Chinas gefährlichster Lehrer - Alison Klaymans Dokumentarfilm Ai Weiwei: Never Sorry im Berlinale Special 2012

Ai Weiwei – Macht – Technologie

 

Chinas gefährlichster Lehrer

Alison Klaymans Dokumentarfilm Ai Weiwei: Never Sorry im Berlinale Special 2012

 

In dem Dokumentarfilm kommt eine ganz unspektakuläre Schlüsselszene vor. Als Ai Weiwei in Chengdu in einem Straßenrestaurant 2010 isst, kommen Passanten vorbei und begrüßen ihn fast nebenbei als Laoshi. Die chinesische Anrede mit Laoshi, die dem Familiennamen nachgesetzt wird, ist besonders ehrenvoll und wird nicht nur als Berufsbezeichnung angewendet. Ein Laoshi ist ein Lehrer in seiner Bedeutungsvielfalt eines Weisen, eines Schullehrers, Lebenskundigen und Vorbildes. Buddha ist ein Laoshi.

Ai Weiwei ist doch ein Künstler. Studieren die Leute Kunst? Sie können nicht anders, als die Kunst des Lebens zu lernen. Bevor Ai Weiwei am 3. April 2011 von den Behörden der Volksrepublik China verhaftet, an einem unbekannten Ort festgehalten und ohne Gerichtsverfahren erst nach 81 Tagen wieder freigelassen wurde, hatte er den Zenit seiner Popularität nicht nur in der Welt der Bildenden Künste, sondern unter den 1,3 Milliarden Chinesen erreicht. Eine vergleichbare Popularität hat ein bildender Künstler in China vermutlich niemals zuvor erfahren. Literaten schon.

Als Ai Weiwei freigelassen wurde, war er ein gebrochener Mann. Seither lebt er in seinem modernen Pekinger Hofhaus, twittert nicht mehr, gibt keine Auskunft über seine Haft und steht wohl auch unter einer Art Hausarrest. Es ist der größtmögliche Gegensatz zu seiner öffentlichen Präsenz vor dem April 2011. Das wird deutlich, wenn man Alison Klaymans Dokumentarfilm sieht, der am Sonntagnachmittag im ausverkauften Haus der Berliner Festspiele als Internationale Erstaufführung gezeigt wurde.

Alison Klayman hat den Künstler seit 2007 über drei Jahre begleitet. Sie konnte nicht wissen, was passieren würde, in welchen Strudel von Ereignissen sie hineingeraten könnte. Allerdings war bereits 2007 klar, dass Ai Weiweis Konzeptkunst zu einer Existenzform geworden war, mit der er auch sein Leben und das seiner Familie gefährden könnte. Ein guter Dokumentarfilm zeichnet sich dadurch aus, wie nah der Filmer bzw. die Journalistin an den Künstler bzw. ihren „Gegenstand“ herankommt. Schnell wird durch die unterschiedlichen Stellungnahmen deutlich, dass Ai seine Familie abschirmen möchte.

Doch Klayman kommt sehr nah an das Familienleben ran. Das ist nicht einmal besonders spektakulär. Aber Klayman darf schließlich sogar den Besuch der Mutter filmen, obwohl Ai zunächst abgewehrt hatte, dass sie viel zu alt und zu gebrechlich sei. Doch dann ist die Dame recht aufgeräumt und sagt in die Kamera wie stolz sie auf ihren Sohn ist, um wenig später neben ihm auf dem Sofa zu sitzen und ihn unter Tränen zu bitten, seine Arbeit zu ändern und die Politik nicht weiter zu provozieren. Das ärgert Ai sichtlich. Es ist eine äußerst intime Szene. Genauso sitzen hunderte Millionen chinesische Mütter ihren Söhnen und Töchtern in den Ohren, bloß nicht die Partei zu provozieren.

Ais Mutter weiß, wovon sie spricht. Und er selbst weiß es, Jahrgang 1957, ebenfalls. Ais Vater stand als Schriftsteller, Dichter auf der anderen Seite der Chinesischen Kulturrevolution. Es ist das große Trauma der Volksrepublikchinesen. Vermutlich stand Ai Qing (1910-1996) nicht einmal bewusst auf der anderen Seite der Kulturrevolution, sondern wurde auf diese gestellt. Ehepaare und Familien wurden während der Kulturrevolution auseinander gerissen. Menschen aus dem Norden wurden gegen ihren Willen in den Süden, vom Westen in den Osten und umgekehrt umgesiedelt. Mit anderen Worten sie wurden deportiert und landeten, wenn sie bekannt und mächtig genug waren, im chinesischen Gulag samt Familie.

Wenigstens zwei chinesische Familien gibt es in meinem Bekanntenkreis, die von derartigen Einschnitten in ihrem Leben erzählten. Auf der  anderen Seite gibt es die ehemaligen Revolutionären Brigaden, die, sofern sie nicht in mächtige Parteiämter aufgestiegen sind, durchaus schwere Schuldgefühle kennen. Man muss von diesen beiden sozusagen Lagern wissen, um ermessen zu können, dass China eben niemals nur mit „einer Stimme“ gesprochen hat.

Ai Weiweis biographischer Hintergrund wird im Dokumentarfilm knapp skizziert. Dass dieser Hintergrund nicht nur einfach eine historische Erzählung ist, wird spätestens in der Szene mit der weinenden Mutter klar. Der Riss, die Erfahrung der Kulturrevolution sitzt tief. Wie in anderen revolutionären Bewegungen auch ist die nachträgliche Einheit der Bewegung eine parteipolitische Konstruktion. Das Wŏmen, das Wir der Kommunistischen Partei Chinas als nationale Einheit, ist reine Machtstrategie. Auf den Straßen und Wegen des riesigen Reiches strebt in einer Poliphonie alles gegeneinander und funktioniert trotzdem.

Doch der Künstler Ai Weiwei war und ist nicht irgendein Chinese. Trotzdem oder gerade deshalb kann er eine ganze Generation repräsentieren. Er gehört zur ersten Generation derjenigen, die Anfang der Achtziger Jahre, 1981 bis 1993, im Ausland studieren konnten. Er war in New York ein fleißiger und intellektueller Student. Beispielsweise bekam er sehr bewusst die Kunstkonzepte von Andy Warhol (1928-1987) mit. Er produzierte Readymades aus Alltagsgegenständen. 1994 fertigte er mit anderen Künstlern in Peking das Black Book an. Es war eine erste, damals ganz einzigartige Ausstellung moderner Kunst aus dem Westen in Buchform.

In der Nähe des Alten Sommerpalastes in Peking gab es 1994/1995 ein mehr oder weniger unabhängiges Künstlerdorf, das ich im März 1995 mit Freunden besuchte. Das war Ai Weiweis Umfeld. Die Künstler arbeiteten dort unter ärmlichsten Bedingungen. Nicht alles war grandios. Aber vieles war so ungewöhnlich, dass man vergleichbares in Shanghai oder anderen Städten beispielsweise an der Kunsthochschule in Hangzhou nicht finden konnte. Die Bildenden Künstler an den Universitäten übten sich noch darin, einen chinesischen Weg in der Ölmalerei zu finden, als Ai Weiwei schon Readymades produzierte.

Freunde haben die Ausstellung Ai Weiwei in New York – Fotografien 1983-1993 im Martin-Gropius-Bau, die noch bis 18. März läuft, gesehen und sagten mir, dass es nichts Besonderes zu sehen gäbe. Das dürfte ein Irrtum sein. Unübersehbar ist an den Fotos, wie Ai sich mit Andy Warhol beschäftigt. In der Art und Weise der Fotografie ebenso wie dem wiederkehrenden Thema des Portraits und Selbstportraits, aber auch in den Schnappschüssen, beispielsweise Bill Clinton in seiner Limousine, während seines Wahlkampfes 1992. Das ist Warhol pur.

Andy Warhol nannte diese Schnappschussfotos 1979 als Buch Andy Warhol’s Exposures, obwohl er einen großen Teil dieser Fotos gar nicht selbst gemacht hatte, sondern sein Assistent Christopher Makos. Die Dekonstruktion der Urheberschaft gehörte wie im Falle der Readymades zu einem wichtigen Moment von Andy Warhol’s Exposures. Dass Ai Weiwei auf den Spuren von Warhol ihm in dieser Frage von Kunst und Künstlichkeit folgt, zeichnet ihn bereits in seiner New Yorker Zeit aus. Ob in seiner großen Retrospektive im Haus der Kunst in München 2009 oder der letzten großen Installation Sunflower Seeds in der Tate Modern 2010, immer wird es auch um die Frage gehen, wer das Kunstwerk gemacht hat, wenn Ai die über 20 Millionen oder so Sonnenblumenkerne anmalen ließ.

Andy Warhol’s Exposures ist Konzeptkunst in der (analogen) Fotografie. Es ist konzeptuelle Medienkunst. Was als nicht besonders angesehen wird wie bei Ai, entlarvt die Mythen und die Produktionsweisen von Medien, bevor die digitalen Medien überhaupt aufkamen und sich eine heiße Diskussion um die mediale Verschiebung vom Analogen zum Digitalen entspann. Ai Weiwei hat immer wieder an diesen Modus von Konzeptkunst angeknüpft.

Dies gilt nicht zuletzt für seine Recherche der 5.000 Namen der Kinder, die beim Erdbeben im Mai 2008 in schlecht gebauten staatlichen Schulen in Sichuan ums Leben kamen. Kunstproduktion und Recherche überschneiden sich hier. Wie ein fernes Echo klingen in Ais Medien-Projekt Andy Warhols 15 Minuten Ruhm wieder. Doch was bei Warhol auf eine Sendezeit im Fernsehen ausgerichtet war und somit zu einem Vorläufer der Offenen Kanäle in Deutschland wurde, bekam bei Ai einen politisch weit stärkeren Nachhall.

Das Versagen der chinesischen Regierung im Umgang mit den Opfern des Erdbebens wurde zu einem Massenprojekt, das die Regierungsmacht gefährdete. Als Künstler leistete Ai jene Erinnerungsarbeit, die die Bürger wollten, die aber vom Staat unterdrückt, ja bekämpft wurde. In diese Zeit fällt wohl Ais Formulierung, dass er sich nicht wie ein Künstler sieht, sondern wie ein Schachspieler, der nur auf den nächsten Zug der staatlichen Sanktionen wartet. Man muss diese Formulierung seiner Kunst sehr genau nachklingen lassen. Wiederum klingt darin mit, dass er sich selbst nicht als Künstlergenie sieht, sondern nur wie im Schachspiel auf einen Zug des Gegners reagiert. Ai Weiwei ist nicht der „Panda“ der internationalen Kunstszene, sondern Chinas Warhol im 21. Jahrhundert.

Ai lässt von seinem Stab an Mitarbeitern Überwachungskameras in Marmor meißeln. Gleichzeitig benutzt er seine Kameras als Waffen gegen die Überwachungstechnologie des Staatsapparates, des KeGeBo oder chinesischen KGB. Eine Überwachungskamera in weißem Marmor? Ist das nicht totaler Kitsch? Genau an diesen Grenzen zwischen Kitsch als massenkompatiblen Mythen und Politik situiert Ai Weiwei seine Arbeit. Die Führungskader in Zhongnanhai, dem Sitz der Parteigremien in Peking, fühlen sich dadurch provoziert, weil der Kitsch ihre Ideologie entlarvt.

 

Doch Ai Weiwei begann nicht nur zu bloggen, bis sein Blog von den Kadern abgeschaltet wurde, sondern er stellte sofort danach auf Twitter um. Sicherlich wird irgendein Sicherheitschef für die Internetsicherheit und Ai Weiwei in Zhongnanhai persönlich verantwortlich sein. Er muss im Laufe des Jahres 2010 dem Wahnsinn nahe gewesen sein. Und er handelte wahnwitzig, als er Ai 2011 verhaften ließ. Die Staatsmacht entlarvte sich mit einem Schlag als Sklave der Verlustängste ihrer Macht. Das ist bis zum heutigen Tag und heutiger Stunde die sich eskalierende Stimmung in Zhongnanhai.

In Zhongnanhai, dem Versailles des 21. Jahrhunderts, regiert hinter der Fassade der Etikette die nackte Angst. Sie reicht bis nach Deutschland und in die Visumspolitik der Chinesischen Botschaft in Berlin. Seit dem Chinesischen Neujahrsfest dürfen nur noch die regionalen Konsulate die Visa bearbeiten, die detaillierte Angaben über die Aufenthaltsorte der Ausländer in China enthalten müssen. Die Konsulate sind indessen total überfordert und in Berlin langweilen sich die Mitarbeiter. China macht dicht.

Im Herbst 2012 tagt in Peking der Nationale Volkskongress in der Großen Halle des Volkes. Dann wird entweder reformiert oder die Partei besiegelt ihr Schicksal. Die chinesischen Studenten werden nicht ein zweites Mal auf den Tian Anmen ziehen. Sie warten längst darauf, als Blogger, Twitterer oder Hacker in die chinesische Geschichte einzugehen.

Der Künstler Ai Weiwei, der als einer der Ersten, den Blog, Überwachungskameras, Twitter und Smartphones für seine Konzeptkunst einsetzte, in der sich Kunst und Lebenspraxis bis zur Ununterscheidbarkeit überschneiden, hat als Laoshi durch seine Verhaftung nur noch an Prominenz gewonnen. Es gehört zu den geradezu klassischen Mustern von Machtzerfall, dass neue Technologien falsch eingeschätzt werden. Die Technologien der Französischen Revolution hatten mit einem neuen Bürgertum, mit neuen Schreib/Lesestrategien und mit dem Druck von Büchern und Flugschriften zu tun. Dagegen konnte das Ancien Régime nichts Vergleichbares einsetzen.

Twitter, Blog, Smartphones – in China produziert (!) – verändern Schreib/Lesestrategien. Sie geben den Usern eine Macht, die alte zentralistische Mächte unterminieren. Zhongnanhai weiß das. Und sie haben in Mittesüdmeer dem Bestreben der Diffusion nichts entgegenzusetzen als die Schau der Macht und wie man einen Medienkünstler, der die neue Technologie einzusetzen weiß, mundtot und unsichtbar macht. Herzlichen Glückwunsch zu diesen Geistesblitzen.

Ai Weiweis Verbrechen ist es, dass er nicht nur zum Laoshi geworden ist, sondern dass ihn Zhongnanhai zu einer revolutionären Symbolfigur gemacht hat. Damit hat wohl selbst Ai nicht gerechnet. Doch er wurde bereits 2010 zum Einflussreichsten Künstler gekürt. Staatspräsident wird er nicht werden wollen. Aber schon jetzt hat ihn Zhongnanhai zu einem Kandidaten für dieses Amt gemacht.

Es sind mitnichten die bösen ausländischen Medien, die an dem rapiden Machtverlust der Chinesischen Kommunistischen Partei arbeiten. Sie tut es selbst. Die erste Generation der chinesischen Studenten im Ausland kam nicht zuletzt aus dem Umfeld der Pekinger Führungseliten. Diese Generation erhebt heute nicht unbedingt Anspruch auf die Macht, aber sie fordert die Veränderung und Diffusion von Macht. Ohne all dies wirklich zeigen zu wollen, wird es in dem Dokumentarfilm von Alison Klayman sichtbar. Es ist gut so, es ist differenziert und es ist nicht nur ein Künstlerbiopic geworden, sondern eine Dokumentation über den Machtverfall in Zhongnanhai.

Torsten Flüh   

Martin-Gropius-Bau

Ai Weiwei in New York – Fotografien 1983-1993

noch bis 18. März 2012


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Categories: Film | Medien Wissenschaft

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