Teddys, Lovers und Trans-Hip-Hopper - Zum 33. Teddy Award mit Prominenz und Politik im Rahmen der 69. Berlinale

Party – Filmfestspiele – Politik 

 

Teddys, Lovers und Trans-Hip-Hopper 

Zum 33. Teddy Award mit Prominenz und Politik im Rahmen der 69. Berlinale 

 

Prominenz und Roter Teppich können einmal anders genutzt werden, wenn nicht nur immer die gleichen Leute vor der Wand mit den Hauptsponsoren fotografiert werden. Es gibt sehr unterschiedliche Darstellungsweisen auf dem Roten Teppich. Die Schüchternen und die Frechen, die Professionals und die Jurys, die Hübschen und die Grellen, die Sponsoren und die Stars, die Aktivisten und die Ikonen. Es gibt auch welche, denen die Fotograf*innen gar kein Blitzlicht schenken. Einige laufen fast vorbei, andere sehen im Blitzlicht eine harte Währung auf dem Markt der Eitelkeiten und Bekanntheitsgrade. Roter Teppich ist z.B. für Heidi Klum Business. Doch dann sind da noch junge, ehrenamtliche Helfer*innen von der Berliner AIDS-Hilfe, die nur zusammen fotografiert werden wollen: Berliners play safe. Kings play safe.    

 

Die 33. Teddy Award Ceremony fiel für die Community politischer aus, als viele Male zuvor. Erstens rappte ein iranischer Trans-Hip-Hopper gegen den IS, zweitens hielt eine wodkatrunkene chinesische Regisseurin eine zensurpolitische Dankesrede und drittens rückte Shermin Langhoff mit ihrer Laudatio auf Falk Richter, dem Special Teddy Awardy 2019, so manchem heimischen AfD-Wahlbären auf den Pelz. Der Wodka war ein lederschwuler Tom of Finland-Kartoffelschnaps, der zunächst in rauen Mengen gratis ausgeschenkt wurde. Später wurde mit Campari Orange und Negroni für den Teddy Award Verein gesammelt. Mit dem Roten und dem Grünen Salon sowie den Foyers eignet sich das Haus der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz prima für kleinteiligere Partys, was die Teddy Award Party gleich heimlicher machte.

 

Jede der dreiunddreißig Preisverleihungen ist einmalig gewesen. Doch in diesem Jahr wurde sie allein schon deshalb einzigartig, weil Wieland Speck als langjähriger Leiter der Sektion Panorama auf den Internationalen Filmfestspielen von Berlin verabschiedet wurde. Statt eines Mega-Teddys erhielt er von seinen Mitstreiter*innen und Zazie de Paris einen schmissigen Chanson. Und der designierte Berlinale Direktor ab 2020, Carlo Chatrian, saß immerhin in der 2. Reihe im Parkett, was zumindest eine gewisse Themensensibilität vermuten lässt. Wieland Speck wurde mit der Berlinale Kamera und der Dankzeremonie auf fast schon ein wenig unheimliche Weise gefeiert. Doch ein bisschen Lebenswerk erwartet die Community schon noch von ihm. Panorama und Teddy Award bleiben auch für die nächste Berlinale unter neuer Regie unverzichtbar. Alfred Donner führte 1976 zahlreiche Neuerungen im Programm ein und konnte sich damit nicht durchsetzen. Moritz de Hadeln holte das Panorama zurück ins Programm. Deshalb gab die Anwesenheit des hochbetagten Festivalchefs vor Dieter Kosslick bei der Teddy Award Ceremony durchaus einen Wink auf notwendige Kontinuität und mögliche Innovation der Berlinale.  

 

Die Medienwelt um die Teddy Award Ceremony verändert sich. Wurde die Teddy Award Ceremony 2014 aus der Komischen Oper noch auf Arte übertragen und in der Mediathek vorgehalten[1], so wurde sie in diesem Jahr auf Facebook und Twitter gestreamt. Vermutlich wird es später noch ein Video auf dem Teddy Award Channel bei YouTube geben. 2018 war die Teddy Award Ceremony bereits politischer ausgefallen, weil sich in Brasilien ein massiver Rechtsruck abgezeichnet hatte. Mittlerweile ist der frauen-, schwulen- und transfeindliche sowie rassistische Populist Jair Bolsonaro im Oktober zum Präsidenten gewählt und am 1. Januar 2019 ins Präsidentenamt eingeführt worden. Die Veränderungen in der Medienpraxis wie im Medienangebot verschieben die Medienwelt. Zuspitzungen, Vereinfachungen und schlicht kapitalistisch geleitete Falschinformationen haben Wahrnehmung und Politik verändert.

 

In dem Maße wie sich der Teddy Award und dessen Preisverleihungszeremonie mit Live-Acts durch Pics, Videos, Interviews und Reportagen ins Internet verlagert haben, ist die Initiative transparenter, zugänglicher und diverser, aber auch unübersichtlicher geworden. Instagram, Facebook, Twitter und YouTube, TeddyTV und TeddyBlog generieren eine Flut an Bildern, Hashtags und Informationen, die sich kaum noch als Ganzes wahrnehmen lassen, aber jederzeit an jedem Ort der Welt zugänglich sind. Neben den Identifikationsträger*innen wie Rosa von Praunheim, Wieland Speck, Ulrike Ottinger, Monika Treut, Elfi Mikesch und Ralf König springen permanent neue Aktivist*innen ins Bild. Vom Fernsehsender hat sich der Teddy Award in die Social Media verlagert.

 

Die Medienvielfalt des Teddy Award lässt sich beispielsweise in dem Gespräch von Zsombor Bobák mit Nadav Lapid über die Muskulosität, den Körper und die Kamera in Synonymes (Goldener Bär 2019) beobachten.[2] Das Teddy Award Interview thematisiert nicht zuerst Israel und Paris, sondern den Körper, Nacktheit, Sexualität und Kamera, was den meisten Filmkritiker*innen entgangen ist. Der queere Blick auf Filme generiert andere und frühzeitige Wahrnehmungen. Synonymes war von Anfang an im Programme Guide für „(a)ll queer Films at the 69th Berlin International Film Festival“ gelistet. Queerness in Synonymes betrifft das ganze Ensemble der Identitätsfragen in diesem Film, denn in gewisser Weise verhält sich die Kamera queer. Sie bietet kein identitätsstiftendes Framing, vielmehr stolpert, überschlägt, flüchtet, kollidiert sie mit den Akteuren oft, sagen wir, hautnah.

 

Die Live-Acts der Zeremonie wurden wie die Preisvergaben in diesem Jahr wieder von Jack Woodhead mit Witz und Charme auf High Heels moderiert. Seit Jahren sind die exzellenten, queeren Artisten um Markus Pabst das Herzstück der Veranstaltung. Diesmal hatte der Regisseur und Macher von z.B. Der helle Wahnsinn im Wintergarten Varieté[3] Hugo Duquette aus Montreal sowie Mona & Laura aus Hamburg eingeladen. Mit dem iranischen Trans-Rapper Säye Skye und Sam Vance-Law kamen zwei exzellente, engagierte, queere Künstler hinzu. Mit dem sehr eingängigen Gayby hat Sam Vance-Law 2018 eine Art queeres Kinderlied komponiert und auf einigen Festivals gesungen.[4]

 

Gayby setzt eine queere Familie mit Kind in Szene, das „will you be my gayby“ von „me and your daddy“ bis zum Erwachsenwerden begleitet wird.[5] Mit poetischer Liedelastizität hat der Singer-Songwriter für sein Album Homotopia ein positives Modell für den schwulen Song entwickelt. Es ist sicher kein Zufall, dass Sam Vance-Law mittlerweile in Berlin lebt und seine Songs fürs Album auf der Rügen vorgelagerten Insel Ummanz geschrieben hat. Die Leichtigkeit korrespondiert mit der Farbigkeit von Norbert Biskys Musa Tropicana für das Cover von Homotopia. Das utopisch-queere Lebensgefühl zwischen Berlin und Ummanz wird vom Sänger in einer Feelgood-Tonlage gesungen. Doch Sam Vance-Lance trat auch im November mit Get Well Soon in Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale auf.[6]  

 

Säye Skye bringt mit TNE einen völlig neuen Hip-Hop hervor. Denn hip hop culture gilt als homo- und natürlich transphobisch. Deshalb ist es sehr spannend, wie Säye Skye in der Eröffnungssequenz den von Hip-Hoppern abwertend benutzen Begriff bitch für eine Frau zitiert und wendet. Mit seinem Look zitiert er ebenfalls den Stil der Hip-Hopper, um ihn anders zu wenden und letztlich in Farsi zu rappen. Die queere Transformation des Hip-Hops wendet sich gerade mit einem Begriff wie bitch gegen den abwertenden Sprachgebrauch im Westen wie in der fundamentalistisch-islamischen Welt des IS. Dient bitch im Englischen doch seit 1400, also dem Mittelalter, um die Bezwingung, Herrschaft und Nutzung einer Frau (oder eines homosexuellen Mannes) durch einen Mann zu beschreiben.[7] Anders gesagt: epistemologisch dient der Begriff dazu, eine Superiorität der Männlichkeit kenntlich zu machen.

 

Konstruktionen von Geschlechter- und Machtverhältnissen spielen nicht zuletzt in den queeren Filmen des Teddy Award eine entscheidende Rolle. Die Machtverhältnisse unter den Geschlechtern werden aufgedeckt oder so wie in der Rede von Markus Pabst satirisch auf den Kopf gestellt. Pabst verlas seine Rede, ganz Artist der Machtverhältnisse, in diesem Jahr kopfüber mit den Füßen am Trapez hängend. Wie wäre es denn, wenn plötzlich Homosexualität oder Diversität die Norm sind und sich Heterosexuelle für ihre Orientierung outen müssen? Dabei geht es weniger darum, die Machtverhältnisse nur umzudrehen. Vielmehr sollen diese allererst kenntlich gemacht und vermieden werden. Das ist ebenso witzig wie auch ein wenig peinlich. Doch das Gefühl des Peinlichen verweist eben auf Machtkonstruktionen, in denen sich das Ich meldet.     

 

Shermin Langhoff, Intendantin des Gorki Theaters, hielt eine engagierte Laudatio auf Falk Richter als Special Teddy Awardy. Sie war in Begleitung von Mehmet Ateşçi, der in Small Town Boy von Falk Richter spielt[8], gekommen. Auf dem Roten Teppich ließ sie sich mit ihm von dem queeren Aktivisten, Moderator und Partner Falk Richters, Alfonso Pantisano, fotografieren. Shermin Langhoff erinnerte an den Hays Code, mit dem seit 1922 die Darstellung von Homosexualität im Hollywood-Film nur in diffamierender Weise stattfinden durfte. Zwar wird im Motion Picture Production Code nicht ausdrücklich Homosexualität als verboten benannt, aber bestimmte mehrdeutige Ausdrücke durften nicht vorkommen. Homosexualität wie in Alfred Hitchcoks Rope (1948) musste so besetzt und geschnitten werden, dass erstens zwei eher unbekannte, homosexuelle Schauspieler, Farely Granger und John Dall, schließlich die Rollen der homosexuellen Mörder übernahmen und zweitens die Mörder mit psychopathischen Zügen kenntlich gemacht wurden.

 

 

Die Darstellung von Homosexualität im Spielfilm aus Hollywood diente - frei nach Slavoj Žižeks Pervert's Guide to Cinema - dazu, dem Kinopublikum vorzuführen, was es nicht begehren sollte. Homosexuelle mussten wie in Alfred Hitchcocks Rope pathologisiert und stigmatisiert werden. Die Probleme bei der Besetzung der Mörderrollen in Rope sind nicht nur von anekdotischem Wert. Denn Cary Grant und Montgomery Clift lehnten die Rollen der Mörder ab, weil sie befürchten mussten, als verbrecherische Homosexuelle stigmatisiert zu werden. Die Vermischung und Verkennung der Filmrolle mit dem Schauspieler gibt auch hier einen Wink auf die Perversion des Kinos und der Homosexualität. Manfred Salzgeber und Wieland Speck haben mit dem Panorama diese Perversion aufgedeckt. 

 

Die Erinnerung an die lange und modifizierte Wirkung des Hays Codes im us-amerikanischen Film gegen Homosexuelle durch Shermin Langhoff war eine wichtig. Der Motion Picture Production Code, der von Will H. Hays und von 1934 bis 1954 von Joseph Breen ausformuliert und bearbeitet wurde, war ein konservatives, rassistisches, sexistisches und nationalistisches Regelwerk, das sehr wohl Bild und Sprache bis zum Lippenlesen formte und zensierte. Dadurch konnten keine Rollenmodelle für positive Darstellungs- und Erzählweisen entwickelt werden. Gegenüber früheren Phasen wurde der amerikanische Film dadurch „naturalisiert“. So war beispielsweise verboten, weiße Menschen als Sklaven vorkommen zu lassen. Die Selbstkontrolle der amerikanischen Filmindustrie entwickelte ein ausgeklügeltes Regelwerk, um die Superiorität des weißen Mannes nicht nur zu sichern, sondern allererst herzustellen und abzusichern.[9]  

 

Shermin Langhoff machte mit ihrer Laudatio deutlich, dass die Filmproduktion und das Theater nicht etwa Gesellschaft darstellen. Vielmehr produzieren sie Bilder und Geschichten, die entweder geschlechtliche Machtverhältnisse im Sinne von Rasse, Herkunft, Abstammung, Sexualverhalten und Klasse erzeugen und bestätigen oder diese entlarven und positive Perspektiven aufzeigen. Wie allerdings an Falk Richters Small Town Boy deutlich gemacht wurde, gibt es nicht nur einen positiven Entwurf vom schwulen Leben in der Großstadt Berlin.[10] Entscheidend allerdings ist, dass die Auseinandersetzung damit überhaupt ermöglicht wird. Langhoff erinnerte auch an die verstörende Erfahrung, dass viele Schwule sich als Wähler der AfD zugewandt haben, die ihnen vermeintlich Schutz bietet.

 

Es besteht nicht der geringste Anlass, auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin das Politische nur in den queeren Filmen aus dem Ausland zu suchen. Politisch wurde der Teddy Award in diesem Jahr insbesondere mit der Verleihung des Special Teddy Award an Falk Richter und mit der durchdachten Laudatio von Shermin Langhoff. Das Politische ist nicht da draußen, sondern mitten in der Community, die bis hin zu katholischen Konvertiten und AfD-Wählern aus Islamophobie in Deutschland alles an politischen Verirrungen und Korruption zu bieten hat. Der Teddy Award und die Teddy Award Foundation haben sich insofern klar positioniert. Filme anschauen, ohne sich über staatliche Zensur und kapitalistischer Selbstzensur Gedanken zu machen, sollte klar überdacht werden. Nicht nur in Nazideutschland oder Stalinrussland wurde der Film zur Naturalisierung von Machtverhältnissen in Geschlechterbildern eingesetzt, er wurde maßgeblich aus einem christlich-katholischen Hintergrund im freien Hollywood durch Selbstzensur strukturiert und geschnitten.

 

Das Panorama und der Teddy Award ermöglichen nicht zuletzt mit Popo Fan und dem Teddy Jury Award für A Dog Barking at the Moon von Xiang Zi, Zensurbedingungen sichtbar und kritisierbar zu machen. Xiang Zi sagte in ihrer Dankesrede, die sie mit dem Hinweis auf ihren Wodkakonsum schützte, dass sie in ihrem Skript für die Zensurabteilung in Peking das chinesische Wort für „lover“ und nicht das für „boyfriend“ gebraucht habe. Der Zensor habe sich wahrscheinlich nicht denken können, dass der Lover des Familienvaters ein „boyfriend“ sein könnte. Ob Popo Fan und Xiang Zi ohne weiteres in der Volksrepublik China weitere Filme werden drehen können, bleibt derzeit offen. Popo Fan dreht seinen aktuellen Film in Berlin.

 

Torsten Flüh

 

PS: Alle Dankesreden können schon jetzt auf https://www.youtube.com/user/TeddyAwards/videos angesehen werden.

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[1] Siehe: Torsten Flüh: Glamourfaktor und Gesellschaftskampf. Zur 28. Teddy Award Gala in der Komischen Oper und auf Arte. In: NIGHT OUT @ BERLIN 18. Februar 2014 22:43.

[2] Teddy Award: Interview with Director Nadav Lapid on ‘Synonymes’ 14.02.2019.

[3] Siehe ausführlicher: Torsten Flüh: Artistical grandissimo. Der helle Wahnsinn im Wintergarten-Varieté. In: NIGHT OUT @ BERLIN 27. Juli 2014 21:16.

[5] Ebenda.

[6] Get Well Soon & Sam Vance-Law feat. RTOEhrenfeld - "Nightmare No. 2" | NEO MAGAZIN ROYALE Am 15.11.2018 veröffentlicht.

[7] Siehe dazu Bitch auf Wikipedia.

[8] Siehe: Torsten Flüh: Geschlecht, Wahn und Wirtschaft. Zu Small Town Boy von Falk Richter im Gorki und dem Special Teddy Award. In: NIGHT OUT @ BERLIN 4. Februar 2019 18:54.

[9] Siehe Motion Picture Production Code (Wikipedia)

[10] Siehe in Torsten Flüh: Geschlecht … [wie Anm. 8] 


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