Böse, bunt, berauschend - Bernstein - Leonard Bernsteins Candide an der Staatsoper im Schillertheater

 

 

Candide – Optimismus – Venice

 

Böse, bunt, berauschend - Bernstein

Leonard Bernsteins Candide an der Staatsoper im Schiller Theater

 

Das Autodafé in Lissabon erinnert unwillkürlich an die Bilder der gefolterten Gefangenen von Abu Ghraib in der Inszenierung des Candide von Vincent Boussard an der Staatsoper. Was Leonard Bernstein – West Side Story, 1957: Maria, Maria, Mariaaaa … Tonight, tonight, the world is full of light … I like to be in America! O.K. by me in America! Ev’rything free in America! … - und Abu Ghraib?

Aber ja, doch! Genau! Der große Flop vor West Side Story, dem Versprechen der besten aller Welten „in America“, heißt Candide. Uraufführung 29. Oktober 1956 im glamourösen Colonial Theatre in Boston, Broadway Premiere am 1. Dezember des gleichen Jahres und am 2. Februar 1957 war Schluss mit Candide im Martin Beck Theatre in NewYork. Mehr Schluss ging gar nicht. An der Staatsoper überstrahlt nun Bernsteins Candide unter der Leitung von Wayne Marshall in den Kostümen von Christian Lacroix jede West Side Story.


Foto: Staatsoper im Schillertheater

Die West Side Story machte Leonard Bernstein (1918-1990) reich. Candide beschäftigte ihn seit den 50er Jahren bis zu seinem Tod. 1988 erarbeitete er für eine Aufführung an der Scottish Opera in Glasgow die Version, die jetzt in der Staatsoper zur Aufführung kommt. 1990 starb Leonard Bernstein. In der sogenannten Scottish Opera Version ist mehr Strawinskys The Rake’s Progress und Weil’s Dreigroschenoper als „the world is full of light“.

Der unverbesserliche Optimismus der Puerto Ricanischen Gangs im New York der West Side Story mit einem gehörigen Schuss von Shakespeares Romeo und Julia ging mit anderen Worten die radikale Absage an den Optimismus in Voltaires Candide voraus. Welches ist nun der wahre Leornard Bernstein? Wohl kaum ein Komponist hat unterschiedlichere Positionen bezogen. Candide war, wie Leonard Bernstein selbst einmal in einer Vorlesung, die jetzt im Programmheft abgedruckt ist, gesagt haben soll, sein Kommentar auf das Amerika der McCarthy-Ära.

Candide wurde von Lillian Hellmann (Text) und Leonard Bernstein (Musik) entwickelt. Hellmann war als Drehbuchautorin 1950 von dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe mit einem Berufsverbot für Hollywood belegt worden. Bernstein selbst wurde ein Pass verweigert. In den 50er Jahren entwickelte sich die Kommunisten-Phobie unter Senator Joseph McCarthy (1908-1957) zu einer existenzgefährdenden Kampagne. McCarthy propagierte eine kommunistische Unterwanderung in der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika, die es mit allen Mitteln und inquisitorischen, öffentlichen Verhören zu bekämpfen galt. Erst am 2. Dezember 1954 wurde ihm Einhalt geboten, 67 Senatoren stimmten in Washington für eine Zensur McCarthys.   


Foto: Clärchen und Matthias Baus (Bearbeitung T.F.)

Hellmann und Bernstein hatten den Wahn des McCarthyism deutlich erfahren, als sie dachten, dass mit Candide eine witzige Kritik an dem gerade Überstandenen ein Thema für die amerikanische Öffentlichkeit sein müsste. Schließlich spielt Voltaires Candide nicht „in America“, sondern in Westfalen in dem winzigen Ort Thunder-ten-tronkh, der gar nicht zu vergleichen ist mit New York oder Washington. Aber was mochte nur schief gelaufen sein, dass Candide nie wirklich zu einem Erfolg wurde? Es war doch einer der erfolgreichsten Romane des 18. Jahrhunderts gewesen, der seinen Autor Voltaire zu einem der reichsten Männer Frankreichs gemacht haben soll?   


Foto: Clärchen und Matthias Baus

Candide wurde 1759 von Françoise Marie Arouet als eine Übersetzung von „Mr. Le Docteur RALPH“ in Genf veröffentlicht. Arouet nannte sich Voltaire, was als Anagramm aus AROVET J. (le jeune) > VOLTAIRE gelesen worden ist. Zu den Eigenheiten des Philosophen gehörte es auch, dass er sein Geburtsdatum 9 Monate vom 21. November 1694 auf den 19. oder 20. Februar vorverlegte. Also dem Tag seiner mutmaßlichen Zeugung. Als Voltaire wird im Französischen auch eine Art Lehnstuhl bezeichnet.


Foto: Staatsoper im Schillertheater

Der conte philosophique Candide, also der philosophischen Erzählungen als einer romanhaften Erzählung, um eine philosophische Idee vorzuführen bzw. ad absurdum zu führen, geht Voltaires Aufenthalt am Hofe Friedrich II. in Berlin und Potsdam voraus. Das Genre der conte philosophique wurde von Voltaire quasi an der Schnittstelle von Erzählung und Philosophie mit Candide allererst entwickelt. Es handelt sich damit um eine Übersetzung eines philosophischen Diskurses in eine narrative Form anhand der Lebensgeschichte des jungen, außerehelich gezeugten, adeligen Candide.


Foto: Staatsoper im Schillertheater

Die Figur des Candide ist programmatisch, denn im Französischen bedeutet candide arglos. Candide ist letztlich ein Ritter von der einfältigen Gestalt, der seine verloren gegangene Geliebte Conigode wiederfinden soll. Damit wird die Erzähltradition der mittelalterlichen, französischen Aventure in eine neuzeitliche Weltreise übersetzt. Als philosophische Idee importiert Voltaire aus Gottfried Wilhelm Leibniz’  Essai de Théodicée von 1710 die Idee von „der besten aller möglichen Welten“. Sie wird in der Eröffnungssequenz witzig zitiert:

Panglos lehrte die Metaphysiko-theologo-kosmolo-nigologie; bewies …, daß ohne Ursach keine Wirkung sein könne, und daß in dieser besten aller möglichen Welten das Schloß des gnädgen Herrn Barons das schönste aller Schlösser sei und die gnädge Frau die beste aller möglichen Baroninnen. (Kandide oder Die beste aller Welten. Übersetzt von Wilhelm Christhelf Sigismund Mylius. Berlin 1782)

Indem die Idee „der besten aller möglichen Welten“ auf das hinterwäldlerische, westfälische Thunder-ten-tronckh oder „Donnerstrunkshausen“ heruntergebrochen und die „dreihundertundfünfzig Pfund“ schwere Baronin zur „besten aller möglichen Baroninnen“ erklärt wird, führt Panglos seine Idee selbst ad absurdum.Das große Versprechen auf eine teleologische/zielgerichtete Welt zum Guten wird mit Candide, dem Arglosen, und mit der Baronin von Donnerstrunkshausen lächerlich.    


Foto: Clärchen und Matthias Baus

Doch Candide ist nicht nur eine Satire auf Leibniz. Auch die „Experimentalphysik“ wendet der Newton-Anhänger Voltaire schon im ersten Kapitel witzig:

Eines Tages, als Baroneß Kunegunde in dem kleinen Gehölze am Schlosse spazierenging, das man den hochfreiherrlichen Park nannte, erblickte sie hinter dem Gesträuch den Herrn Magister Panglos, der Versuche aus der Experimentalphysik mit ihrer Frau Mutter Kammerjungfer anstellte, einem gar niedlichen und gar gefügen braunen Dirnchen …

(Kandide oder Die beste aller Welten. Übersetzt von Wilhelm Christhelf Sigismund Mylius. Berlin 1782)

Das Wissensparadigma der Moderne schlechthin, das sichtbar, offensichtliche Experiment wird satirisch gewendet. Das Schäferstündchen des Hauslehrers und Philosophen Panglos mit der Mutter Kunegundens wird zu „Versuche(n) aus der Experimentalphysik“. Dabei darf Panglos, der alle (pan) Sprachen (glos) spricht, durchaus als Alterego zu Leibniz, der das Chinesische anstatt des Latein zur Wissenschaftssprache erheben wollte, verstanden werden.


Foto: Clärchen und Matthias Baus

Die Arglosigkeit Candides ist nicht zuletzt in seinem Glauben an die Philosophie der Moderne und ihre Versprechen begründet. Denn im zweiten Kapitel lässt sich Candide durch bulgarische Soldaten anwerben. Es ist eine Verkettung unglücklicher, doch zeitgenössischer Umstände, die ihn zum bulgarischen Soldaten werden lassen. Doch in seiner Arglosigkeit glaubt Candide auch, in der Armee einen „freien Willen“ haben und ausüben zu können. Er entfernt sich unerlaubt von der Armee, wird gefasst und zur Strafe fast todgeschlagen. Damit wird der zutiefst in der Aufklärung begründete „freie Wille“ lächerlich gemacht. Statt einer guten Folge besteht der „freie Wille“ lediglich in der Wahl, ob sich Candide gleich erschießen lässt oder durch Spießrutenlaufen totschlagen lässt.


Foto: Clärchen und Mathias Baus

Wie Frédéric Deloffre 1992 und Roland Barthes in einem Nachwort zu einer Candide-Ausgabe angemerkt haben, lässt sich im Französischen »roi des Bulgares« der umgangssprachliche Ausdruck »bougre«, was mit Kerl übersetzt werden kann, mithören, der im 18. Jahrhundert für Homosexuelle gebräuchlich war. Der König der Bulgaren wäre demnach auch ein König der Kerle, was als Anspielung auf Friedrich II. verstanden werden darf. Ob der Bulgarenkönig gut oder schlecht ist, lässt sich nicht genau entscheiden.

Dieser König, dessen Mentor Voltaire war und der in Europa als Philosophenkönig - roi philosophe - seinen Ruf genoss, rettet Candide zwar. Doch der König der Bulgaren führt gleichzeitig einen drastisch geschilderten Krieg gegen die Abaren. Candide schreitet über die Schlachtfelder und sieht bei den Bulgaren wie bei den Abaren nur die gleichen Gräueltaten. Friedrich II., der Philosophenkönig, in den die Philosophen bei seiner Thronbesteigung 1740 all ihre Hoffnungen gesetzt hatten, führte seit 1756 den Siebenjährigen Krieg, der auch als 3. Schlesischer Erfolgekrieg bekannt ist.


Foto: Clärchen und Mathias Baus

Doch kein Ereignis erschütterte die frühe Aufklärung und ihren Glauben an einen gerechten Gott und eine gerechte Welt so sehr wie das Erdbeben vom 1. November 1755 in Lissabon. Candide und sein Mentor Panglos geraten im 5. und 6. Kapitel mitten in dieses Erdbeben hinein. Zunächst wird ihr Schiff, mit dem sie in „Handlungsangelegenheiten“ Lissabon erreichen wollten, von einem „Ungewitter“ zertrümmert. Dann geraten sie, kurz nachdem sie Land erreicht haben, in das Erdbeben.


Foto: Clärchen und Matthias Baus

Das naturwissenschaftliche und für die Newtonianer so wichtige Paradigma von Ursache und Wirkung, dass es für jede Wirkung, also auch das Erdbeben, eine Ursache braucht, wird in den Trümmern Lissabons von Candide und Panglos satirisch verhandelt. Den Einwurf eines Priesters, der das Beben mit der „Erbsünde“ erklärt, pariert Panglos mit einer Verdrehung der Willensfreiheit, die nicht im Widerspruch zur „Notwendigkeit“ des Erdbebens in „der besten aller möglichen Welten“ stehe:

… Willensfreiheit kann sich mit der unumschränkten Notwendigkeit gar wohl vertragen, sintemal es notwendig war, daß wir willensfrei waren, alldieweil der vorherbestimmte Wille ...

Panglos wird im Zuge eines Autodafé in Lissabon zufällig hingerichtet. Bei Bernstein wird mit ihm ein elektrisches Experiment durchgeführt. Das war sein Kommentar auf den Elektrischen Stuhl.


Foto: Staatsoper im Schillertheater.

Der Erfolg von Voltaires satirischem conte philosophique war enorm. Philosophen wie Kleriker fühlten sich durch das Buch angegriffen. Denn Candide endet damit, dass es kein Ende und kein Ziel gibt. Während gerade in der mittelalterlichen Aventure das Abenteuer in einem gottgerechten Leben endet, beginnt nach der philosophischen Abenteuer-Reise allererst die Arbeit in der Einsicht Candides, dass das Leben nur im kleinteiligen Arbeiten lebenswert sei. Ohne Aussicht auf ein Paradies oder ein utopisches Leben im Guten führt der Optimismus zur Existenz als türkischer Bauer, der sein Feld bestellt, um „die Langeweile, das Laster und den Mangel“ zu vertreiben.

Ich weiß auch, sagte Kandide, daß unser Garten muß angebaut werden. Da haben Sie recht, sagte Panglos; denn wie Gott den Menschen in den Garten Eden setzte, setzte er ihn deshalb herein, ut operaretur eum, daß er ihn bebaute. Der beste Beweis, daß der Mensch nicht zur Ruhe geschaffen ist. Laßt uns arbeiten, ohne alle Vernünfteleien, sagte Martin. Das ist das einzige Mittel, sich das Leben erträglich zu machen.  

Mit Candide stellt Voltaire keinesfalls nur die Philosophie von Leibniz in Frage. Vielmehr ist es Voltaires Rückzug ins französische Grenzgebiet nach Fernes, nachdem seine Hoffnungen beispielsweise am roi philosophe Friedrich II. zerbrochen sind. Martins witzige Wendung, lasst „uns arbeiten, ohne alle Vernünfteleien“, empfiehlt ein Arbeiten für Nichts. Arbeiten allein „ist das einzige Mittel, sich das Leben erträglich zu machen“. Einerseits ist die Wendung satirisch, weil sie das Projekt der Philosophie, das Leben besser zu machen, lächerlich macht. Candide hatte vielmehr erleben müssen, dass die Welt schlechter geworden war. Andererseits liegt in dem Schluss auch das Abenteuer der Moderne:

     Çela est bien dit, répondit Candide, mais il faut cultiver notre jardin.

 

Durch die märchenhaften Überzeichnungen und plötzlichen Wendungen, die das conte philosophique zur Satire machen, werden nicht nur die Herrschenden, die Adeligen und die Philosophen kritisiert. Vielmehr wird mit den Stationen Westfalen, Lissabon, Cadiz, Paraguay, El Dorado, Konstantinopel von Voltaire auch eine universelle Gültigkeit der Kritik an den Verhältnissen in der Welt vor der Folie der allzu schönen, philosophischen Versprechungen entworfen.   


Foto: Clärchen und Mathias Baus

Am 18. November 1956 veröffentlichte die New York Times den unterhaltsamen Text Candide or Omnibus? darüber, was Candide musikalisch sein sollte, von Leonard Bernstein selbst. Er komponierte den Text als eine Unterhaltung zwischen dem „Irrepressible Demon, I.D.“ und „L.B.“, sich. Der böse Geist, der sich nicht unterdrücken lässt, konfrontiert den Komponisten mit Aussagen, die er in der us-amerikanischen TV-Serie Omnibus gemacht hatte. 1954 hatte Bernstein seine erste Musik-Vorlesung für Omnibus aufzeichnen lassen. I.D. kommt zu dem Schluss:

I see. I also see that what you're heading for isn't musical comedy at all -- at least not in the sense of what you described in the OMNIBUS program. As I recall, you labored hard and long to make clear the difference between musical comedy and operetta; and CANDIDE is beginning to look to me like a real fine old-fashioned operetta. Or a comic-opera, or an opera-comique, or whatever that list of your was. But not a musical comedy, surely?

 

Für I.D. wie für den öffentlichen Diskurs auf OMNIBUS ist das Komische an Candide durchaus ein Problem. Es lässt sich nämlich nicht gut einordnen – … comic-opera, … opera-comique, … musical comedy … operetta. Das Schwierige an der Satire ist nicht zuletzt, wie komisch sie sein kann. Es ist in gewisser Weise alles so unglaublich komisch, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.


Foto: Clärchen und Matthias Baus

Für die Satire ist das Politische als Hintergrund wichtig. Candide von Leonard Bernstein ist von Anfang an besonders politisch. Bernstein und seine Librettisten Lillian Hellmann und später für die Scottish Opera Version Hugh Wheeler behalten nämlich Lissabon bei, fügen Paris und Buenos Aires ein, um dann nach El Dorado und Venedig zu gelangen. Doch Venedig/Venice könnte ebenso gut Venice in Florida, Illinois oder Louisiana oder der gleichnamige Stadtteil von Los Angeles oder New York sein. Candide endet im 20. Jahrhundert eben nicht mehr in Konstantinopel, sondern einem Venice, das allein vom Namen her den US-Amerikanern unangenehm näher rückt.     

 

Venice ist Amerika. In Venice gibt es nicht nur eine King’s Barcarolle, sondern die Venice-Sequenz wird zweimal von einer Venice Gambling Scene unterbrochen, in der der Chor ein choralartiges „Money, Money, Money, Money, Lira, Lira, Tura, Lira“ anstimmt. Das darf durchaus als ein trickreicher Verfremdungseffekt verstanden werden. Der Croupier ruft in Venice – Florida, Illinois, Louisiana, Los Angeles, New York –: “Faites vos jeux, messieurs, dames!” Und am Schluss singen alle “Make Our Garden Now”, woraufhin Panglos ruft:

Any Questions?

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen // Der Vorhang zu und alle Fragen offen“, sagt der Spieler im Epilog von Der gute Mensch von Szezuan bei Bertold Brecht.


Foto: Staatsoper im Schillertheater

Bernstein schlägt mit Candide den Bogen vom 18. ins 20. Jahrhundert. Und dieser Bogen ist politisch. Der Schlusssong „Make Our Garden Now“ unterscheidet sich von Voltaires „mais il faut cultiver notre jardin“ darin, dass Candide und Cunegonde sich nun ins Bungalow der amerikanischen Vororte zurückziehen. Das Finale, obschon in der Staatsoper, Video Isabel Robson, sich im Wind wiegende Weizenfelder projiziert werden, ist mehr Brechts amerikanischer Alptraum als Traumhaus. Bunga, bunga (Berlusconi) ist nur dessen Fortsetzung mit anderen Mitteln.


Die Leistung des Produktionsteams an der Staatsoper, das vom Publikum zurecht gefeiert wurde, besteht darin, dass jeder auf seine Weise, Wayne Marshall am Pult, Vincent Boussard für die Inszenierung, Vincent Lemaire für das Bühnenbild und Christian Lacroix für die Kostüme, Candide von Bernstein in seinen feinsten Verästelungen vom Komischen bis zum bitterböse Satirischem ausgearbeitet haben. Kulinarischer, bunter, unterhaltend und zugleich schrecklicher war Bernstein vermutlich nie.

 

Leonardo Capalbo bietet einen wundervoll lyrischen Candide, der stimmlich und schauspielerisch einen Candy Award verdient hätte. Die Songs des Candide sind keine Reißer. Sie pendeln eher zwischen lyrischer Naivität und verzweifelten Trotzdem-Entscheidungen. Dagegen ist die Rolle der Cunegode mit dem immer wieder gern für queere Anlässe genutzten „Glitter and be gay“ beschenkt.


„Glitter and be gay“ ist eine darstellerische und gesangliche Herausforderung für jede Sopranistin von Rang. Maria Bengtsson hat sich mit ihrer Interpretation unbedingt in die Liga der Edita Gruberová und Renée Fleming gesungen. Dabei ist „Glitter and be gay“ ein Husarenstück des Komponisten. Auf “Glitter and be gay” folgt das Duett “You Were Dead, You Kow” mit Candide. Wenn Cunegode singt, dass “glänzen und fröhlich sein”, ihre Rolle ist, dann entsteigt sie gerade ihrem Grab. Sie ist eigentlich ein Zombie.


Anja Silja bietet eine herrliche Old Lady insbesondere in Buenos Aires, wenn sie mit Cunegonde zur Polka „We Are Women“ singt. Was als Polka daherkommt, ist eine wirklich böse Satire auf das Bild der Frauen, das in den 50er Jahren als „little, little women“ mit Doris Day beispielsweise fröhliche Urständ feierte. Niemals waren Frauen kleiner als in diesem Song. So klein wünscht sich selbst der größte Macho keine Frau.

Candide stellt musikalische und intellektuelle Ansprüche. In Zeiten der Comedy, wo alles nur unterhalb der Gürtellinie lustig ist, hat es anspruchvolle Satire nicht leicht. In der Staatsoper wird jetzt alles aufgeboten, um Satire mit Esprit zu servieren. Man sollte es nicht versäumen.

 

Torsten Flüh

Candide
Staatsoper im Schillertheater

Weitere Vorstellungen:
26. Juni 2011 18:00 Uhr
28. Juni 2011 19:30 Uhr
30. Juni 2011 19:30 Uhr

Candide
London Symphony Orchestra
Conducted by Leonard Bernstein
Barbican Center 1989