China, Welt und Expo 2010 - Wolgang Kubins Vortrag Zum Verhältnis von Ich und Welt im chinesischen Denken

China – Ich – Welt

 

China, Welt und Expo 2010

Wolfgang Kubins Vortrag Zum Verhältnis von Ich und Welt im chinesischen Denken im Chinesischen Kulturzentrum Berlin

 

Wie denkt China im Jahr der Weltausstellung 2010 in Shanghai? Die Welt zu Gast in Shanghai! Was ist China? Shanghai präsentiert die größte Weltausstellung aller Zeiten.

Die deutschen Medien berichten mit Vorliebe vom Erfolg des Deutschen Pavillons unter den Länderpavillons. Das hat was mit Steuergeldern und Verlustängsten zu tun. Verdeckt die Weltausstellung mehr den Blick auf die Welt und nicht zuletzt auf China, als dass sie ihn öffnet?

Lutz Engelke mit seiner Firma TRIAD aus Berlin hat nicht den deutschen, aber den besonders provozierenden Themenpavillon Urban Planet auf der Expo für die chinesischen Auftraggeber entworfen und umgesetzt. Das hat schon mehr mit China und der neuen Offenheit der Auftraggeber zu tun. China möchte sich auf der EXPO 2010 weltoffen und problembewusst für Umwelt und Stadtentwicklung zeigen.

Am Donnerstagabend hielt Wolfgang Kubin im Chinesischen Kulturzentrum in der Klingelhöfer Straße gegenüber der CDU-Parteizentrale einen Vortrag über das chinesische Denken. Er ist das, was man eine Kapazität nennt, ein Fachmann und Kenner Chinas, ein mittlerweile hochgeehrter Bonner Sinologe. Er gehört zu den wichtigsten Sinologen Deutschlands. Angekündigt wurde der Vortrag als einer, der „Auskunft zum Denken und zur Mentalität des traditionellen Chinesen“ geben sollte. Kubin ist ein Vertreter der Mentalitätsforschung. Was macht diese Wissenschaft?

 

Die Mentalitätsforschung ist eine wissenschaftlich-theoretische Strömung, die Kulturen aus ihren historischen und geistesgeschichtlichen Zusammenhängen verstehen will. Im Fach Deutsch als Fremdsprache wird Mentalitätsforschung gern als Hilfswissenschaft herangezogen, verspricht die Mentalitätsforschung doch ein sozusagen theoretisches Verstehen von Kulturen aus Fakten und geistesgeschichtlichen Texten. Das kann dann beim Unterrichten in anderen Kulturen helfen oder auch die Darstellung der – deutschen – Kultur erleichtern.

Kulturen werden von der Mentalitätsforschung als Wissensfelder erforscht, um ein aussagekräftiges Wissen von einer Kultur zu generieren. Man kann beispielsweise auch die irische Kultur anhand von historischen Texten und Begebenheiten erforschen, um dann daraus letztlich eine Aussage darüber zu treffen, was das Irische an der irischen Kultur ist.  

 

Die EXPO Shanghai, bei der es nicht zuletzt um die Präsentation einer Landeskultur geht, kann man mit Kubins Vortrag kontrastieren. Denn um „Ich und Welt im chinesischen Denken“ geht es sowohl auf der EXPO wie in Kubins Vortrag. Aus der Vortragsankündigung lässt sich beispielsweise die Frage ableiten: Was ist die „Mentalität des traditionellen Chinesen“? Gibt es die Mentalität? Gibt es den „traditionellen Chinesen“? Wo wären sie zu finden?

Kubin eröffnete seinen Vortrag mit einem Zitat aus dem 18. Sonette von William Shakespeare als Selbst-Vergewisserung der eigenen Position:

So long as men can breathe, or eyes can see,
So long lives this, and this gives life to thee.

Es folgte ein Byron-Zitat und schließlich der Hinweis auf die „Tragödie des Postkolonialismus”, der „alles Chinesische als eine Konstruktion“ sehen möchte. Das sei „Quatsch“, sagte Kubin.

Es folgte eine akademisch fest verankerte Tour de raison der chinesischen Philosophie von Su Dongpo (1037-1101) bis Liu Xiangshan (1139-1192). Kubin behandelte damit vor allem die Zeit des „chinesischen Mittelalters“, in dem sich die wichtige Diskussion um Daoismus und Neo-Konfuzianismus ereignete. Konfuzius selbst hat vermutlich in der „chinesischen Antike“ zwischen (551-479) gelebt und seine Werke verfasst.

 

Kubin schnitt den Konfuzianismus nur mit dem Hinweis auf neuere Leseweise dessen Texte an. Konfuzius sei nämlich viel spannender und weniger dogmatisch, als ihm das noch seine deutschen Hochschullehrer vermittelt hätten, stellte Kubin heraus. Doch auch bei der neuen Leseweise bleibt Konfuzius natürlich der antike Klassiker.

Fragwürdig wäre durchaus schon die Einteilung und Analogisierung der „chinesischen Antike“ und des „chinesischen Mittelalters“ mit der europäischen sowie der „Mystik“ in Europa. In der Sinologie wird indessen seit dem 19. Jahrhundert genau diese Diskussion geführt. Kubin führte die Analogisierung noch weiter. China spreche nämlich über die gleichen Dinge wie Europa zu jener Zeit, sagte er. Nämlich über das „Verhältnis von Ich und Welt“.

 

Kubin nutzt die geistesgeschichtliche Analogisierung zur kulturellen Kontrastierung. In der chinesischen Mystik des Daoismus – Dao bedeutet soviel wie Weg - wird eine Einheit von Mensch und Welt als möglich und als höchste Vervollkommnung (zhiren) gesehen. Der Mensch kann, nach Kubin, mit den Dingen eins werden. Während in der europäischen Mystik zwischen Mensch und Welt bzw. den Dingen immer noch Gott steht.

In der Mystik des Mittelalters geht es nach Kubin in Europa um Ekstase, dem Aus-sich-heraus-treten. In China gehe es dagegen um eine Enstase, ein Eintreten, wie Kubin es formuliert. Enstase darf man in dieser Weise als einen chinesischen Begriff Kubins verstehen. In der Enstase des Daoismus wird der Mensch eins mit den Dingen, was sich leichter anhört, als es ist.

 

Unscharf blieb bei Kubin wie philosophisch, wenn wir einmal auf dieser von ihm angeschnittenen Ebene bleiben wollen, denn nun Ekstase und Enstase genauer zu verstehen sind. Beispielsweise gehört zur Ekstase ein Denken des Körpers. Der mittelalterliche Mystiker strebt die Ekstase an, um das „sündige Fleisch“, die „sündige Welt“ zu verlassen und näher bei Gott zu sein. Das Aus-sich-heraus-treten zu Gunsten einer Nähe zu oder gar Einheit mit Gott hätte also sehr viel mit einer Spaltung vom ungünstigen Körper, von Fleisch und Welt zu tun.

Die „unio mystica“, die mystische Einheit oder Vereinigung, die „Erreichung des Dao durch Dao“, wirft, anders als Kubin es im Handumdrehen formuliert, eine ganze Reihe von Fragen auf. Wie ist es nämlich um das Ich bestellt in der chinesischen Schriftsprache? Wie wird es überhaupt artikuliert, wenn es artikuliert wird? Könnte es sein, dass das Ich im Chinesischen, auf der Ebene der Sprache sich nicht zeigt und daher in der prekären Übertragung der „unio mystica“ in die chinesische Kultur paradoxer Weise im Verschwinden allererst zeigen kann?

 

Jede Kultur versuche eine Identität herzustellen, meint Kubin. In der chinesischen Kultur gebe es keine strenge Trennung von Subjekt und Objekt, weshalb es in der chinesischen Kultur vor allem um eine „Heiterkeit“ als Ziel gehe. Heiterkeit und Selbstironie waren allerdings nicht die starken Seiten des Vortrags. Dagegen kann man vielleicht an einem Gedicht des von Kubin besonders geschätzten Su Dongpo Heiterkeit genauer betrachten.

Im Gedicht, das mit einem umfangreichen Datum versehen ist, geht es um Heiterkeit in der Form der Trunkenheit. Das Motiv der Trunkenheit kommt im chinesischen Gedicht häufiger vor. Trunkenheit heißt natürlich nicht Suff oder Komasaufen. - Sorry, muss man heute schon klar formulieren. - Trunkenheit ist im Deutschen vielleicht eher eine melancholische Form der Heiterkeit. Doch damit sind wir schon an einem Problem der Übersetzung, welcher schon immer auf der Ebene der Sprache die Verkennung eingeschrieben ist.

 

Trotzdem sehen wir uns einmal das Gedicht an.


Meine Chinesisch-Kenntnisse sind sehr begrenzt, obwohl mich das Gedicht Written While Drunk in Lake-View-Pavilion on the 27th Day of the Sixth Month oder zu Deutsch Trunken geschrieben im See-Blick-Pavillon am 27. Tag des sechsten Monats schon seit ein paar Jahren beschäftigt und mein Deutsch-Chinesisch/Chinesisch-Deutsch Handwörterbuch zum praktischen Gebrauch (Taipeh, 2001) zu helfen vermag.

 

Hei yún fan mò wèi zhe shan

Bái yu tiào zhu luàn rù chuán

Juăn dì feng lái hu chui sàn

Wàng hú lóu xià shui rú tiān

 

Eine quasi buchstäbliche Übersetzung der chinesischen Schriftzeichen, durch die es weder eine grammatische Konjugation, also eine Bildung von Personal- und Zeitformen,noch eine Flexion, Abwandlung der Verben, gibt, müsste dann heißen:

 

Schwarz Wolke fliegen Tusche nicht verdecken Berg

Weiß Regen Blatt Tropfen durcheinander hinein Boot

Wischen Erde Wind kommen plötzlich blasen verteilen

Blicken See Haus unten Wasser wie Himmel

 

Es lässt sich lesen, was fehlt, wenn es keine Konjugation und Flexion gibt. Eine Übersetzungsmöglichkeit wäre nun, wenn man im Englischen syntagmatisch vorgeht:

 

The inky clouds fly in, but do not hide the hills,
As random drops of white rain leap into the boats.
A sudden wind arrives and sweeps across the earth,
Below I see the lake a mirror of the sky.

 

Doch das Ich, das, “I” in der landläufig englischen Übersetzung der letzten Zeile wird so im Chinesischen gar nicht artikuliert. Es gibt weder das Zeichen noch in der Umschrift der Zeichen in lateinische Buchstaben ein – chinesisch: ich. Für das Verhältnis von Ich und Welt ist das nicht artikulierte Ich, ohne das im Englischen das Gedicht kaum übersetzbar wäre, hoch interessant.

Im Gedicht gibt es kein Ich, das sieht. Das Ich, das Subjekt in seiner Trunkenheit geht ganz und gar im Geschehen auf bzw. kommt dadurch auf andere Weise allererst zum Ausdruck. Man könnte formulieren, dass das Ich nicht ist, vielmehr geschieht es diskret. Das Blicken als Tätigkeit fordert in der englischen wie in der deutschen Syntax, dem deutschen Satzbau sogleich die Frage heraus: Wer blickt? Im Chinesischen nicht.

 

Syntagmatisch bedarf es im Chinesischen keines Ichs, während es im Deutschen unerlässlich ist oder das Verb verschoben werden müsste. Man könnte das Verb zum Substantiv machen. Damit verschiebt sich allerdings auch die Position des Subjekts. Nun zeigt sich nicht das blickende Ich sondern der Himmel.    

Wolken, schwarz wie Tusche, verdecken noch nicht den Berg,

während weißer Regen durcheinander in das Boot tropft.

Plötzlich kommt ein Wind auf, der über die Erde fegt,

unterm Seeblick-Pavillon zeigt sich der Himmel im Wasser. 

        

Ebenso wie es in der chinesischen Tusch-Malerei keine gesicherte Position für den Betrachter gibt, wird das Ich im Gedicht nicht artikuliert. Im Gedicht wird die Trunkenheit nicht formuliert. Sie erscheint nur und allererst im Zusammenhang mit dem Datum des Schreibens. Die Trunkenheit, durch die die Gleichzeitigkeit von herannahenden tintenschwarzen Wolken und in der Sonne glitzernden, weißen Tropfen im Boot womöglich allererst erfahren werden kann, ermöglicht eine Gleichzeitigkeit des Nicht-Gleichen und gewinnt dadurch ihren Reiz. Der plötzlich aufkommende Wind verteilt die Wolken, so dass sich eben im Wasser nicht die Wolken, sondern der Himmel zeigt.

 

Möglich wird der plötzliche Umschlag von drohendem Gewitter in ein Bild des Himmels nur, indem kein Ich blickt oder gar eine Melancholie an es herangeführt wird. Das Geschehen des Gedichtes ist nicht zuletzt ganz und gar im Vorgang des Schreibens mit schwarzer Tusche entstanden, wobei es Su Dongpo, auch Su Shi gennant, in der chinesischen Kalligraphie ist, der gerade nicht besonders schön oder harmonisch, sondern eher unregelmäßig und etwas plump kali-graphiert hat.

Der Unterschied eines Gedichtes zu einem philosophischen Text besteht vielleicht darin, dass es nicht behauptet eine verbindliche Regel für „Chinesen“ aufzustellen. Das Gedicht ist hoch performativ, selbst oder gerade weil es sich häufig an ein Reimschema hält. Seine Un-Übersetzbarkeit hat insbesondere im Chinesischen, wenn etwas gut formuliert ist, mit dem Gefühl zu tun. Das könnte nicht zuletzt ein Sprachgefühl sein, das sich schwierig wissen und verstehen lässt. Aber das wäre dann vielleicht schon postkolonial gedacht.

Währenddessen findet in Shanghai die Expo statt mit einem monumentalen chinesischen Länderpavillon. Und einem weniger monumentalen Themenpavillon, der geradezu Konflikte und das Nachdenken über Umweltverschmutzung und Konsum oder auch Umweltkatastrophen durch Konsum in Szene setzt. Ist das nun nicht Chinesisch? Überhaupt die Formulierung eines Urban Planet, eines städtischen oder verstädteten Planeten erweist sich als einigermaßen Paradox.

 

Nein, China ist nicht Deutschland. China ist auch nicht gleich Europa. Aber was China ist jenseits der unablässig reproduzierten Stereotype, lässt sich doch sehr schwer sagen. Was China in seiner Totalität sein könnte, ist mindestens so schwierig, wie eine Aussage darüber zu treffen, was Europa als Ganzes ist. Nur dass China flächen- und einwohnermäßig sehr viel größer als Europa ist, dessen dürfen wir uns versichern.

 

Torsten Flüh