Bloggen bis zur Revolution - Hesam Misaghi bei den Netzpolitikern im St. Oberholz

Blog – Proxyness – Revolution

 

Bloggen bis zur Revolution

Hesam Misaghi bei den Netzpolitikern im St. Oberholz

 

Das St. Oberholz Ecke Rosenthaler und Torstraße ist Berlins Blogger-Tempel. Der richtige Ort für ein Treffen der Netzpolitik Freunde zu einem weltpolitischen Thema mit dem Aktivisten des Committee of Human Rights Reporters Hesam Misaghi. Welchen Einfluss haben die digitalen Medien und Plattformen wie Twitter, Facebook, Blogs, SMS und E-Mail auf revolutionäre Aktionen im Iran?

Hesam Misaghi ist der richtige Mann, um diese Frage zu diskutieren. Im Frühjahr 2009, um die Parlamentswahlen herum, wurde der Student aus Isfahan im Internet aktiv. Am 3. März 2010 wurde die Wohnung von Hesam Misaghi und Sepher Atefi vom Iranischen Geheimdienst gestürmt, durchsucht, CDs, Computer und Dokumente konfisziert. Die beiden Bewohner waren glücklicherweise gerade nicht da, sonst säße Hesam Misaghi am Dienstag, den 8. März 2011, nicht mit uns im St. Oberholz.

Das Haus am Rosenthaler Platz hat in Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz bereits 1929 als „Aschinger“ Erwähnung gefunden:

… Man riß das Pflaster am Rosenthaler Platz auf, er (Franz Biberkopf, der gerade aus dem Gefängnis in Tegel entlassen worden ist, Anm. TF) ging zwischen den andern auf Holzbohlen. Man mischt sich unter die andern, da vergeht alles, dann merkst du nichts, Kerl. Figuren standen in den Schaufenstern in Anzügen, Mänteln, mit Röcken, mit Strümpfen und Schuhen. Draußen bewegte sich alles, aber – dahinter – war nichts! Es – lebte – nicht! Es hatte fröhliche Gesichter, es lachte, wartete auf der Schutzinsel gegenüber Aschinger zu zweit oder zu dritt, rauchte Zigaretten, blätterte in Zeitungen. So stand das da wie die Laternen – und – wurde immer starrer. Sie gehörten zusammen mit den Häusern, alles weiß, alles Holz.
(Berlin Alexanderplatz, S. 16) 

In der Erzählzeit des Romans, im Herbst 1927, war das Aschinger die „9. Bierquelle“ der Gebrüder August und Carl Aschinger, die eine Kette von 30 Bierlokalen und 15 Konditoreien in Berlin betrieb. In einer Backfabrik an der Prenzlauer Allee wurden Kuchen im Akkord hergestellt. Heute sitzt die Net-Generation beim Club Mate und Bionade zum Wrap mit frischem Spinat und Hähnchenfleisch vor dem Laptop mit dem weißen Apfel. Tafeln zur Rosenthaler Straße verteilen Lebensweisheiten: Das Leben ist kein Ponyhof. Lege nicht alle Eier in einen Eierkorb...

„Das Leben ist kein Ponyhof“, weiß auch Hesam Misaghi. Im März 2009 gründete der damals 29jährige Hesam mit Sepher die Society for the Prevention of Educational Discrimination. Damit klagten sie so etwas wie das Grundrecht auf Bildung ein, weil zwei Bürgerrechtsaktivisten von der Universität ausgeschlossen worden waren, die der Religion der Bahai im Iran angehörten. Die Bahai ist eine Universalreligion, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von dem aus Teheran stammenden Baha’u’llah gegründet wurde.

Hesam ist ein feingliedriger, schlanker, junger Mann, der leise spricht und sich in der Vorstellungsrunde darüber freut, dass die Freunde der Netzpolitik ihn eingeladen haben. Er fühlt sich im Englischen noch sicherer als im Deutschen, weshalb das Gespräch auf Englisch stattfindet. Was wollen die jungen Frauen und Männer im Iran? Wie denken sie? Ist es nicht gefährlich, einen Blog mit seinem Klarnamen zu schreiben? Welche Rolle spielen die neuen Medien?

Natürlich ist es mutig, wenn man einen Blog schreibt oder twittert mit seinem Klarnamen unter politischen Bedingungen, die keine Kritik am System zulassen. Doch die jungen Menschen aus der Mittelschicht des Iran, die vom Smartphone bis zum iPad über alle technischen Voraussetzungen zur digitalen Kommunikation verfügen, sehen keine anderen Möglichkeiten, ihre individuellen Rechte einzuklagen und zu verfolgen. Bildung und Individualisierung durch den Zugang zu modernen Medien machen die Mauern der Islamischen Republik porös.  

Hesam ist der Auffassung, dass es gar keine andere Möglichkeit für ihn gab, als unter seinem Klarnamen zu schreiben. Schließlich sind die Geheimdienste dieser Welt technisch in der Lage, ein Pseudonym zu entschlüsseln. Dann ist es schon besser, wenn man sich einer Gruppierung wie dem Committee of Human Rights Reporters anschließt, um als Internet-Aktivist wenigstens den Schutz der Internet-Öffentlichkeit einzufordern. Mit anderen Worten: die virtuelle Öffentlichkeit des Word Wide Web kann im Extremfall Schutz bieten.

Das Öffentlich-Werden als Blogger, Twitterer und Facebooker kann aus dieser Sicht sehr wohl einen politischen Prozess anstoßen, der über ein nationales Territorium hinausgeht. Selbst wenn E-Mails und Blogs durch die Nachrichtendienste aka Geheimdienste gescannt werden, so machen sie doch die Grenzen totalitärer Regime durchlässig. Sprachbarrieren sind dann unter Umständen höher als der höchste Grenzzaun. Doch selbst Sprachbarrieren und Nachrichtenscanns lassen sich umgehen.  

Es ist nicht zuletzt die Wiederkehr der Metapher als Umgehung der Scannsoftware, wie mein iranischer Freund Reza bestätigt. Natürlich verfügen die staatlichen Netzwerke vor allem totalitärer Staaten längst über eine Software, die die Kommunikation bei Verwendung eines Wortes unterbricht. So wie im Dezember 2010 anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo. Wollten Chinesen eine SMS mit dem Namen Liu Xiaobo versenden, mussten sie damit rechnen, dass der Mobile Account bis zu einer Woche gesperrt wurde.

In China war die Metapher „leerer Stuhl“ für Liu Xiaobo schnell im Umlauf. Und nicht jeder leere Stuhl konnte einfach mit einer Abschaltung des Accounts geahndet werden, weil dann womöglich Millionen von Chinesen für Wochen mit Kollegen, Familien, Freunden und der Freundin nicht hätten kommunizieren können. Derartige Aktionen wenden sehr schnell, bevor man überhaupt von einer politischen Aktion sprechen kann, den Zorn des Volkes gegen die Regierenden. Politik entsteht nicht nur hier ad hoc.

Die Politik des Netzes über Twitter, Facebook und Blogs wird eine der Flashmobs und Ad-hoc-Bildung. Ad hoc entsteht politisches Handeln nur für dieses Mal, für diesen Zweck, für einmal. Politik findet statt durch die Entkoppelung von Programmen und Parteien. Dafür ist der Anlass der Gründung einer Society for the Prevention of Educational Discrimination durch Hesam Misaghi geradewegs ein programmatisches Beispiel. Ad hoc wird aus einem aktuellen und individuellen Anlass eine Gesellschaft gegründet, die sich sogleich, noch ehe sie von Nachrichtendiensten wahrgenommen werden kann, über die neuen Medien verbreitet.

Das Netz macht die Ad-hoc-Bildung als Ausdruck von Individualität – dieses – zur politischen Kraft. Die Verschränkung vom Smartphone der Mittelschicht-Jugend mit den Plattformen von Twitter und Facebook z. B. macht jeden Einzelnen zum Akteur seiner individuellen Belange, Sehnsüchte und Vorlieben. Doch zur politischen Individualität braucht es immer einen Dritten, einen Zeugen, einen witness, wie es Robert Harvey mit seiner universal ethic mit einer Lektüre vor allem von Samuel Becketts Worstward Ho herausarbeitet. Man ist nie allein.

Die Politik der Individualität als eine des Ad-hoc hat Hesam Misaghi und Sepher Atefi in die Position des Dritten als Zeugen eines Unrechts zwischen den Bahai und der islamischen Universität gemacht. Aus dieser Position heraus sind sie nur für dieses aktiv geworden. Die Politik der Individualität stellt letztlich die Individualität selbst in Frage, weil sie nur in der Position des Dritten, des Zeugen werden kann. Anders als in einer ontologischen Individualität ist sie immer im Werden und Vergehen begriffen. Sie ist nicht verbürgt, vielmehr immer schon in einem Schreibenlesen begriffen.

Schreiben und Lesen lassen sich in der Politik des Ad-hoc im Netz noch viel weniger trennen als mit dem Drucken und Verteilen von Flugblättern oder gar revolutionären Büchern. Bloggen ist Schreibenlesen. Schreiben und lesen ad hoc in einem. Für dieses Mal, für diesen Tag, für dieses Thema, für diesen Anlass, für diese Plattform, für dieses Ereignis. Das Ad-hoc ad-ressiert sich immer. Es wird immer für, zu oder an einen geschrieben. Und das Ad-hoc im Schreibenlesen ist immer ad interim, in der Zwischenzeit und Vorübergehend.

Im Gespräch mit Hesam Misaghi kam auch die Frage auf, wie sehr oder auf welche Weise sich die Aktivitäten der jungen Aktivisten im Iran vom klassischen Untergrund unterscheiden. Gibt es überhaupt so etwas wie einen klassischen Untergrund im Iran? Untergrundbewegungen existierten durch die geheime Konspiration. Dem steht zunächst die Öffentlichkeit des Netzes entgegen. Aber auch die conspiratio als ein Zusammenhauchen oder als ein gemeinsamer Geist hat sich aus dem Netz geschlichen. Gerade durch die mit der Individualisierung einhergehende Säkularisierung gibt es keine spiratio activa mehr. Der heilige Geist der Konspiration ist ausgehaucht.

Man mag insbesondere im Falle des Iran bedauern, dass es keine Konspiration gibt. Doch kündigt sich damit eben auch ein grundsätzlicher Umbruch des Politischen und des Revolutionären an. Einerseits sind die Exil-Iraner in unterschiedlichste Gruppen gespalten, andererseits wollen die jungen Menschen im Iran nicht warten, bis sich diese Gruppen einigen könnten. So bleibt ihnen wie Hesam Misaghi nichts anderes übrig, als ihre Reporte, Nachrichten, Berichte und Messages über das World Wide Web und per SMS weltweit zu verbreiten. Anstelle der conspiratio ist es immer die Position des Dritten, die in die Welt gesendet wird.

Aus einem kleinen Feuer kann ein großes werden. Das ist die säkulare Hoffnung junger Iraner wie Hesam Misaghi. Bar jeder Ideologie wird sich das Volk gegen das totalitäre Regime der Islamischen Republik wenden, weil die Menschen auf der Straße keine Angst mehr haben. Längst hat sich die Willkür des totalitären Regimes selbst durch die Schlägertrupps der sogenannten Revolutionsgarden, der Sepāh, auf ihren Motorrädern 2009 ins Unrecht gesetzt. Für ein totalitäres Regime, dessen Macht in der Religion auf Angst gebaut ist, wird es Existenz bedrohend, wenn die Angst wegfällt.

Um die weitreichenden Veränderungen in der Kontrolle der Medien durch das Internet einschätzen zu können, muss man die Rolle des Mobile Phone bedenken. Für junge Menschen im Iran wie wahrscheinlich weltweit, ist es heute keine Option mehr, kein Mobile Phone, kein Handy zu haben. Noch vor 15 oder 16 Jahren war das völlig anders. Das Mobile Phone ist zum Individualitätsvehikel geworden. Nicht nur das Telefon ist mobil geworden, vielmehr bewegt sich das Individuum mit ihm fort. Es ist zu einer Bild-, Musik-, Film-, Text- und Sprechmaschine geworden.

Als ich 1994/95 in Shanghai lebte und arbeitete, waren Mobile Phones noch eine Seltenheit. Das Internet steckte in seinen Anfängen. Selbst als Hochschullehrer an einer der führenden Universitäten Chinas stand mir kein Internetzugang zur Verfügung. Telefonate mussten durchgestellt werden. Die Fax-Schreiben aus Deutschland wurden in der Foreign Faculty Residence von speziellen Mitarbeitern gelesen, bevor sie mir ausgehändigt wurden. Allein, einzelne Mitarbeiterinnen hielten sich nicht daran.

Ich konnte davon ausgehen, dass ständig alles mitgelesen und mitgehört wurde. Nur durch meine persönlichen Beziehungen zu einem Professor aus dem in Entwicklung begriffenen IT-Bereich konnte ich ein Fax-Gerät in seinem Institut benutzen, das für mich bei Bedarf aufgeschlossen wurde. Erst um 2000 herum wurde das Mobile Phone in China zum unerlässlichen Kommunikationsmittel. Das Maß an Reglementierung - ein Vorhängeschloss an der Abdeckung zum Fax-Gerät -, das vor dem Mobile Phone rein technisch möglich war, ist heute für die 20- bis 30jährigen gänzlich unvorstellbar.   

Proxies sind in einem Rechnernetz für die Einwahl ins Netz besonders nützlich. Der Proxy ist heute fast eine unerlässliche Netzwerkkomponente. Der Proxy kann den Server und/oder den Klienten schützen. Der Proxy besetzt im Netz die Position des Dritten. Er ist für den Server wie den Klienten der Stellvertreter. Durch den Proxy wird auf dem Rechner beispielsweise das Programm vor Angriffen aus dem Internet geschützt. Der Proxy bildet u.a. eine Firewall oder/und anonymisiert den Klienten.

Der Proxy als Kommunikationsschnittstelle erlaubt durchaus in Kombination mit dem Öffentlich-Werden im Netz das Bloggen bis zur Revolution. Nicht mehr Parteien und Ideologien funktionieren als Kommunikationsschnittstelle, sondern die Proxyness, die reine Stellvertretung wird politisch und revolutionär. Es gibt bereits eine Elite Proxyness im Netz, die höchste Anonymität gewährleistet.


Das Zusammenspiel von Proxyness und Veröffentlichung, das nicht zuletzt die Funktion von Wikileaks formuliert, durchzieht als Kommunikationspraxis das Internet. Die Proxyness tritt an die Stelle der Konspiration. Im Politischen wie im Tagesgeschäft der Politik, das hat der Fall Guttenberg gezeigt, wird heute der Politiker als gewählter Stellvertreter durch die Einwahl über Proxy zu Fall gebracht.  

 

Torsten Flüh


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