Berlinale 2010: Roman Polanski's The Ghost Writer

Kino International - Wissen - Martha’s Vinyard

 

Wissen, was auf einen zukommt

Roman Polanskis The Ghost Writer

 

The Ghost wusste nicht, was auf ihn zukommt, sonst hätte er den Auftrag nicht angenommen. Er soll für den fiktiven englischen Premierminister Adam Lang dessen Memoiren schreiben. Hätte er es gewusst, gäbe es den ganzen, schönen Film von Roman Polanski nicht. Mit dem Wissen ist das so eine Sache.

Man kann ein wenig wissen, was einen erwartet, wenn man einen Film vom vielfach preisgekrönten Regisseur Roman Polanski sehen will: Timing, Spannung, Komik, Gesellschaftskritik, außergewöhnlich gut agierende Schauspieler, Zitate der Filmgeschichte. The Ghost Writer erfüllt die Erwartungen. Bei der Premiere am Freitag hatte er Erfolg.

Erwartungen sind allerdings immer etwas vertrackt. Die Berlinale im Kino International an der Karl-Marx-Allee, der Renommierstraße Ost-Berlins, begann nach der Vereinigung 1990 mit einem Fehlstart. West-Berliner gingen nicht in die Kinos im Ostteil der Stadt. Die Ost-Berliner konnten nichts mit den Filmen der Berlinale anfangen. Selbst ein junger Mann erklärte dem Reporter vom Sender Freies Berlin vor 20 Jahren: „Die Leute sehen ungern so Filme, wo sie nicht wissen, was kommt auf sie zu.“ (RBB: 60 Jahre Berlinale)

Was auf einen zukommt, weiß man auch heute noch nicht so genau bei der Berlinale. Aber die Vorstellungen in sämtlichen Spielstätten sind ausverkauft. Das Kino International wurde 1963 als Premierenkino der DDR eröffnet. Und die Staatslenker waren sich im 5-Jahres-Rhythmus und auch sonst einig darüber, was auf die Bürger zukommen sollte. Ein späteres, aber schickeres Premierenkino als der Zoo-Palast. Dem Kinosaal ist ein Barbereich vorgelagert und für die Partei- und Staatsführung gab es einen „Repräsentationsraum“.

Lampen waren immer wichtig in der Architektur der DDR bis hin zu eher eigenwilligen Kreationen. Vom Kino International bis zu „Erichs Lampenladen“, dem Palast der Republik, wurde bei der Repräsentation besonders Wert auf Licht und Lampen gelegt. Wer den lichtspendenden Kristalllüster indessen derart in den Fordergrund rückt, produziert auch Schatten. Das Vordergründige war mit Forderungen an die Werktätigen und ihr Wohlverhalten verbunden. 

Der staatspolitische Background in der Architektur des Kino International passt am Abend nach der Premiere prima zum Film The Ghost Writer. Panorama- und Detail-Fenster in den Nischen bis zum Boden sind in der Karl-Marx-Allee wie in den Dünen von Martha’s Vineyard zu finden. Nicht nur ist der Rückzugsort des ehemaligen Premierministers in den Dünen von Martha’s Vinyard durch die großen Fensterfronten geradezu transparent, vielmehr noch schien sich das ganze Leben Adam Langs (Pierce Brosnan) völlig einsichtig zum Politstar entwickelt zu haben.

Es liegt im Wesen des Thrillers, dass immer etwas anderes passiert als das, was man erwartet. Und wenn der Thriller gut gemacht ist, passiert am Schluss die größte Überraschung. Polanski ist so gut, dass man am Schluss nicht einmal weiß, was passiert ist. Etliche Blätter eines Manuskriptes flattern einfach nur über eine Straße.

 

Das Genre Thriller erfreut sich wahrscheinlich nicht zufällig so großer Beliebtheit in einer Welt der Lebensversicherungen als Versicherungen vor dem Leben, weil er das Prinzip des Nicht-Erwarteten zur Erzählstrategie macht.  Der Thriller erhält eine Ersatzfunktion. In Zeiten der Krise und platzender Lebensversicherungen trifft der Thriller allerdings eher zu sehr den Nerv der Zeit.

Martha’s Vineyard als überwiegender Handlungsort des Films, erlaubt eine ganze Kette von Assoziationen. Die Insel vor der Ostküste Amerikas ist nicht irgendeine. Sie ist eine Promi-Insel. Geld und Macht treffen auf der Insel zusammen. Die Kennedys, die Clintons, die Obamas haben hier schon Urlaub gemacht oder besitzen gar ein Haus in den Dünen. Natürlich Hochsicherheitstrakte. Es ist wie mit Terroristen. Keiner soll hinein und auch nur selten hinaus. Die Überfahrt mit der Fähre kann von einem tödlichen Zwischenfall beendet werden.

Adam Lang und seine Frau Ruth (Olivia Williams) bewohnen mit ihrem Stab von der Sekretärin-Geliebten (Kim Cattrall) über den Sekretärinnen-Stab, Sicherheitsleuten, chinesischer Köchin bis zum chinesischen Gärtner die hypermoderne Villa des Verlegers der Memoiren. Der Stab ist nicht weniger verschlossen als das Anwesen, das so offen wirkt. The Ghost (Ewan McGregor), der Ghostwriter, kommt in diese scheinbar offene doch äußerst geschlossene Gesellschaft. Sein Vorgänger, der die Memoiren fast abgeschlossen hatte, ist tödlich verunglückt und hat ein Machwerk an Manuskript hinterlassen.

Wie der Thriller mit der Enttäuschung des Erwarteten spielt, so wird die Zugänglichkeit von Martha’s Vineyard und der Villen in den Dünen deutlich zur Schau gestellt, um im nächsten Moment beim wöchentlichen Probealarm die transparente Villa in einen wahrscheinlich sogar atombombensicheren Bunker zu verwandeln. Je offener sich Gebäude und Gesellschaft (re)präsentieren, als desto geschlossener erweisen sie sich.

In der medientransparenten Welt von CNN und NTV wird alles gezeigt. Die Stahl-Rollos gehen nicht runter, wenn die Hubschrauber mit den Kameras die Krisensitzung Adam Langs im Wohnzimmer live im Fernsehen übertragen. Alles wird live übertragen. Nur der Anwalt sagt, als alle das Haus in heller Aufregung verlassen: Und jetzt bitte alle lächeln! Adam Lang ist Politprofi genug, den Demonstranten vor dem Anwesen die Sendeminuten zu stehlen.

Wenn The Ghost Writer vor allem ein Politthriller ist, der mit der Medienwirklichkeit von Politik, Weltpolitik – es geht um nichts geringeres als den Kampf gegen den Terror, Waterboarding und den Irakkrieg – spielt, dann lässt er im Moment der Komik die Zuschauer im Lachen darüber stolpern, was Medienwirklichkeit ist. Nichts ist im Politbusiness, wie es sich präsentiert.

Die Figur des Ghost ist nicht hinreißend entlarvend, weil sie das Zeug zum investigativen Journalisten, zum Helden hätte, sondern weil er Zug um Zug in die Katastrophe hineingerät. Er will eine Biographie für das Herz der Leser schreiben.  Das wird beim Einstellungsinterview belächelt und bringt ihm schließlich doch den 250.000 $-Job ein. Er will den Job gar nicht. Er will gar nichts wissen. Und doch sind es die Momente bis zur Dummheit, die ihn immer mehr wissen machen.

Wäre Ghost ein Held, dann wüsste er, worauf er sich einlässt und was er wissen will. Aber er ist eher ein höchstsympathischer Narr, ein Junge von nebenan, der aus Zufall das Navigationssystem des BMW einschaltet, um ins Hotel zu kommen. Doch dann leitet ihn das GPS zum CIA-Führungsoffizier und zieht die Verfolger in Tötungsabsicht auf ihn.

Das Nicht-Wissen der Hauptfigur wird von Ewan McGregor bestechend gespielt und ist sicher mit Roman Polanski um einige Umdrehungen präzisiert worden. Denn das Staunen über sich selbst, vermag die Machtstrukturen, in die er hineingezogen wird, aufzudecken.

 

Ruth Lang, atemberaubend Olivia Williams, die hochintelligente Frau und Vertraute des ehemaligen Premiers, deren Ähnlichkeit mit Cherry Blair durchaus beabsichtigt ist, lädt the Ghost, zum Abendessen zu zweit. Als sie später in seinem Schlafzimmer auftaucht, rettet sich the Ghost ins Bad, um sich im Spiegel zu sagen, dass es keine gute Idee ist, mit ihr zu schlafen. Er tut es doch.

Die Bill-Clinton-Tony-Blair-Figur des Adam Lang wird von Pierce Brosnan überraschend vielschichtig gespielt. Alle schauspielerischen Register werden gezogen. Lang ist nicht nur Blair, aber auch nicht nur Clinton. Er ist eine Mischung aus beidem, um schließlich einem Attentat nach Kennedy-Manier zum Opfer zu fallen. Was er wirklich war und was er von seinen Verstrickungen wusste, bleibt in dem Maße offen, wie das politische Attentat zum rechten Zeitpunkt stattfindet. Das Changieren der Figur Adam Lang gibt schließlich einen Wink auf das Genre der Biographie/Autobiographie insbesondere der von Politikern: Was man wissen will, wird man nicht erfahren.

 

Gelacht wurde über witzige Dialoge mehrfach in der Aufführung. Mit Spannung war das Kino ebenso geladen. Am Schluss entlud sich der Beifall. - Es macht den besonderen Reiz der Berlinale aus, dass man nicht weiß, was auf einen zukommt.

 

Torsten Flüh


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20 Kommentare
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Kommentare

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