Auf der Suche nach einer Sprache für Architektur - Holger Kleine stellt im Bücherbogen sein Buch Raumdramaturgie vor

Architektur – Dramaturgie – Musik 

 

Auf der Suche nach einer Sprache für Architektur 

Holger Kleine stellt im Bücherbogen sein Buch Raumdramaturgie vor 

 

Die Buchhandlung Bücherbogen am Savignyplatz versteht sich seit 1980 als Fachbuchhandlung für Architektur, Kunst, Design und Fotografie. Sie hat ihren Eingang im Stadtbahnbogen 582 und erstreckt sich mittlerweile über 4 Bögen unter der Berliner Stadtbahn. Oben fährt die S-Bahn, unten werden Bücher gelesen, geschmökert, beraten und vorgestellt. Am Savignyplatz wird bürgerlich gelesen. Vicco von Bülow alias Loriot lebte und las am Savignyplatz bis zu seinem Tod. Unweit des legendären Buchhändlerkeller in der Carmerstraße, in dem seit 50 Jahren links gelesen wird, setzt die Buchhandlung auf Fachliteratur. Der Bücherbogen mit seiner Geschäftsführerin Ruthild Spangenberg versteht sich zur „Büchermeile Knesebeckstraße“ gehörig. 

 

Im Bücherbogen stellte nun am Freitagabend Holger Kleine sein ebenso eloquentes wie bildreiches und systematisches Architekturbuch Raumdramaturgie vor. Das lange Wort wird auf dem Cover zur RAUM DRAMA TURGIE. Der Architekt und Professor für Künstlerisch konzeptionelles Entwerfen an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden unterhielt sich mit Jörg Gleiter (TU Berlin), Tillmann Wagner (HS Detmold) und der Komparatistin Julia Weber (FU Berlin) sowie dem Lektor des Buches, Andreas Müller (Birkhäuser, Berlin), über sein Werk im Coffee-Table-Format. Doch das Buch soll nicht nur zum Blättern und Architektur anschauen einladen. Vielmehr lädt es auch mit seinen Grafiken und Tabellen sowie wie umfangreichen Texten zum Lesen und Nachdenken über Architektur und Literatur ein.

 

Wie lässt sich über Architektur schreiben? Gibt es eine Sprache der Architektur? Und in welchem Verhältnis lässt sich das Subjekt zur Architektur formulieren? Nicht zuletzt als Hochschullehrer für Künstlerisch konzeptionelles Entwerfen musste sich der Architekt Holger Kleine fragen, wie sich das sprachlich vermitteln lässt. Soll man dafür auf die Architekturgeschichte als eine Abfolge von Epochen zurückgreifen? Oder muss man die Geschichte der Architektur mit so schwierigen Phasen wie den Historismus des späten, industriellen 19. Jahrhunderts kritisch befragen? Endet die Architekturgeschichte in der funktionalen Moderne? Oder soll man die architekturhistorischen Versatzstücke dekonstruieren und neu kombinieren? Holger Kleine hat sich radikal Fragen zum Verhältnis von Sprache und Architektur ausgesetzt, um auf durchaus neuartige und systematische Weise lexikalisch an die Dramaturgie und die Musik anzuknüpfen.

 

Man muss schon sehr genau formulieren, worum es mit einer Kritik an der Architekturgeschichte geht, wenn dieser Tage der Abriss des entwidmeten, sogenannten Immenrather Doms, der historistischen, neoromanischen Kirche Sankt Lambertus umkämpft wird. Wird doch in Erkelenz-Immenrath mit Slogans wie „"Wer Kultur zerstört, zerstört auch Menschen" gegen den Braunkohleabbau und für den Erhalt von heimischen Kulturgütern“ protestiert.[1] Die weit über 300 Kommentare pendeln dann zwischen „Kulturgut“, „Katholischer Kirche“, „Denkmalschutz“, „Architekturgeschichte“ etc. Der Kirchenbauentwurf des bereits mit 29 1890 verstorbenen Kölner Architekten Erasmus Schüller hält sich ganz und gar an den akademischen Historismus, an den Versatzstücken wie den runden Bögen seiner Zeit und passt sich der Bevölkerungsentwicklung durch die Industrialisierung an. Die historistische Architektur und vor allem die „industrielle“ Größe ließen die Pfarrkirche schnell zum „Dom“ transformieren. 

 

In der Buchvorstellung hielt Holger Kleine nach ein paar kurzen einführenden Worten einen skizzenhaften Vortrag zu den wichtigsten Teilen seines umfangreichen Buches von fast dreihundert Seiten. Natürlich ist es schwierig in knapp dreißig Minuten dreihundert Seiten zusammenzufassen. Doch es gibt in den 4 Teilen des Buches ein Erkenntnisziel. Der vierte Teil formuliert und systematisiert eine Allgemeine Raumdramaturgie.[2] Kleine geht für seine Raumdramaturgie von einem hochinteressanten Forschungsbespiel aus. An der Scuola Grande di San Giovanni Evangelista, der Scuola Grande di Carmini und der Scuola Grande di San Rocco entwickelt er „dramaturgische Verläufe“ von Räumen.[3] Das ist insofern methodologisch bemerkenswert, weil die Scuole Grandi in Venedig im Laufe von Jahrhunderten erbaut, erweitert und umgebaut wurden. Sie sind nicht von einem Baumeister erbaut worden, sondern in der mittlerweile mehr oder weniger musealisierten architektonischen Gegenwart sind sie, wie Kleine schreibt, ein „Werk“ von vielen. Das verändert alles, wenn man über Architektur anders schreiben will. Denn seit Goethes Von Deutscher Baukunst hat sich der Name des großen Architekten immer als Wissensschema über die Architektur gelegt.

 

Johann Wolfgang Goethes frühe Schrift Von Deutscher Baukunst aus dem Jahr 1773 gehört zu den Scharniertexten der Architektur.[4] Am Straßburger Münster formuliert der junge, 23jährige Jurist und Schriftsteller Goethe mit „Erwin von Steinbach“ eine deutsche Baukunst als Architekturprogramm.[5] Am 13. November 1772 wird der Text von Goethe zum ersten Mal in einem Brief erwähnt und mit ihm verschickt. Goethes Text über deutsche Architektur findet schon bald Eingang in die Fachliteratur für „Baumeister“ und „Bauverständige()“. Im ersten Teil des ersten Bandes des Allgemeinen Magazin für die bürgerliche Baukunst von Gottfried Huth aus Weimar erscheint 1789 eine Replik auf Gothes Text in den von Herder herausgegebenen „Fliegende(n) Blätter(n)“ Von Deutscher Art und Kunst. Goethe war seit 1775 Minister in Weimar und hatte 1786 bis 1788 seine Italien- und Romreise unternommen. Deshalb darf davon ausgegangen werden, dass der Auszug „Aus Hrn. Weinligs vier und dreißigsten Brief über Rom“ unter dem Titel Ueber Gothische Baukunst geschickt von Johann Wolfgang Goethe in die Fachpublikation lanciert oder gar pseudonymisiert geschrieben wurde.[6] Am Schluss weist der Briefschreiber vieldeutig auf den „Münster in Straßburg“ und den Verfasser. 

… Der Münster in Straßburg, dieses große und erhabene Gebäude, veranlaßte ihn im Jahre 1773; er steht in den fliegenden Blättern deutscher Art und Kunst, Hamburg 1773, und wird schwerlich von vielen itzigen Baumeistern gekannt und dort noch gelesen werden: gleichwohl wäre Schade, wen er sich so ganz, für den Bauverständigen ungenutzt verlöre. Der Verf. desselben hat sich nicht genannt. Kenner deutscher Literatur werden ihn aber bald an der ihm ganz eigenthümlichen Schreibart und Kraft des Ausdrucks errathen.[7]

 

Goethes Von Deutscher Baukunst sollte schon bald nach 1800 eine außerordentlich große Wirkung in der deutschen Architektur seit Friedrich Schinkel als sogenannter „Vaterländischer Stil“ oder deutsche Neogotik entfalten.[8] Man könnte bezüglich Goethes Text sagen, dass er überhaupt das Spezifische und Schematische der deutschen Architektur im „Vaterländischen Stil“ hervorbringt. Was wusste Goethe aber 1772 von der Architektur, insbesondere der Gotik? Was wusste Goethe vom Bauen und dem Baumeister Erwin von Steinbach? – Erstaunlich wenig. Fast nichts. Er hatte nicht einmal einen Grabstein für den legendären gotischen „Gubernator“ gefunden. Aber das Subjekt der Erzählung, das „ich“ geht, mit dem, was es vom „Hörensagen“ weiß und einem imaginären „Wörterbuch“ vor das Münster, überprüft das Gehörte und Gelesene am Objekt und schreibt den deutschen Architekturdiskurs um.   

Als ich das erstemal nach dem Münster gieng, hatte ich den Kopf voll allgemeiner Erkenntnis guten Geschmacks. Auf Hörensagen ehrt ich die Harmonie der Massen, die Reinheit der Formen, war ein abgesagter Feind der verworrnen Willkührlichkeiten gothischer Verzierungen. Unter die Rubrik Gothisch, gleich dem Artikel eines Wörterbuchs, häufte ich alle synonimische Mißverständnisse, die mir von unbestimmten, uns ungeorndetem, unnatürlichem, zusammengestoppeltem, aufgeflicktem, überladenem, jemals den Kopf gezogen waren.[9]   

Bei Holger Kleine geht es tatsächlich auch um ein Subjekt, das die Architektur allerdings in ihren Räumen aufsucht. Ja, Holger Kleine hat die Scuole Grandi mehrfach besucht, weil er nicht zuletzt einen Forschungsaufenthalt in Venedig absolvieren konnte. Doch anders als das Ich bei Goethe schreibt Kleine nicht einfach die Wertschätzung der Architektur generalisierend mit dem Beispiel um. Goethes juvenile und etwas mutwillige, gleichwohl bis in die 1950er Jahre wirkungsmächtige Umwertung der gotischen Architektur durch den Namen, seine Architekturliteratur ist Kleines Sache nicht. Er wendet nicht einfach ein mehr oder weniger neues Wissen der Architekturgeschichte auf die Räume an, vielmehr erforscht er sie gleichsam phänomenologisch, um ein neues Vokabular für Architektur zu entwickeln. Die Komparatistin Julia Weber, die am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft die Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe „Bauformen der Imagination. Literatur und Architektur in der Moderne“ leitet, findet denn auch Kleines „Gebäudebeschreibungen überzeugend“, weil ein „Vokabular entwickelt wird“, um einen „Baukasten von Begrifflichkeiten“ zu erstellen.

 

 

 

Darin waren sich die Teilnehmer*innen der Buchvorstellung durchaus einig, dass Holger Kleine mit seiner Raumdramaturgie eine Sprache für Architektur entwickelt. Dafür greift er auf verschiedene Disziplinen und Sprachen zurück. Einerseits werden Kompositionsschemata und das Vokabular der Musik für die Beschreibung der Wirkung von Räumen und Raumfolgen auf das Subjekt eingesetzt. Andererseits dienen die Dramaturgie bzw. Dramenmodelle zur Formulierung für die Raumdramaturgie. Der Architekt und Professor für Gebäude Entwerfen an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe Tillmann Wagner findet bei der Buchvorstellung, dass Kleine in seinem Buch nicht doziere, sondern eine „lesbare Form“ gefunden habe. Im Gespräch wird auch der Umstand erwähnt, dass von der antiken, ägyptischen Literatur keine zur Architektur überliefert sei, lediglich wird in Inschriften lesbar, wer wann welchen Tempel oder welche Pyramide habe erbauen lassen. – Wie also sprechen von Architektur? Was weiß die Architektur von sich selbst? 

… Wir wechseln nicht in den Modus eines wissenden „Das Gebäude gliedert sich in vier Quadranten, die …“, sondern verbleiben in dem Modus eines forschenden „Beim Eintritt blicken wir zunächst auf eine Stirnwand, die …“. Ebenso wenig wie eine Symphonie für den Partiturenleser komponiert wird, werden Gebäude für den Grundrissleser gebaut. Die analytischen Beschreibungen sind eigentlich Rapporte, sie beruhen auf der Methode des „Sich-dem-Werk-Aussetzens“, …[10]    

 

Das Problem, vor das sich Holger Kleine gestellt sah, nämlich eine Sprache für Architektur mit seiner Raumdramaturgie zu generieren, gehört zu den grundlegenden, wenn man Architektur vermitteln möchte. Schon deshalb wird das Buch als „Grundlagenwerk für das Entwerfen“ zu recht angekündigt. Goethe entwickelte keine Systematik. Vielmehr wird am Straßburger Münster kühn statt „verworrene(r) Willkührlichkeiten“, statt „ungeordnetem, unnatürlichem, zusammengestoppeltem“, ein neuzeitliches Subjekt in seiner Selbstwahrnehmung als ein alles überschauendes Genie, als Nationalarchitektur und Größe des Ganzen entworfen. Das Straßburger Münster wird deutsch, obwohl die Gotik eher französischen Ursprungs war, wenn man topologisch argumentieren will.[11] Das Genie bzw. der „große Mann“ Erwin von Steinbach konnte nach Goethe das große Ganze entwerfen, planen, überwachen und sehen. Das Narrativ vom großen Mann ist eine Imagination, die historisch den Arbeitsweisen der Dombauhütten des Mittelalters widerspricht, doch gleichzeitig große Männer als Architekten versprach und generierte bis heute.

 

Die Scuole Grandi lassen gar nicht erst den großen Namen zu. Das macht Holger Kleine anfangs deutlich. Für ihn sind sie „Resultat jahrhundertelanger Bricolage“.[12] Natürlich kann man Goethes Konzept des großen Namens und Genies für das Straßburger Münster heute ebenfalls entgegnen, dass eine Vielzahl von Aufsehern, Leitern, Architekten über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte an dem Kirchenbau gearbeitet haben. Und selbstverständlich wirken in einem Architekturbüro heut auch die unterschiedlichsten Fachleute am Entwurf und erst recht an der Ausführung mit. Am Schluss gibt es ein „Werk“, in dem sich verschiedene Disziplinen materialisiert haben. 

Viele Architekten, Bauunternehmer, Künstler, Handwerker und Bauherrenkomitees haben an ihren Bauten mitgewirkt. Die Querelen, die z.B. die Errichtung der Scuola di San Rocco begleiteten, hat Manfredo Tafuri ausführlich und nicht ohne Ironie kommentiert.[13]

 

Um Holger Kleines methodologischen Ansatz mit einer Lexik der Dramaturgie und Musik, aber auch in der Generierung von Architekturwissen zu würdigen, kann an Marcel Proust und seine Recherche du temps perdu erinnert werden. Ist es doch Proust, der nicht nur in seiner Recherche ein schier nicht enden wollendes Wissen seiner Zeit literarisch akkumuliert, umschreibt und in den Manuskripten mit Randglossen und angeklebten Zetteln ständig erweitert.[14] So hatte Proust John Ruskins The Seven Lamps of Architecture von 1849 übersetzt, als er in seinem Essay für die Zeitung Le Figaro vor 1908 JOURNÉES EN AUTOMOBILE/Tage im Automobil die Kathedrale Notre-Dame-de-l'Assomption von Bayeux besucht und seine Übersetzungslektüre überprüfen will. 

Ein Motorschaden zwang uns, bis zum Einbruch der Nacht in Lisieux zu bleiben; vor der Abfahrt wollte ich an der Fassade von Notre-Dame einige der Blattwerke wiedersehen, von denen Ruskin spricht, die schwachen Laternen aber, die die Straßen der Stadt erleuchteten, hörten auf dem Platz auf, wo die Kathedrale fast in Dunkelheit getaucht war. Dennoch ging ich weiter, um zumindest mit der Hand den berühmten Hochwald aus Stein zu berühren, der am Portal eingepflanzt steht und zwischen dessen beiden so edel gebildeten Reihen vielleicht der Hochzeitszug Heinrich II. von England und Eléonore de Guyennes hindurchführte. Doch als ich mich ihm eben tastend näherte, wurde er von plötzlicher Helligkeit überflutet; Stamm für Stamm traten die Pfeiler aus dem Dunkel hervor und enthüllten im vollen Licht vor beschattetem Hintergrund die großzügige Modellierung ihrer steinernen Blätter. Es war mein Chauffeur, der einfallsreiche Agostinelli, der den alten Skulpturen den Gruß der Gegenwart schickte, deren Licht nur dazu diente, die Lektionen der Vergangenheit um so genauer zu lesen, indem er, je nachdem, was ich sehen wollte, den Scheinwerfer des Automobils nacheinander auf alle Teile des Portals richtete.[15]

 

Im literarischen Schreiben wird bei Proust die Kathedrale von Bayeux zu der von Lisieux, obwohl oder weil er John Ruskins The Seven Lamps of Architecture sorgfältig gelesen hatte. Die Erinnerung, die Wahrnehmung der Architektur, wie sie „mit der Hand“ berührt werden soll, verfehlt sie auch. Bevor es zur Berührung kommt, springt der Scheinwerfer dazwischen, als solle er die Berührung verhindern. 

Un accident de machine nous força de res-ter jusqu’à la nuit tombante à Lisieux ; avant de partir je voulus revoir à la façade de la cathédrale quelques-uns des feuillages dont parle Ruskin, mais les faibles lumignons qui éclairaient les rues de la ville cessaient sur la place où Notre-Dame était presque plongée dans l’obscurité. Je m’avançais pourtant, vou-lant au moins toucher de la main l’illustre futaie de pierre dont le porche est planté et entre les deux rangs si notablement tail-lés de laquelle défila peut-être la pompe nuptiale d’Henri II d’Angleterre et d’Éléonore de Guyenne.[16]   

Als Proust 1919 den Sammelband Pastiches et Mélanges veröffentlicht, nutzt er eine Fußnote, um darauf hinzuweisen, dass er in Du côté de chez Swann von À la recherche du temps perdu ausführlicher über die Kirchen geschrieben habe.[17] Die Architektur erscheint bei Proust obskur und mit dem „Scheinwerfer des Automobils“ als eine plötzliche Verschränkung von „Vergangenheit“, Lektüre und „Gegenwart“. Dabei überkreuzen sich quasi Ruskins Seven Lamps und der „Scheinwerfer des Automobils“, um gleichsam die Schwesterkathedrale Sainte-Piere de Liseux zu verfehlen. Das Portal mit den „edel gebildeten Reihen vielleicht der Hochzeitszug Heinrich II. von England und Eléonore de Guyennes“ befindet sich in Bayeux und nicht in Liseux.    

 

Das Architekturwissen, das Holger Kleine entfaltet und generiert, geht in seinem Buch über die rein sprachlichen Formulierungen hinaus. Anders als Prousts literarisch vages, obschon vielschichtiges Wissen drängt Kleine zur Konkretisierung und zur Abschließung. Die Abbildungen von Lageplänen, Grafiken, Axonometrien, Wegfiguren, „Verlauf der Spannungsbögen“ und, ja, gewiss doch, teilweise großformatigen Fotografien, sind reichhaltig und vielfältig. Sie vermitteln das Wissen von den Architekturen nicht nur bildlich, sondern transformieren es gleichzeitig in digital er- und berechenbares Wissen. Dadurch wird die Raumdramaturgie zu einem ästhetisch, visuellen Ereignis. 

Die Raumdramaturgie der (Scuola di San Rocco, T.F.) demonstriert in frappierender Klarheit das Prinzip der linearen Steigerung. Wie aufgezeigt, werden dazu die Mittel Augmentation, Veredelung, Fülle, Glanz, Kontrastmaximierung, Flächendivision und Entgrenzung des Fiktiven – um nur die wichtigsten zu nennen – in großer Konsequenz eingesetzt. Die Dramaturgie überwältigt, weil sie die Steigerung nicht von Anfang an erahnen lässt, sondern sie mittels vierer „Finten“ verbirgt. (…) Erst diese Deformation des Treppenraums motiviert das weite Strömen des Obersaals, und dieses wiederum den Schlussakkord der albergo.[18]

 

In „18 Rapporte(n)“ wendet Holger Kleine die entwickelte Raumdramaturgie auf Fälle der Gegenwartsarchitektur an. Er hat jedes Architekturwerk mindestens zweimal besucht, sich dem Raumverlauf ausgesetzt und seine Wahrnehmungen, seine Erfahrungen, die „Atmosphäre“ der Räume formuliert. Wie mit philosophischen Begriff der Atmosphäre bei Gernot Böhme – „es sind die Atmosphären, auf deren Hintergrund dann durch den analytischen Blick so etwas wie Gegenstände, Formen, Farben usw. unterschieden werden“ (S. 63) –, der auch unscharf bleibt, weil Atmosphären dem Blick vorgängig bleiben, geht es immer auch darum, was sich sagen, schreiben, in Worte fassen lässt. Vom Blick lässt sich fast leicht schreiben, die Atmosphären lassen sich schwer in Worte fassen. Wie bekommt Kleine dieses Verhältnis hin? Der Rapport zur „Berliner Philharmonie" von Hans Sharoun etwa wird mit dem Titel Entwickelnde Variation versehen.(S. 106) Die „School of Architecture, Yale University, New Haven“ von Paul Rudolph wird als Töne und Obertöne betitelt. Aber auch Index und Exzess gibt es für den „U-Bahn-Pavillon Fehrbelliner Platz, Berlin“ als Titel.(S. 136) Für den Bericht zum öffentlichen Schwimmbad „Les Bains des Docks, Le Havre“ von Jean Nouvel knüpft Kleine mit Standbild in Feldern an eine dramaturgische Sprache für den Film an. 

RELIIEFS Die Helligkeit von Eingangshalle und Umkleide stimmt erwartungsfroh. Anstelle aufgeschraubter Schilder lenken in die Fliesenfugen gemalte Schriftzüge – eine charmante Fusion aus Digitalschrift und Style Paquebot – durch diese Introduktion hindurch. Die Bains ludiques dann nehmen gleich den ersten, diagonal ihre richtungslose Beckenlandschaft durchstreifenden Blick gefangen. Denn ruhig und lebendig sind in ihr klar umrissene Flächen und zart modulierte Eigenschatten, Wasser und Weiß balanciert. Wie erwartet, wird der Raum subtraktiv aus einem imaginären Block gewonnen; alle Raumabschlüsse sind in weißen Kuben artikuliert... (S. 186)

 

Jörg Gleiter, Lehrstuhlinhaber der Professur für Architekturtheorie an der Technischen Universität Berlin, sprach davon, dass das Buch das „Geheimnis der Architektur“ zu formulieren suche. Vielleicht beansprucht es Holger Kleine gar mit seiner Typologie. In seiner Allgemeinen Raumdramaturgie entwickelt Kleine nach dem Motto: „Walther von Stolzing: Wie fang‘ ich nach der Regel an? Hans Sachs: Ihr stellt sie selbst und folgt ihr dann.“ von den „Archetypen“ her, seine Typologie.[19] Man kann das eine ebenso literarisch-ironische Anknüpfung wie eine heikle nennen. Denn die Figur des Hans Sachs in den Meistersingern von Nürnberg von Richard Wagner ist durchaus eine fragwürdige. Sie lässt sich als Personifizierung des konstruktivistischen Bürgers und Industriellen, nicht zuletzt heute des Programmierers lesen. Was in den Humanwissenschaften im 20. Jahrhundert als Wissensform zu Katastrophen geführt hat, mag in einer Architekturtheorie, die die Raumdramaturgie zu sein beansprucht, aufgrund einer Arithmetik der Architektur andererseits naheliegen: 

… Betrachtet man die Kombinationsmöglichkeiten eines Sechsflächners systematisch, ergeben sich 24 Möglichkeiten, die, nach Anzahl der miteinander kombinierten Flächen geordnet, eine Raute ergeben. Betrachtet man nun die Abfolgen der Archetypen und die dabei entstehenden dramaturgischen Stränge in den Fallbeispielen, lassen sich die folgenden Typenbildungen beobachten: …[20]  

 

Die Kombinatorik als ein ebenso literarisches wie wissenschaftliches Verfahren zur Generierung von Sprache und Wissen gehört möglicherweise zu den grundlegenden. Letztlich lässt sich das Verfahren bei einer begrenzten Möglichkeit von Flächen oder auch Buchstaben nach bestimmten Verläufen digitalisieren und automatisieren. Ist es doch die Sachsesche Regelhaftigkeit, die sich selbst stellen lässt, die aber auch begrenzt ist. Doch ist die Kombinatorik von Flächen in einer Verzeitlichung und Dramatisierung schon Architektur? In der faszinierenden Eloquenz, die die Architektur mit Holger Kleines Raumdramaturgie gewinnt, steckt durch die strenge Systematisierung auch die Gefahr, der Architektur ihr Geheimnis zu entreißen. Und das heißt heute, sie programmierbar, robotisierbar zu machen. Doch zeichnet sich Kleines Raumdramaturgie durch die der Sprache, insbesondere dann, wenn von Musik gesprochen wird, eigenen Elastizität aus. Denn es ist ja nicht so, dass die Musik letztlich von sich selbst mehr wüsste als die Architektur. Kombiniert man allerdings Dramaturgie, Musik und Arithmetik mit der Architektur, kann sich schnell der Effekt eines Erkenntnisgewinns einstellen. 

 

Torsten Flüh 

 

Holger Kleine 

Raumdramaturgie 

Typologie und Inszenierung von Innenräumen 

Gebunden 

Oktober 2017 

ISBN 978-3-0356-0432-0 

69,95 € / $80.99 / £57.99*  
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[1] Abriss alter Kirche beginnt trotz Protesten. In: Die Zeit vom 8. Januar 2018, 14:58 Uhr Aktualisiert am 8. Januar 2018, 16:49 Uhr Quelle: ZEIT ONLINE, dpa, KNA, hgö

[2] Holger Kleine: Raumdramaturgie. Typologie und Inszenierung von Innenräumen. Basel: Birkhäuser, 2017, S. 215-274.

[3] Ebenda S. 14.

[4] N.N.: Von Deutscher Baukunst. In: Johann Gottfried Herder: Von Deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter. Hamburg: Bode, 1773.

[5] Siehe auch: Torsten Flüh: Flugblatt. In: Flugblatt – Zeitung – Blog. Materialität und Medialität als Literaturen. Wien: Passagen, 2017, S. 40-54.

[6] N.N.: Ueber Gothische Baukunst. In: Gottfried HUTH (Hg.): Allgemeines Magazin für die bürgerliche Baukunst. Erster Band, erster Teil. Weimar: Hoffmann 1789, S. 80-84d. (Digitalisat)

[7] Ebenda S. 84d.

[8] Siehe Torsten Flüh: Flugblatt … (wie Anm. 3) S. 45-54.

[9] N.N.: Von … (wie Anm. 2)

[10] Holger Kleine: Raumdramaturgie … [wie Anm. 2] S. 10-11.

[11] Vgl. auch: Torsten Flüh: Abseits gelegen. Mittelalter-Konjunktur und -Projektionen. In: NIGHT OUT @ BERLIN 1. August 2013 21:04.

[12] Holger Kleine: Raumdramaturgie … [wie Anm. 2] S. 16.

[13] Ebenda S. 16.

[14] Vgl. dazu: Torsten Flüh: Das Versprechen der Geschichte. Barbara Naumann und Peter Geimer zum Semesterthema non finito … der Mosse-Lectures. In: NIGHT OUT @ BERLIN 27. November 2017 22:18.

[15] Marcel Proust: Nachgeahmtes und Vermischtes. Frankfurter Ausgabe, Bd. I/2. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989. S. 90-92

[16] Marcel Proust: Pastiches et Mélanges. Édité par les Bourlapapey, bibliothèque numérique romande. S. 72. (e-book)

[17] Ebenda S. 70.

[18] Holger Kleine: Raumdramaturgie … (wie Anm. 2) S. 67.

[19] Ebenda S. 216.

[20] Ebenda.