Das Winzige und Europa - Gayatri Chakravorty Spivaks große Mosse-Lecture

Europa – Kontinentalität – Begehren

 

Das Winzige und Europa
Gayatri Chakravorty Spivaks große Mosse-Lecture

 

Aufgeschoben bis zum Jahreswechsel wurde die Mosse-Lecture von Gayatri Chakravorty Spivak vom 5. Dezember mit dem Titel: Europe? Denn nicht nur die außergewöhnlichen Umstände dieser Mosse-Lecture, vielmehr noch die Art und Weise wie Spivak sprach und ihre durchaus radikale Anmerkung, dass intellektuelle Arbeit nicht gelehrt, nicht unterrichtet werden kann, vorführte, machten sie zu einem ebenso besonderen wie einmaligen Ereignis. Schnell war der Senatssaal der Humboldt-Universität überfüllt. Doch wegen des Orkans Xaver bedurfte es einiger Geduld, bevor die Hörerinnen in das Audimax der Universität umziehen konnten.

Gayatri Chakravorty Spivak gehört als Mitbegründerin der Post-Colonial-Studies und der Subaltern Studies zu den einflussreichsten Literaturwissenschaftlerinnen der letzten 30 Jahre, die die Formulierung von Literatur und Wissenschaft weit über eine akademische Literaturwissenschaft hinaus erweitert haben. Seit ihrer vielbeachteten Übersetzung von Jacques Derridas De la grammatologie ins Englische weitet sie die Fragen nach dem Anderen und wie der Andere, abgelöst von einer Position des Eigenen, gedacht werden kann, aus. Dafür verwendet sie den Begriff der complicity (Komplizenschaft) als einem Ineinander-gefaltet-sein. Sie versteht sich als Aktivistin.

Ulrike Vedder führte in die Lecture ein, indem sie hervorhob, dass Spivak mit dem Konzept der Subalternen versucht habe, „heterogene, marginalisierte Subjektpositionen zu beschreiben“. Damit habe sie die Post-Colonial-Studies insofern verschoben, als sich die Forschung nicht einfach auf die Kolonialisierten richtet. Vielmehr rücken dadurch jene heterogenen Gruppen in das Interesse ihrer Arbeit, die sich nicht politisch organisiert haben, sondern gleichsam ohne Repräsentation existieren. Dies gilt beispielsweise für Roma-Frauen, die Spivak in ihrem Abstract zur Mosse-Lecture genannt hatte. Doch durch die ereignishafte Verzögerung des Beginns wie erzählerische Abschweifungen in ihrer Lecture wich sie von ihrem Skript ab und ging stärker performativ auf ihr Konzept der complicity ein.  

In ihren aktuellen Vorträgen konzentriert sich Spivak verstärkt auf eine Kritik des Politischen und gar der Finanzmärkte, was gerade bei jungen Studenten starkes Interesse hervorruft. In ihrem Vortrag Europe and the Bull Market hat Spivak scharfe Kritik am Aktienmarkt und der Europäischen Union geübt.[1] In Athen hielt sie den Vortrag als 6th Annual Lecture in Memory of Nicos Poulantzas am 20. Dezember 2012. Nicos Poulantzas (1936-1979) war ein griechisch-französischer Politologe und Philosoph, der sich in den 60er und 70er Jahren besonders als marxistischer Staats- und Klassentheoretiker einen Namen machte. Damit bewegt sich Spivak mehr oder weniger im Netzwerk von transform!, einem onlinebasierten „european network of alternative thinking and political dialogue“, das auch Judith Butler als Autorin nennt.   

Die direkte Anknüpfung an zwei Zitate von George Mosse gehörte zu den Besonderheiten der Lecture von Spivak. Derart explizit stellte bisher kaum ein Vortragender den Bezug zum Initiator der Mosse Lectures her. Spivak erinnerte an zwei Statements, die Mosse vor mehr als 20 Jahren formuliert hatte und die sie beeinflusst haben. Erstens, dass die ökonomische und soziale Revolution nicht von der sexuellen Revolution begleitet wurde, und zweitens, dass Assimilation immer die Flucht vor einer vorherigen Identität beinhalte. Um diese beiden Aussagen von George Mosse wolle sie ihre Gedanken kreisen lassen, begann Spivak.

Die Verknüpfung von Ökonomie und Geschlecht in einem weiten Bedeutungsfeld des gendering gehört zum entscheidenden Zug von Spivaks Analysen und Denken. Ökonomische Kräfte werden von ihr in einen Bezug zur Macht einer Subjektposition gebracht, die Geschlechtungen und Verortungen vornehmen. Häufig geht es bei diesen Vorgängen um die Verteidigung einer Subjektposition, die sich sehr wohl als Besitz wie als Besetzung eines Ortes formulieren. Das Ökonomische, wie es von Marx kritisiert wird, denkt Spivak mit dem Geschlecht, der Rasse, der Nation, der Sexualität etc. weiter. Sie knüpft dabei an eine Formulierung von Marx zur Klasse an, indem die Klasse zur homogenisierenden oder naturalisierenden Klassifikation wird.   

Sie stellte einerseits die Ungleichzeitigkeit historischer Entwicklungen, wie von Mosse formuliert, und die Frage der Identität deutlich heraus, um sie auf Europa zu beziehen. Denn in Europa und bei der Frage nach dessen Identität geht es um visible minorities, also sichtbare Minoritäten wie die Sichtbarkeit von Minoritäten wie Roma. An diesem Punkt muss einmal der Bogen zum Jahreswechsel 2014 geschlagen werden, mit dem weitere Grenzen - Rumänien und Bulgarien - in Europa fallen oder zumindest durchlässiger werden, was unlängst Funktionäre der CSU dazu veranlasst hat, neue Kontrollen und Ausschließungen beispielsweise bei Ansprüchen auf Sozialleistungen zu fordern. Denn Spivak sprach zwei Begehren an, die das konservative Denken Europas bestimmen. Diese Begehren als psychoanalytische wie ökonomische Begriffe spiegeln sich exakt in den Forderungen nach Kontrollen und Ausschließungen der CSU, die euphemistisch eher Regulierung genannt werden.

 

Das Begehren nach Kontinentalität, „desire for continentality“, und das Begehren nach der Meisterschaft der Interpolation, „desire for mastership of interpolation“, bilden für Spivak ein konservatives Denken Europas heraus. Unter interpolation versteht sie die Anrufung „Hey you“ und wenn sich der Angerufene als Angerufener, als „right person“, versteht. Das Begehren ist dabei aufs Innigste mit dem Eigenen der Identität verknüpft. Wer zu Europa gehören soll oder darf, wird von einer durchaus narzisstischen Subjektstruktur von Ein- oder Ausschließung bestimmt. In dieser Begehrensstruktur fällt der oder das Andere hinten über, um es einmal so zu formulieren. Sowohl der gezwungene, autoritäre Modus des Sollens, wie er im Gesetz verwendet wendet wird, als auch das Erlaubnis erteilende Dürfen bestätigen eine problematische Subjektposition.

Kontinentalität als ein Modus der Verortung des Eigenen und des Anderen oder auch die Konstituierung des Westens als Subjekt werden von Spivak seit langem kritisiert. Das entscheidende Problem ist dabei die Verortung als Begehren nach einem eigenen machtvollen, mit Macht ausgestatteten Ort. Bereits 1988 hat Spivak in ihrem Aufsatz Can the Subaltern Speak?, der im Original „Power, Desire, Interest“ hieß, das schwierige und interessengeleitete Begehren  des Westens, das „subject of the West, or the West as Subject“ zu konservieren, kritisiert.[2] Spivak dockt dabei nicht zuletzt an Jacques Derrida an und problematisiert auf ähnliche, doch andere Weise wie Homi K. Bhabha in The Location of Culture (1994) und seinem Vortrag The Global Humanities (2012) die Sprache und das Sprechen.   

Recht als Gesetz (law) bedeutet nach Spivak nicht Gerechtigkeit (justice), wie sie wiederholt betont hat. Aber die Gerechtigkeit ist allein über das Gesetz zugänglich. Doch das Gesetz formt die Sprache und ist der Sprache mächtig. Spivak hat dem festgeschriebenen wie verbrieftem Recht im Gesetz einmal das frühe Hindu Gesetz gegenübergestellt, bevor es im 19. Jahrhundert kodifiziert wurde. Sie beschrieb das Hindu Gesetz als ein einzigartiges System, das in vier Texten „that "staged" a four-part episteme defined by the subject’s use of memory“.[3] Das Gehörte, das Erinnerte, das Von-einem-anderen-gelernte und das Im-Austausch-ausgeführte generieren für Spivak ein performatives Gesetz. Erst durch die Kodifizierung erhielten die Texte epistemische Gewalt.

Die Frage, ob der Subalterne sprechen könne, wird von Spivak durchaus mit der Macht der Sprache und dem Zwang zum Sprechen verknüpft. Insofern war die eröffnende Vorstellung einer sehr kleinen (tiny) Gruppe von Menschen, die Europa nicht denken könnte, ebenso anekdotisch wie strategisch. Subaltern werden sehr kleine Gruppen von Menschen, weil sie von der Sprache untergeordnet werden. Gleichzeitig knüpft Spivak damit bei Antonio Gramsci an und verweist darauf, dass Subalternität die Folge von hegemonialen Diskursen ist, die Heterogenität in einer amerikanischen und europäischen Standardisierung assimilieren.[4]  

Mit dem Kreisen um Gedanken und Aussagen George Mosses praktizierte Gayatri Spivak auch ein anderes Sprechen in ihrem Vortrag. Es geht nicht darum, das Denken Europas an ein Ende, gar Ziel kommen zu lassen. Vielmehr tauchten in der Lecture aus dem aufgeschriebenen Text andere Texte auf. Die Lecture wird zur Lektüre des Textes, der in seiner Heterogenität immer auch in andere Ebenen springen kann. Aus Gehörtem, Erinnertem, Gelerntem und Ausgetauschtem beispielsweise, wenn Spivak in der Lecture vom Manuskript abweicht und ausführlicher durch Sprache und Gesten auf die complicity zu sprechen kommt.   

Mit Komplizenschaft läuft Spivaks complicity im Deutschen bereits Gefahr, falsch verstanden zu werden. Denn für sie ist sie mit der Interpolation als Anrufung verbunden, um die Möglichkeit einer Subjektposition nicht völlig im Binären aufzugeben. Durch das „Hey you“ tritt der Angerufene allererst in eine Subjektposition durch den Anrufer ein. Das eröffnet eine Vielzahl und Heterogenität von Subjektpositionen. Insofern Interpolation immer auch als eine Verfälschung vom Lateinischen interpolare formuliert werden kann, gibt es bei Spivak keine wahre, eigentliche, homogene oder gesicherte Subjektposition. Anrufer und Angerufener sind quasi durch die Artikulation ineinander gefaltet. Wenn allerdings die Interpolation mit einem Begehren der Herrschaft über die Interpolation verknüpft und praktiziert wird, wie bei den Funktionären der CSU, dann wird das „Hey you“ zu einem Herrschaftsproblem. 

Es ist wichtig, dass man als Hörer bei Spivak genau hinhört. In ihrer Mosse-Lecture gebrauchte sie tiny sowohl für Europa als auch für eine Gruppe von Menschen, die Europa nicht denken könnten. Das Winzige oder Sehr-Kleine (tiny) verkleinert Europa nicht in einem normativen Sinne, vielmehr koppelt es dieses an die Interpolation im Sprechen. Sehr wohl unterscheidet sich aber die Rede vom Winzigen in der Rede vom Großen. Im Großen wird immer an eine Macht oder Herrschaft appelliert. Das Winzige, das fast verschwindet, das kaum wahrnehmbar ist oder wird, auf das allerdings im Moment des Sprechens mit einem Fingerzeig hingewiesen werden kann, machte durchaus die Größe von Gayatari Spivaks Lecture aus. Für einen winzigen und kaum wahrnehmbaren Moment in einer Lecture mit dem Titel „Europe?“ blitzt Europa in verschiedenen Interpolationen auf und vergeht sogleich.

Torsten Flüh

 

PS: Manche Leserinnen von NIGHT OUT @ BERLIN mögen zu diesem Zeitpunkt die Besprechung eines Silvesterkonzerts o.ä. erwartet haben. Doch bei diesem Jahreswechsel feierte der Berichterstatter mit Superintendent Dr. Bertold Höcker in der Marienkirche Den anderen Jahreswechsel. Und da der Berichterstatter darin die Lesungen lesend mitwirkte, konnte er nicht fotografieren oder berichten. Doch es soll nicht versäumt werden, Der anderen Jahreswechsel für das Ende des Jahres 2014 wärmstens zu empfehlen.

 

Der andere Jahreswechsel 

St. Marien
31. Dezember 2014
23:00 bis ca. 0:30 Uhr  

Nächste Mosse-Lecture
William Kentridge
Südafrikanischer Künstler, Film- und Theatermacher
Image & History
Montag, 03.02.2014, 19 Uhr c.t., Unter den Linden 6, Audimax 

 

Frohes neues Jahr! 

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[2] Spivak, Gayatri Chakravorty: Can the Subaltern speak? In: Nelson, Cary; Grossberg, Lawrence (ed.): Marxism and the Interpretation of Culture. Urbana and Chicago 1988. p. 271

[3] Ebenda p. 281

[4] Ebenda p. 294