Das Unfassbare im Netz - Gerüchte - Eine Ausstellung im Museum für Kommunikation Berlin

Gerücht – Verschwörung – Kommunikation

 

Das Unfassbare im Netz

Gerüchte – Eine Ausstellung im Museum für Kommunikation Berlin

 

Cybermobbing, Gerüchte, Verschwörung, Denunziation – Das Museum für Kommunikation befasst sich z. Z. mit der Schattenseite des Informationsaustausches. Am Dienstagabend sprach der Amerikanist Jörg Thomas Richter vom ZfL im Museum für Kommunikation anlässlich der Ausstellung Gerüchte, die bis zum 3. Juli 2011 verlängert worden ist, zum Thema Illuminati in Amerika. Gerüchte einer Weltverschwörung.

Die Schattenseite der Kommunikation im Informationszeitalter ist zutiefst mit Angst und Aggression verknüpft. An Berliner Schulen wurden kürzlich Mitschüler verprügelt, weil sie im Internet Gerüchte unter iShareGossip verbreiteten. Gerüchte machen Angst und verleihen dem Mitteilenden Macht. Auffällig, dass die Plattform iShareGossip heißt: Es ist programmatisch das i/Ich vorangestellt, das unbedingt Gerüchte teilen und mitteilen will.  

In einer Welt des Wissens, in der es durch „Redenreden“ (Günter Grass, 1972), Stammtischklopfen, Bücherschreiben, Zeitungslesen, Nachrichtensehen, Brennpunktsehen, Blogsbloggen, Social Community Activities  und Smartphone Using verbreitet wird, in der wir ständig und überall online sind, werden die Grenzen zwischen Wissen und Gerücht porös. Wo jederzeit und überall ein Schreibenlesen und Lesenschreiben als Informationsaustausch stattfindet, verändert sich Wissen durch Praxis.

„Schon gehört …? Schon gesehen …? Schon gewusst …?“ (Ausstellungstext) - Besondere Aufmerksamkeit verdient die Verschwörung als Form des Gerüchts, das sich selbst die Mittel der Wissenschaft zu Eigen macht. Doch sie ist, wie Jörg Thomas Richter sagte, „faktenpoetisch“. Die Verschwörung lässt sich nicht deutlich vom Gerücht trennen. Und doch hat sie andere Merkmale. Sie macht sich selbst Verfahren der Wissenschaft, insbesondere der Hermeneutik, zu nutze und erreicht als Verschwörungstheorie den Horizont von Wissenschaft, in dem sie als Wissen an einem verborgenen, geheimen Informationsaustausch auftritt.

 

Ist die Verschwörung das Gerücht der Moderne? - Richter wollte diese Frage nicht ausschließlich beantworten. Doch in seinem Vortrag griff er mit den Illuminati eine spezifisch moderne Ausformung vermeintlicher Verschwörung auf. Nicht nur werden die Illuminati in Deutschland in der zweiten Hälfte des 18.  Jahrhunderts gegründet, sondern sie werden schon rasch in den 90er Jahren um 1800 zum Paradigma der Verschwörung in Amerikanischen Büchern und Zeitungen. In Amerika gibt es eine, nennen wir es, besondere Vorliebe für die Verschwörung und Verschwörungstheorien als Wissensformationen - the conspiracy.

Mit Dan Browns Thriller Angels & Demons, der 2000 erschienen ist und 2003 als Illuminati in Deutschland auf den Markt kam. The Da Vinci Code, dt. Sakrileg, kam 2003 als Fortsetzung auf den Mark, um ab Mai 2006 als The Da Vinci Code in Deutschland und Amerika ins Kino zu kommen und 2009 als Illuminati in Deutschland bzw. Angels and Demons eine Fortsetzung zu finden, hat die Verschwörung der Illuminati eine neuerliche Popularität erhalten. 2009 veröffentlichte Dan Brown schließlich The Lost Symbol, das 2012 ins Kino kommen soll. Die hohe und anhaltende Popularität lässt sich einerseits an der hohen medialen Aufmerksamkeit ablesen, andererseits an den politischen Reaktionen, mit denen The Da Vinci Code vom Vatikan bis Samoa verboten wurde. Macht spielt eine große Rolle.

Aktuell haben die Illuminati als Erklärungs- wie Verschwörungsmodell mit dem – unerklärlichen - Megabeben in Japan vom 11. März 2011 insbesondere im Internet große Aufmerksamkeit gefunden. Sie kommen in der Folge unerklärlicher Vorgänge als „Ausdruck eines kollektiven Imaginären“ auf, so Richter. Legion die Blogs und Internetseiten von Godlike Productions bis Paranormal, die das Erdbeben und die Atomkatastrophe von Fukushima als Werk der Illuminati entschlüsseln: „Japan’s Clock Stopped at 2:55 Meaning The Little Hand Was At 3 And The Big Hand Was At The 11 ALL ILLUMINATI numbers.“ (Paranormal, 18. März 2011).

Die Verschwörungstheorie ist eine Schwester der Hermeneutik. Es geht um Operationen des Verstehens, Erklärens und Übersetzens von Zeichen in Erzählungen. Zwar bleibt die Formulierung „Japan’s Clock Stopped at 2:55 Meaning The Little Hand Was at 3 and the Big Hand The Big Hand Was at The 11 ALL ILLUMINATI numbers,“ kryptisch, doch eben dies wird als Botschaft und Beweis dafür verstanden, das nicht etwa tektonische Platten das Erdbeben ausgelöst haben. Die Wahrheit ist vielmehr, dass eine geheimbündische Verschwörung dieses ausgelöst und zusätzlich Sabotage am Kernkraftwerk Fukushima begangen hat. Es muss sich um einen mächtigen Geheimbund handeln.

Ausschlaggebend für das Aufkommen von Verschwörungstheorien sind präziser Katastrophen  oder katastrophale Ereignisse, Wendungen zum Niedergang, die sich nicht zuletzt als Niedergang von Wissensformationen ereignen, wie etwa 9/11, worauf Richter mit besonderem Bezug auf Amerika hinwies. 9/11, das waren die Endlosschleifen der Flugzeuge, die in die Türme des World Trade Centers flogen. Sichtbar, nackt, ungeschnitten. Alles lag offen zutage. Und dann begannen die Erzählungen, die schließlich Guantanamo hervorbrachten, als Subtext begleitet von Verschwörungstheorien der Mächtigen und der Finanzwelt.

Verschwörungstheorien haben immer einen Aspekt des Subversiven. Das Subversive positioniert sich als Gegenerzählung zum Konsenswissen. Es gibt eine Art medialen Konsens darüber, was sich als Wahrheit über die Hintergründe und Ursachen eines Ereignisses herausbildet. Der Konsens als Übereinstimmung unter Vielen ruft indessen auch eine Kränkung des Einzelnen hervor. Es muss doch noch eine andere Möglichkeit geben, als im Konsens als Einzelner aufzugehen? Der Konsens ist immer eine Bedrohung der Selbstbehauptung, um es einmal so zu formulieren.

Es ist wahrscheinlich nicht ganz uninteressant, dass die Verschwörungstheorie immer dann und dort aufblüht, wo die Selbstbehauptung, das Phantasma, sich selbst behaupten zu müssen, auf dem Spiel steht. 9/11 in seiner Singularität war in jeder Hinsicht ein Schlag gegen die Selbstbehauptung Amerikas in der Phase des Unilaterlism in einer als feindlich empfundenen Welt. Gerade in dem Maße wie sich Amerika in seiner Einzigartigkeit positionierte und herausstellte, um dies nicht zuletzt außenpolitisch zu manifestieren, musste 9/11 als Schlag gegen die Selbstbehauptung gelten. Das Aufblühen auf sich selbst bezogener Verschwörungstheorien war da nur ein Frage der Zeit.

Angels & Demons ist ein vieldiskutierter Roman in der Kategorie Thriller. Gestritten wird darüber, was historisch richtig und was falsch ist. Der im Bild versteckte Da Vinci Code wurde zum Streitfall der Kunsthistoriker. Fern ab den Thriller als Roman und damit als Fiktion zu lesen, generiert er selbst die Teilhabe an verstecktem Wissen. Der Roman wird selbst zur Verschwörungstheorie, mit der sich eine Wahrheit enthüllen lässt. Insofern als es um Wahrheit im Spiel der Macht und der Mächtigen geht, insbesondere der Katholischen Kirche und dem Vatikan als Wahrheitswalter gegen ein modernes Wissen und die Wahrheit der Aufklärung berührt die fiktive Erzählung eine Grundangst der Moderne.

Auf der einen Seite positioniert sich die Angst vor der allumfassenden (Wissens-)Macht der Katholischen Kirche im Wissen der Moderne, das nicht zuletzt an das Subjekt und seine Selbsttechniken geknüpft ist. Auf der anderen steht die Katholische Kirche in ihrer hierarchischen Ordnung mit der Angst, ihre Macht über die Selbsttechniken des Menschen in der Moderne zu verlieren. Genau an dieser Schnittstelle positionieren sich die Illuminaten im Bund der Perfektibilisten mit der Gründung durch Adam Weishaupt am 1. Mai 1776.

Jörg Thomas Richter bezog sich vor allem auf die Ziele und Gründung des Bundes der Perfektibilisten in seinem Vortrag über das Fortleben der Illuminati in Amerika. Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts mit der Gründung des Bundes durch Weishaupt, der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika am 4. Juli 1776 und der Französischen Revolution von 1789 gibt eine Konstellation ab, mit der 21 Jahre später der Schotte John Robison - und 1798 in New York - durch sein Buch PROOFS OF A CONSPIRACY AGAINST ALL THE RELIGIONS AND GOVERNMENTS OF EUROPE, CARRIED ON IN THE SECRET MEETINGS OF FREE MASONS, ILLUMINATI, AND READING SOCIETIES, COLLECTED FROM GOOD AUTHORITIES den Ausgangspunkt für die moderne Verschwörungstheorie in Amerika formulieren kann.

Die weltweite Verschwörung gegen alle Religionen und Regierungen ist mit Robisons umständlichen Titel nicht zuletzt deshalb spezifisch modern, weil sie in bürgerlichen Lesegesellschaftenreading societies -, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts wie Pilze aus den Boden schießen, stattfindet. Lesegesellschaften von der Potsdamer Tafelrunde Friedrich II. in Sanssouci bis zur Hamburgischen Lesegesellschaft eines Caspar von Voght um 1800 schaffen einen neuen Raum für das Lesen. Es ist nicht zuletzt ein Lesen, über das ausufernd gesprochen und geschrieben wird, um es zu verstehen, auch hermeneutisch. Damit aber machen die Lesegesellschaften als Wissenswerkstätten dem Klerus und allen voran der Katholischen Kirche den Raum des Lesens und der Auslegung als Verstehen streitig.

Die Verschaltung der Verschwörung mit den Lesegesellschaften, die im Titel des Buches im Modus der Überprüfungen, des Nachweises oder des Beweises gar – Proof – stattfindet, findet auch als eine mit dem richtigen Lesen des Falschen statt. Robison beweist mit Hilfe der „good authorities“, dass auf undurchsichtige und verschwörerische Weise in den geheimen Zusammenkünften der Bünde und Gesellschaften vor allem auf eine nicht zulässige und staatsgefährdende Weise gelesen wird. Diese Art und Weise eines anderen, neuen Lesens an Tischen  und in Gesellschaft gefährdet insbesondere die Vorleser der Religionen und Regierungen auf den Kanzeln und an den Pulten.    

Nahezu gleichzeitig nährt der französische Jesuit und Flüchtling Abbe Barruel im Londoner Exil mit den von Robert Clifford ins Englische übersetzten Memoirs Illustrating the History of Jacobinism (1798-99) die Verschwörung als Urheberin der Revolution. Barruel schreibt in seinem Vorwort von einer „conspiracy of impiety“, einer Verschwörung der Pietätlosigkeit. Die Pietät als Pflichtgefühl ist nicht zufällig an die Pieta als christliches Bild oder Bildgruppe gebunden.

Die Pieta in der Darstellung Marias mit ihrem toten Sohn Jesus meistens auf den Knien unter dem Kreuz ist nicht zuletzt der Gottesbeweis im Mitleiden in der christlichen Hermeneutik. Abbe Barruels illustrierenden Erinnerungen einer „conspiracy of impiety“ in der französischen Revolution und deren Radikalisierung im Jacobinismus, mit der Forderung den französischen König zu töten, wird von ihm nicht zuletzt als Verweigerung der Anerkennung des Bild gewordenen Zeichens von Gott gelesen.

 

Adam Weishaupts Gründung der Illuminaten als dezidiert antiklerikaler Wissensbund und Lesegesellschaft war nur von kurzer Existenz. Dennoch oder gerade deshalb veröffentlichte er von 1785 bis 1787 vier Bücher über die Verfolgung der Illuminaten in Bayern bis zum Verbesserte(n) System der Illuminaten mit allen seinen Einrichtungen und Graden. Der entscheidende Zug den Weishaupt mit der Gründung des Bundes und der Veröffentlichung eines „Systems“ zur Durchsetzung der Aufklärung legt, besteht nicht zuletzt in der neuartigen Institutionalisierung von Wissen. Anstelle der hermeneutischen Lesehoheit der Katholischen Kirche in ihrer zentralistischen Struktur behauptet nun ein System mit Einrichtungen und Graden einen Anspruch des neuen Wissens auf Macht.

Verschwörungen und Verschwörungstheorie als Erklärungsmodelle haben in Amerika zumindest eine stärkere Ausprägung als in Deutschland. Dabei verschiebt sich nach Richter der Ort, an dem die Verschwörung – the conspiracy – ausgemacht wird, anscheinend flexibler und häufiger als anderswo. Wurde die Verschwörung zunächst im Ausland als Gefährdung der Existenz Amerikas lokalisiert, so finden sich heute offenbar starke Kräfte, um die Verschwörung mit oder ohne Nennung der Illuminati im Innern zu finden. 

 

Die Vorstellung der republikanischen und ultrakonservativen Teaparties sucht Verschwörung nicht nur bei den Demokraten, denen sie auf breiter Front mit einer Wortneuschöpfung Treasonness vorwerfen, sondern gleich im Innersten der Macht, in der Regierung. Die Weltverschwörung wird zu einer Welt der Verschwörung. Die aktuelle Herausbildung der Treasonness als quasi Charakterologie der Demokraten ist insofern interessant, weil bisher allein treason - zu Deutsch Verrat - als Anschuldigung ausreichte. Mit dem Suffix Ness wird der Verrat als Verratenheit zur Eigenschaft, zum Wesensmerkmal der regierenden Demokraten und stützt die Verschwörungstheorie. 

Wie die Verschwörung so lässt sich die Verschwörungstheorie als Wissensmacht schwer fassen. Man mag nicht nur nicht an die Verschwörungstheorien, die eine breite Skala vom investigativen Journalismus bis hin zur klinischen Paranoia aufweist, glauben, vielmehr sind ihre vielfältigen Erscheinungsformen auch unfassbar. Doch vielleicht bedarf es immer eines Gewissen Grades an Organisation und Konzeptualisierung, um das Gerücht zur Verschwörung zu machen.

Wie sich in der farbigen und durchaus unterhaltenden Ausstellung Gerüchte noch bis Juli nicht zuletzt in der „Gerüchte-Zentrale“ erfahren lässt, ist nicht einmal ausgeschlossen, dass ein Gerücht sich als Wahrheit und Wissen erweisen könnte. Ebenso können Wahrheit und Wissen zu einem Gerücht werden, wie an dem „Gerücht von Gott“ und dem Turiner Grabtuch vorgeführt wird. Es ist, als ob wir mit Gerüchten und Verschwörungen gerade im Informationszeitalter noch mehr leben müssten als jemals zuvor.

 

Gerüchtehalber sitzt meistens eine Frau in der „Gerüchte-Zentrale“, die nicht nur Gerüchte verbreitet, sondern mit der man sich sogar recht anspruchsvoll über Gerüchte unterhalten kann. - Haben Sie sie schon gesehen? Sie war oben zu sehen.

 

Torsten Flüh

 

Gerüchte

 

Nächster Vortrag

Dirk Naguschewski

Zur Abnutzung eines Gerüchts: Homosexualität im Militär

24.05.2011, 18:30 Uhr,

 

Museum für Kommunikation Berlin

Leipziger Straße 16

10117 Berlin-Mitte


Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
Categories: Medien Wissenschaft

0 Kommentare
Actions: E-mail | Permalink | Comment RSSRSS comment feed