Das Ding mit der Normalisierung - Zum Charity Dinner der MH-Stiftung, Schwulen Museum und 5. Life Run

Charity Dinner – Normalisierung – Fußball 

 

Das Ding mit der Normalisierung 

Zum Charity Dinner der MH-Stiftung, Schwulen Museum und 5. Life Run 

 

Wer dieses Jahr noch nicht beim Charity Dinner der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld war, sollte sich schon mal fest vornehmen, 2015 dabei zu sein. Er/Sie hat nämlich etwas verpasst. Ums Geld zur Unterstützung eines Projektes oder einer Organisation geht es irgendwie gar nicht. Nicht in Deutschland und in Berlin sowieso nicht. 250,- € für ein Abendessen lohnen sich, wenn die Veranstaltung quasi unter Regie von Isa Gräfin von Hardenberg stattfindet, die selbstverständlich zum Dinner für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bis, trans- und intersexuellen Menschen erscheint und sich vornehm im Hintergrund hält. Von den Farben der Tischdekoration bis zum Hauptgericht vom „Jungbullen“ war alles subtil auf die Farben der Stiftung und ihres bundespolitischen Auftrags abgestimmt.    


© Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Beim nunmehr schon 2. Charity Dinner diesmal im luxuriösen GRAND HYATT am Marlene Dietrich Platz, wo sonst z. B. die Filmwelt im BERLINALE PALAST im Februar residiert, ging es in diesem Jahr um Fußball. Genauer um FUSSBALL UND HOMOSEXUALITÄT, Deutschen Fußball-Bund, Fußball für Vielfalt – Fußball gegen Homophobie. Und Ex-Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger hat dafür prominent und artikulationsstark Verantwortung übernommen. Thomas Hitzlsperger ist ein Glücksfall für den DFB, die Fußballberichterstattung und Schwule im Fußball. Fußball ist genauso bunt und vielfältig, wie alle anderen Gesellschaftszweige. Leider soll es immer noch Fußballfans geben, die das noch nicht gemerkt haben. Aber genau das hat mit Normalisierung zu tun.


© Bundesstiftung Magnus Hirschfeld
 

Die 401. Besprechung von NIGHT OUT @ BERLIN schaut nicht nur auf den Fußball, das Normalisierungsding schlechthin (Die große Normalisierungsmaschine), vielmehr geht es um vier unterschiedliche kulturell-sportliche Veranstaltungen von Donnerstag bis Samstagmorgen in Berlin. Schwul ist eben nicht immer gleich, erschöpft sich nicht in Fred-Perry-Sneakers, Adidas-Klamotten oder Opernbesuchen und bedient nicht jedes   Stereotyp, mit dem gegen Schwule gearbeitet wird. Die Eröffnung der Ausstellung Mein Kamerad - Die Diva. Theater an der Front und in Gefangenenlagern des Ersten Weltkrieges im Schwulen Museum, das Charity Dinner, eine kleine Lesung im Buchladen Prinz Eisenherz und der 5. Life Run am Samstagmorgen auf dem Tempelhofer Flughafenfeld eröffnen unterschiedliche Facetten schwuler Existenz. 


© Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Natürlich waren nicht nur Schwule und Lesben, trans- und intersexuelle Menschen als zahlende Gäste erschienen. Vielmehr gab es auch eine Vielzahl heterosexuell orientierter Menschen aus Politik, Gesellschaft und Unterhaltung, die das Charity Dinner förderten.  Schwule und lesbische Paare wurden mit Singles an Tischen so platziert, dass frau/man sich nicht einfach in ein Zweiergespräch zurückziehen konnte, sondern mit dem Tischnachbarn ins Gespräch kommen musste. Romy Haag kam in Begleitung und schaute dann einmal am Tisch von Judy Winter vorbei. Romy Haag ist eine Frau, die ein Junge war, wie sie noch einmal in einem Interview zur großen David Bowie-Ausstellung im Gropius-Bau unnachahmlich in Erinnerung rief.


© Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Gleichzeitig mit dem Charity Dinner fand die Eröffnung der Ausstellung Mein Kamerad - Die Diva. Theater an der Front und in Gefangenenlagern des Ersten Weltkrieges im Schwulen Museum statt. Die Gleichzeitigkeit vieler unterschiedlicher Veranstaltungen ist ein ernsthaftes Problem in Berlin. Glücklicherweise gibt es Pressegespräche, die vormittags stattfinden. Mein Kamerad - Die Diva ist keine „typisch“ schwule Ausstellung im Schwulen Museum. Und das ist hochinteressant und gut so. Von vielen Frauendarstellern des Front- und Gefangenentheaters sind nämlich oft nicht viel mehr als Szenenfotos, Filme für Propagandazwecke und/oder Besetzungszettel überliefert. Ob der Mann, der leicht bekleidet eine Frau darstellte, homo-, hetero-, trans- oder intersexuell war, ist in der Regel nicht überliefert.

 

Der Mann, der Soldat oder der Kriegsgefangene in der Frauenrollen und als Frau gekleidet wird in überraschend zahlreichen Fotos und Filmen dokumentiert. In Kriegszeiten und mit den modernen Bildmedien des Ersten Weltkrieges erlangt plötzlich ein Geschlechterwechsel Sichtbarkeit für eine breite Öffentlichkeit, der sich allein in der Metropole Berlin bis zu jenem Zeitpunkt nur unter Ausschluss(!) der Öffentlichkeit zeigen durfte. Der Krieg als Ausnahmesituation lässt mit einem Mal unter den zwanghaften Bedingungen seiner geschlechtlichen Organisation ein Geschlechterspiel als normal erscheinen, das bislang der Öffentlichkeit verborgen geblieben war und als unnormal, weil unsichtbar, angesehen wurde.

Die von Anke Vetter kuratierte Ausstellung inszeniert interdisziplinär unterschiedliches Bild- und Anschauungsmaterial aus weit verstreuten und internationalen Archiven. Einzelne Schriftzeugnisse bringen sowohl die Lust wie die Angst am Geschlechterwechsel zur Sprache. Wird der Frauendarsteller gerade wegen seiner Darstellung des Weiblichen verehrt, gerät seine geschlechtliche Wahrnehmung von sich selbst ins Schwanken, was prominent mit Schriftstücken aus dem Nachlass von Erwin Piscator und G. W. Pabst dokumentiert wird. Eine Wahl bestand für die Darsteller i.d.R. nicht. Die militärischen Befehlsstrukturen verpassen die Geschlechterrolle. Es ist oftmals weniger der Mangel an Frauen in den geschlechtlich getrennten Einheiten und Gefangenenlagern, die die Soldaten und Gefangenen in Frauenrollen zwängen, als vielmehr der Zwang zur geschlechtlichen Unterscheidung. Das ist etwas Anderes.        

 

Die zweifache geschlechtliche Überschneidung der Orientalin auf der Bühne mit dem Bild einer leichtgekleideten, sexuell verfügbaren Frau gehört zum Repertoire der Geschlechterbilder, die bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Spektrum die Sichtbarkeiten von Sexualität mit dem Geschlecht Mann im Fronttheater gekoppelt werden. Bei Else Lasker-Schüler werden die orientalischen Bilder vom Geschlecht fast gleichzeitig ganz anders Bild. Sie dreht die Geschlechterrolle mit dem Orientalischen quasi um. Beim Berliner Maler Gustav Graef, der 1887 eine kaum bekleidete Orientalin in sexualisierter Pose malt, wird die zeitgenössische Sichtbarkeit der weiblichen Sexualität nach den Leçon du mardi von Jean-Martin Charcot verschaltet.[1] Diese Darstellung der Orientalin kehrt 1914 im Front- und Gefangenentheater prominent wieder. 

Das Problem der Sprache reißt gleichzeitig mit den Geschlechtsdarstellungen in den Bildmedien von Film und Fotografie der Fronttheater auf. Die Kriegspropaganda will Normalität unter den Bedingungen des Krieges inszenieren. Doch genau das wird zum Problem. Denn die Frauendarsteller fühlen sich als Männer gekränkt oder sehen sich in der weiblichen Kunstfigur der Diva ─ „Mein Leben war also das einer Diva“, Emmerich Laschitz 1933. Was dabei gerade nicht formuliert werden kann, ist das klinische und juristische Bild des Homosexuellen. Wofür es keine Sprache gibt und was aus der Geschlechterordnung der Sprache herausfällt, muss anders formuliert werden. Ob man nun dezidiert bei Judith Butlers Gender Trouble anknüpfen will oder die literarisch-sprachliche Verfasstheit der Kategorie Geschlecht unterstreicht, wird allemal das Problem von Normalität und Sprache in der Ausstellung bis zum 30. November aufgedeckt.


© Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Das 2. Charity Dinner der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, deren Namenspatron nicht zuletzt 1930 seinen Sexualwissenschaftlichen Bilderatlas zur Geschlechtskunde vorgelegt und damit allererst ein vielfältiges Bild von Sexualitäten im diskursiven Spektrum seiner Zeit veröffentlicht hatte, war eine besonders breit, facettenreich und anspruchsvoll angelegte Veranstaltungsform. Wahrscheinlich findet Normalisierung auf genau dieser Vielschichtigkeit von Kommunikation, Gespräch, Rechtspolitik, Zeitzeugendarstellung, hochkarätigem Show Act mit der Star-Sopranistin Anna-Maria Kaufmann, Talkrunde, Klavierbegleitung, zwangloser Moderation, Selbstdarstellung der Stiftung, Speisen mit Weinbegleitung und exquisitem Service, Begrüßung unter Freunden und Ministerrede statt. Vom Empfang um 18:30 Uhr bis zur persönlichen Verabschiedung und finalen Überreichung von Sponsorensouvenirs wie einer äußerst sportlichen Trinkflasche vom Platin-Sponsor, VPBank, um 0:30 Uhr wurden Anregungen aller Arten geboten. 


© Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Die Bundesregierung hat schon ─ und doch auch viel zu spät, erst ─ während der vergangenen Legislaturperiode unter der Bundesjustizministerin Sabine Leutheuser-Schnarrenberger (FDP) die strafrechtliche Verfolgung nach dem Strafgesetzbuch § 175 nach 1945 für abzugeltendes, staatliches Unrecht erklärt. Wer nach 1945 aufgrund des § 175 StGB verurteilt worden ist und anfangs noch im verschärften Zuchthaus seine Strafe wegen „Unzucht“ mit einem Mann verbüßen musste, muss nun entschädigt werden. Von den ca. 50.000 Männern, die nach diesem während der Herrschaft des nationalsozialistischen Regimes ausgeweiteten Paragraphen nach 1945 verurteilt worden sind, leben nur noch wenige, noch lebende sind sehr alt und bleiben daher oft gesichtslos. Mit Klaus Born hat ein Justizopfer des § 175 StGB erstmals im Archiv der anderen Erinnerung, einem Projekt der Bundesstiftung, ein Gesicht, eine Stimme und eine Geschichte bekommen. Klaus Born, der 1965 verurteilt wurde, kam als Zeitzeuge und Ehrengast zum Charity Dinner. 


© Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Justiz- und Verbraucherschutzminister Heiko Maas (SPD) hat nicht nur die Schirmherrschaft für das Charity Dinner, sondern auch den Kuratoriumsvorsitz der Stiftung von seiner Amtsvorgängerin übernommen. Der Bundesminister kam mit seiner Frau zum Dinner und unterstützt uneingeschränkt den historischen, juristischen und gesellschaftlichen Auftrag der Stiftung. Die neue Kombination von Justiz und Verbraucherschutz könnte eben auch einen Paradigmenwechsel anzeigen. Die Justiz ist, um es einmal so zu formulieren, heute für die Verbraucher da. Natürlich bleibt die Justiz als staatliche Gewalt unabhängig. Doch wie sich gerade in der Geschichte der Abschaffung und Rücknahme des § 175 StGB zeigt, sind es die Bürger und oft eben gerade durch die Justiz ausgegrenzte Bürger, die die Justiz von ihren Aufgaben überzeugt. Und zwar dezidiert gegen populistische Vereinfachungen. 


© Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Vereinfachungen, wie sie mit dem Bild von heterosexueller Normalität im Fußball vorherrschen, von politischen und nicht zuletzt religiös-extremistischen Organisationen angeboten werden, um aktuell wenn nicht massenhaften, so doch alarmierend zahlreichen Zulauf zu finden, gaukeln Stärke vor, wo Schwächen verdeckt werden sollen. Statt einer Praxis der Anerkennung von Schwächen verspricht die Vereinfachung das Recht der Stärke. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld wird sich auch in Zukunft mit Vereinfachern beschäftigen müssen. Denn sie bedrohen das hohe Kulturgut der Vielfalt, das sich nicht in Stärken gegen Schwächen aufspalten lässt. Daher war die Anwesenheit des Bischofs der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-oberschlesische Lausitz, Markus Dröge, beim Charity Dinner eine notwendige, klare und deutliche Positionierung der geistlichen Werte der Evangelischen Kirche. Prominente Repräsentanten anderer Religionen fehlten! 


© Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ist ihrem Vermögenserhalt verpflichtet. Deshalb kann die Stiftung nur eine gezielte Arbeit für die Vielfalt mit persönlichem, privatem und gesellschaftlichem Engagement leisten. In höchstem Maße ist die Arbeit der Stiftung auf das ehrenamtliche Engagement von jungen, meist studierenden Frauen und Männern abhängig. Die Jura-Studentin Sophie Richter gehört zu den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen (generisches Femininum), die seit Gründung der Stiftung 2012 hoch motiviert und kompetent ihre Arbeit gewährleisten. Dr. Bertold Höcker, Superintendent des Kirchenkreises Berlin-Mitte, gehört zu den Gründungsmitgliedern des Fördervereins der Stiftung, der sich gerade zusammengefunden hat. Bundesministerin a.D. Sabine Leutheuser-Schnarrenberger hat den Vorsitz übernommen. Die Bundesstiftung existiert aus einem Paradox heraus, das bisher zu wenig zur Kenntnis genommen worden ist. Das Stiftungskapital muss erhalten bleiben. Die Arbeit in verschiedenen Projekten ist nur durch bürgerschaftliches und ehrenamtliches Engagement sowie durch Sponsoring und Spenden möglich.


© Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Bürgerschaftliches Engagement hat nicht zuletzt in den unterschiedlichsten Bereichen der, sagen wir einmal, Queer Culture oft genug aus der Not gesellschaftlicher Marginalisierung heraus zu retrospektiv erstaunlich erfolgreichen und beachtlich nachhaltigen Veränderungen geführt. Die Teilnahme an CSD-Demonstrationen in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts war Bürgerschaftliches Engagement, als der Begriff noch völlig unbekannt war. Auch die Filme von Rosa von Praunheim seit den späten 80er Jahren, der mit seinem Freund zum Charity Dinner erschien und sich u.a. mit Bischof Markus Dröge kurz unterhielt, waren durchaus Bürgerschaftliches Engagement, das viele Schwule nervte, um ganz kleine Prozesse anzustoßen.

Am Freitagabend hatte der Autor Friedrich Kröhnke zu einer Lesung in den Buchladen Prinz Eisenherz eingeladen. Auch dies eine Form nicht nur literarischen, sondern gesellschaftlichen Engagements. Friedrich Kröhnke, der seit den frühen 80er Jahren zahlreiche Erzählungen, Romane und andere Prosaschriften veröffentlicht hat, war bereits während seiner Schulzeit in Darmstadt politisch hochengagiert. Das Politische und das Sexuelle nehmen in Kröhnkes literarischem Schaffen eine derart starke Wechselbeziehung ein, dass sich kaum unterscheiden lässt, ob das Sexuelle politisch oder das Politische sexuell ist. An seiner Seite las der Schweizer Autor Christoph Geiser. Kröhnke las aus seinem im Rimbaud-Verlag neuaufgelegten Roman P 14[2], der geradezu programmatisch in seinem Schreiben politisch-gesellschaftliche Umbrüche, literarische Umschriften ─ hier Theodor Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg ─ mit einer queeren Liebeserzählung wie unter einem Brennglas verknüpft.

In P 14 wird die Zeit um 1989 zu einem Abenteuerspiel mit nur vermeintlich alternativen Verbotsstrukturen. So wie der 14jährige David über die Kontrollschranke in einem Ost-Berliner Schwimmbad und Freizeitzentrum springt und dadurch die Aufmerksamkeit des Erzählers Kauz erregt, geht es in dem Roman ständig um Grenzüberschreitungen nicht nur von West- nach Ost-Berlin und Hohenschönhausen oder das Entdecken abseitiger Seen und Landstriche. Vielmehr wird die Frage des Rechts überhaupt zum Thema. Der Vierzehnjährige müsste nicht über die Kontrollschranke springen, weil der Eintritt im real-sozialistischen Ost-Berlin lächerlich gering ist und keine begrenzende Funktion erfüllt. Doch der Sprung über die Kontrollschranke stellt eben das autoritäre Recht der Kontrolle und Normierung überhaupt in Frage. ─ Darauf wird später einmal zurückzukommen sein.


© Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und ihre Fundraising-Veranstaltung Charity Dinner ist, um es einmal so zu sagen, dem politischen und bürgerschaftlichen Engagement geschuldet. Die Stiftung verdankt ihre Existenz dem Schaffen so unterschiedlicher Künstlerinnen wie Rosa von Praunheim oder Romy Haag. Dass sie dann als Prominente wahrgenommen werden, ist nur die halbe Wahrheit. Und genau darum geht es geht es mit dem Veranstaltungsformat. Nicht die Prominenz, sexuelle Orientierung oder das Einkommen sollten über eine Teilnahme entscheiden, sondern die Wertschätzung eines auf Bundesebene institutionalisierten Bürgerschaftlichen Engagements, das mit Magnus Hirschfeld auf eine mehr als einhundertjährige Geschichte verweisen kann. Der oft bekrittelte Staat hängt letztlich von der Verantwortung ab, die Bürger mitgestaltend zu übernehmen bereit sind. Der Staat ist weder eine Supernanny, die unentwegt seine Kleinen pampert, noch der große Dirigent, dem allein zu folgen ist. Er lebt durch das nicht zuletzt vielfältige und queere Engagement jedes einzelnen Bürgers. 


© Berliner Aids-Hilfe e.V.

Mit dem 5., von der AIDS-Hilfe Berlin unter ihrem Vorsitzenden Ralph Ehrlich initiierten und organisierten, Life Run über 5 und 10km auf der Tempelhofer Freiheit fand am Samstagmorgen eine andere sport- und gesellschaftspolitische Veranstaltung statt, die ohne ehrenamtliches Engagement der „Crew“ undenkbar wäre. Zum Life Run, bei dem 2011 Romy Haag den Startschuss gab, treffen sich junge Leistungssportler aus Berliner Sportvereinen mit ambitionierten Ausdauersportlern und reinen Spaßläuferinnen. Es geht um eine Entstigmatisierung von HIV und AIDS z.B. mit dem Laufen und/oder einer Spende für die Schnürsenkelhelden. Auch dies eine durch vielfache Umstände medizinischer Entwicklungen und politischen Engagements hervorgerufene Normalisierung, die ursprünglich auf totalitäre Internierungs- und Isolierungsbestrebungen einer politischen Führungspersönlichkeit, dem CSU-Bundespolitiker Peter Gauweiler, reagieren musste.


© Berliner Aids-Hilfe e.V.

Gerade selbstorganisierte Veranstaltungen mit gesellschaftspolitischem Engagement sind für Politiker heute unverzichtbare Termine. Am Stand der Schnürsenkelhelden und beim Life Run schaute nicht nur der noch Regierende Erste Bürgermeister, Klaus Wowereit, wie selbstverständlich, entspannt vorbei. Vielmehr kam auch Raed Saleh (SPD-Fraktionsvorsitzender im Abgeordnetenhaus des Landes Berlin) kurz auf die Veranstaltung und demonstrierte eine vorbildliche Offenheit bis hin zum Foto mit der diesjährigen Startschützin Nina Queer. Die Wählbarkeit eines Politikers hängt heute mehr denn je davon ab, wie er ehrenamtliches Engagement in seiner Vielfalt wertschätzt. Und natürlich spricht es für den noch in Palästina geborenen, aber in Berlin aufgewachsenen Politiker Raed Saleh, dass er beim Life Run vorbeikommt.


© Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

In der aktuellen Wellness-Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, der Fußball-Weltmeister, ist auf der Suche nach dem komfortabelsten Spa daran zu erinnern, dass die Wellness von Innen, vom eigenen Engagement und nicht vom heißen Wasser kommt. Thomas Hitzlsperger, der ganz bestimmt das Eisbad ebenso wie komfortable Spas kennt, ist nicht etwa zu bewundern, weil er ein prominenter und erfolgreicher Fußballer ist, der sich geoutet hat, sondern weil er sich nachhaltig gesellschaftspolitisch engagiert. Ohne das Engagement von Thomas Hitzlsperger wären der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und der Fußballfunktionär Reinhard Rauball wohl kaum zur Talkrunde mit Katrin Müller-Hohenstein zwischen „Bürgermeisterstück vom Jung Bullen“ und „Pink Grapefruit-Shot ─ Minze“ gekommen und hätten einen Scheck von 20.000,- € für das Projekt Fußball für Vielfalt – Fußball gegen Homophobie überreicht. 

 

Torsten Flüh 

 

MEIN KAMERAD - DIE DIVA. 

Theater an der Front und in Gefangenenlagern des Ersten Weltkrieges 

Schwules Museum 

bis 30. November 2014 

 

Life Run 

Tempelhofer Freiheit 

 

Prinz Eisenherz 

Motzstraße 23 

10777 Berlin 

 

Bundesstiftung Magnus Hirschfeld 

Mohrenstraße 63 

10177 Berlin 

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[1] Vgl. etwas ausführlicher Flüh, Torsten: Notiz zu Psyche. In: Mein heimliches Auge. Das Jahrbuch der Erotik 2009/10. Tübingen 2010. S. 218ff

[2] Kröhnke, Friedrich: P 14. Aachen 2014 (Neuauflage nach 1992)