches Wissen von den Lemmingen ebenfalls falsch ist. Drittens nutzt „Doc GermaniCus“ den erweiterten Bereich „MEHR ANZEIGEN“ für den politischen Kommentar: „Im Übrigen: Eine gute Metapher auf den PC-Mainstream... Politisch Correct (PC) in den Wahnsinn..“. „PC“ wie Personal Computer wird hier zu „Politisch Correct“ als Code der Neuen Rechten gegen das politische Establishment. Das darf man sicherlich neue rechte Propaganda nennen, die die linke Satire für eine rechte Diskursverschiebung nutzt. Das Video  https://www.youtube.com/watch?v=BM3vXIapcjQ wurde bis heute 130.397 Mal angeschaut. Hier geht es um eine frühzeitige, rechte Umdeutung, wie sie mittlerweile im Antaios Verlag zum Programm geworden ist, was vor kurzem anlässlich der Frankfurter Buchmesse besprochen wurde.

[22] MDR: Ein Online-Spiel soll Jugendliche zum Suizid verleiten. Meldung vom 17.03.2017.

[23] MDR: Jugendschützer Zweifel an Online-Spiel "Blauer Wal". 21. April 2017, 19:09 Uhr.

[24] Ebenda.

[25] Siehe: Torsten Flüh: Der neue Analphabetismus der Digitalisierung. E-Read-Experten sprechen im Kulturstadion auf der Frankfurter Buchmesse übers Lesen. In: NIGHT OUT @ BERLIN 26. Oktober 2017 17:07.

[26] Thomas Macho: Das … [wie Anm. 1] S. 447.

[27] Ebenda S. 227. Macho wählt das Foto „Regina Lisso, Leipziger Rathaus (18. April 1945)“ von Lee Miller auf S. 189 aus, um den nach Erich Menninger-Lerchenthal „organisatorisch groß angelegten Massenselbstmord“ mit einem Foto zu versehen.

[28] Christian Goeschel: Der letzte Ausweg. Nie nahmen sich in Deutschland so viele Menschen das Leben wie im Frühjahr 1945. In: ZEIT Geschichte Nr. 1/2015, 24. Februar 2015. 5. Mai 2015, 12:40 Uhr.

[29] Thomas Macho: Das … [wie Anm. 1] S. 227. Siehe zum Suizid bei Heinrich von Kleist, Seppuku und Yukio Mishima auch: Torsten Flüh: Cruising Kleist IV: Sprich! - Nunes' grandioses Sprachdrama Die Familie Schroffenstein im Maxim Gorki Theater und die "finale" Kleist-Tagung. In: NIGHT OUT @ BERLIN 20. November 2011 23:48

[30] Ebenda S. 228 bis 232.

[31] Ebenda S. 224.

[32] Ebenda S. 226.

[33] Der Schluss den Abschnitts 7. Philosophie des Suizids in der Moderne legt dies zumindest nah. Ebenda S. 200 bis 226.

[34] Ebenda S. 445.