Bilderflut und Einzelbild - Maria Benning und Gerald Zörner stellen ihren Ratgeber Fotoshooting vor

Ratgeber – Portrait – Psychologie

 

Bilderflut und Einzelbild

Maria Benning und Gerald Zörner stellen ihren Ratgeber Fotoshooting vor

 

Am 7. Juli 2009 wurde ich abgeschossen. Ich konnte mich auf dem S-Bahnhof Gesundbrunnen nicht wehren. Eine junge Frau hatte mich auf dem Bahnsteig angesprochen und fragte, ob sie mich was fragen dürfe. Sie war eine BILD-Reporterin. Kaum hatte ich geantwortet, sah ich den BILD-Fotografen mit großem Teleobjektiv, der mich ins Visier nahm und abdrückte. Noch am selben Abend wurde mein Kommentar zum sogenannten S-Bahn-Chaos mit Foto in der BILD abgedruckt und ins Internet gestellt.

Maria Benning, Journalistin, und Gerald Zörner, Fotograf, haben nun einen Ratgeber für Menschen geschrieben, die für Bewerbungen, Kontaktanzeigen oder die Mutter zu Weihnachten ein Portrait von sich schießen lassen wollen oder müssen: Fotoshooting – Das Subjekt vor dem Objektiv. Am Sonntag stellten sie ihr Buch im Atelier des Fotografen in der Babelsberger Straße 40/41 in Schöneberg vor. Selbst für Begegnungen mit BILD-Fotografen kann der Ratgeber hilfreich sein.

Gezett, wie Gerald Zörner sich kurz nennt, gehört zu meinen Lieblingsfotografen. Er hat nicht nur alle Schriftsteller und Dichter von Hanane Aad über Heiner Müller bei einer Veranstaltung des P.E.N.-Ost und Herta Müller sowie Ginka Steinwachs bis Tomas Tranströmer und last but not least Jenni Zykla auf einer Literaturveranstaltung, im Studio oder zu Hause fotografiert. Gezett erlaubt sich auch wunderbare Seitenblicke, wie ich seine Spezialität nenne. Einer dieser Seitenblicke ziert nun das Cover zum Ratgeber.


Foto: Gezett

Es gibt laute und ruppige Fotografen. Fotografen, die sich an ihre Beute heranschleichen. Fotografen, die auf den Moment des looking bad spezialisiert sind, was häufig recht lukrativ ist. Und es gibt die Beobachter, die sich irgendwie auf die Situation einlassen, sich in sie einfühlen und auf den Auslöser drücken. Das Cover-Foto zu Fotoshooting beispielsweise ist von der Seite aufgenommen. Es ist die Beobachter-Position. Der Kurator Clémont Chéroux zielt mit einem Gewehr auf einen Fotografen, der mit dem Objektiv auf ihn zielt.

Das Foto wurde während der Pressevorbesichtigung zur Ausstellung „Shoot! Fotografie existenziell“ im c/o Berlin aufgenommen. Clémont Chéroux wollte für die Fotografen zeigen, wie Fotografieren verstanden werden kann. Gezett hätte nun alle möglichen Positionen wählen können, um die Analogie und Interaktion von Gewehr und Fotoapparat ins Bild zu setzen. Er wählt die diskrete Position leicht seitlich hinter dem Kurator. Gezett hat das Gewehr durchaus im Blick. Er weiß als Fotograf um die Analogie. Doch er benutzt den Fotoapparat nicht als Waffe. Ich kenne keine Fotos von Gezett, bei denen er den Apparat als Waffe benutzt hätte.

Maria Benning und Gerald Zörner haben den Ratgeber als psychologische Hilfestellung für jedermann und -frau ausgearbeitet. Denn im Internet herrschen heute eine Bilderflut und ein Bilderzwang. Entweder fühlt man sich dem Bilderzwang machtlos ausgeliefert, löscht seine Bilder, macht sich auf irgendeine Art und Weise unkenntlich. Oder man schickt sich in das offenbar Unvermeidbare und eignet es sich als Wunsch an.

Nahezu jeder möchte sich heute visuell präsentieren. Digitale Bewerbungen, Firmenpräsentationen im Internet und Social-Media-Plattformen wie Facebook haben das Interesse neu entfacht, sich mit einem persönlichen Foto darzustellen.

(S. 7)

Um dazu zu gehören, bedarf es heute des Portraits, eines Facepics, eines Fotos von sich selbst. Bei Facebook & Co. zeigen das Profilfoto und die Fotos der Friends heute, wie beliebt man ist, wie groß der Freundeskreis ist und dass man dazugehört. Da nun mein Foto ohnehin schon durch BILD verbreitet worden war, fand ich es ganz passend, dieses zum Profilfoto zu machen. Doch nicht jede/r wird von BILD abgeschossen. In einer Welt des Diktats des Visuellen kommt also das Subjekt gar nicht umhin, sich zu wehren. Im permanenten Krieg um das Bild geht es nicht zuletzt darum, seine Waffen zu schärfen.

Maria Benning hat sich umfassend in die Literatur zur Fotografie und zum Fotografiertwerden eingelesen und gibt in angenehm zu lesender Weise Auskunft darüber, wie man/frau sich vor dem Objektiv selbst helfen kann. Psychologie hat nicht einfach nur etwas mit der Psyche zu tun. Vielmehr kann es der Psyche helfen, wenn man um die Tricks weiß, mit denen sie sich selbst überlisten lässt.

 

Die scheinbar klare psychologische Aufteilung - hier das Subjekt und da das Objektiv als Schusswaffe - kann überlistet werden. Maria Benning erzählt dafür viel aus der Geschichte der Fotografie und zitiert Autoren wie Roland Barthes, Susan Sontag, Walter Benjamin, Jean Baudrillard und Psychologen. Doch sie informiert ebenso in Tabellen z.B. über Recht und Unrecht am eigenen Bild. (S. 71)

Der Ratgeber funktioniert damit auf einer unterhaltenden Ebene, in der beim Lesen fast nebenbei Fachwissen – psychologisches, historisches, juristisches, soziologisches etc. - allgemein verständlich vermittelt wird. Ein Ratgeber nimmt die Leser an die Hand des Wissens. Das Genre des Ratgebers funktioniert gerade dadurch, dass es Fragen des Alltags mit kurzen Wissenszitaten und Geschichten sowie Schautafeln und formelhaften Auflistungen kombiniert.

 

Es ist ein Genre, das sich auf besondere Weise an der Schnittstelle von Erzählung und Wissenschaft situiert. Ausschlaggebend sind Fragen, die sich Viele stellen oder schon gestellt haben.

Viele Menschen hegen zwiespältige Gefühle der Fotografie gegenüber, eine Art Hassliebe. Sie entstand zeitgleich mit der Erfindung des Mediums. …

(S. 14)

Der Ratgeber gibt die Antworten. Und manchmal hilft es alleine schon, dass es „viele(n) Menschen“ wie mir geht. Das Ich findet sich in der Gemeinschaft der Vielen, den es genauso ergeht, wieder.  

Unwissen verunsichert, wenn man/frau es in Betracht zieht. Tut sie/er es nicht, führt es fast regelmäßig zu Katastrophen – auch beim Fotografiertwerden. Denn sich selbst als Bild im Portrait zu sehen, führt seit jeher zu Überraschungen. Nicht erst seit dem Aufkommen der Fotografie, sondern bereits seit der Renaissance und Entwicklung einer Portraitmalerei. Doch mit der Fotografie, worauf Maria Benning hinweist, verschärft sich das Problem noch einmal. In der gegenwärtigen Situation, in der durch Social-Media-Plattformen die Bilderflut eskaliert, gibt es einen neuen Umschwung.

 

Wer ich bin, wenn ich fotografiert worden bin, hat bereits Roland Barthes in Die helle Kammer (1989) als Frage beschäftigt. Maria Brenner zitiert ihn, Siegmund Freud und Walter Benjamin, um schließlich zu einer pragmatischen Lösung zu kommen:

Das Original ist ein Versprechen, sagt Gerald Zörner. Der Fotograf vereinbart mit dem Gegenüber, was das Original sein soll. Das Original ist eine Konvention, eine Festlegung, die zwischen dem Kunden (oder der Öffentlichkeit) und dem Fotografen vereinbart wird.

(S. 67)

Das psychologische Wissen funktioniert vor allem als eine kausale Erzählung von mir selbst mit den sprachlich-typographischen Mitteln des Briefes und der Anrede. Ich will mir erklärt werden. Und Hilfe bekommen, wie ich mit mir zufrieden sein kann. Wie lassen sich also beispielsweise Spiegelneurotische Erwartungen (S. 111) auflösen?

Dass Sie mit Ihren Fotos selten zufrieden sind, zeugt von Ihrem Qualitätsanspruch und ist Ausdruck Ihrer Vitalität. Aber vielleicht müssen Sie Ihre Erwartungen an Ihr Bild auch hin und wieder etwas zurechtrücken. (S. 111)

Mit anderen Worten: ich spiegle mich nicht mehr nur mit mir selbst, sondern durch eine Instanz des Wissens, die mir beim „Zurechtrücken“ hilft.

 

Auf dem „Weg zum Bild“ empfiehlt Maria Benning in einer Art Empfehlungskasten „Anker setzen“. Das Setzen der Anker funktioniert in 6 Schritten bzw. Ankern, die sozusagen „spiegelneurotische Erwartungen“ relativieren bzw. auflösen. Gespiegelt wird mein Portrait nun in Wissensmodi um das Medium Fotografie.

Anker 6: Das Bild ist nur ein Bild. Nicht ich bin zu sehen, sondern mein Bild. Eine Momentaufnahme. (S. 115)

Die Unterscheidung zwischen einem „ich bin“ und „mein(em) Bild“ ist nicht zuletzt eine semantische.

Das Problem des Fotografiertwerdens lag ja gerade in dem Prozess einer Verkennung. Nämlich darin, dass sich das verkennende Subjekt im Versprechen der Fotografie als Anderes wiederzusehen fürchtet oder wünscht.

 

Torsten Flüh

 

Maria Benning, Gerald Zörner

Fotoshooting

Das Subjekt vor dem Objektiv

29,95 €

 

Gezett


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Categories: Medien Wissenschaft

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