Das Regime wegrocken - Die iranische Underground-Band KIOSK im FritzClub im Postbahnhof

Iran – Farsi – Underground 

 

Das Regime wegrocken 

Die iranische Underground-Band KIOSK im FritzClub im Postbahnhof 

 

Freitagnacht im FritzClub im Postbahnhof am Ostbahnhof: Arash Sobhani rockt den Saal mit seiner Band in einer Mischung aus iranischen Melodie- und Rhythmusanklängen sowie Rock, Blues bis zu Punkelementen. Junge, verschwitzte Männer und Frauen im Studentenalter rufen rhythmisch ānˉkōrˉ! ānˉkōrˉ! ānˉkōrˉ! Gerade ist der Schlussakkord des ersten Konzerts der iranischen Underground-Band KIOSK in Berlin verklungen. Sie wollen Arash Sobhani und seine Band nicht von der Bühne lassen, wollen eine Zugabe.

Reza hat mir den Tipp gegeben. Er meinte, dass mich KIOSK interessieren könnte. Diese transkulturelle Musik mit den Songtexten von Arash Sobhani. Der Bandname ist Ursprung und Programm: Kiosk nannte und nennt man im Iran jene improvisierten Tonstudios, in denen Bands am Regime vorbei und/oder gegen das Regime der Revolutionswächter Musik machen. Kioske sind zufällige Treffpunkte nicht nur für den Zeitungskauf, sondern auch beiläufiger Gespräche, Schnittstellen von Gerüchten, Witzen, Tratsch. Am Kiosk scheitert die totalitäre Meinungsmacht des Regimes.

Früher waren Kioske vor allem sogenannte Fliegende Bauten nach den deutschen Bauverordnungen, die schnell als Buden oder Zelte etc. ihren Ort wechseln konnten. Kioske sind in aller Öffentlichkeit konspirativ. Und weil sich der Kiosk, zumindest die alten, provisorischen Holzkioske immer auch am Rand von Hygienebestimmungen in Deutschland hielten, wurde der Blech- und Hygienekiosk üblich. Es gibt sogar eine Erforschung der Kiosk-Kultur in Deutschland. Der Kiosk ist ein politischer Ort, insbesondere im Iran: Schnittstelle von Meinungsmacht des Regimes und ihrer Unterwanderung.

Übergangsorte wie der alte Postbahnhof von Wilhelm Tuckermann, der auf Veranlassung der Kaiserlichen Oberpostdirektion 1906 gebaut wurde, und Kioske sind immer politisch. Neben dem Schlesischen Bahnhof wurde dieser Bahnhof mit einem Beutelschüttelwerk für die Briefe und wohl auch Ansichtskarten aus bzw. nach Berlin erbaut, um dem schlagartigen Anstieg im Postverkehr Herr zu werden. Auf der anderen Seite der Spree war zehn Jahre zuvor die Doppelkaianlage mit Leuchtturm für die Kolonialausstellung erbaut worden. Der sogenannte Datenverkehr, denn darum handelte es sich ja letztlich beim Austausch von Schriftstücken, nahm zu jener Zeit sehr viel Platz ein. Heute macht der FritzClub, der mit Fritz Radio vom RBB kooperiert, hier Musik und Partys. Gerade wird am Postbahnhof ziemlich viel gebaut. Wohnen im Grünen und mit der Spree vor der Tür wird versprochen.    

KIOSK macht witzige, schwer einzuordnende, sehr tanzbare Rockmusik. Das wird gleich klar, wenn das Konzert beginnt. Die Fans kennen ihre Band und die Liedtexte. Sie singen mit. Und Arash Sobhani spricht sein Publikum an, wie es die großen Rockstars tun. Der Draht ist sofort da. Und dieser Draht hat viel mit dem Regime in Teheran zu tun. So wie KIOSK eine Band war, die nur im Untergrund auftreten und illegal ihre Alben produzieren konnte, ist sie heute eine Exil-Band, von der sich junge und ältere, vor allem aber doch intellektuelle und politisch engagierte Iraner angesprochen fühlen. Arash Sobhani kennt das Regime und seine Akteure gut, sagt Reza, der das wissen muss.

Arash Sobhani und andere Mitglieder der Band, zu deren aktueller ständiger Besetzung vor allem Ali Kamali (Bass) und Tara Kamangar (Violine) zählen, sind wie Shahrouz Molaei seit der Entstehung der Band in Teheran dabei. In seinen Songs erzählt Sobhani vom Alltag im Iran. Von den politischen Akteuren in Teheran. Die Erzählungen handeln davon, wie religions- und regimetreue Menschen die Widersprüche des Regimes am eigenen Leib erfahren, wie sich der Terror der Revolutionswächter in das eigene Leben schleicht und Existenzen zerstört. Visualisiert wird das in Musik-Videos beispielsweise mit alten Bildern von zerstörten Vergnügungsparks oder mit Masken, die satirisch Akteure entlarven.   

 

Bilder und Sichtbarkeiten bis zum T-Shirt-Aufdruck als Statements spielen eine wichtige Rolle im Konzept von KIOSK, beispielsweise für Frauen im überwiegend schiitischen Iran. Dass die klassisch an der Violine ausgebildete Tara Kamangar jetzt in der Band fest mitspielt, ist für eine iranische Band heute bereits politisches Statement. In einem Staatssystem, in dem Frauen aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt werden, wird eine Frau in einer Männerband zum Affront. Exil-Iranerinnen, die nach der Islamischen Revolution oder schon zuvor nach Berlin kamen, um zu studieren, spiegeln sich in Tara Kamangar wider. Sie wollen so selbstbewusst und selbstverständlich wie Tara wahrgenommen werden. 

Am 12. Juli 2009 wurde bei YouTube ein Video hochgeladen, das die Band berühmt machte. KIOSK trat am See vor dem Kapitol in Washington im Justice Through Music Project auf. Zehn Jahre nach den Studentenprotesten von 1999 kam es anlässlich der Präsidentschaftswahlen am 8. Juli 2009 wieder zu Protesten von Studenten, die wie der Blogger Hesam Misaghi als Bahai beispielsweise dagegen protestierten, dass Bahai von den Universitäten ausgeschlossen werden sollten und benachteiligt wurden. Am 3. März 2010 wurde seine Wohnung vom iranischen Geheimdienstkommando gestürmt. Das Internet und seine Medien spielen nicht nur für KIOSK eine entscheidende Rolle, sondern in persönlichen wie politischen Prozessen. Sobhani thematisiert das in den Songtexten. Meine Freundin Afsar sagt: Wir sehen die Videos von KIOSK auf YouTube.

KIOSK liefert den Sound zur Regimekritik und lädt dennoch oder gerade deshalb zum Tanzen, ja Feiern ein, weil das politisch wird, wenn die ganze Existenz reglementiert wird. In einem System, in dem alles bis hin zum Chatten zwischen nicht verwandten Männern und Frauen durch das religiöse Oberhaupt und Obersten Rechtsgelehrten, dem 74jährigen Ajatollah Chamenei, seit 2014 durch Verbote und Gebote reglementiert wird, werden die kleinsten Abweichungen von der Regel zum lebensgefährlichen Protest. KIOSK bzw. Arash Sobhani verfolgt in seinen Liedern eine literarische Strategie der Sprachspiele, Vertauschungen und offensichtlichen Analogien, wenn es beispielsweise um eine Busfahrt geht und ein Passagier plötzlich aussteigen will, es aber nicht darf. Aussteigen verboten! Wer wann, wie und wo „aussteigt“ bestimmt allein das Regime. 

Farsi muss irgendwie eine musikalischere Sprache als Deutsch oder Englisch sein, denke ich mir. Vielleicht wie Französisch: ānˉkōrˉ, ānˉkōrˉ? Jedenfalls klingt das Französische encore für Zugabe oder Wiederholung phonologisch doch sehr deutlich in Farsi hervor. Frauen und Männer tanzen ausgelassen. Beim französischen Chanson tanzt man nicht. KIOSK macht mit Farsi und seiner Musik etwas so bemerkenswert Neues, dass BBC bereits 2013 ausführlich mit KIOSK zusammenarbeitete. Stimmung und komplexe Texte schließen sich nicht aus, sondern werden zu Protestsongs der besonderen Art. Das geht bis zu einem fetzigen Facebook-Song: 

The black list, the hit list, 

the list of Google’s world wide web…. 

I swerved through the dark corners of the “filter net” 

Finally, I found you on facebook, I “added” you– 

and you “ignored” me. 

Hundreds, hundreds of times… 

I didn’t falter, I didn’t give up 

I updated my “status” so the world would know: 

I am the prey, and you are the hunter! and I’m trying to fall into your trap! Yes, I’ve been all over LinkedIn, MySpace, Orkut, trying to fall into your trap…

Im Facebook-Song wird der Widerspruch der sogenannten Social Media offengelegt, indem der Wunsch nach Freundschaft ignoriert und das Medium zu Falle wird. Literarisch ist das derartig vieldeutig, dass sich das Persönliche der „Freundschaftsanfrage“, ein Facebook-Begriff und eine Funktion, mit dem Politischen einer Beteiligung der Zivilgesellschaft überschneidet. Das Private des Persönlichen wird zum Politikum. Die Bereiche lassen sich nicht mehr trennen. Denn schließlich liest der Geheimdienst in den Medien immer auch mit. Die „Freundschaftsanfrage“ wird zum Risiko der Verfolgung. - „I am the prey, and you are the hunter!“ - Die unverzichtbare Freiheitsgeste und der Verrat liegen in den Social Media sehr nah bei einander. Sie fallen unter den Bedingungen eines totalitären Regimes in eins.

 

Arash Sobhani hat dem Verbot als Formulierung der totalitären Macht einen ganzen Song gewidmet. Es ist vor allem die Vorherrschaft der Verbotsstruktur, die zum Stillstand führt, wenn so ziemlich gar nichts mehr erlaubt ist. In Mamnooe (Forbidden) oder mmnwe wird vorgeführt wie die religiös legitimierten Verbote zu einer Umwertung der Begriffe und zur Absurdität führt. Die Satire wird zu einem durchgedrehten, aggressiven Hexentanz, um es einmal so zu sagen. 

Stupidity is called bravery / Idiocy is the definition of honesty 

Silliness is being smart / The values of society are a joke 

Insult is called guidance / Veil is called decency 

Virginity is women’s only asset / Marriage is a monetary transaction 

There is nothing more to say / When both silence and cries are forbidden 

Move away from here, man! Standing here is forbidden 

(Photography from government buildings is forbidden, the Baha'i faith is forbidden, private TV stations are forbidden, a gathering of more than four people is forbidden, education for Afghan children is forbidden)   

ānˉkōrˉ! ānˉkōrˉ! ānˉkōrˉ! Die Mitglieder von KIOSK waren offenbar vom Enthusiasmus ihrer Berliner Fans beeindruckt. Sie ließen sich zu zwei Zugaben überreden. Und wieder heizte die Band in Farsi den ein paar Hundert Leuten mit schnellen Rhythmen bis zur Erschöpfung auf ein. KIOSK kann man auch hören und dazu tanzen, wenn man kein Farsi spricht. 

 

Torsten Flüh

 

KIOSK 

Tourdaten 

Demnächst New York, Los Angeles, Toronto 

 

FritzClub
im Postbahnhof am Ostbahnhof
Konzerte und Parties
Straße der Pariser Kommune 8
10243 Berlin

 


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Categories: Medien Wissenschaft | Party

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