Das Leben eine Schnäppchenjagd - Feridun Zeimoglus Discount Diaspora-Oper an der Neuköllner Oper

Discount – Neukölln – Deutsch

 

Das Leben eine Schnäppchenjagd

Feridun Zaimoglus Discount Diaspora-Oper an der Neuköllner Oper

 

Das Leben ist eine Schnäppchenjagd. Auf der Karl-Marx-Straße in Neukölln und anderswo. Der Immobilienhai erschnuppert sich das Schnäppchen am Amtsgericht auf der Versteigerung im Wege der Zwangsvollstreckung. Dorothee hortet 99 Cent Staubwedel und Rasenkantenschneider. Matze macht mit Sandys Lippenspiel für 20,- € sein Schnäppchen.

An der Neuköllner Oper hatte am 17. März Feridun Zaimoglus Oper Discount Diaspora mit der Musik von Vivan und Ketan Bhatti ihre Uraufführung. Es ist eine Neuköllner Dreigroschenoper geworden, die sicher landauf landab ihre Abnehmer finden wird. Doch in der „Heißen Hölle Neukölln“ ist alles vor der Tür noch ein wenig näher als in Kiel-Gaarden oder Hamburg-Veddel.

Neukölln boomt nämlich. Das ist eine gute und schlechte Nachricht zugleich. In keinem Berliner Stadtteil sollen die Mieten im vergangenen Jahr mehr angezogen haben – oft 10% und mehr. Da ist Entwicklungspotential. Was der Fußgänger auf dem schmalen Gehsteig in Neuköllns Highstreet im Kleinen sucht, das findet der Immobilienentwickler im Amtsgerichtssaal 128 mehrere Nummern größer.

Feridun Zaimoglu (*1964) ist in Berlin und München aufgewachsen. 1985 kam er nach Kiel und entdeckte im Stadtteil Gaarden „seine“ Generation türkisch-stämmiger Migranten. 1995 veröffentlichte er den Sound Kiel-Gaardens unter dem Titel Kanak Sprak – 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft zunächst im Rotbuch-Verlag. Ein Bestseller. Heute ist er Autor bei Kiepenheuer & Witsch, schreibt Fernsehkritiken für DIE ZEIT und arbeitet als Journalist für Die Welt und den Tagesspiegel. Längst ist Kanak Sprak als Kanak Attack (2000) verfilmt worden. 2010 erhielt er den Kulturpreis der Stadt Kiel.

Kiel-Gaarden ist nicht Neukölln, aber so ähnlich. Die Haupteinkaufsstraße in Gaarden heißt Elisabethstraße. Durch sie fuhr früher quietschend Kiels Straßenbahn. Sie ist heute verkehrsberuhigte Fußgängerzone. Die  Elisabethstraße führt hinunter zur Werftstraße, wo Kiels, d.h. Deutschlands Werften lagen – HdW, Howaldtswerke-Deutsche Werft, Germania, Blohm & Voss.

Als Schiffsbau noch Knochenarbeit war und die Werften noch Tanker wie die Tina Onasis, Kriegsschiffe und Bananenfrachter in Serie bauten, lebten in Gaarden die Werftarbeiter, die sich seit den 60er Jahren aus „Gastarbeitern“ rekrutierten. Heute ist Schiffsbau Hightech für Armeen und Mega-Yachten zu 200 Millionen Euro für russische Oligarchen.

Die 30% Werftarbeiter ohne Arbeiter tranken in Gaarden in den 80er Jahre eher türkischen Raki als Küstennebel vormittags um halb Zwölf. Raki hat mehr Prozente - 45%. Das Leben rechnete sich auf dem Ostufer in Prozenten. Und die Kieler auf dem Westufer hätten sich so sehr Immobilienentwickler gewünscht.

Auf dem Ostufer entstand jener Soziolekt, den Zaimoglu als Kanak Sprak zu Papier brachte. Damit stieß er eine erste Diskussion über die Sprache der jungen Männer mit der Mischung aus Ostufer und Ost-Türkei an. Statt über Integration durch Sprachkurse zu sprechen, wurde 1995 weit heftiger über die Frage diskutiert, ob es sich um Literatur handele.

Ostufer und Ost-Türkei brachten eine Sprache hervor, die im Feuilleton das Flair des Undergrounds verströmten. So wie die Arbeiter auf dem Ostufer sprachen, sprach man nicht in den Unternehmervillen und Professorenhaushalten in Düsternbrook auf dem Westufer. Geschweige, dass die Raki-Fahnen im städtischen Olympiahafen von 1936 am Hindenburg-Ufer eine Chance gehabt hätten. Durch die Integrationsdebatte ist nicht zuletzt eine Normalisierungstendenz der deutschen Sprache zum Konsens geworden.

Für Discount Diaspora ist es nicht unwichtig, den Bogen von Kanak Sprak und die Diskussion um die medienwirksame Publikation eines, wenn man so will, Soziolekts zu Integrationskursen zu schlagen. Denn es ist kein Geheimnis, dass Feridun Zaimoglu der Integrationsdebatte kritisch gegenüber steht. Das mag nicht zuletzt dazu beigetragen haben, dass neben Fred, Sandy, Patrizia, Matze, Preiser und Dorothee nur Omar als „Türke“ in Neuköllns heißer Hölle vorkommt. Und Omar stellt als Besitzer eines 24-Hours-Shops auf die Melodie von Allāhu Akbar die Frage: Ist das normaaal?

Omar (Alexander Nikolić) wird am Schluss im Superman-Kostüm zum fast schon surrealen Retter Neuköllns. Statt Fred als „Möglichmacher“ mit dem Spind voller Geldscheinen ist es Omar, der an die Kraft der Zombies appelliert, die Stadt als ihren Lebensraum in Anspruch zu nehmen. Denn Sandy, Fred, Patrizia und Dorothee haben sich in ihrem Kampf ums Schnäppchen schon längst gegenseitig oder selbst umgebracht. Da muss dann Omar kommen, um die lebenden Toten endlich zu Handelnden für ihre Stadt aufzuwecken.

Dorothee (Barbara Wurster) als Mutter von Sandy ist eine aktuelle Version von Deutschland schafft sich ab. Dorothee ist die Sprüchefrau des Discounts. Sie fühlt sich nämlich von allen heruntergezählt und herabgesetzt. „Die Döner-Soldaten sind unsere Besatzer.“ „Das Deutsche ist besiegt.“ Und wenn sie so richtig loslegt, dann schwärmt sie von „Aal in Sauer“. Sie sieht nur „Pöbels Söhne überall“ in ihrem Neukölln. Und die Männer sind „Kebabmaschinen“.

Dabei wird Dorothees Existenz und ihr Wohnraum längst vom Aufräumer Fred bedroht. Und Sandy, die mit ihrem Keyboard der Gelegenheitsprostitution nachgeht wie weiland eine Mischung aus Polly Peachum und Seeräuber Jenny, hat Dorothee aus dem Haus gejagt. Denn das Deutsche mit Aal in Sauer, an dem Dorothee festhält, ist längst nicht mehr intakt. Freds Freundin und Kumpanin Patrizia bringt Dorothee kurzerhand um, damit sie an die Immobilie kommt.


Die Musik der Discount Diaspora Oper ist eine Mischung aus Kurt Weil und John Barry (Goldfinger). Das sechsköpfige Orchester wird von Daniel Sus an Keyboards, Marimba- und Vibraphone geleitet. Es rockt und popt in allen Schattierungen vom Chorbombast der Heißen Hölle Neukölln bis zu Solo-Nummern zwischen Schmelz und Schnulze. Adrian Becker (Fred), Jasmin Schulz (Sandy), Stefan Hufschmidt (Preise), Stefan Rüh (Matze), Doris Prilop (Patrizia), Alexander Nikolić (Omar) und Barbara Wurster (Dorothee) entfachen ein Feuerwerk der Stimmungen. Und Jasmin Schulz kennt als Sandy sogar sentimentale Zwischentöne, wenn sie die tote Mutter entdeckt.

Sandy und Matze haben eine seltsame Beziehung, die zwischen Gefühl und Geschäft angesiedelt ist. Matze ist irgendwie ein verrutschter Typ mit fettigem, schulterlangem Haar, Baseballcape, Sonnenbrille, Traininghose und hypercoolem Schiebergang. „Ich ficke für mein Leben gern/20 Euro sind nicht viel/ für Sandys heißes Lippenspiel“, ist sein Credo und sein Lebensinhalt. Stefan Rüh macht aus der Figur ein Kabinettstückchen.

Neben Fred ist Sandy die Hauptfigur. Sandy träumt von irgendetwas Größerem und weiß, dass die Männer Fred, Matze und Omar hinter ihr her sind. Fred will ihr gar eine Traumwohnung mit Traummöbeln einrichten. Und Sandy fragt sich, woher Fred wissen kann, was ihre Traummöbel sind. Träume sind heute kalkulierbar. Einmal raus aus dem Discount als Existenz und im Designkaufhaus aus dem Vollen schöpfen. Doch Sandy ist für Fred nicht käuflich.

Adrian Becker als Fred gibt den „schweinereichen Ironist“, der das ganze Viertel kennt. Er träumt von sich als Künstler und Discount-Messias der kleinen Leute, während er doch nur ein Immobilienhai ist. Doch selbst er kriegt nicht immer, was er will – nämlich Sandy. Er hängt Sandy den „Schlüssel zum Glück“ um den Hals. Und säuselt: „Ich geb dir das, was du brauchst.“ Doch Sandy will lieber den Looser, Matze. Da kennt Fred dann nichts und bricht ihr das Genick. Man muss ja schließlich pragmatisch an die Sache rangehen.

Und so fehlt eigentlich nur noch eine Figur, die das alles zusammenhält. Das ist Preiser. Preiser ist der fleischgewordene Discount. Der auf allen Fernsehkanälen sendet. Preiser ist der Propagandist des Konsums zum Schnäppchenpreis. Er ist mit seinem Headphone ständig auf Sendung. Ein Discount-Alptraum, der sich nicht abschalten lässt und die Gehirnwindungen flutet. Neben den Menschen, die Patrizia für Untote und Kostenverursacher hält, ist Preiser der lauteste Tote.

Discount Diaspora mit dem Text von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel aus Neumünster ist mehr Brecht und Marx als Karl-Marx-Straße. Vera Römer und Gregor Wickert haben die Diaspora mit ihrem Bühnenbild in die Zweiraumwohnungen mit Balkon und Satellitenschüssel gebeamt. Doch Discount Diaspora ist nur metaphorisch auf der Karl-Marx-Straße angesiedelt. Längst ist es eine deutsche Befindlichkeit, die ins Eigenheim mit Carport gezogen ist.

Die Discount-Läden auf der Neuköllner Highstreet sind in ihrer Massivität nur ein Extrem, das doch längst als Konzept die Haupteinkaufsstraßen der Bundesrepublik erobert hat. Das gilt von Flensburg über Neumünster bis Duisburg und Chemnitz. Feridun Zaimoglus Discount Diaspora hat durchaus eine Botschaft im Superman-Kostüm: Tu was für deine Stadt. Überlass deine Stadt nicht den Immobilienentwicklern und Schnäppchenjägern.

Vor dem Hintergrund der Ideologie des Discount, der die Waren und die Menschen herabsetzt, ist dann die Integrationsdebatte eher ein Nebenschauplatz.

 

Torsten Flüh

 

Discount Diaspora

Neuköllner Oper

Karl-Marx-Straße 131

12043 Berlin

U7 Karl-Marx-Straße

 

Weitere Aufführungen:

24.-27. März 2011

Sowie 1.-3., 7.-10., 15.-17., 21., 22. und 25. bis 29. April 2011

Jeweils 20:00 Uhr


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