Das Kloster im Tiergarten - Eine kleine Geschichte über 50 Jahre Akademie der Künste am Hanseatenweg

Kunst – Politik – Akademie

 

Das Kloster im Tiergarten

Eine kleine Geschichte über 50 Jahre Akademie der Künste am Hanseatenweg

 

Prägnant nannte Klaus Staeck in seiner „Treppenrede“ zur Eröffnung der Langen Nacht der Akademie der Künste im Haus am Hanseatenweg am 8. Mai 2010 „ein weltliches Kloster mit Gängen und Gärten und Appartements, … einen Ort des Rückzugs“, der eine „Art geistiges und architektonisches Anti-Event-Konzept“ sei.

Was passiert, wenn das Event-Konzept der Langen Nacht – der Wissenschaft, der Museen, der Theater, der Akademie der Künste - auf ein Anti-Event-Konzept trifft?


Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, ist als ausgewiesener Grafikdesigner, Plakatkünstler, Karikaturist und Mitglied der Sektion Bildende Kunst ein ebenso politisch provozierender wie launiger Redner, dem die ganze schöne Treppe im Eingangsbereich der Akademie der Künste gehört, wenn er spricht. So grüßte er seine Vorgänger György Konrád und Adolf Muschg mit der Formulierung: „Sie haben es hinter sich.“ Was wohl soviel heißen soll, wie dass das Amt des Präsidenten der Akademie kein leichtes ist.

Warum? Weil Künstler quasi von Natur aus gerne streiten, es sogar als ihre politische Funktion ansehen, unter einander und mit der Politik und gar „einer Bevölkerungsmehrheit“ (Staeck) nicht grün zu sein. Anders gewendet kann das heute nach Staeck auch „Politikberatung“ heißen.

 

Die Akademie der Künste hat gerade in den letzten, gut 20 Jahren Glück mit ihren Präsidenten. György Konrád, Adolf Muschg und Walter Jens aus der Sektion Literatur schlugen eher leisere, differenziertere und vermittelnde Töne zum Wohle der Akademie an. Das war zu den jeweiligen Zeiten richtig und für die Akademie förderlich.

Klaus Staeck zielt auf eine stärkere gesellschaftspolitische Stimme der Akademie, wenn er die aktuelle Finanzkrisenpolitik auf der Treppe mit folgenden Worten umreißt:

… Für die Bildung hat sich unser Staat jedenfalls nicht verschuldet. Sondern das Geld der Steuerzahler in gigantischer Höhe in eine erpresserische Suchtbranche gepumpt, die unter dem vornehmen Label `Banken´ firmiert. Und durch verbrecherische Transaktionen wurden straflos Milliarden bewegt und versenkt, heimlich vergiftete Papiere unter „normale“ gemischt. … Der eine oder andere Bankräuber im Wortsinne besteht weiter frech auf seine Boni. Die Heuschrecken und Dealer machen wieder reichlich Kasse, als sei nichts geschehen.

 

Doch auch György Konrád hat sich auf der Frühjahrs-Mitgliederversammlung, die dem Event vorausging, über die aktuelle Situation in Ungarn, wo mit der Jobbik-Partei der Geist des Neofaschismus ins Parlament eingezogen ist, politisch zu Wort gemeldet. Die Akademie der Künste warnt vor rechten Bewegungen in Europa. Die Debatte in der Akademie widmete sich darüber hinaus der Gefahr, dass der Rechtspopulismus europaweit immer häufiger in die Mitte der Gesellschaft vordringt.

In der Spannbreite von der „Treppenrede“ zur Debatte in der Akademie zeigen sich zwei Tendenzen, die viel mit ihrem Selbstverständnis zu tun haben. Die Akademie der Künste mischt sich ins politische Tagesgeschehen ein. Und sie ist heute eine internationale Akademie mit europäischer Ausrichtung. Mögen auch die Mitglieder noch überwiegend aus deutschen bzw. deutschsprachigen Künstlern bestehen, so ist die Akademie mit Pierre Boulez, Peter Eötvös, Toshio Hosokawa, Younghi Pagh-Paan, Péter Esterházy, Antoni Tàpies, William Forsythe, Lord Norman Foster oder Robert Wilson, um nur einige zu nennen, bereits hoch internationalisiert mit ihren 371 Mitglieder.

Am 18. Juni 1960 zog die Akademie der Künste in West-Berlin in das von Werner Düttmann (1921-1983) entworfene Haus am Hanseatenweg, das Staeck ein „weltliches Kloster“ nennt. Nimmt man diese Formulierung auf, dann erscheint das große Studio mit seinem Kupferdach von außen tatsächlich wie ein kirchenähnlicher Versammlungsort.

 

Die Feier zum fünfzigjährigen Bestehen des Hauses wurde vorgezogen, weil am 7. und 8. Mai die 35. Mitgliederversammlung stattfand. Und Klaus Staeck hob den 8. Mai in seiner „Treppenrede“ als „Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus“ hervor. Die Befreiung ist seit langem der entscheidende Referenzpunkt für die Akademie der Künste und ihre Mitglieder.

Dieses Verständnis stimmt völlig mit der Stiftungsgeschichte des Hauses überein. Denn der amerikanische Chemieunternehmer Henry H. Reichhold, der 1901 in Berlin geboren worden war, hatte 1 Million US-Dollar gespendet, um der Akademie der Künste in West-Berlin den Bau eines eigenen Ausstellungs- und Verwaltungsgebäudes zu ermöglichen, den Unterhalt auf Jahre zu sichern und dadurch die Demokratie zu stärken.

Das künstlerische und politische Wirken der Akademie der Künste in den letzten fünfzig Jahren ist eng mit dem Gebäude verknüpft. Es hat sich nicht zuletzt als Veranstaltungsort während der letzten fünf Jahre gegenüber dem Standort der Akademie am Pariser Platz behaupten können. Während der Bau am Pariser Platz von Peter Behnisch hell und transparent ist, bietet das Haus am Hanseatenweg mit seinen niedrigen Decken und quadratischen Räumen eine fast schon intime Atmosphäre zum Gespräch.

Im Buchengarten ist spektakulär im Rahmen der aktuellen Ausstellung Wiederkehr der Landschaft ein 20 m langer Wal aus Ton und Lehm des argentinischen Künstlers Adrián Villar Rojas (1980) gestrandet. Wie ein Fanal bricht die Klimakatastrophe in den künstlich gestalteten Garten ein. Rojas nennt seine Installation My dead grandfather und möchte damit unsere gegenwärtige Situation thematisieren:

Wir haben unseren Orientierungssinn verloren und steuern geradewegs mitten in die Klimakatastrophe hinein.

 

Rojas’ gestrandeter Wal mit den riesigen Stacheln passt in den Buchengarten. Und doch ist er ein mächtiger Kontrast zur Architektur des Hauses. Die Glasfenster erlauben Spiegeleffekte und sind doch gerade nicht klima- und energiefreundlich. 1960 war in der Architektur kein Klimabewusstsein vorhanden und die Natur kam nur in der stilisierten Form der japanisch anmutenden Gärten vor.     

Ob Bar oder Buffet, Informationsquadrat oder Buchhandlung die Architektur am Hanseatenweg bietet ein entspanntes Ambiente, das zum Verweilen, zum Gespräch und zur Begegnung einlädt. Konnte man jüngst in Tom Fords A Single Man die Wiederbelebung der frühen 60er Jahre als Stil-Ikone betrachten, so bietet Düttmanns Haus am Hanseatenweg den perfekten Ort, um die historische Raumordnung und Materialkomposition zu erleben.

Es ist nicht zuletzt das Zusammenspiel von Beton, Waschbeton, dunklen Hölzern, Kupferflächen, Backstein und Schieferplatten sowie in die Decke versenkten Leuchtkörpern, die ein leicht schummriges Ambiente schaffen. Die meisten Räume bieten durch Schiebefenster bis zum Boden Ausblicke auf sparsam und geometrisch gestaltete Gärten. Obwohl alles einsehbar ist und das Tageslicht hereinfallen kann, sind die Räume und Gärten doch so verschachtelt, dass sie niemals indiskret werden.

In Düttmanns Architektur kommt geradezu programmatisch zum Ausdruck, was die sechziger Jahre ausmachte. Man wünschte sich eine gewisse Großzügigkeit und Offenheit, die aber nicht jeden und jedem Einblick erlauben sollte. In den großzügig geschnittenen Räumen mit den niedrigen, dunklen Holzdecken prallen der Wille zum Aufbruch und der Wunsch nach Geborgenheit aufeinander.

Die Räume waren zugleich Höhlen des Intimen und Öffnung nach Außen. Weg von den runden Formen der Nierentischära, hin zu den kantigen Linien der berechenbaren Zukunft. Zukunftsvision, Anknüpfung an die Moderne des Bauhauses und Wunsch nach Geborgenheit in einer feindlichen Gegenwart – West-Berlin als Insel der Alliierten im feindlichen Territorium der DDR - lassen sich in der Architektur lesen.

Düttmanns Akademie der Künste ist mit der Waschbetonfront zum Hanseatenweg auch eine Festung gegen die Außenwelt. Gerade das Paradox von massiver Geschlossenheit und demonstrativer Offenheit durch die Fensterfronten verrät viel über die Diskussionen in der Akademie, in der nicht zuletzt ein gnadenloser Streit um Gegenständlichkeit und Abstraktion unter den Künstlern und Mitgliedern tobte.

Klaus Staeck, der selbst mit Beuys zusammen arbeitete, erinnerte daran dass Joseph Beuys in der Akademie drei Konzertflügel zerstörte und ein ratloses Publikum hinterließ. Dieser Auftritt verhinderte zunächst, dass Beuys zum Mitglied gewählt wurde. Konstelliert man diese Anekdote aus den 60er Jahren mit der Düttmannschen Architektur, so lässt sie sich als eine präzise Darstellung und fast schon Vorwegnahme der gesellschaftlichen und künstlerischen Auseinandersetzungen nach 1960 lesen.

 

Im Foyer und Barbereich ragt das Kupferdach des großen Studios in den Raum hinein. Das polierte Kupfer des Daches wird durch eine Lichtleiste zum hervorragenden Stilelement des Raumes. Das Kupferdach des Studios wird Teil des Raumes. Das Außen schiebt sich in den Innenraum.

Das war fast schon zuviel Außen im Innen, denn die Wirklichkeit wurde von gnadenlosen Grenzen bestimmt. Während das Kupferdach außen oxydiert ist, wird es als Stilelement poliert und gewienert. Indem vor die Kupferflächen dann noch eine Sitzgruppe mit Sofa platziert wurde, wird das Außen auch wieder abgedrängt. Wo das Außen in den Raum eindringen könnte, wird es zum stilistischen Element degradiert.

 

Das Akademiegebäude am Hanseatenweg bietet Räume unterschiedlichster Größe zur Begegnung. Das kleine Studio mit seinen hoch angelegten Glasfronten ist ein weiterer Raum, an dem das Wechselspiel von Transparenz, Offenheit und Geschlossenheit deutlich wird. Der Gang wird durch die Fensterfront selbst zum Stilelement.

Schiebetüren und Schiebefenster sind ein weiteres Element, das die Räume öffnet und verschließt. Sie kommen häufig, doch nicht ausschließlich im Gebäude vor. Das Öffnen einer Schwingtür nach Außen oder Innen ist etwas Anderes als das Verschieben einer Tür. Schiebetüren sind Wände, die sich öffnen, die sich verschieben lassen. Sie stellen flexible Räume ohne feste Grenzen her. Aber die Schiebetüren kommen nur gelegentlich vor, als hätte man ein wenig Angst davor gehabt, zuviel Flexibilität zu zulassen.

Der Fall der Mauer am 9. November 1989 hat alles verändert. Plötzlich war eine Mauer offen, die die Akademie der Künste am Hanseatenweg vor neue Fragen, neue Aufgaben stellte. Bau- und Sanierungsvorhaben an der Akademie mussten zurück gestellt werden. Die Frage nach der Finanzierung der Akademie der Künste stand über Nacht im Raum. Und die bisherige Existenz der Akademie wurde mit der nun nicht mehr durch eine Grenzmauer getrennten Akademie der Künste Ost-Berlins in Frage gestellt.

 

Wie sollten die weitgehend staatlich kontrollierte, aber auch alimentierte Akademie der Künste Ost mit der West-Akademie, die nicht zuletzt durch die großzügige Stiftung Reichholds ihre Unabhängigkeit vom Staat quasi mythologisch behaupten konnte, zusammen gehen? Die Diskussion über die Zusammenführung, die Vereinigung der beiden Berliner Akademien wurde 1991 eine derart heftige und kontroverse, die in einer breiten Öffentlichkeit ausgetragen wurde, wie man sie sich heute kaum noch vorstellen kann.

Liest man die Texte von Hans Gerhard Hannesen zur Ausstellung Die Akademie der Künste am Hanseatenweg – Einblicke in die Geschichte einer Institution und eines Hauses oder stöbert im Online-Archiv zum „Akademiestreit“, zur kontroversen Diskussionen über die Vereinigung der beiden Akademien, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es eine Stellvertreter-Debatte war.

All das, was politisch in der Vereinigung der beiden deutschen Staaten mit großem Hauruck durchgezogen wurde, führte in den Akademien zu öffentlich ausgetragenen Kontroversen. Seit ihren Anfängen und der Neugründung der Akademie in West-Berlin in der Dahlemer Musäusstraße im Februar 1956 hatte sie besonderen Wert auf ihre Autonomie gelegt. Durch die Stiftung Reichholds war sie darin bestätigt worden, obwohl die Stiftungsgelder bald aufgebraucht waren und das Land Berlin doch einspringen musste.

 

Es ist vor allem Walter Jens zu verdanken, dass er die Akademie durch die Stürme des „Akademiestreits“ und der demonstrativen Mitgliederaustritte lenkte und es schließlich 1993 zur Vereinigung der beiden Akademien kam. Dafür wurde er zu ihrem Ehrenpräsidenten gewählt. Doch die Finanzierung der Akademie, ihre Existenzgrundlage durch die Länder Berlin und Brandenburg war nur unzureichend gesichert.


György Konrád blieb es als Nachfolger von Walter Jens vorbehalten, die Akademie der Künste in eine finanziell gesicherte Zukunft zu führen. Konrád, kann man in der Retrospektive sagen, war die ideale Besetzung zur richtigen Zeit. Als Holocaust Überlebender und osteuropäischer Dissident besaß er innerhalb und außerhalb der Akademie eine besondere Autorität. Letztlich stieß Konrád all die schwierigen Diskussionen an, die eine Transformation der Akademie zur finanziell gestärkten und trotzdem autonomen Institution vollzogen.

 

„Die Akademie ist autonom, aber nicht autark“, hatte bereits Walter Jens als Devise vorgegeben und die Gründung der Gesellschaft der Freude angestoßen. Doch drohte damit nicht auch ein Verlust der Autonomie? Das Modell eines finanzkräftigen Freundeskreises der Akademie der Künste knüpfte hilfsweise historisch an eine Initiative Max Liebermanns von 1928 an. Es hatte aber vor allem die Veränderungen in der Haushaltslage der Länder als Grund. Diese Verschiebung von einem autonomen Selbstverständnis zur von Spendern und Sponsoren unterstützten Akademie war für die Mitglieder der Gesellschaft gewöhnungsbedürftig.

Man kann die Transformation der Akademie zu Beginn der 2000er Jahre nicht scharf genug umreißen. Es war eine fundamentale Diskussion um das Verhältnis von Staat, Kunst und Wirtschaft. Diesmal wurde die Diskussion aber diskret, intern und weniger öffentlich als beim „Akademiestreit“ geführt. Dem Bestreben der Unabhängigkeit vom Staat stand der Anspruch der Akademie entgegen, dass Kunst politisch sei und wirken müsse. Kunst als Regulativ politischer und gesellschaftlicher Prozesse. Das Misstrauen gegen die Wirtschaft speiste sich aus noch stärkerem, kritischem Potential.

Der Umbruch in der Kulturförderung von der staatlichen hin zur bürgerschaftlichen aus einer starken Zivilgesellschaft heraus, hatte bereits Ende der 90er Jahre eingesetzt. Doch erst im Januar 2001 vermittelte Gerhard Schröder durch ein Fundraising Dinner im Bundeskanzleramt der Akademie Freunde aus der Wirtschaft und Gesellschaft zur Gründung einer Fördergesellschaft. Denn Schröder war der Überzeugung, dass „die Schaffung und Bewahrung von Freiräumen für die Kunst … nicht nur Sache einer Regierung, vielleicht sogar nicht einmal in erster Linie Sache einer Regierung, sondern vor allen Dingen Sache der Zivilgesellschaft, also der Bürgerschaft insgesamt“ sei.

Schließlich war es Christina Weiss als Kulturstaatsministerin, die zusammen mit György Konrád die Akademie der Künste in eine hundertprozentige Finanzierung durch den Bund unter Zusicherung der Autonomie überführte. Damit ist natürlich nicht die Frage nach der Positionierung der Akademie abgeschlossen, aber es hat ihr die entscheidende Existenzgrundlage verschafft. Selbst unter der Großen Koalition wäre dieser Prozess nicht mehr denkbar gewesen. Weder personell noch programmatisch.  

Gleichzeitig mit der Vereinigung der Akademien und der Transformation der daraus entstandenen Akademie der Künste setzte 1996 mit der Ausstellung zum 300 jährigen Bestehen der Akademie eine Re-Historisierung ein. Hatte die west-berliner Akademie vor allem ihren historischen Bezugspunkt in der Zeit vor dem Hitlerfaschismus gesehen und sich demonstrativ um Künstler bemüht, die ins Exil gedrängt worden waren, so schlug die Ausstellung 1996 zum ersten Mal wieder einen historischen Bogen zu ihrer Gründung durch Kurfürst Friedrich III. 1696.

 

Berlin war 1696 weit entfernt davon, eine überregionale Rolle zu spielen. Doch als aufgeklärter absolutistischer Herrscher hatte Friedrich III. größere Ambitionen und ließ sich schließlich am 18. Januar 1701 in Königsberg als Friedrich I. zum König von Preußen krönen. Insofern spielte die Gründung der Akademie der Künste eine machtpolitische Rolle mit der Friedrich seinen Anspruch auf eine Vorreiterrolle dokumentierte. Übrigens dürfte die hochintelligente und gebildete Sophie Charlotte von Hannover (1668-1705), Friedrichs zweite Frau, einen gewissen Anteil an der Gründung der Akademie gehabt haben.     

Der Prozess der Re-Historisierung betraf selbstverständlich nicht nur die Akademie der Künste, vielmehr fand er für Berlin auf einer breiten Ebene statt, nachdem die Stadt zur Hauptstadt des vereinigten Deutschland gewählt worden war. Dennoch hatte die Re-Historisierung der Akademie nicht nur zur Folge, dass sie ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gerückt wurde, vielmehr noch hatte dies eine Signalwirkung für eine breite und nachhaltige Re-Historisierung Berlins.

Die Geschichtlichkeit der Akademie der Künste gehört, wie sich nicht zuletzt in der Feier zum fünfzigjährigen Bestehen am Hanseatenweg und dem Event der Langen Nacht sehen lässt, zu einem wesentlichen Zug ihres Programms. Unterschiedlichste Diaprojektionen, Kurzfilme und Lesungen aus Briefen mit Stipendiaten und Mitgliedern bildeten denn auch so etwas wie das Rückgrat des Events. Ein bisschen name-dropping gehört natürlich auch dazu, um Geschichte herzustellen.

Ganz sicher waren aber die Atelieraufführungen der gegenwärtigen, internationalen, jungen StipendiatInnen die Höhepunkte der Langen Nacht. Klangvolle Namen hin oder her, der Reichtum und die Fülle des Archivs durch mehr als tausend Künstlernachlässe unbesehen, am schönsten ist es immer noch junge Künstler bei ihrer Arbeit im Atelier zu verfolgen.

 

Im Atelier 2 stellte um 23:00 Uhr die japanische Komponistin Seiko Itoh ihr Stück The 2 o’clock walker vor. Es ist ein Solo für Flöte, in dem unterschiedliche Flöten – Flöte, Piccolo, Alt- und Flöte mit BB-Teil – von einer Flötistin gespielt werden. Das Publikum im Atelier war hochkonzentriert und gespannt, was zur Aufführung kommen sollte.

In der japanischen Kultur ist zwei Uhr nachts die Geisterstunde, zu der die Geister aus der Unterwelt hervorkommen und in unserer Welt wandeln. Seiko Itoh hat sich von einem Mugen-Noh Stück inspirieren lassen. Also einer alten, typisch japanischen Theaterform, in der meist mythische Wesen in einer hoch codierten Weise zur Flöten- und Schlagzeug-Begleitung in einer Art Sprechgesang eine Erzählung aufführen.

Das Prinzip des Mugen-Noh besteht darin, dass der Geist nicht existiert. Er oder sie erscheint nur auf der Noh Bühne, um eine reale Existenz, eine zeitliche Figur, metaphorisch darzustellen und seine oder ihren Kummer oder Trauer und Verstimmung auszudrücken.

 

Marika Franssen führte das Stück auf, indem sie nicht nur am Notenpult Flöte spielte, sondern sich auch Noh-Theater-ähnlich an die vier Stationen im Atelier bewegte und wiederholt als rhythmisches Element mit dem Fuß aufstampfte. Gerade die Aufführung dieser sehr japanischen Komposition durch eine junge Europäerin machte den besonderen Reiz aus.

Es war ein intimes, gar nicht event-mäßiges, hochkonzentriertes Ereignis in dieser Langen Nacht der Akademie der Künste am Hanseatenweg, in der viele Geister das Haus heimsuchten.

 

Torsten Flüh

   

Akademie der Künste

Hanseatenweg 10

10557 Berlin-Tiergarten

Wiederkehr der Landschaft

noch bis 30. Mai 2010

 

Die Akademie der Künste am Hanseatenweg -

Einblicke in die Geschichte einer Institution und eines Hauses

Dokumentation noch bis 30. Dezember 2010

Dienstags bis sonntags 11-20 Uhr.


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Categories: Kultur

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