Das Tier Mensch

Vitrine - Prosa - Wissenschaft

 

Das Tier Mensch

 

Martin Wuttkes „Das Abenteuerliche Herz: Rausch und Droge“ am Berliner Ensemble

 

Im Museum für Naturkunde in der Invalidenstraße unweit des Berliner Ensembles, nur einmal um die Ecke von Bertolt Brechts letzter Berliner Wohnung in der Chausseestraße sind in mannshohen Glasvitrinen ausgestorbene Quaggas, Gürteltiere und Nasenbären zu betrachten. In der Spätvorstellung des Berliner Ensembles um 22:30 Uhr im üppig dekorierten Foyer aus der vorletzten Jahrhundertwende steht eine vergleichbare Vitrine im Scheinwerferlicht. Neobarocke Einrichtungsgegenstände, üppige Federkissen und ein Toaster bereiten das Biotop für das Tier Mensch.

 

Quagga im Museum für Naturkunde, Berlin

 

Um die Anschauung des zoologischen Objektes ein wenig lebhafter zu gestalten, wurde auf das Ausstopfen der Leiche verzichtet. Dennoch wird es an diesem Abend ständig um Tod und Rausch, Drogen und Leben gehen. Die Frage, ob der Mensch bereits ausgestorben sei, bietet den Hintergrund für den Abend mit von Wuttke dramatisierten Prosatexten Ernst Jüngers.

Der umstrittene Schriftsteller und Zoologe Ernst Jünger, der das 20. Jahrhundert wie kaum ein anderer mit seiner Lebensspanne von 1895 bis 1998 abdeckte, hat die Frage, ob es bedauernswert sei, wenn der Mensch verschwände in einem Interview mit André Müller am 8. November 1989, auf folgende Weise beantwortet:

"Ja, ich bedaure auch, dass es keine Dronte mehr gibt."

Die Dronte war ein etwa ein Meter hoher, flugunfähiger Vogel, der sich von vergorenen Früchten ernährte.

 

Eine Dronte wie lebendig im Museum für Naturkunde, Berlin

 

 

Jünger hatte das Verschwinden des Menschen stets zoologisch begriffen, wo Friedrich Nietzsche es philosophisch sah. Das macht einen Unterschied. Philosophisch ist der Mensch etwas anderes als zoologisch. Doch genau diesen feinen Unterschied hatte Jünger zeit seines Lebens verworfen. Auf diese Weise wurde der Mensch von Jünger in seiner Literatur so gut wie nie mit Liebe betrachtet, sondern als zoologisches Studienobjekt. Dies macht das berühmte Interview von André Müller auf geradezu schmerzliche Weise deutlich.

Zoologische Vorfahren des Menschen im Museum für Naturkunde, Berlin

 

 

Martin Wuttke knüpft mit seiner Textfassung, Inszenierung und Darstellung der Figur des Dr. Fancy haargenau an das Interview an. Wenn die sieben Herren des Stückes schwül und verweiblicht in seidenen Morgenmänteln, kurzen Unterhosen und mit wahllos verrutschenden Haarteilen durch das bestuhlte Foyer schreiten und sich in die Vitrine begeben, schimmert André Müllers Feststellung durch, dass Jugendfotos von Ernst Jünger einen „zarten, fast femininen Jüngling zeigen“. Jüngers männliches Pathos wird durch die Inszenierung damit von Anfang an brüchig.

 

Drei im Stil der dreißiger Jahr lasziv gekleidete Damen – Joan, Gretha, Sally – folgen den Männern. Joan tritt als adrette und attraktive Sekretärin auf, um sich später im durchsichtigen Negligé unter die Männer zu mischen. Gretha und Sally erinnern von ihren Namen her nicht nur zufällig an Greta Garbo und Sally Bowles. Die Namen sind Chiffren einer Epoche wie des Biographischen. Denn Ernst Jüngers erste Frau hieß Gretha von Jeinsen. Sie stellen den Bezug zu einer fiktiven Handlungszeit her. Diese ist irgendwann zwischen 1929 - Erscheinungsjahr von Ernst Jüngers „Das Abenteuerliche Herz. Erste Fassung. Aufzeichnungen bei Tag und Nacht“ - und dem 27. Mai 1944 anzusiedeln. An jenem Tag stand Ernst Jünger mit einem Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, auf dem Dach des Hotels „Raphael“ in Paris, das gerade von den Engländern bombardiert wurde. In seinem Pariser Tagebuch stand dann fatalistisch, dass er lieber mit dem Tod ein Glas Sekt trinke. Rausch, so oder so. Drogen oder nahender Untergang des Dritten Reiches, beide lösen einen rauschhaften Zustand des Autors aus.     

 

Sekt in seiner besseren Variante als Veuve Clicquot wird in der Vitrine oft und viel getrunken und vergossen. Das Knallen der Korken wechselt nicht von ungefähr mit dem Knallen der Pistolen. Immer mal wieder wird jemand erschossen. Dr. Fancy knallt mal auf die eine, mal auf die andere Weise. Hauptsache es knallt.

Systematischer Schaukasten mit Meerestieren im Museum für Naturkunde, Berlin

 

 

"Das Abenteuerliche Herz" ist nicht irgendein Text von Jünger. Vielmehr kann er als ein zentraler für sein Werk genommen werden. Einschätzungen, dass "Das Abenteuerliche Herz" zu Jüngers schwächeren und weniger bedeutenden Texten gehöre, können nur als völlig verfehlt eingestuft werden.

 

Auffällig war bereits in André Müllers Interview 1989 mit dem fast Fünfundneunzigjährigen, wie viel Raum das Thema Rausch und Drogen einnahm. Es geht nicht um Koma-Saufen. Den Unterschied muss man schon machen. Die systematische Erforschung des Rausches und der Drogen war nicht nur Jüngers Programm, es steht vielmehr für sein zoologisches Interesse am Menschen. Und Rausch reicht dabei vom Blutrausch auf den Schlachtfeldern bis zu ödipalen Traumräuschen.

 

Jünger wurde nicht müde, den Rausch und die Drogenexperimente als einen allgemeinen, quasi historischen Wunsch, „sich zeitweilig dem Bösen zu vermählen“, zu formulieren. Exakt diese Aufspaltung von Gut und Böse durchwebt als Dauerthema Jüngers Literatur des 20. Jahrhunderts. Das Böse gönnt sich Jünger als Forschungsinteresse, um seine Literatur als Gut auszuformulieren. In seinen Texten gibt Jünger quasi unablässig das Versprechen, dass er für den Leser Mensch das Böse erforscht habe, um ihn davor zu bewahren. Das – nicht die nationalsozialistischen und faschistischen Verstrickungen Jüngers - ist die Krux seiner Literatur.

"Ich glaube, dass ich dem damals in Deutschland allgemeinen und tiefbegründeten Bedürfnis, aus der Realität in die siedenden Kessel des Rausches zu stürzen, mit einer gewissen Systematik nachgekommen bin. Die Sucht nach dem Rausche ist das Bestreben, sich zeitweilig dem Bösen zu vermählen, um ihm Kräfte für die Entfaltung, für die größere Ausspannung und Distanz des geistigen Lebens zu entziehen."

 

Konservativ ist an Jünger nicht der Gestus des Moralischen und der fatalen Auslese. Geradezu Reaktionär ist vielmehr Jüngers vormoderner Spaltungsversuch in Gut und Böse, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts in der rauschhaften und homoerotischen Phantasie von Männern im Krieg dem Menschen halt bieten soll.

 

Reptilien in und auf einer Vitrine im Museum für Naturkunde, Berlin

 

 

Martin Wuttke hat in seiner Inszenierung über der Vitrine Filmeinspielung aus den zwanziger und dreißiger Jahren projizieren lassen. Ausschnitte aus dem Golem-Film von Paul Wegener von 1926 oder aus dem Faust-Film von Friedrich Wilhelm Murnau, ebenfalls 1926, und anderem mehr. Dadurch werden Zeitbezüge zu den Texten Jüngers hergestellt. Er war eben kein überzeitlicher Schriftsteller. Vielmehr war er zutiefst in die Bilder- und Diskurswelten seiner Zeit verwoben.

 

Das wird auch im "Abenteuerlichen Herz" deutlich, wenn ständig von einem abwesenden Guido gesprochen wird, der stark an Stefan Georges "Maximin" erinnert, die homoerotische Geheimbündelei des sogenannten George-Kreises 1929 paraphrasiert wird und Guido in „Amsterdam … eine schwer definierbare Zelle gebildtet (hat) – musisch, politisch, philosophisch, sokratisch, georgiastisch, einen der Ganglienknoten". Ernst Jüngers Literatur war mindestens ein wenig „georgiastisch“. - Durchaus eine gelungene und treffende Wortschöpfung aus George und Orgie. - Der nicht ganz unwesentliche Unterschied ist nur, dass der eine Lyrik und der andere Prosa und zoologische Wissenschaft schrieb.

 

Ebenso wie die sieben Herren und drei Damen in der Vitrine plötzlich auf den Rücken fallen und hilflos wie Käfer mit Beinen und Armen in der Luft strampeln und schlagen, könnten die leidenschaftlich gesammelten Käfer Jüngers Menschen sein. Als Entomologe oder Insektenwissenschaftler genoss Jünger wissenschaftliche Anerkennung. Er hatte ein umfangreiches, wenn nicht gar enzyklopädisches Wissen über Käfer. 

 

Schaukasten mit der Systematik einer Käfergattung im Museum für Naturkunde, Berlin

Das Tier Mensch in einer reaktionären Aufspaltung von Gut und Böse gehört in den Schaukasten. Das macht Wuttke klar. Ob es die pantomimische Erinnerung an Gustav Gründgens' Mephisto ist, das Ekstatische der Sacre du Printemps oder das Bombastische der Bohemian Rhapsody von Freddy Mercurys Queen, Räusche dienen nicht mehr der Erfahrung oder gar Erkundung des Bösen. Räusche sind zutiefst historisch. Das Koma durch Saufen verspricht eben nicht mehr den Moment der Erweiterung, sondern hält nur noch Auslöschung und Leere bereit.

Der Abend bietet einige berührende und aberwitzige Momente, die durchaus unterhaltend sind. Sie machen den Text dank der Inszenierung für Fragen durchlässig. Sie provozieren diese gar, wenn die großartigen Schauspieler-Artisten an die Säule springen und erstarren.   

Berührend und erschütternd ist es, wenn Christopher Nell als einer der sieben Herren einen Toaster zwischen die Hände nimmt, sich daran festhält und ganz leise Freddy Mercurys Bohemian Rhapsodie mit vokalem E-Guitarrenpart anstimmt, sich zum stadienfüllenden Fortissimo hinaufschwingt und mit dem Toaster in der Hand wieder in sich zusammenfällt. Ein parodistisch-virtuoses Moment des Titanismus, den Jünger suchte und den Friedrich Nietzsche bereits als gescheitert erklärt hatte.    

Straußenvögel in einem Schauschrank im Museum für Naturkunde, Berlin

Torsten Flüh

Das Abenteuerliche Herz

Mit: Dejan Bućin, Winfried Goos, Marie Löcker, Christopher Nell, Lucas Prisor, Janina Rudenska, Marko Schmidt, Judith Strößenreuter, Georgios Tsivanoglou, Martin Wuttke, Mathias Znidarec
Regie: Martin Wuttke
Regie-Mitarbeit: Henning Nass
Bühnenbild und Kostüme: Nina von Mechow
Dramaturgie: Anna Heesen
Weitere Aufführungen am 03.09., 13.09., 19.09.2009
www.berliner-ensemble.de

Museum für Naturkunde
Leibnitz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin 

Lange Nacht der Museen am 29. August 2009
www.naturkundemuseum-berlin.de 

Veröffentlichung der Fotos aus dem Museum für Naturkunde, Berlin mit freundlicher Genehmigung der Museumsleitung. Copyright beim Autor und Fotografen.  


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Categories: Theater

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