Berlinastic! - Made in Berlin im Wintergarten Varieté

Artistik – Varieté – Wintergarten

 

Berlinastic!

Made in Berlin im Wintergarten Varieté

 

Beim Finale ist die Begeisterung des Publikums aller Geschlechter und geschlechtlicher Zwischenstufen nicht mehr zu halten. Vorhang um Vorhang müssen sich die jungen Spitzenartisten – Made in Berlin - feiern lassen. An einem Donnerstag im Juli mitten in der größten Hitzewelle in Berlin.

Glücklicherweise ist der Wintergarten klimatisiert. Während sich vor dem Portal Hitzegewitter zusammenbrauen, herrscht im Parkett des Wintergartens an den Tischen angenehme Kühle. Das Publikum ist gut gemischt - Jung und Alt, Gebräunt und Gebleicht, Leger und Ein-wenig-mondän. Das hatte ich nicht erwartet.

Als ich im Foyer fotografiere, kommt die Empfangsdame auf mich zu. Sie ist informiert. Begrüßt mich mit Namen und wünscht mir einen angenehmen Abend. Natürlich trägt die Empfangsdame das blonde Haar streng nach hinten frisiert. Umgangsformen nannte man das früher, Service ist es heute. Eine Mischung aus persönlicher Aufmerksamkeit und leichter Dressur.

Ein Besuch im Wintergarten ist das Eintauchen in den Wellness-Bereich des Entertainments.

 

Suitable and inspiring for all Foreigners - und Berliner auch.

Das Berliner Varieté ging um 1877 aus dem Wintergarten des Hotels Central am Bahnhof Friedrichstraße hervor. Die Schwestern des Wintergartens sind die Tropenhäuser des Botanischen Gartens. Noch heute gehört zur Ausstattung des neuen Wintergartens an der Potsdamer Straße ein künstlicher Sternenhimmel aus Glühbirnen.

Den Sternenhimmel, die Artistik, das Spiegelkabinett aus poliertem Messing und Glas verstehen Besucher aus aller Herren und Damen Länder. Varieté funktioniert über Spiegelungen und Spiegeleffekte.

Im Messing und in den barocken Bilderrahmen spiegelt sich der Wintergarten als Mythos aus der Glanzzeit Berlins bis zu Beginn der Dreißiger Jahre. Das Varieté selbst mit seinen meist jungen Artisten funktioniert über einen Spiegeleffekt. Das Publikum sieht sich im Artisten Kunststücke vollführen, die es niemals vollbringen wird. Schließlich spiegelt sich Berlin in der Show Made in Berlin. Das ist der Clou.

Der dreifache Spiegeleffekt im Wintergarten ist nicht zuletzt ein Vorläufer der Television. Im Varieté kehrt Ende des 19. Jahrhunderts die Vielfalt einer zunehmenden Internationalisierung wieder. Dort treten Menschen auf, von denen man bisher nur gehört hatte. Nun kann man sie sehen.

Die Völker- und Menschenschauen um 1900 sind nicht weniger ein Aspekt des Varieté. Das hat etwas mit den neuen Verkehrswegen und –mitteln zu tun, den Dampfschiffen und Eisenbahnen. Das Varieté liegt verkehrsgünstig. Dort, wo Menschenströme fließen, entsteht Vielfalt.  Der historische Wintergarten liegt am Bahnhof Friedrichstraße, einer Hauptverkehrsader des modernen Berlin.

Die Vielfalt des Lebens und seine kuriosen Auswüchse kommt im Varieté in einer ungebundenen Form vor. Nummer reiht sich an Nummern zu einer Revue bestenfalls. In der Revue, in der man wiedersieht (re-vue), was man anderswo anders gesehen oder gelesen hat, kommt anfangs eine bunte Vielfalt zum Zuge. So wurde der Wintergarten nicht zuletzt der weltweit erste, öffentliche Aufführungsort des Films, als der Film noch nicht Film hieß.

Am 1. November 1895 führten die Gebrüder Emil und Max Skladanovsky dem zahlenden Publikum an den Tischen im mondänen Wintergarten ein Medium vor, das sie Bioscop nannten. Das Varieté mit dem Versprechen das Leben – Bios - selbst zu sehen, wurde somit zur Geburtsstätte des Kinos. Später machte das neue Medium dem Varieté nach und nach fast den Gar aus. Doch ganz gestorben ist es nie.

Emil und Max Skladanowsky wurden 1863 und 1866 in Pankow, das noch vor den Toren der Stadt lag, geboren. Das Bioscop war nicht irgendeine Nummer, nicht irgendeine Darbietung des Varietés im Wintergarten. Vielmehr war es vom ersten Tag an Schlussnummer und Höhepunkt des Programms. Denn immer schon ging es im Varieté darum, das Leben – und sich selbst im Anderen - zu sehen.

Im allerersten Filmstreifen der Gebrüder Skladanowsky passiert nicht viel - und doch alles. Die Brüder gehen vor einer weißen Leinwand auf das Publikum zu. Sie bewegen sich wie ganz normale Männer ihrer Zeit auf der Straße. Sie bewegen sich wie Du und ich - und sind doch nicht da, wo man sie sieht. Sie sind da und sind zugleich eben nicht da. Das Leben (ist da zu) sehen – Bioskop – und ist doch nicht da.

Das Varieté á la Wintergarten, wo man an den Tischen gut speisen kann, ist ein öffentlicher und intimer Ort. Die Öffentlichkeit des Varieté war immer auch intim. Innigliche Blicke wechseln die Tischpartner beim Speisen. Sie sprechen darüber, was sie bei den artistischen Darbietungen inniglich bewegt hat. Denn die Sensation, die Erhitzung, die von Innen kommt beim Anblick der Artisten Kunststücke, ist Ziel des Besuchs eines Varietés.

Die Intimität des Varieté ist merkwürdig, weil sie öffentlich stattfindet. Was oft im Separée stattfand, findet im Varieté eine andere Form. So wird das Varieté zu einem Ort des Intimen und Öffentlichen zugleich. Es wird gar ein Ort zwischen Separée und Kino. Was im Separée noch abgetrennt, abgesondert, durch einen Vorhang abgeschirmt wird, findet auf der Bühne des Varieté öffentlich statt.

Das Varieté als Vorläufer visueller Medien ist gar nicht hoch genug zu schätzen. Vom Varieté lässt sich ein Bogen schlagen zum Film, vom Film einer zur Television, von der Television zum Computer und dem Internet. Es ist die Fläche, der Schirm, auf der das Intime öffentlich wird. Auf der Leinwand, der Projektions-Fläche des Films, später dem Bild-Schirm des Fernsehers, noch später dem Monitor des Computers begegnen sich Veröffentlichung und Verinnerlichung.

Der Wintergarten simuliert im Winter den Sommer im Glashaus und den wolkenlosen Himmel mit seinen funkelnden Sternen. Sterne funkeln nicht. Aber wenn wir sie anblicken, beginnen sie zu funkeln. Genau darum geht es im Wintergarten wie im Bioscop.

An die großen Berliner Revuen und Operetten zu Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert zur Zeit die Ausstellung Glitter and be gay zu Erik Charell (1894-1974) im Schwulen Museum am Mehringdamm. Das Interesse an der Ausstellung ist erstaunlich groß. in der Revue findet das Varieté seit den 1920er Jahren seine ästhetische Steigerung. Programmatisch hieß Charells erste Revue 1924 im Großen Schauspielhaus von Max Reinhardt An Alle. 

An Alle war fast so gut wie Bioscop. Das Prinzip der Revue findet nun mit einer mehr oder weniger durchkomponierten, populären Musik meist mehrer Komponisten statt. Mit der Revue kommt durch Erik Charell auf einmal die Mädchenreihe nach Berlin. Die lose Form des Varieté findet in den Mädchenreihen der Revue eine Ordnung und geht über in die Vervielfältigung. Reihenweise Mädchen. Erik Charell schickt die Tiller Girls mit 76 jungen Frauen und 152 schwungvoll, schlanken Beinen auf die Bühne.     

Wenn sich Rausch nicht nur in der Intensivierung einer Sensation, sondern in der Verdopplung und Verwischung, Unschärfe der Wahrnehmung äußert, dann ist die Revue die rauschhafte Einlösung des Varieté. Zwei schöne Mädchenbeine kann man(n) sehen und genießen, 152 Mädchenbeine sind ein rauschhafter Exzess. Das Anhalten der Sensation als Intimität kippt mit der Revue in einen öffentlich visualisierten Rausch.

Es gibt viele Ursprünge der Mädchenreihe. Hier soll nur daran erinnert werden, in welchen Raum die Reihung der Mädchen in Berlin einbrach. Das Große Schauspielhaus wurde als Revuetheater am Ort des Zirkus Schumann auf dem anderen Ufer der Spree in Sichtweite des Wintergartens erbaut. Die Straße heißt noch heute Am Zirkus. Im Berliner Eastend auf dem nördlichen Ende der Friedrichstraße ballten sich schließlich um 1900 die allerersten, meist winzigen Filmstudios, der Zirkus, der Admiralspalast und der Wintergarten sowie zahlreiche andere Etablissements.

Ich komme noch einmal zurück auf die Mädchenreihe, weil sie im Varieté-Programm Made in Berlin gerade nicht vorkommt. Es ist wiederholt davon gesprochen worden, dass sich in der Vervielfältigung des Bildes der Frau als Mädchen in der Revue nicht zuletzt ein (männliches) Trauma des Militarismus und des Ersten Weltkrieges artikuliert. In der Revue bricht das Trauma als Intimes mit Macht hervor.

Die geradezu militärische Ordnung der Mädchenreihe wird in den Filmen von Busby Berkeley (1895-1976) in den 30er Jahren zum Rausch des Ornaments. Im Ornament wird mit dem Film Dames 1934 die Reihe zur Blüte zum Herz zum reinen Ornament ….

Die Nummer des Varieté ist zur Einstellung zwischen zwei Schnitten im Film geworden. Während die Mädchenreihe bei Erik Charell auch anonymisiert, weil der Zuschauer kein einzelnes Mädchen mehr sieht und das Ornament noch nicht perfekt wird, leistet Berkeley in den Großaufnahmen schnitttechnisch die Wiederkehr der Einzelnen im Ornament.

 

Made in Berlin ist Varieté auf höchstem Niveau. Mit Made in Berlin kehrt nicht zuletzt die Artistik ins Varieté zurück. Die jungen Artisten und Artistinnen zeigen mit Anfang Zwanzig Darbietungen, die nichts zu wünschen übrig lassen und dem Publikum den Atem rauben. Die Artistik des Varieté, die am Ende des 19. Jahrhunderts zu blühen begann, war auch eine Re-Aktion auf die neuen, mechanischen, produktionsorientierten Körperbewegungen des Industriezeitalters.

Während im 19. Jahrhundert sich das Kapital, die Maschine, die Industrie des Körpers der Menschen, zunächst meistens des Mannes, bemächtigt, beginnt im Varieté die Blüte der Artistik. Der Artist vollführt mit seinem Körper Bewegungen, die nicht in den Produktionsprozess eingebunden sind und sich nicht einbinden lassen. Der Artist produziert nicht. Er verweigert sich dem Produktionsprozess, indem er nichts produziert. Von der artistischen Leistung des Momentes bleibt fast nichts übrig. Seine Bewegungen und Handlungen sind für Nichts.

Die Nichtigkeit der artistischen Leistung steht im krassen Gegensatz zu ihrer Exzeption, für die hart gearbeitet werden muss. Exzeption wird nur durch härteste Arbeit. Markus Pabsts Made in Berlin hat auch einen seiner Ursprünge im Street Dance und in der Street Art. Die modernen Straßenkünste kultivieren das Exzeptionelle, das nichts produziert. Sie wehren sich meistens gegen Tendenzen der Kommerzialisierung, also letztlich gegen eine Verwertbarkeit.

Stand im industriellen Zeitalter der Körper unter dem Diktat der Produktion, so produziert die Artistik nichts als Sensation. Gerade in der exzeptionellen Artistik Eike von Stuckenbroks an der Schaufensterpuppe (!),

der Kontorsion von David Pereira im, auf und am Einkaufswagen (!),

der Dynamik am Chinesischen Mast von Rémi Martin und Eike von Stuckenbrok,

der Hand-auf-Hand- und Vertikaltuch-Performance von Kati und Philipp,

des Bouncing von Girma Tsehai,

dem Wasserquirl und dem Kurierfahrrad (!) von Pablo Caesar,

der erotischen Choreographie von Lea Hinz und Denis MacDao mit dem Papierschredder (!)

sowie der Fußjonglage auf dem BSR-Container (!) von Nata Galkina

produzieren vor allem nichts und nichts als Sensationen. Schaufensterpuppe, Einkaufswagen, Kurierfahrrad, Papierschredder und BSR-Container werden ihren Funktionen zugunsten der Artistik entzogen.

Die Musik ist ein Berlin-Mix von Claire Waldoff über Marlene Dietrich und Hildegard Knef bis zu Udo Lindenberg und Peter Fox, vom Chanson über Operette bis hartem Techno. Dass zum Street-Dance-Finale, das das totale Gegenteil einer Mädchenreihe ist, nicht nur die jüngeren Zuschauer aus China und Japan vor Begeisterung klatschen und Bravos rufen, sondern auch das Berliner Ehepaar mit 60plus – Ich bin in Berlin geboren, sagt die Dame im Kleid in der Pause zu mir – das wird der grandiosen Artistik geschuldet sein.

Curious and fantastic Berlin! Simply Berlinastic!

 

Torsten Flüh

 

Made in Berlin

Noch bis 25. September 2010

Mi – Sa 20:00

So 18:00

Wintergarten

Potsdamer Straße 96

10785 Berlin

 

Glitter and be gay.

Erik Charell und die schwule Operette.

Noch bis 27. September 2010

Mi – Mo 14:00 bis 18:00

Schwules Museum

Mehringdamm 61

10961 Berlin

U-Mehringdamm


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Categories: Kultur

1 Kommentare
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Kommentare

Juli 25. 2010 23:40

Chris

Berlinastischer Bericht mit wunderschönen Fotos!
Vielen Dank!
Christian
(der auf diese Weise mal einen kleinen Blick nach Berlin werfen kann)

Chris