Ask what you can do for change - Philip D. Murphy spricht über Citizenship in den Mosse-Lectures

Citizenship – Country – Occupy-Wall-Street

 

Ask what you can do for change

Philip D. Murphey spricht über Citizenship in den Mosse-Lectures

 

Am Donnerstagabend eröffnete der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Berlin, Philip D. Murphey, im Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin die wiederum hochkarätig besetzten Mosse-Lectures zum Thema Staatsbürgerschaft – Citizenship. Fast zeitgleich veröffentlichte am 27.10.2011 um 19:24 Uhr die Süddeutsche Zeitung Slavoj Žižeks Artikel »Lasst Euch nicht umarmen« zur Occupy-Wall-Street-Bewegung. Die Empfehl- bzw. Like-Funktion von Facebook wurde zum SZ-Artikel bereits über 900mal aktiviert.

Die Frage der Staatsbürgerschaft als eine Frage von „rechtlichen, sozialen, kulturellen und politischen Grenzwerten“ steht nicht zuletzt mit den weltweiten Occupy-Wall-Street-Aktionen aktuell auf der Agenda. Philip D. Murphey hegt, wie wohl die meisten Demokraten, offen Sympathien für die Aktionen und erinnerte mit seiner Rede an die berühmte Inaugurationsrede J. F. Kennedys mit dem Appell Ask not what your country can do for you, ask what you can do for your country. 

Am 20. Januar 1961 hielt John F. Kennedy seine Inaugurationsrede als 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Er löste den Republikaner Dwight D. Eisenhower als Präsidenten ab, der zwei Amtszeiten regiert hatte, und gewann gegen Richard Nixon, Kandidat der Republikaner. Kennedys Wahlkampagne für die Demokraten gegen Richard Nixon stand unter dem Motto der New Frontiers. Die neuen Grenzen, die es zu überwinden galt, betrafen nahezu alle Bereiche der amerikanischen Gesellschaft bis zum Apollo-Programm und der finalen Mondlandung am 20. Juli 1969.

[W]e stand today on the edge of a New Frontier -— the frontier of the 1960's, the frontier of unknown opportunities and perils, the frontier of unfilled hopes and unfilled threats. ... Beyond that frontier are uncharted areas of science and space, unsolved problems of peace and war, unconquered problems of ignorance and prejudice, unanswered questions of poverty and surplus.

(2. Januar 1960)

Die Inaugurationsrede war somit auch eine Einlösung der Wahlkampagne, die einen Aufbruch zu neuen Grenzen versprach. Die Überwindung von rechtlichen, sozialen, kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Grenzen, nicht zuletzt in Hinblick auf den Kalten Krieg, verlangte indessen eine kollektive Anstrengung. Einerseits bewirkte der Aufbruch alter Grenzen etwa in der Rassenfrage neue Prozesse der Öffnung. Andererseits forderte die Beseitigung von Grenzen eine neuartige Öffentlichkeit, die sich als your country u. a. in einem Technologiewettlauf mit der Sowjet Union formierte.

And so, my fellow Americans: ask not what your country can do for you - ask what you can do for your country. 
My fellow citizens of the world: ask not what America will do for you, but what together we can do for the freedom of man. 
Finally, whether you are citizens of America or citizens of the world, ask of us the same high standards of strength and sacrifice which we ask of you. With a good conscience our only sure reward, with history the final judge of our deeds, let us go forth to lead the land we love, asking His blessing and His help, but knowing that here on earth God's work must truly be our own.

Kennedys Wahlkampf war nicht zuletzt deshalb mit einer neuartigen Öffentlichkeit von Politik verknüpft, weil er und Nixon im September und Oktober 1960 in den ersten United States presidental election debates im Fernsehen auftraten. Die Fernsehdebatten wurden live im Fernsehen und Radio übertragen. Zweifellos wurde damit eine Grenze von Öffentlichkeit geöffnet und neu gezogen. Die neuartige Öffentlichkeit erweiterte auch die Prozesse einer demokratischen Öffentlichkeit.

Die demokratische Öffentlichkeit und die Partizipation an Öffentlichkeit enthält indessen auch eine befehlsförmige Geste. Sie ist nicht nur im Modus des Imperativ in der Sprache – don’t ask … ask … - enthalten, sondern wird visuell von einem Zeigefinger unterstützt. Der grammatische Modus des Imperativs zeigt bereits an, dass der Sprechende die Macht oder Autorität hat, einen Befehl oder eine Bitte auszusprechen. Das You, „my fellow Americans“, wird vom 35. Präsidenten angesprochen und angezeigt, indem er, wie in der Fernsehaufzeichnung zu sehen ist, mit dem Zeigefinger auf ein imaginäres Du zeigt, das nicht direkt vor ihm, sondern leicht rechts vor dem Fernseher sitzt.   

Philip D. Murphy entwickelte seine Rede unter mehreren Hinweisen auf Reden, die er bereits in der letzten Zeit in Berlin gehalten hatte, und auf Thomas Jefferson, dem 3. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika und wesentlichem Verfasser der Unabhängigkeitserklärung. In Berlin hatte Murphy am 17. Oktober in Neukölln über das Thema Immigration gesprochen:  The United States – A Nation of Immigrants. Und am 20. Oktober hielt er eine Rede bei der Stiftung Zukunft Berlin die von der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung unterstützt wird, unter dem Titel Berlin und wir – was wir von Berlin erwarten.

Die Mosse Lecture stand unter dem Titel Still true: ask not what your country can do for you, ask what you can do for your country. Für Botschafter Murphy ist die Formulierung aus der Amtseinführungsrede Kennedys weiterhin gültig bzw. wahr. Dafür spielt insbesondere die Diversity (Diversität) Amerikas als eine Nation von Einwandern eine entscheidende Rolle:

Diversity is one of the most distinguishing characteristics of my country. Immigration has defined America’s national identity since the country was founded over two centuries ago.
(Murphy, 17. Oktober 2011)

John F. Kennedy war nicht nur irischer Abstammung, sondern er war auch der erste Präsident römisch-katholischen Glaubens, wie Murphy in Neukölln erklärte. Damit repräsentierte er ebenfalls die irischen Immigranten Amerikas, die nicht der  traditionell englisch-anglikanischen Führungsschicht angehörten. Kennedy gehört somit bereits zur Diversity und repräsentierte diese erstmals als Präsidenten für alle anderen Verschiedenheiten in Amerika.  

Die Fragen von Diversity, Immigration und Staatsbürgerschaft sind stark mit einander verknüpft. Murphy sieht Staatsbürgerschaft und Gesellschaft deshalb auch in einem ständigen Transformationsprozess:

… Ideally, it transforms both the newcomers and the receiving society, creating a new whole that is much greater than the sum of its parts.  Immigrants are not “them”; and immigration is not “their problem.”  “We” are all in this together.

(Murphy, 17. Oktober 2011)

Mit anderen Worten: Murphy plädiert für ein „Wir“, das im amerikanischen Kontext weitaus stärker mit einem imaginären „country“ übereinstimmt als mit den Grenzen zwischen Immigranten und Einwandererland.  

Die Überwindung von Grenzen, die bereits im Wahlkampf von John F. Kennedy versprochen worden war, findet auch als eine neue, veränderte Herausbildung eines „your country“ statt. Gleichwohl ist dieses „your country“ ein Amerika der Ostküste, mit Intervallen aus Texas, was sich erst grundlegend mit Barack Obama als 44. Präsidenten der USA ändern sollte.   

Citizenship umfasst im Englischen mehr als Staatsbürgerschaft im Deutschen. Citizenship heißt neben Bürgerrecht, Staatsbürgerschaft, Nationalität auch Bürgerschaft in einem allgemeinen Sinne. Das Legislative und das Imaginäre überschneiden sich bereits auf einer sprachlichen Ebene. Citizenship im Sinne von Bürgerschaft bezieht sich nicht nur auf den Bereich der Nation oder des Staates, sondern auch auf den der kleinsten kommunalen Einheiten. Deshalb ist für Citizenship nach Murphy, der von 2006-2009 dem Democratic National Commitee angehörte, die Frage entscheidend: „How can we inspire people?“

Begeisterung ist ein entscheidender Faktor für Citizenship. Einerseits basiert die Begeisterung für „your country“ in einer historischen Erzählung als ein Staat, der sich aus den Idealen der Aufklärung selbst erschaffen hat. In diesem Staat gibt es ganz im Sinne der Aufklärung nach Thomas Jefferson „the pursuit of happiness“, in der Unabhängigkeitserklärung als Gründungsakte, wie es im Jefferson Memorial in Washington D.C. seit 1947 geschrieben steht. Das Jefferson Memorial wurde im neoklassischen Stil erst von 1939 bis 1943 errichtet um 1947 mit einer Bronzestatue ausgestattet zu werden. Das Streben nach Glück ist seit der Unabhängigkeitserklärung ein von Gott gegebenes Menschenrecht, das neben den Rechten auf Leben und Freiheit, als das größte Versprechen, die „citizen“ von „your country“ zu begeistern vermochte.

Lässt sich das Glücksversprechen bereits historisch neben Gleichheit, Teilhabe und Freiheit mit der Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten verknüpfen, um im 20. Jahrhundert nach dem 1. Weltkrieg von Theodore Roosevelt 1925 reaktiviert und im 2. Weltkrieg umgesetzt zu werden, so kann andererseits damit bereits eine starke emotionale Bindung an den Staat erzeugt werden. Denn Glück ist nicht zuletzt ein emotionaler Zustand. Amerika garantiert kraft seiner Unabhängigkeitserklärung ein äußerst weitreichendes Recht auf ein Streben nach Glück.

Die Sprache, und darauf wird bei Slavoj Žižek zurück zu kommen sein, spielt für die Frage nach der emotionalen Bindung womöglich eine Rolle. Nicht zu unterschätzen wäre dabei der sprachliche Unterschied im Genitiv eines pursuit of happiness und eines Streben nach Glück im Dativ. Salopp formuliert, ist es beim Dativ die Frage, ob einem das Glück gegeben wird, während im Genitiv das Glück unauflösbar mit dem „pursuit“ – Streben, Verfolgen, Jagd - selbst verbunden ist.

Philipp D. Murphy sieht „citizenship“ als einen „process of integration“. Zu diesem Prozess der Integration in eine Staatsbürgerschaft gehören sowohl die Verantwortung (responsibility) wie der Glaube (believe) in den amerikanischen Traum. Auch Barack Obama knüpft vehement an die doppelte Bindung durch Verantwortung für die eigene Gemeinde als citizenship wie an den Glauben, als citizen unauflösbar mit diesem Land verbunden zu sein, an. Doch ist diese legislative und emotionale Bindung nicht gefährdet? Worum geht es den Occupy-Wall-Street-Aktivisten?

Slavoj Žižek gilt als „heavily bearded dissident–turned–academic superstar” (The New York Observer, 09.10.2011). Am 9. Oktober besuchte er bereits die Aktivisten von Occupy-Wall-Street im New Yorker Zuccotti Park. Der Auftritt wurde offenbar mehrfach gefilmt und ist auf YouTube bereits über hundertfünfzigtausend Mal abgerufen worden. Gestern erschien nun der Text in Deutsch auf www.suedduetsche.de online. Žižek machte eine regelrechte Performance aus seinem Auftritt, indem er nicht nur eine Rede hielt, sondern seine Sätze von den Aktivisten wiederholen ließ.

Angesichts der Kapitalismus-Diskussion wird häufiger übersehen, dass Žižeks Kapitalismuskritik nicht nur mit Marx, sondern vor allem mit Jacques Lacan als Theoretiker arbeitet. Mit anderen Worten: Žižek packt den Kapitalismus an den Wurzeln des Glücksversprechens, das für Amerika eine konstituierende Funktion erfüllt. Er warnte daher am 9. Oktober vor einer narzisstischen Figur, die den Protest zum erliegen bringen könnte.

Don’t fall in love with yourselves. Carnivals come cheap.

The pursuit of happiness des Kapitalismus fällt nicht zuletzt mit einem Liebesversprechen in eins. In der fatalen Logik der Aufklärung ist das Glück an ein Genießen, in dem sich das Subjekt bestätigt findet, gekoppelt. Slavoj Žižek hat an diese Verschränkung mehrfach erinnert. Der Selbstgenuss wird nirgends deutlicher als in der Formulierung: „Don’t fall in love with yourselves.“ Denn das System, das es zu verändern gilt, und von dem Žižek als Kapitalismus spricht, funktioniert gerade über den narzisstischen Aspekt.

In diesem Kontext ist in der Biographie von Walter Isaacson zu Steve Jobs – Steve Jobs Die autorisierte Biografie des Apple Gründers, 2011 – hoch interessant, dass sie als Geschichte des Geliebt-werden-wollens erzählt wird. Die Erzählung vom Leben und Erfolg des Steve Jobs funktioniert bei Isaacson als Geschichte eines Menschen, der geliebt werden will. - Zu bedenken wäre, wieweit sich dies nicht gerade in dem Erfolg von iPad und iPhone, widerspiegelt. - Mit dem Wunsch, geliebt zu werden, hat sich Steve Jobs dem pursuit of happiness verschrieben. Götz Hamann formuliert das in der ZEIT eher abwertend und unterschätzt dabei, dass sich dahinter das ur-amerikanische pursuit of happiness verbirgt. Mit anderen Worten: Er übersieht exakt jenes kollektive Imaginäre, das den amerikanischen Traum ausmacht:

Zwei Egomanen am Strand. Isaacson versteht sich auf solche kleinen Geschichten, und sie führen vor, wie sehr Jobs geliebt und gebraucht werden wollte. …

(Götz Hamann: So sah er sein Leben. In DIE ZEIT (Print-Ausgabe), 27. Oktober 2011)  

Aaron Gell schreibt in seinem Žižek-Artikel:

“People often desire something but don’t really want it,” Mr. Žižek told the crowd. “Don’t be afraid to want what you desire.”

Žižek fordert damit in der Logik des Begehrens (desire) eine Verschiebung zu einem systemverändernden Handeln. Das (lacansche) Begehren verändert als solches und findet gerade nicht in einer „love with yourselves“ seine Erfüllung. Das Handeln beginnt bei SZ damit, dass er kein Mikrophon benutzt, sondern die Menschen seine Formulierungen nachsprechen lässt. Dabei kann es auch zu Interferenzen kommen.

Was tun - jetzt, nach der Belagerung der Wall Street, nachdem die Proteste, die weit weg begannen (im Nahen Osten und Afrika, in Griechenland, Spanien, England), ihr Zentrum erreicht haben und jetzt wieder über den Globus rollen? Eine der großen Gefahren ist es, dass sich die Demonstranten verlieben - in sich selbst und in die schöne Zeit, die sie an den "belagerten" Orten verbringen.

Die Frage „Was tun?“ stößt eine größere und längere Diskussion darüber an, wie sich unsere Gesellschaft verändern soll. Damit wird die Frage allerdings aus einem nationalen Kontext herausgelöst und in einen globalen gestellt. Žižek verspricht keinesfalls, dass die notwendigen Systemveränderungen von heut auf morgen zu erreichen wären.

Ein langer Weg liegt vor uns. Bald werden wir uns den wirklich wichtigen Fragen widmen müssen - …

Es geht nämlich nicht zuletzt um Fragen, die mit einem für alle Menschen gültigen pursuit of happiness verknüpft worden waren. Sie berühren nicht zuletzt die Frage der Gewalt. Denn was ist nach SZ die „Sprache mit Begriffen der Besetzung“ gegen die „Gewalt,  die nötig ist, um das reibungslose Funktionieren des globalen kapitalistischen Sytems aufrecht zu erhalten?“ - Amerika hatte sich verstanden als Einlösung der Versprechen der Aufklärung. Darin bestand die ureigene Citizenship, die weltweit eine hohe, wenn nicht verbindende Attraktivität genoss. Doch wieweit funktioniert das Konzept der Citizenship noch? Was sollen Staatsbürgerschaft und Weltbürgerschaft in Zukunft versprechen?

Mit diesen und weiteren Fragen werden sich im Wintersemester weitere Referenten in den Mosse-Lectures an der Humboldt-Universität in öffentlichen Vorlesungen befassen. Es verspricht eine spannende Diskussion zu werden, weil man nie sicher sein kann, wie stark die Diskussion von aktuellen Ereignissen beeinflusst werden wird.

 

Torsten Flüh

Mosse-Lectures
Staatsbürgerschaft - Citizenship

Humboldt-Universität zu Berlin

Senatssaal
14tägig, Do. 19:00 c.t. Uhr


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Categories: Medien Wissenschaft

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