Adams Alptraum - Bridge Markland spielt Krug in the Box im Stadtbad Steglitz

Korruption – Lustspiel – Erzählen

 

Adams Alptraum

Bridge Markland spielt Krug in the Box im Stadtbad Steglitz

 

In diesen Tagen muss man in die Bergstraße nach Steglitz hinaus fahren, um einen originellen Zerbrochenen Krug von Heinrich von Kleist zu sehen. „Nichts seht ihr, mit Verlaub, die Scherben seht ihr; der Krüge schönster ist entzwei geschlagen“, klagt Marthe Rull vor dem Dorfrichter Adam. Krug in the Box von und mit Bridge Markland bringt Den zerbrochenen Krug als Adams Alptraum auf die Bühne.

Adam träumt fiebernd, wie sich alle gegen ihn verschworen haben. Als er mit dem zerschlagenen Kopf am Boden der Alten Näherei im Stadtbad Steglitz erwacht, beginnt der Alptraum seiner Existenz. In Kleists Lustspiel Der zerbrochene Krug geht es um das Erzählen und die Verstrickungen des Ichs darin.

Warum hat diese alptraumhafte Ebene der Verstrickung des Ichs in der Erzählung vor Gericht noch niemand inszeniert? Bridge Markland tut es fast ganz im Sinne Kleists mit Marionetten bzw. Handpuppen und wechselnd in alle wichtigen Rollen des Stückes – Adam, Ruprecht, Frau Marthe Rull, Eve, Frau Brigitte. Adam wird zu seinem eigenen Richter.

Das Stadtbad Steglitz, erbaut 1907/1908 von Fritz Freymüller (1882-1950), ist ein Jugendstiljuwel und als Badeanstalt unrentabel. Deshalb wurde das Bad 2002 geschlossen und hat es der Liegenschaftsfonds 2008 an Gabriele Berger verkauft. Die Sanierung des Bades und der Badebetrieb bleiben weiterhin unfinanzierbar. Derweil betreibt Frau Berger Theaterveranstaltung im Stadtbad und eine Gastronomie in einem Seitenflügel, das Café Freistil.

Freistil traut man Frau Berger auch auf größeren Strecken zu. Sie verkauft die Theaterkarten am Tresen aus hellblauen Schwimmbadkacheln mit drei Startblöcken. Vor der Vorstellung, in der Pause und danach kann man selbstgemachte Quiche, Kuchen und Getränke bekommen. Auf Vorbestellung sind wie zum wöchentlich wechselnden Mittagstisch auch am Abend größere Speisen möglich. Das Schwimmhallen-Ambiente trifft auf einfallsreiche Gastronomie. Eigentümerin, Organisatorin und Seele ist die ehemalige Sportlehrerin Gabriele Berger.

Für Krug in the box geht es über den Hof und eine Eisentreppe in den 1. Stock in die Alte Näherei, wo einst Angestellte des Bades Handtücher etc. nähten und flickten. Passt schon mal. Im Zerbrochenen Krug wird der rechtsuchenden Marthe Rull vom Verlobten ihrer Tochter Eve, Ruprecht, nicht zuletzt unterstellt, dass es ihr um etwas ganz anderes als das Flicken oder Ersetzen des Kruges ginge:

’s ist der zerbrochne Krug nicht, der sie wurmt,

Die Hochzeit ist es, die ein Loch bekommen,

Und mit Gewalt hier denkt sie sie zu flicken.

Sind es im Zerbrochenen Krug vor allem die Verwicklungen der Parteien und des Richters in gebrochene Versprechungen, so kann man die Fassung von Bridge Markland als Adams Verstrickungen der Lust mit sich selbst verstehen. Das ist spannend und unterhaltend, rückt einem aber auch ganz schön nah. Bei Kleist geht es schon um die Lust an der Korruption und die Korruption der Lust, die vom Gerichtsschreiber Licht über Adam bis zu Marthe und Ruprecht alle miteinander verstrickt.

Jeder schuldet jedem etwas, setzt ihn zum eigenen Vorteil unter Druck und lässt jeden chiffriert wissen, was er über ihn weiß. Solcherlei Händel bestimmen das Leben und vor allem den Prozess um den Zerbrochenen Krug. Das kann einem aber auch mit sich selbst passieren, wenn man weiß, was Recht und Unrecht ist, und dennoch aus Lust anders handelt.

Das ist der Fall des Dorfrichters Adam, der immer schon ein Gefallener war, worauf Licht ihn in der Eröffnungsszene wortspielerisch todernst anspricht:

Ihr stammt von einem lockern Ältervater,

Der so beim Anbeginn der Dinge fiel,

Und wegen seines Falls berühmt geworden;

Ihr seid doch nicht –?

Der Dorfrichter Adam ist ein Abkömmling Adams, der ursprünglich im Wissen seine Unschuld verloren hat.

Bridge Markland macht Den zerbrochenen Krug mit witzigen Wendungen zur One-Wo-Man-Show. Das ganze Lustspiel könnte sich auch nur im Kopf Adams abspielen. Denn natürlich weiß so ein Adam, was die Beteiligten über ihn denken. Sonst könnte er gar nicht das Lügenspiel der Ausflüchte, Drohungen und Entstellungen beherrschen. Das kann man sich unter Extrembedingungen für sich selbst ausmalen, wenn alle wüssten, was man über sich selbst weiß, bisweilen nicht wahrhaben will und dann kommen sie doch all diese Stimmen und Einflüsterungen.

Lustig ist das Lustspiel nur bedingt. Doch was tun die Beteiligten nicht alles aus Lust am eigenen Vorteil. Wiederholt sind in der Kleistforschung wie beispielsweise 2009 von Michael Mandelartz im Kleist-Jahrbuch unter dem Titel Die korrupte Gesellschaft – Geschichte und Ökonomie in Kleists >Zerbrochenem Krug< (S. 303-323) die Geschichten, die erzählt und quasi vorgeführt werden, thematisiert worden. Mandelartz schlägt beispielsweise einen Bogen zum „Aufstand der Niederlande gegen Spanien“ (S. 306), wenn Marte Rull erzählt, „wie schön der Krug“ gewesen sei.

Mit den drei Erzählungen der Marte Rull vom Krug, die allesamt als Geschichte seiner Schönheit misslingen, weil sie erstens gar nicht schön sind und zweitens immer ausufernder werden, wird vor allem das Misslingen der Erzählung selbst in Szene gesetzt. Was zerbrochen ist, lässt sich einfach nicht mehr flicken. Es lässt sich vielleicht noch erzählen, damit Adam und die Zuhörenden verstehen, dass die „Vereinigten Niederlande … in Folge des Vertragsbruchs mit dem spanischen König zu einem Staat der Huren und Mörder geworden“ (Manelartz, S. 308) sind. Doch führen derartige Erzählungen am allerwenigsten zur Wiederherstellung oder Rechtsfindung in Bezug auf den Krug.

Der Krug, der zerbrochen wurde, zeigt nichts, lässt sich nur in Scherben sehen und bleibt auf solche Weise leer. Er wird auch niemals mehr zu füllen sein. Darin ist der zerbrochene Krug dem Adam ähnlich. Zwar wird noch an den „Ältervater“ von Licht anfangs angeknüpft, doch der Fall Adam, der gefallen ist und der metonymisch verhandelt wird, findet nicht nur als Gerichtsprozess „in einem niederländischen Dorfe bei Utrecht“ statt.

Der Fall Adam ist nicht metaphorisch, sondern metonymisch. Meta-phorein - das Über-tragen, das Trans-portieren funktioniert in dem Maße, wie der Krug zerbrochen ist, nicht mehr. Bereits in den drei Geschichten zum Krug, die Marte Rull erzählt, wird der Krug nicht übertragen, sondern gelangt durch unglaubliche Zufälle von einem zum anderen. In der ersten Geschichte wird er von Childerich erbeutet, indem er einen „Spanier von hinten niederwarf“ und trotzdem „den Krug ergriff, ihn leert’, und weiter ging“. Bereits in dieser ersten Erzählung hätte der Krug zerbrochen sein müssen. Denn wie konnte Childerich ihn ergreifen, wenn er den Spanier von hinten stieß? Wenigstens hätte der Sapnier, der aus dem Krug trank, auf ihn gefallen sein müssen.

In der zweiten Erzählung wird der Krug ausgerechnet an den Totengräber Fürchtegott „vererbt“. Aber was kommt durch die Vererbung zur Sprache? In der Erzählung geht es vor allem darum, wie der bereits 60jährige Fürchtegott zur Hochzeit mit seiner jungen Frau, als sie „noch glücklich ihn“ nach drei Jahren Ehe „zum Vater machte“ und bei ihrem Tod daraus trinkt. Ist die erste Vaterschaft, also Vererbung, bereits fragwürdig. So wird die Vererbung ad absurdum geführt, als seine Frau „jetzt noch funfzehn Kinder zeugte“ und dann stirbt. Mit anderen Worten sie „zeugte“ die „funfzehn Kinder“ vor allem ohne Fürchtegott. Sie betrog ihn. Womit gerade der Modus der Vererbung als Metapher fragwürdig wird.

In der dritten Erzählung wird nicht gesagt wie, sondern nur dass der Krug „drauf“ an Zacchäus „fiel“. Da es nun ständig um den Fall Adam, um den Fall Zerbrochener Krug und um das Fallen sowie Fallen stellen geht, ist diese Formulierung merkwürdig genug. Denn in der Erzählung wird der Krug aus dem Fenster geworfen, bleibt heil und gelangt in die Hände von Martens „sel’gen Mann“. Dieser könnte ihr nun „mit eigenem Mund erzählt“ haben, wie der Krug in seine Hände gelangte.

Doch in der Syntax des ersten Satzes bleibt es unklar, ob Zacchäus dem Mann die Geschichte des Kruges erzählt hatte oder nur der Mann Marte.

                 Drauf fiel der Krug,

An Zacchäus, Schneider in Tirlemont,

Der meinem sel’gen Mann, was ich euch jetzt

Berichten will, mit eignem Mund erzählt.

Zacchäus kann es dem „sel’gen Mann“ nicht erzählt haben, weil er „den Krug, samt allem Hausrat, aus dem Fenster“ warf und erst dann selber sprang, um sich den Hals zu brechen und dem dann der Krug „auf’s Bein kam er zu stehen, und blieb ganz.“ Durch die Syntax wie dem Erzählten wird, was „mit eigenem Mund erzählt“ worden war, selbst hinfällig.

Auf radikale Weise wird mit den drei Erzählungen als Trans-port des Kruges der Modus des Erzählens und Berichtens selbst in Frage gestellt. Was mit dem doppelten Hinweis auf das Erzählen als „mit eignem Mund erzählt“ und „berichten will“ erzählt wird, kann so nicht geschehen sein. Die Erzählung bleibt, wie der zerbrochene Krug leer, nichts, eine Ansammlung von Scherben oder Resten. So wie im Krug in the Box Adam in jede andere Rolle schlüpft, um sich selbst zu erzählen und zu richten.

Das Spannende an Bridge Marklands Krug-Adaption ist gerade, dass kein Ensemble von Schauspielern sich mehr oder weniger wahre Geschichten erzählt, um sich gegenseitig hinters Licht zu führen, sondern dass ein Ensemble von Rollen und pop-musikalischen Erinnerungsfetzen den Fall Adam metonymisch vorführt. Indem Adam durch die Perücken- und Kleiderwechsel immer unter ihnen hindurchschimmert, wird eben kein großschauspielerischer Adam geboten. Adam ist Adam ist Adam - und alle anderen auch. 

Bridge Markland beherrscht die hohe Kunst des Playback. Die Stimmen kommen vom Band und passen immer haargenau auf die Lippenbewegungen. Die Handpuppen wie die unterschiedlichen Rollen werden so auf geradezu verfremdende Weise zum Leben erweckt. Das Playback ist ein Modus der Marionette, wie er bei Kleist in dem spitzfindigen Aufsatz Über das Marionettentheater thematisiert wird. Stimme und Rolle fallen räumlich ein wenig auseinander und passen doch.

Das Auseinanderfallen von Stimmen und Bildern geschieht auf ähnliche Weise im Traum. Das Rätsel des Traumes besteht nicht zuletzt darin, wie das, was wir hören und sehen, signifikant auseinanderfällt. Stimmen aus dem Off können ganze Handlungsabläufe im Traum verändern. Und genau in diesem traumhaft, alptraumartigen Modus kommt Adam mit dem Krug in the Box.

 

Hingehen, sehen und hören.

 

Torsten Flüh

 

Krug in the box

Bridge Markland

Stadtbad Steglitz

Bergstraße 90
01./06./07./08. Oktober 2011

12. November 2011
13./14./20./26. Januar 2012
2.-4. Februar 2012
Jeweils 20:00 Uhr

U9 Schloßstraße
S-Bahnhof Steglitz