Das Börsengesumse und das Rauschen des Eichwaldes - Die Sprache des Geldes

Tulpen – Börsen – Eisenbahnen

 

Das Börsengesumse und das Rauschen des Eichwaldes

Ulrike Vedders Vortrag „Spekulieren und ruinieren.“

 

Die Ausstellung Die Sprache des Geldes im Museum für Kommunikation Berlin fördert erstaunliche Einblicke in die Zusammenhänge von Geld und Kommunikation bzw. Börsengeschehen und Literatur ans Licht. Im Begleitprogramm der Ausstellung hielt die Berliner Literaturwissenschaftlerin Ulrike Vedder am 5. Januar ihren äußerst anregenden Vortrag mit dem Titel „Spekulieren und ruinieren. Die Börse als Siedepunkt von Geld und Literatur“.

Ulrike Vedder eröffnete mit den von ihr ausgewählten literarischen Texten ein Panorama der Börsen in Amsterdam, London und Paris, das mit dem 17., 18. und 19. Jahrhundert einen Zeitraum von gleich drei Jahrhunderten umfasste, im 20. sicher nicht an Aktualität verloren hatte und für das 21. so manchen Hinweis bereit hielt. Diesen Bogen in 45 Minuten zu spannen, darf man durchaus als kühn bezeichnen. Vedder interessiert vor allem die Erzählung vom Börsengeschehen mit seinen Verweisen auf die Literatur. Geht es nicht in beiden Bereichen ums Spekulieren?

 

Eröffnet wurde die Tour des bourses mit der Amsterdamer Börse, die nicht nur historisch die älteste Wertpapierbörse der Welt ist. Vielmehr war die Amsterdamer Börse am 7. Februar 1637 Schauplatz des ersten Börsencrashs. Schuld war die Tulpenzwiebel. Der Tulpenwahn zu Beginn des 17. Jahrhunderts fand mancherlei Niederschlag in Malerei und Literatur.

Man kann den Crash ebenso als das erste Platzen einer Spekulationsblase benennen. Doch die neuerdings gebrauchte Wortschöpfung der „Spekulationsblase“ versucht als Kombination aus Spekulation und Blase das Leere und Substanzlose als Ergebnis des Spekulierens zu markieren. Dabei ist das Spekulieren der Börse nicht etwa fremd, sondern ihr Wesensmerkmal.

 

Ulrike Vedder verwies einleitend deshalb auf "die unruhige Beweglichkeit" und den Zeichencharakter des Geldes und der Aktien. Der Wert des Zeichens ändert sich ständig, könnte man sagen. Erst in seiner fortwährenden Fluktuation und Kombinatorik nimmt das Zeichen Wert an und verliert ihn wieder. Ähnliche Vorgänge lassen sich für die Literatur denken.

 

1688 verfasste der spanische Kaufmann und Dichter Joseph Penso de la Vega in Amsterdam das Buch Confución de confuciones: diálogos curiosos entre philospopho agudo, un mercator discreto, y un accionista erudito … Die Verwirrung der Verwirrungen wurde erst im 20. Jahrhundert, nämlich 1919 von Otto Pringsheim ins Deutsche übersetzt. Vedder hob in ihrem Vortrag hervor, dass dieses älteste Buch über die Börse in vielfacher Weise literarisch interessant sei.

Als Barock-Dichter schreibt de la Vega nicht nur in ständigen Übertreibungen und Übersteigerungen, um dem Spekulieren an der Börse Herr zu werden. Sie sind vielmehr selbst in der Übersetzung von Otto Pringsheim, der sich laut seines Vorworts um Klarheit und Genauigkeit  bemühte, um das Werk verständlicher zu machen, schwer verständlich. Pringsheim kommt nicht umhin, das Buch so zu übersetzen, dass allerjüngste Kritiken im Internet zum Beispiel auf investorweb die schwere Lesbarkeit des Buches bemängeln. Die letzten beiden Ausgaben der Verwirrung der Verwirrungen aus den 90er Jahren erschienen nämlich im Verlag Börsenmedien und werden gerade zu erstaunlichen Wiederverkaufspreisen im Internet gehandelt.

 

Wie denn nun und wodurch die ungeheuren Summen zustande kamen, die für Tulpenzwiebeln in den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts gezahlt wurden, bleibt bei allem wortreichen Ringen um Auf- und Erklärung unverständlich. Geheimsprachen und -zeichen treiben an der Börse die Preise in die Höhe. Das unablässige Gerede auf dem Parkett über noch kuriosere Tulpenzüchtungen generiert neue Höchstpreise. Noch blütenlos in der Erde erhält die Tulpenzwiebel auf das Versprechen einer allerschönsten Flammung den Wert eines Hauses in bester Amsterdamer Lage. Doch der Spekulation ist nicht beizukommen, bis plötzlich alles verloren ist.  

Für den Aufklärer Voltaire wurde knapp hundert Jahre später in seinen zunächst im englischen Exil veröffentlichten Letters concerning the English Nation 1733/34 die Londoner Börse zum Modell für Rationalität und aufgeklärtes Handeln. Voltaire zielt auf die Despotie der Kirche in Frankreich. Darum erklärt er in seinem sechsten Brief das Handeln unterschiedlicher Religionen angehörender Männer an der Börse zum philosophischen Vorbild.

Am Ende dieser friedlichen und freien Versammlung (des Börsentages, T.F.) gehen die einen zur Synagoge, die anderen eins trinken; dieser lässt sich in einem großen Bottich im Namen des Vaters vom Sohne für des Heiligen Geist taufen, jener lässt seinem Sohn die Vorhaut beschneiden und über das Kind hebräische Wörter murmeln, die er überhaupt nicht versteht; die anderen gehen in ihre Kirche, um mit dem Hut auf dem Kopf die Inspiration Gottes zu erwarten, und alle sind zufrieden.            

 

Für das Parlament in Paris waren die kurz darauf als Lettres philosophiques im Französischen veröffentlichten Briefe so bedrohlich, dass sie sogleich zur Verbrennung bestimmt wurden. Das Modell der Börse für ein tolerantes Miteinander unterschiedlicher Konfessionen in einem aufgeklärten Staatswesen vermochte an den Grundfesten der französischen Monarchie zu rütteln.

Wiederum gut einhundertfünfzig Jahre später veröffentlichte 1891 in Paris der Schriftsteller Emile Zola in seiner Roman-Serie Die Rougon Macquart den Teilroman L’argent, Das Geld. Zentraler Schauplatz des Geldes ist nunmehr die Pariser Börse. Vedder wies vor allem daraufhin, wie nun das Spekulieren und Ruinieren an der Pariser Börse zu einem überquellenden Reservoir für Geschichten und Erzählungen wird. Interessanterweise habe Zola die Beträge der Summen, mit denen gehandelt wird, nicht in Zahlen, sondern in Worten ausgeschrieben, was die Lesbarkeit der Zahlen zumal im Französischen erschwert. Nicht nur werden die Summen gigantisch, vielmehr weiten sich die Beträge zu kaum enden wollenden Letternreihen aus.

 

In den ausgeschriebenen Werten kommt so nicht zuletzt das Unverständnis gegenüber den (Un-)Summen zum Zuge. Anders als in Amsterdam ist 250 Jahre später nicht mehr der Wert einer Tulpenzwiebel Gegenstand der Spekulation, sondern im Zeitalter des Hochkapitalismus der einer Eisenbahnaktie. An die Eisenbahn und den Ausbau des Eisenbahnnetzes knüpfen sich in Zolas Börsenroman die Verspechen astronomischer Wertsteigerungen.

 

Anders als Voltaires philosophische Spekulation über die Börse als Ort, an dem sich die Handelnden ohne Ansehen der Konfession rational verhalten, wird bei Zola das Mobilitätsversprechen der Eisenbahn und das in einer katholischen Bank akkumulierte Vermögen zum Vehikel für den Einzug des Papstes in Jerusalem. Den Handelnden werden nunmehr Stereotypen aus ihrer konfessionellen Zugehörigkeit zugeschrieben. Dient dem katholischen Pariser Spekulanten sein Gewinn zum verschwenderisch, lustvollen Leben, so wird der jüdische Spekulant nun zu einem kalt berechnenden, lustfeindlichen, aber gerade deshalb vom Ruin verschonten Börsenteilnehmer.

Vedders Vortrag eröffnet die Börse als einen literarischen Ort, den zu untersuchen sich auf vielfältige Weise lohnt. Daraufhin möchte ich ergänzend auf zwei kleine, eher abseitige, literarische Texte zum Thema Börse hinweisen.

 

 

 

Im 19. Jahrhundert ist zweifellos die Rolle der Eisenbahn, insbesondere der Eisenbahnstrecken für die Geschichte der modernen Aktie von herausragender Bedeutung. Die Eisenbahnaktie wird derart zum Versprechen auf eine glückliche Zukunft, dass sie in den Wortschatz der Liebe Eingang findet.

 

1838, zu Beginn des Eisenbahnstreckenbaus, veröffentlicht Gustav Bernhard in Grimma sein Lustspiel Die Eisenbahn-Actien-Speculanten. Über den Autor ist nichts weiter bekannt. Das Lustspiel erscheint im Band Familientheater für deutsche Privatbühnen und Dilettanten-Vereine. Es darf als trivial angesehen werden und ist eben deshalb ein zuverlässiges Beispiel für die Versprechen, die sich mit der weit verbreiteten Spekulation auf Eisenbahnaktien verband und deren literarische Umsetzung.

 

Die Handlung des Lustspiels lässt sich kurz und knapp zusammenfassen. Alexander Frohwald, mittelloser Doktor der Philosophie und Privatdozent in der Handels- und Universitätsstadt Grünthal, verliebt sich in Fanny. Sie ist die einzige Tochter des Bankiers Reichmann, der sie an den reichen Rittergutsbesitzer und Onkel Alexanders, Adolph Frohwald, verheiraten will. In der namenlosen und beliebigen Residenzstadt soll eine Eisenbahnstrecke gebaut werden. Durch mancherlei Zufälle spekuliert Alexander mit geliehenem Geld auf Eisenbahnaktien, kauft und verkauft zufällig sehr gewinnbringend an der improvisierten Börse der Residenzstadt. Alexander wird reich und darf Fanny heiraten.

 

Der Zufall bei der Eisenbahn-Aktien-Spekulation, der im Falle Alexanders als gerecht erscheint, verwirklicht mit anderen Worten Alexanders Spekulation auf Fanny. Einerseits entzieht sich im Lustspiel die Spekulation als Geschäft aufgrund von erwarteten Preisschwankungen der Erzählbarkeit, andererseits wird die glückliche Eisenbahn-Aktien-Spekulation von Alexander am Schluss sogleich in den Liebesdiskurs übersetzt:

 Dr. Frow. (umarmt seine Braut.) Komm an mein Herz, Du theure Actie meines Lebens! – Heil dem Jahrhundert der Eisenbahnen und seinen glücklichen Söhnen!

(Der Vorhang fällt.)

Angesichts dieser Wirkungsmacht der Aktie und des Spekulierens an der Börse ist verwunderlich, dass Jakob und Wilhelm Grimm in der Hochzeit der Industrialisierung, Februar 1860, im 2. Band ihres Deutschen Wörterbuchs für Börse außer der Worterklärung als Geldbeutel und als forum mercatorum keine Belege, den Börsenschwindel ohne Belege sehr wohl kennen, allein aber das Börsengesumse nach Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) aus dem vorherigen Jahrhundert mit einer durchaus poetischen Formulierung zitieren:

Börsengesumse, n. ich sehe auch wirklich nicht ein, warum nicht börsengesumse ebenso angenehm sein soll, als das rauschen des eichenwaldes. 

 

Rauschen und Gesumse sind den Geheimsprachen auf dem Parkett sehr ähnlich. Ihnen wollte schon Joseph Penso de la Vega mit dem Buch über die Amsterdamer Börse auf die Schliche kommen. Doch, wo einst die Geheimsprachen auf dem Börsenparkett für eine geräuschvolle Untermalung des Handels sorgten, herrscht heute an der Börse Berlin der digitale Datenfluss. im Internet wird zwar noch von der Eröffnung des Börsenparketts geschrieben, das ist aber mittlerweile virtuelle.

 

 

Mein börsenkundiger Schwager, Torsten, verriet mir nach meiner naiven Suche nach dem Berliner Börsenparkett im Ludwig-Erhardt-Haus der Industrie- und Handelskammer Berlin, dass „das Parkett in Berlin vor ein paar Jahren für mildtätige Zwecke verkauft oder versteigert“ worden sein soll.

 

Torsten Flüh

 

PS: Haben Sie schon einmal Tulpenzwiebeln im Januar kaufen wollen? Früher vielleicht kein Problem. Heute gab es in ganz Berlin keine Tulpenzwiebel mehr zum Verkauf. Ist billige Saisonware im Herbst geworden. Da musste ich dann im Schneetreiben hinaus nach Zehlendorf zu Albrecht Hoch, Blumenzwiebelspezialist seit 1893, fahren.

Herr Schönefeld hielt für mich nicht nur unterschiedliche Tulpenzwiebeln bereit. Vielmehr erzählte er mir auch, dass nach heutiger Kenntnis die Tulpenspekulationsblase am 7. Februar 1637 nur geplatzt sei, weil die kostbaren Flammungen von einem durch Blattläuse übertragenen Virus verursacht wurden und die Tulpenzwiebel dann im nächsten Jahr keine Blüten mehr bekam. Ein Virus also hat die Spekulation platzen lassen. Irgendwie verständlich.

 

PPS: Ansonsten hat Herr Schönefeld im nächsten Jahr sicher noch einige, wenige Tulpenzwiebeln der geflammten Sorte Zomerschoon im Angebot, die 1620 auf den Amsterdamer Markt kam.

Unbedingt zu empfehlen: www.albrechthoch.de   

 

Museum für Kommunikation Belin

 

Die Sprache des Geldes

Ausstellung noch bis 14. Februar 2010

 

Öffnungszeiten

 

Dienstag 9-20 Uhr

Mittwoch bis Freitag 9-17 Uhr

Samstag, Sonntag, Feiertag 10-18 Uhr

 

Letzter Vortrag der Reihe:

 

Die Schweiz und das Geld. Literarische und künstlerische

Reflexionen eines nationalen Wertesystems

Dr. Esther Kilchmann (ZfL)

2. 2., 18.30 Uhr, Eintritt frei

 

 

 

 

 


Tags: , , , , , , , , , , , , , , ,
Categories: Medien Wissenschaft

0 Kommentare
Actions: E-mail | Permalink | Comment RSSRSS comment feed