Das Sprechen im Kino - Zu Lothar Lamberts Sein Kampf und Rosa von Praunheims Filmen

Sprechen – Politik – Sexualität  

 

Das Sprechen im Kino
Zu Lothar Lamberts Sein Kampf und Rosa von Praunheims Filmen
 

 

Als das Kino im Underground sprechen lernte, hatten zwei bemerkenswerte Filme Premiere. Am Montagabend wurde Lothar Lamberts Film Ein Schuss Sehnsucht/Sein Kampf (1972) in der Brotfabrik in der Raritätenreihe des Berlin-Film-Archivs wiederaufgeführt. Dass Rosa von Praunheim seinen 70. Geburtstag feiert, dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Zum Geburtstagsprogramm gehört die Ausstellung Rosa von Praunheim – Rosen haben Dornen im Haus am Lützowplatz. Berühmt wurde Rosa mit dem Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der erlebt (1970).  

 

Die zeitliche und thematische Nähe beider Filmemacher ebenso wie ihre unablässige Filmproduktion - 36 (Lambert) und über 70 (von Praunheim) - sowie ihre rekordverdächtigen Berlinale-Teilnahmen - 17 bei Lambert und sicher nicht weniger als 17 bei von Praunheim - können nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht nur ihr Berühmtheitsgrad sie unterscheidet. Von besonderem Interesse sollen hier einmal die Anfänge der beiden queeren Filmregisseure an der Schnittstelle zum Film mit Ton sein. Denn Ton und Text spielen allein schon wegen der Produktionsbedingungen – z.B. 16mm, s/w und Farbfilm aber ohne Ton - eine besondere Rolle, was allerdings bisher weniger Berücksichtigung erfahren hat. 

 

Um 1970 war das Filmmaterial teuer. Selbst 1979 drehte Lambert noch Tiergarten mit nachträglicher Vertonung, worauf bereits eingegangen wurde. Dieser materialistische Faktor des Filmemachens soll hier einmal stärker in Erinnerung gerufen werden, weil heute jeder Schüler mit seinem Smartphone oder iPad Filme mit Ton „dreht“. Es kostet quasi nichts. Ob es die Handy- oder Mobilefilme der Arabischen Revolution oder das 90 Sekunden lange Urlaubsvideo aus dem Skilift in Colorado sind, digitale Filme und Fotos haben die Praktiken des Filmens im höchsten Maße verändert. Die digitalen Filme haben geradezu selbstverständlich Ton, selbst dann wenn nicht klar ist, ob überhaupt etwas zu hören sein soll. Die Tonspur ist eingebaut. Anfang der 70er Jahre war das anders. Ton war ein entscheidender Kostenfaktor für die Filmproduktion. Genau an diesem Punkt verdienen die frühen Filme von Lothar Lambert und Rosa von Praunheim einmal genauere Beachtung. 

 

Der Filmemacher wünschte sich selbstverständlich, dass seine Filme sprechen könnten. Zwar gab es im kommerziellen Film seit 1927 den Ton und bis 1936 hatte sich der Tonfilm weltweit durchgesetzt. Doch das galt eher für den fiktionalen Film. Die Tonqualität beispielsweise der hoch konstruierten Dokumentarfilme von der Olympiade 1936 von Leni Riefenstahl darf doch heute eher als schlecht gelten, wobei es an technischem Aufwand sicher nicht gemangelt hat. Die Produktion des Tons und der Sprache im Film hatte natürlich bis 1970 erhebliche Fortschritte gemacht. Doch der Schmalfilm blieb weiterhin tonlos oder wurde per Tonband nachvertont.  

 

Die Vertonung hatte Folgen für die Sprache und das Sprechen im Film. Der Kosten- und Zeitfaktor Vertonung brachte unter anderem eine Unterscheidung zwischen Amateur und Profi hervor. Unter den Bedingungen der prekären Frage des Tons wurden Rosa von Praunheim und Lothar Lambert zu Filmemachern. Und die Frage des Tons sollte auch noch für einige Jahre ihre Filmproduktionen bestimmen. Eine andere Frage warf sich in der Wahl des Filmmaterials schwarz/weiß oder Farbe auf. Farbe war teurer als Schwarz/Weiß. Professioneller, technisch „wertvoller“ war natürlich Farbe. Doch wie sollte man nun im Film sprechen, wenn man wenigstens im Ansatz den Erwartungen an einen professionellen Film entsprechen wollte? 


Foto: Lothar Lambert (Ein Schuss Sehnsucht - Sein Kampf)

 

Lothar Lambert sagte am Montagabend nach der Vorführung auf die Frage nach der Sprache seiner Darsteller in Sein Kampf, dass die Darsteller, größtenteils Laien, ebenso gesprochen haben, wie sie sprechen wollten, weil jede Szene mit Ton nur einmal gedreht werden konnte. Man könnte sagen, dass dadurch ein besonderer Live-Effekt in dem Film zu beobachten ist. Der Text war weder besonders ausgearbeitet etwa im Sinne eines Textbuches, sondern musste mehr oder weniger von den Darstellern selbst erfunden werden, noch konnte das Sprechen mehrmals geprobt oder eine Szene wegen „falschen“ Sprechens verworfen werden.  

 
Foto: Lothar Lambert (Ein Schuss Sehnsucht - Sein Kampf)

 

Das Sprechen sollte „natürlich“ wirken. Während im Kinofilm und Fernsehn die Stars mittlerweile quasi mühelos und selbstverständlich sprachen oder sogar sangen, erforderte das Sprechen bei Lambert doch andere Aufmerksamkeit. Und weil das Filmmaterial so teuer war, wurde auch, was man bei den Stars rausgeschnitten oder noch einmal gedreht hätte, bei Lambert im Film belassen. Ein natürliches Sprechen, das im Spielfilm auf Dialogen beruht und eingeübt wird, konnte daher auch fehlgehen und trotzdem erhalten bleiben.  In einer Kritik von Wolf Donner in der ZEIT von 1973 wird das Sprechen als „dauernd spürbare Improvisation“ gelobt:

... Gut ist zunächst das Prinzip, die fiktiven Szenen mit Reportagen vom Berliner Sommer 1972 zu montieren: einer Militärparade, einem Protestzug der Polizei, Demonstrationen gegen die Ausländergesetze und die Baader-Meinhof-Prozesse. Gut ist die ironische, distanzierende Behandlung der Musik (...) oder die dauernd spürbare Improvisation (eine Frau bricht aus der Szene aus und wendet sich hilfesuchend an die Kamera: Scheiße, dat is nischt...; die Berliner Polizei spielt brav mit und verhaftet den Helden, der in einer Privataktion vorm Amerikahaus gegen Nixon protestiert), und gut ist die offene, klare Form des Films, die jede Identifikations-Offerte umgeht, statt dessen kühl argumentiert und, was die Ästhetik angeht, wiederum provozierend simpel und mickrig sich darbietet.  


Foto: Lothar Lambert (Ein Schuss Sehnsucht - Sein Kampf)   

Was sich gerade in Sein Kampf und auf andere Weise in Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt beobachten lässt, ist ein besonderer Modus des Sprechens, der durch die Produktionsbedingungen bestimmt wurde. Dies ist insofern von Interesse, als sich Lothar Lambert oder auch Rosa von Praunheim heute meinen, für den Ton und die Sprache entschuldigen zu müssen. „Scheiße, dat is nischt ...“, verwirft die Szene, das eigene Spielen und Sprechen im Film. Es formuliert eine Selbst-Kritik gemessen an den Standards des Kinos. Oft wird die Tonspur besonders kritisiert. Doch genau dieser Umstand soll hier ins Interesse gerückt werden. Unter der Fragestellung von natürlichem und unnatürlichem Sprechen im Film, das offenbar durch Produktionsbedingungen beeinflusst wurde oder überhaupt werden kann, tritt nämlich eine tiefere nach dem Ausdruck hervor.  


Foto: Lothar Lambert (Ein Schuss Sehnsucht - Sein Kampf)


Drückt der Laiendarsteller im Film etwas richtig oder falsch aus? Die Frage des Ausdrucks, die in einer Konstellation von Ich, Wahrheit, Subjekt, Selbst und Darstellung oder auch Selbstdarstellung auftaucht, wird in einem Film wie Sein Kampf brennend. Dies gilt umso so mehr im Film, indem er sich in einer hoch politischen Situation als Erzählungen vom Politischen situiert. Politisch ist dabei auch die Homosexualität eines „braven Finanzbeamten“ (Lothar Lambert). Und politisch ist es natürlich, wenn dieser „brave Finanzbeamte“ später in einer Sequenz vor einem Spiegel in seinem Untermieterzimmer steht und agitatorische Reden bis zu einem Punkt probt, an dem man ihm schließlich gratulieren möchte, wie gut und authentisch er nun den Ausdruck hinbekommen hat. 


Foto: Lothar Lambert (Ein Schuss Sehnsucht - Sein Kampf)
 

Kommentiert wird die Spiegelszene, in der es um den Ausdruck geht, übrigens vom Vermieter gegenüber der besorgten Mutter des Untermieters, wenn er sagt, dass er sich Sorgen um den Sohn mache, der in seinem Zimmer lange, erregte Selbstgespräche führe. Nun bestehen diese Selbstgespräche vor dem Spiegel gerade aus recht allgemeinen linken, politischen Floskeln. Was als Selbstgespräch gehört und auf Besorgnis erregende Weise verstanden wird, entpuppt sich als zweischneidige Spiegelszene, die politisch besetzt ist. 

 

Das Politische kommt in mehrfacher Weise in der Spiegelszene zum Zuge. Einerseits gibt sie einen Wink auf den Titel, in dem Adolf Hitlers Schrift Mein Kampf, derart penetrant mitklingt, dass Lothar Lambert und sein Mitproduzent und ebenfalls Kameramann Wolfram Zobos den Filmtitel in Ein Schuss Sehnsucht ändern mussten. „Werner Gassmann vom Hamburger Abaton Kino“ nahe der Hamburger Universität wollte den Film 1973 nicht mit dem ursprünglichen Titel herausbringen, weil das im Kontext von ’68, der Studentenrevolution und der Baader-Meinhoff-Gruppe als völlig unpassend verstanden wurde. Doch die politische Haltung des Films ist auf der narrativen Ebene wesentlich komplexer. Es geht nämlich um das Muster einer politischen Radikalisierung, wie es sich möglicherweise auch heute auf andere Weise noch finden lässt. 

 

Es ist noch einmal auf die Anspielung auf Adolf Hitler zurückzukommen. Nachgefragt antwortete Lothar Lambert darauf, dass Hitler doch schließlich auch einen Schauspieler als Lehrer für seine Reden konsultiert habe. Ausführlich thematisiert hat Bertold Brecht die Situation mit der Schauspieler-Szene in Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui (1941), der Heiner Müller 1995 allein deshalb schon besondere Beachtung schenkte, weil er den Schauspieler mit Bernhard Minetti und später mit Marianne Hoppe besetzte. Die Schauspieler-Szene macht Arturo Ui/Adolf Hitler nicht etwa weniger gefährlich. Vielmehr gibt sie einen Wink auf die Rolle der Sprache und das Sprechen.   

 

Kommen wir auf das Sprechen und dessen Produktionsbedingungen im Film zurück. Sein Kampf ist ein stiller Film, könnte man sagen. Im Moment vor dem Spiegel ist er vielleicht am lautesten. Denn der ehemalige, brave Finanzbeamte sitzt meistens in den Sets still als Beobachter herum oder findet die Worte nicht, wenn es um Politik, Liebe und Sex geht. Es gibt eine Kargheit des Sprechens als Ausdruck. Beispielsweise wenn er einen Stricher am Bahnhof Zoo anspricht, er aber nicht sagen kann, ob er ihn nun mitnehmen will oder nicht. Der Stricher spricht hier mehr als der Freier. Was der Stricher sagt, ist schlecht zu verstehen und eher belanglos, doch er spricht. In einer anderen Szene redet die Mutter minutenlang auf den Sohn ein, dass er zur Arbeit gehen solle, und benutzt doch nur sich wiederholende Floskeln, die irgendwie falsch gesprochen klingen. Es ist, als spreche die Mutter nur, weil der Befehl kam: „Kamera läuft!“ 

 

Die narrative Anlage von Ein Schuss Sehnsucht, um nun einmal den abgewandelten Titel ins Spiel zu bringen, lässt sich schon deshalb als queer formulieren, weil die Aufforderung der Bewaffnung nicht etwa nur aus der linken Szene kommt, sondern durch einen dokumentarischen Trauerzug von Polizeibeamten – Stimme der Freundin im Off: „Endlich demonstrieren einmal die Richtigen.“ - und eine Titelseite der Bild Zeitung zu Beginn in Szene gesetzt wird: 

Unsere Kripo ist verbittert:
Schützt Euch selbst!
Kauft Euch Waffen!
 

Später ist auf einer Litfasssäule mit Bild über dem „14. Gebrauchtwagenmarkt“ zu lesen: 

BERLINER MORGENPOST
Es geht um deine Sicherheit
Eine Serie zu unserem Schutz
 

 

Tatsächlich könnte man sagen, dass es nicht klar ist, ob sich der ehemalige Finanzbeamte wegen der Diskussionen zur Bewaffnung in der linken Szene bzw. im Umfeld der Baader-Meinhof-Gruppe oder wegen der quasi Re-Bewaffnung der Leser der Bild Zeitung oder Berliner Morgenpost im Wunsch nach mehr Sicherheit(!) bewaffnet. Am Schluss wird er am Rathaus Schöneberg einen gesichtslosen Mann erschießen, der möglicherweise zufällig aus dem Rathaus kommt. Wichtiger als die Frage, auf welche Seite sich Lambert und Zobos mit dem Film schlagen wollten, war offenbar die Struktur einer Radikalisierung. Natürlich gibt der ganze Film eine linke Haltung zu erkennen. Doch viel interessanter ist es, dass er sich nicht auf die Seiten einer Studentenrevolutionsrhetorik schlägt. 

 

In einigen Szenen knattert die Kamera hörbar. Unter Gesichtspunkten der Professionalisierung ist diese „dunkle Seite“ des Tonfilms natürlich ein Fehler. Andererseits ruft sich hier die Kamera aber eben auf befremdende Weise noch einmal selbst in Erinnerung. Wenn man schon im Medium einer Analogizität dreht, dann hatte eben dies in der Erzählung weitestgehend zu verschwinden. In dem Moment, wenn sich die Kamera selbst auch noch akustisch in Erinnerung bringt, wird sie als störend empfunden. Dies markiert auf mehrfache Weise den Film als Dokumentar- und Spielfilm. 

 

Ein Schuss Sehnsucht formuliert nicht zuletzt die Bewaffnung und das Schießen in einer Kombination mit der Sehnsucht. Aber wie lässt sich das verstehen? In welcher syntagmatischen Verbindung steht die Sehnsucht zum Schuss? Ein Schuss Sehnsucht ließe sich wie ein Schuss Rum im Tee lesen. Dann wäre der Schuss die Bezeichnung einer kleinen Menge. Oder gibt es eine Sehnsucht nach dem Schuss? Der Titel ist keinesfalls harmloser als Sein Kampf. Es ist nur ein anderer Modus. Denn es könnte eben auch die Sehnsucht eines Finanzbeamten, der mit seiner Mutter üblicher Weise in den Urlaub fährt, nach einem anderen Leben sein, von dem er gar nicht sagen könnte, wie es sein sollte, nur dass es anders sein müsse. Diese Sehnsucht nach dem Anderen, von dem sich nicht genau sagen lässt, was es sein soll, bringt überhaupt die Radikalisierung in Gang, an deren Ende ein Schuss abgegeben wird. 

 

Im Unterschied zu Lothar Lamberts Film strotzt Rosa von Praunheims Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt vor Eloquenz. Obschon der Film ohne Ton in Farbe von Rosa von Praunheim gedreht wurde, erhielt er an der Schnittstelle von Dokumentar- und Spielfilm nachträglich einen Ton und damit vor allem auch Text. Wie bereits der Titel anzeigt, geht es um die Formulierung einer politischen „Situation“. In Dialogen und Erzählungen eines Off-Erzählers (Volker Eschke) kommen unterschiedliche narrative Modi zum Zuge. Führen die Bewohner einer Männerkommune in einer Studio-Matratzenlandschaft eine Diskussion um das richtige Leben als Homosexueller, so spricht der Erzähler zur Sequenz am Strandbad Wannsee einen erzählenden wie kommentierten Text. 

 

Die politische Formelhaftigkeit der Texte hat Rosa von Praunheim nicht zuletzt in der Ausstellung im Haus am Lützowplatz in einer Installation zu Magnus Hirschfeld mit Protestschildern noch einmal in Szene gesetzt und verstärkt. - „Schwul sein ist nicht abendfüllend.“ (Originalzitat aus dem Film) - Doch es wird wohl nicht zuviel sein, genau diesen Modus der Sprache zwischen Protest und Forderung, Provokation und Verortung, für den Erfolg des Filmes und als Anstoß für die Gründung der ersten Organisation der Schwulenbewegung in Deutschland, der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) am 15. August 1971, nachdem der Film am 3. Juli 1971 auf der Berlinale gezeigt worden war, auszumachen. 

 

In der zeitgenössischen Diskussion um den Film und seine Ausstrahlung im Fernsehen, z.B. unter der Rubrik TV-Spiegel in einer Stellungnahme von Günter Rohrbach vom 24.01.1972 wird auf die Sprache und die nachträgliche Vertonung des Films nicht näher eingegangen. Der Film ist seit 18.02.2010 in mehreren Teilen auf YouTube zu finden. Besondere Erwähnung findet hier nun, dass „Bild und gesprochenes Wort anscheinend nicht zusammenpassen“. Günter Rohrbach konnte offenbar als Leiter der Abteilung „Spiel und Unterhaltung“ des WDR Köln im Spiegel selbst einen Artikel über die Notwendigkeit der Sendung im Ersten Programm der ARD schreiben. Denn der Film wurde quasi ins Dritte Programm des WDR verbannt bzw. ausgegrenzt. 

 

Die Argumentation dreht sich vor allem um den Punkt der Toleranz. Situiert sich der Film selbst vom Titel her als politisches Dokument und Spielfilm, wird von Rohrbach vor allem als eine Forderung nach Solidarität statt Toleranz formuliert. Es ging mit einem anderen Wort vor allem auch um Lebensentwürfe des Anderen, die bei Lambert dann ebenfalls ein Echo finden sollten:    

… Mag sein, daß er die Spießer erschrecken würde; aber kann man Vorurteile verstärken, wo der Nebel so dicht ist. daß kaum noch jemand hindurchsieht? Die Homosexuellen würden danach vielleicht nicht weniger Feinde haben, dafür aber mehr Freunde. Die Lauen vor allem, sie müßten sich bekennen, für oder gegen. Es gäbe vielleicht weniger Toleranz als bisher, dafür aber mehr Solidarität. Freilich müssen auch die Homosexuellen wissen, wofür sie sich entscheiden wollen. Darum ist dieser Film in erster Linie für sie gemacht. Daß er dennoch im Fernsehen, also vor einem großen Publikum, laufen sollte, entspricht den Bedürfnissen der Gesellschaft wie der Ideologie seiner Macher: Die Diskussion über die Situation der Homosexuellen sollte öffentlich und damit ehrlich werden.    

 

Die Frage nach dem Zusammenpassen von „Bild und gesprochenem Wort“, die zunächst einmal in den Produktionsbedingungen beantwortet werden kann, erweist sich als ein Problem von Gesellschaft und Sprache. Einerseits fehlt dem „Finanzbeamten“ die Sprache auch, andererseits passen Sprache und Bild nicht zusammen. Rosa von Praunheim hatte bereits mehrere Filme ohne Ton gedreht. In dem Moment allerdings, in dem der Film die Sprache erfordert und nicht nur von einer Filmsprache, die es sicher auch gibt, gesprochen werden kann, geht auch ein Riss durch das Medium selbst.   

 

Rosa von Praunheim macht jeden Samstag noch bis zum 17. Februar 2013 um 16:00 Uhr mit Tilly Creutzfeld-Jacob, Tima die Göttliche, Ichgola Androgyn und Karin Pott Führungen durch seine Ausstellung. Wie die Namen anzeigen, geht es auch hier um das Geschlecht, das sich in Alternativen des Homosexuellen formuliert. Wie Rosa von Praunheim mit seinem Namen selbst das Geschlecht sowohl in seiner Unterscheidung zwischen männlich und weiblich, als auch von der Abstammung eines Geschlechts derer von Praunheim überschreitet und durchkreuzt, so formuliert sich darin die Sehnsucht nach dem Anderen. Er kritisiert allerdings, dass heute das Leben der Homosexuellen kommerzialisiert sei und sich anders entwickelt habe, als er sich das gewünscht hatte. — Doch das stimmt nur sehr bedingt, denn die Queer-Studies sind in diesem Bereich präsent. 

 

Torsten Flüh 

 

Brotfabrik 

Ein Schuss Sehnsucht – Sein Kampf
von Lothar Lambert
noch bis 19. Januar 2013 jeweils um 22:00 Uhr 

 

Haus am Lützowplatz
Rosa von Praunheim – Rosen haben Dornen
Noch bis 17. Februar 2013


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Categories: Film

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