Das Urspruengliche des Korans - Stefan Weidners Seminar Vom Uebersetzen des Unuebersetzbaren

Sprache – Übersetzen – Koran

 

Das Ursprüngliche des Korans

Stefan Weidners Seminar Vom Übersetzen des Unübersetzbaren im Literarischen Colloquium Berlin

 

Das Literarische Colloquium am Großen Wannsee in Berlin hat eine illustre Geschichte. Es wurde 1963 von Walter Höllerer gegründet, der 2003 im Alter von 80 Jahren hochgeehrt verstarb. Als Schriftsteller, Literaturkritiker und Professor für Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Berlin von 1959 bis 1988 gehörte Höllerer einer Generation an, die unter dem Eindruck der Gruppe ´47 das literarische Leben der Bundesrepublik entscheidend mit geprägt hat. Das LCB gilt seither als Gästehaus, Arbeitsstätte und Talentschmiede für Autoren und Übersetzer.

Klangvolle Namen und Gesichter sind in der LCB-Postkartenedition versammelt. Von B wie Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard bis S wie Susan Sontag lassen sich einige wenige Fotos als Postkarte erwerben und verschicken.

 

An der Schnittstelle von Öffentlichkeit und Universitätsseminar hielt am 9. Februar Stefan Weidner sein Abschlussseminar als August-Wilhelm-Schlegel-Gastprofessor für Poetik der Übersetzung am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin. Das Seminar richtete sich sowohl an Studenten der Übersetzungswissenschaft wie Übersetzer und Autoren als Gäste des Hauses als auch die interessierte Öffentlichkeit.

Weidner hatte für das Seminar die Sure 96 des Korans ausgewählt und 9 Varianten ihrer Übersetzung zur Lektüre verteilt. Die Sure trägt im Hocharabisch den Titel al-`alaq.

 

Nachdem Marie Luise Knott vom Vorstand des Deutschen Übersetzerfonds Weidner vorgestellt hatte, gab er einen kurzen Rückblick auf die vorausgegangenen Arbeitsaspekte des Seminars von Homer, Hafis u. a., bei denen die Fremdheit der Texte eine entscheidende Rolle spielte. Erst wenn man die Fremdheit der Texte als Übersetzer in Betracht zieht, kann man dem Text gerecht werden und eine Übersetzung als eigenständigen Text produzieren.

Für Weidner ging es mit dem Seminar um die Frage: Was ist eine poetische Übersetzung? Um sich dieser Frage anzunähern, stellte er zunächst eine kulturgeschichtliche Rahmung für den Koran her. Was für ein Text ist der Koran? Wie wurde er überliefert? Worin unterscheiden sich die Textfassungen, die vorliegen, von ursprünglichen Überlieferungen? Wie ist der Koran kontextualisiert worden?

 

Zunächst einmal kann man laut Weidner davon ausgehen, dass der Koran nicht als Buch konzipiert wurde. Vielmehr ist die Kompilation der 610 Offenbarungen eine nachträgliche Anordnung von einzelnen, tendenziell poetischen Einzeltexten. Die Anordnung ist keine Entwicklungsanordnung, die eine Geschichte generieren könnte. Dabei spielen die einzelnen Texte wiederum mehr auf Geschichten - außerhalb des Textes selbst – an, als dass sie erzählt werden. Ein weiteres Merkmal des Korans ist es nach Weidner, dass die alte Koranüberlieferung äußerst kryptisch ist. Erst die kontextualisierende Situation verleiht der Sure die Funktion einer Aussage.

Eine weitere übersetzungswissenschaftlich wichtige Beobachtung ist es für Weidner, dass die Suren zunächst mündlich als Offenbarungen Mohammeds aus dem 6. Jahrhundert überliefert worden sind, um dann in einem Zeitraum von ca. 200 Jahren eine schriftliche Form zu finden. Diese wurde in einer Mischsprache von Aramäisch und Arabisch erstellt, die noch nicht die Ausdifferenzierung des Hocharabischen aufweist. Insofern stellt die hocharabische Fassung des Korans bereits eine Übersetzung dar. Denn in der Überlieferung einer ursprünglichen Textfassung lässt das Alphabet bereits mehrere Möglichkeiten der Übersetzung ins hocharabische Alphabet zu.

 

Weidner fasste seine überlieferungsgeschichtlichen Betrachtungen damit zusammen, dass es sich für eine Übersetzung "nicht sagen lässt, was am Koran echt und was legendär ist". Mit einem kurzen Blick auf die Islamwissenschaften als eine Homogenisierung des Orients kam Weidner zu dem Schluss, dass fast alle Koranübersetzungen nicht von Übersetzern, sondern Wissenschaftlern angefertigt worden sind. Das mache einen Unterschied bei der Übersetzung. Denn der wissenschaftliche Anspruch führe nicht zuletzt immer schon zu einer Ideologiesierung des Textes. Eine Ausnahme stellt für ihn Friedrich Rückert (1788 -  1866) dar.  

Die Übersetzung der Sure 96, die als erste Offenbarung gilt, von Friedrich Rückert aus dem Jahr 1840 wurde postum 1888 veröffentlicht. 2000 hat Hartmut Bobzin den Koran in der Übersetzung Friedrich Rückerts herausgegeben. Rückert übersetzte die Sure 96 mit 19 Ayat wie folgt:

Das zähe Blut

1  Lis im Namen deines Herren der schuf

2  Den Menschen schuf aus zähem Blut

3  Lis, dein Herr ists der dich erkohr

4  Der unterwies mit dem Schreibrohr;

5  Den Menschen unterwies er

    In dem was er nicht weiß zuvor.

6  Ach ja, der Mensch wird übermüthig,

7  Wenn Gott ist gütig;

8  Doch einst kommt er demüthig

9  Siehst du ihn, ders verbietet,

10 Wann einer betet?

11 Siehst du wohl, ob er ist geleitet,

12 Und Frömmigkeit verbreitet?

13 Siehst du wohl, ob er leugnet und wegschreitet?

14 Weiß er nicht, daß ihn Gottes Blick begleitet?

15 Wenn er nicht abläßt, wollen wir

     Ihn bei den Locken packen,

16 Den heuchlerischen meuchlerischen Locken.

17 Ruf’ er nur seine Leute!

18 Wir rufen die Höllenmeute.

19 Folg’ du ihm nicht! Bet’ an und nah.

 

Weidner preferiert Rückerts Übersetzung nicht zuletzt, weil dieser den kulturgeschichtlichen Hintergrund berücksichtigt habe. Allerdings lassen sich zwei Übersetzungsfragen an dem Beispiel diskutieren. Einerseits ist es die Übersetzung des Titels al-`alaq mit Das zähe Blut, andererseits das imperative Lis.

Die Übersetzung von al-`alaq lässt eine Vielzahl von Möglichkeiten offen, die erprobt und teilweise mit deutlich ideologischen Zügen praktiziert worden sind. Max Henning übersetzt es 1903 mit Das geronnene Blut. Hubert Grimme hat es 1923 mit Der blutige Samen übersetzt. Seit den 70er Jahren setze eine Verwissenschaftlichung der Koranübersetzungen ein, durch die das schwer Übersetzbare 1979 von Paret und ebenso von A. T. Khouri mit Der Embryo übersetzt wird. Zirker betitelt 2003 die Sure mit Der Klumpen. Milad Karimi hat 2009 Der Blutklumpen übersetzt. Bobzin geht 2010 einen philologischen Weg mit Das Anhaftende. Weidners Übersetzung mit Der blutige Kern dürfte mit der Betonung auf einen Kern ebenfalls nicht ganz unproblematisch sein.

 

Für die Frage nach dem imperativen Lis bei Rückert ist es erheblich, ob der historische Mohammed (ca. 570 – 8. Juni 732) lesen konnte oder nicht. In der Forschung ist dies durchaus umstritten. Wahrscheinlich war der historische Mohammed Analphabet, zumal er die Texte nicht selbst geschrieben hat. Ausgangspunkt für den göttlichen Befehl zum Lesen ist weniger die Sure selbst, die dies offen lässt, als vielmehr die Mohammed-Biographie von Ibn Ishaq, der um 704 in Medina geboren wurde und 767 oder 768 in Bagdad gestorben ist.

 

Die Textgattung der Biographie erfordert anders als die Kompilation der Suren im Koran eine Erzählung, gleichzeitig wird die Sure kontextualisiert. In Ibn Ishaqs Mohammed-Biographie wird die Sure in eine Erzählung umgeschrieben:

Mohammed erzählt: „Als ich schlief, trat der Engel Gabriel zu mir mit einem Tuch wie aus Brokat, worauf etwas geschrieben stand, und sprach: - Lies! – Ich kann nicht lesen, erwiderte ich. Da presste er das Tuch auf mich, so dass ich dachte, es wäre mein Tod. Dann ließ er mich los und sagte wieder: - Lies! – Ich kann nicht lesen, antwortete ich. Und wieder würgte er mich mit dem Tuch, dass ich dachte, ich müsste sterben. Und als er mich freigab, befahl er erneut: - Lies! – Und zum dritten Mal antwortete ich: - Ich kann nicht lesen. Als er mich dann nochmals fast zu Tode würgte und mir wieder zu lesen befahl, fragte ich aus Angst, er könnte es nochmals tun: - Was soll ich lesen? Da sprach er: Lies im Namen deines Herren, des Schöpfers, der den Menschen aus einem Klecks Blut erschuf! Lies: Gütig ist dein Herr, denn er zeigt den Menschen das Schreibrohr und lehrte sie, was sie nicht wussten.

Weidner spielte in seiner Seminareinführung 3 vokale Beispiele der Sure 96 vor, um deutlich zu machen, dass die Suren in unterschiedlich psalmodierenden Weisen nahezu gesungen werden. Damit erweiterte sich nicht nur die Frage, ob der Lese-Befehl als Lesen oder Sprechen übersetzt werden sollte, vielmehr noch gibt es in der islamischen Praxis sehr unterschiedliche Formen des Vortrags, die von einem rhythmischen, fast tänzerischen Ansatz bis zu einem eher murmelndem Ton reichen können. In der Tradition der Verbreitung des Islam und Praxis der Andacht wird der Koran vor allem mündlich also ohne ein okulares Moment vorgetragen. Was im Vortrag indessen weniger einen deutlichen Befehlston annimmt, bleibt in den angeführten Übersetzungen dennoch im Imperativ.

 

Der Hinleitung folgte eine rege Diskussion unter den Anwesenden, zu denen ebenso ausgewiesene Übersetzer wie Studenten und interessierte Zuhörer gehörten. Unter den Diskussionsteilnehmern fand Rückerts Übersetzung engagierte Zustimmung, weil sie vom Gefühl her am poetischsten sei. Weidner warf die Frage in die Diskussion: Haben wir eine Vermittlungsschiene, in die wir den Koran einspeisen können? Ein Diskussionsteilnehmer sah die Lösung des Vieldeutigen in einem umfassenden, philologischen Kommentar. Eine Teilnehmerin fand bei anderen Zustimmung darüber, dass es keine richtige oder falsche Übersetzung des Korans geben könne, sondern nur eine Vielheit an Übersetzungen, um die unterschiedlichen Übersetzungsmöglichkeiten lesbar zu machen.

Im Nachhinein möchte ich die Frage aufwerfen, ob es eine Ethik der Übersetzung geben sollte. Genügt es, eine Vielheit an Übersetzungen zu fordern? Worauf läuft die Praxis des Kommentars hinaus? Was heißt es, den Koran in eine Vermittlungsschiene einzuspeisen? Was sagt das Gefühl über die Poesie einer poetischen Übersetzung? Ist der Koran ein poetischer Text oder ein imperativer Text, ein Gesetzestext?

 

In der Erzählung der Sure 96 als erste Offenbarung ist der Koran vor allem ein ursprünglicher Text. Die Offenbarung selbst wird zum Ur-Sprung. Der Befehl zu lesen, der auch einer zum Hören oder Sprechen sein kann - und man müsste ihn auf einen Befehl zum Schreiben ausdehnen -, wird zum Ursprung. Die Artikulation selbst wird zum Ursprung, dessen was gelesen, gehört, gesprochen, gesungen, geschrieben werden soll. Noch bevor das Wort als Wort verstanden werden kann, gibt es den Ur-Sprung. Ursprünglich ist jede Artikulation, eine Ritzung, ein Sprung im Schildkrötenpanzer, eine „aramäisch-arabische“ Vorschrift, die mehrere Lesarten eines Zeichens zulässt, das im weitesten Sinne gelesen werden muss.

 

Das hocharabische Ayat lässt sich als Vers und Zeichen übersetzen. Die Sure 96 hat 19 Ayat. Die Polisemie des Wortes Ayat umfasst ebenso die Bedeutungen von Wunder und Beweis. Nicht zuletzt deshalb ist es wichtig, das Ursprüngliche des Korans in der Übersetzung zu bedenken. Der Koran in seiner Ursprünglichkeit wird nicht die Frage beantworten, woran Muslime glauben. Die Glaubensfrage betrifft  einen anderen Bereich, weshalb sich der Koran nicht einfach mit einer poetischen Übersetzung „verstehen“ lässt.

 

Der Kommentar als philologische Praxis begehrt immer eine letztgültige Auslegung des Textes, die das Ursprüngliche zu schließen begehrt. Das Kommentieren leugnet, dass der Text – und sei es eine ursprüngliche Übersetzung – mehr sein könnte als das Ursprüngliche. Der Kommentar klebt mit seiner Geste einer Notwendigkeit zur Erklärung - das muss erklärt werden – Pflaster über die Wunde und das Wunder des Ayat.

 

Das Einspeisen einer Übersetzung in eine Vermittlungsschiene, in einen gesellschaftlichen Diskurs verspricht einen sicher nicht unwichtigen Erfolg für Übersetzer. Auch eine Übersetzung soll sich verkaufen. Schwierige Effekte derartiger Vermittlungsschienen lassen sich beispielsweise nur all zu leicht an der Übersetzung des Titels der Sure 96 als Der Embryo ablesen. Es ist eine postkoloniale Geste, die kein Postcolonialism ist. In der vermeintlich befreienden Aufwertung des Korans als biowissenschaftlicher Text, wird eine befremdliche Entwertung erreicht. Die Befreiung findet als (Re-)Kolonialisierung statt.


Den Koran in der Übersetzung Friedrich Rückerts gibt es bereits als Hörstück. Stefan Weidner spielte die Sure 96 zum Abschluss des Seminars noch einmal. In der Einspielung wird der Text nicht nur in deutscher Sprache vorgelesen. Vielmehr wird auch eine arabische Deklamation dagegen geschnitten und bisweilen unter die deutsche Lesung gelegt, was einen authentifizierenden Höreffekt erzeugt.

 

Und an den Wänden im Vorraum des Literarischen Colloquiums lächelten die Engel mit ihren präraffaelitischen Lockenköpfchen.   

 

Torsten Flüh

Kommentare (8) -

Februar 11. 2010 00:17

Christian

Wundervolle Fotos, schönes Licht!

Christian

Februar 11. 2010 08:28

Hannelore fobo

Ausgesprochen interessante Aspekte der Interpretation, mit denen ich mich ständig beschäftige. Vielen Dank für den Hinweis auf Rückerts schöne Übersetzung. Evgenij Kozlov hat 1996 ein Bild mit dem Titel "Schweres Blut" und ein anderes  "Schweres Blut- sehr schweres Blut" gemalt"; sie sind aber ungeachtet ihres Titels nicht  drückend, Das Thema der Schwere und des "Gewichts" taucht in unseren Gesprächen immer wieder auf.
Schöne Grüße, Hannelore

Hannelore fobo

September 19. 2010 13:19

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