Der Experimentator - Brotfabrik zeigt Tiergarten (1979) von Lothar Lambert

Tiergarten – Experiment – Autorenfilm

 

Der Experimentator

Brotfabrik zeigt Tiergarten (1979) von Lothar Lambert

 

Die Brotfabrik am Caligariplatz in Weißensee zeigt noch bis 21. September Tiergarten (1979) von Lothar Lambert. Das ist eine kleine Sensation. Denn Tiergarten, ein Underground-Berlin-Trip, ist nun erstmals nach mehr als 20 Jahren wieder in einer restaurierten Fassung zu sehen und empfiehlt sich sogleich für jedes queere Filmfestival.

Um den Caligariplatz brummte ab 1914 die Berliner Filmindustrie. Bei der Produktion der Deutschen Vitascope-Gesellschaft mbH. von Jules Greenbaum ging es frei nach Arthur Conan Doyle in Weißensee gruselig zu. 1914/15 wurde gleich eine ganze Serie von Der Hund von Baskerville-Filmen, 1 bis 4, gedreht. Die Filme 1 und 2, Das einsame Haus, wurden von Rudolf Meinert in Szene gesetzt. Bei 3, Das unheimliche Zimmer, und 4 führte der spätere „Aufklärungsfilmer“ Richard Oswald die Regie.

Die drei Conan-Doyle-Verfilmungen im Jahr 1914 lassen auf eine schnelle, industrielle Produktionsweise der Stummfilme schließen. Filme vom Band. Mit Alwin Neuß (1879-1935) spielte in allen vier Filmen der Sherlock Holmes seiner Zeit die Hauptrolle. Er war auch in anderen Verfilmungen auf die Rolle abonniert.

Gleich am Caligariplatz in der Gustav-Adolf-Straße liegt noch das Delphi-Kino, das 1929 als Erstaufführungskino eröffnet wurde und derzeit baufällig, nur sporadisch als Veranstaltungsort genutzt wird. Immerhin ist es ein Baudenkmal der Berliner Filmgeschichte, so dass es hoffentlich einmal restauriert werden kann. Der aktuelle Eigentümer nutzt es jedenfalls als Veranstaltungsort für Off-off-Konzerte.

Richard Oswald (1880-1963), der sich in den billigen Der Hund von Baskerville-Filmen vor dem Ersten Weltkrieg übte, wurde nach dem Krieg mit einem neuen Kinoformat berühmt. Er drehte Aufklärungsfilme zu sozialhygienischen Themen mit narrativer Handlung und dokumentarischen Aufnahmen. So schuf er mit Anders als die Andern (1919) den ersten Film zum Thema Homosexualität weltweit. Vorher hatte er bereits den Film Prostitution (1919) gedreht und erfolgreich in die Kinos gebracht.

Unmittelbar nach dem verlorenen Krieg von 1914-1918 wurden in einer instabilen Übergangsphase Themen wichtig, die vorher unter strikter Zensur gestanden hatten. Dabei spielten nicht zuletzt die Schüler des Bakteriologen und Hygienikers Robert Koch eine wichtige Rolle. Es ging nämlich um die Bekämpfung von sexuellübertragbaren Krankheiten. Bevor Anders als die Andern mit Conradt Veidt, Fritz Schulz und Reinhold Schünzel von der Zensur verboten werden konnte, hatte es dieser Film, im Umfeld von Magnus Hirschfeld mit Studioaufnahmen in Weißensee produziert, als Plädoyer für die Abschaffung des § 175 StGB zu legendärem Ruhm gebracht. 

Zeitweilig führte das Areal um den Caligariplatz den Ruf eines „Klein Hollywood“. Denn 1919/1920 drehte in Weißensee und nicht in Babelsberg Robert Wiene (1873-1938) mit Werner Krauß den expressionistischen Film par excellence Das Cabinet des Dr. Calgari. Das ebenso künstlerische wie künstliche Setting verlagerte die Handlung in eine Art Seelenlandschaft.

Heute pflegt allein die Brotfabrik das cineastische Erbe am Caligariplatz. 1986 wurde die Brotfabrik als Jugendclub der Kunsthochschule Weißensee für Konzerte, Theateraufführungen etc. eröffnet. In diesem Jahr feiert die Brotfabrik, die 1991 das erste Ostberliner Programmkino mit Hilfe des Magistrats eröffnete, 25- bzw. 20-jähriges Jubiläum.

Lothar Lambert (*1944) kennt das Kino in der Brotfabrik gut. Er hat hier schon öfter seine Filme gezeigt. Der große Experimentator mit „kleinen“ Filmen der Berliner Filmszene hat fast immer in Berlin gelebt und gedreht. Seine Filme, die wie 1 Berlin-Harlem (1974) mittlerweile in die Mediensammlung des Museum of Modern Art, New York aufgenommen worden sind, waren immer Low- und No-Budget-Filme, die der hauptberufliche Journalist selbst finanziert hat. Lambert liefert sich einen Wettlauf im Filmemachen mit dem weit schrilleren Rosa von Praunheim. Wer gerade führt, ist nicht ganz klar. Lothar bringt es jetzt auf 36.

Lambert kennt Berlin und (fast) keine Drehbücher. Wie für Tiergarten, der im (Park) Tiergarten in Berlin spielt, doch auch metaphorisch als Garten animalischer Gelüste verstanden werden darf, entwickelt Lothar Lambert seine Filmhandlung meist zusammen mit seinen Schauspielern und Schauspielerinnen. Das geht so weit, dass nur dessen Rolle im Film stärker gewichtet wird, der auch zu den eher unverbindlichen Drehterminen erscheint. Allein aus dieser Arbeitsweise ergibt sich eine Überschneidung von Fiktivem und Dokumentarischem.

Fiktion und Dokumentation sind in der Regel getrennt. Die Genre von Ficton- und Non-Fiction-Film sind in der Filmbranche klar unterschieden. Es gibt den Dokumentarfilm und den Spielfilm. Überschneidungen sind erst einmal nicht vorgesehen. Lothar Lambert pendelt zwischen beiden Genres. Bei seinen bisher 36 Filmen schlägt das Pendel einmal mehr in die eine oder andere Richtung aus. Der Spielfilm erfordert die Erzählung als Konvention. Die Toten im Spielfilm stehen nach dem Dreh am Set wieder auf. Die Toten des Dokumentarfilms nicht.

Bei Lothar Lambert kommen beide Arten des Todes im Film Tiergarten vor. Der fiktive Tod und der wirkliche. Diese Überschneidung der Todesarten im Film zeichnet den Underground-Film aus. Tiergarten handelt von Lust und Morden im Tiergarten. Mit anderen Worten: von Lust- oder Sexualmord. Doch der Tiergarten in Berlin könnte auch beispielsweise der Englische Garten in München 1979 sein. Konkret hakte Lothar Lambert für Tiergarten beim Sexualmord an Ursula Herwig (1935-1977), einer Kabarettistin von den Berliner „Stachelschweinen“, an der Tiergartenschleuse des Landwehrkanals ein.

Doch nicht nur der Bezug zu einem tatsächlich stattgefundenen Tod/Mord im Tiergarten wird im Film bearbeitet, sondern in einer Einstellung wird von Lambert auch ein Polizeieinsatz am Landwehrkanal gefilmt. Die Polizei hatte einen Toten aus dem Kanal gefischt. Kommentarlos und relativ lose in die Filmhandlung eingebaut, wird der Polizeieinsatz so für den Film ein Authentizitätseffekt erzeugt.


Foto: Lothar Lambert (Tiergarten)

In der Filmhandlung selbst finden dann zwei Morde an der Schleuse am Landwehrkanal statt. Renate Ratenau (Beate Hasenau) wird, als sie alkoholisiert im Tiergarten nach Männern für Sex sucht, am Landwehrkanal ermordet. Als eine Hausfrau (Dagmar Beiersdorf), die bei ihren Ausflügen in den Tiergarten Gedichte schreibt, nachts dem Mord an Renate Ratenau nachgehen willen, wird sie ebenfalls von einem Unbekannten, der tendenziell ihr Ehemann sein könnte, ermordet.


Foto: Lothar Lambert (Tiergarten)

Weder hält sich Tiergarten an eine chronologische Erzählung, noch bemüht er sich um die Trennung von Fiktion und Dokumentation. Dokumentation könnte auch eine Form der Fiktion sein. Allerdings gibt es durchaus eine Art Spannungsbogen zwischen der Eröffnungssequenz mit der Hausfrau und dem Mord an ihr. Dazwischen kommt sozusagen alles vor, was das Leben in Berlin gerade vorbeispült: Schwule, Spießer, Behinderte, Alkoholiker, Künstler, Prostituierte, „Gastarbeiter“ aus der Türkei, Zuhälter im Mercedes-Cabrio, die Homosexuellen auf den Liegewiesen des Tiergartens, Stadtstreicher, Anabolikaspritzen, Heroinspritzen, Männerfreundschaften, ein Coming Out.


Foto: Lothar Lambert (Tiergarten)

Den Schnitt hat Lothar Lambert wie auch die Kamera, Regie, Ton und Produktion allein gemacht. Da der Schnitt nicht zuletzt als narrative Ebene des Films gedacht werden kann, wenn man sie nicht nur in der Regie verorten will, dann erzählt Lambert vom Berliner Großstadtdschungel vor allem im Modus der Brüche und Gegensätze. Normalität kommt in Tiergarten allein als zutiefst gebrochene vor. Dabei übernimmt Lambert als Schauspieler die Rolle des Ehemannes, der morgens zur Arbeit geht und von seiner Frau erwartet, dass sie als Hausfrau brav zuhause bleibt.


Foto: Lothar Lambert (Tiergarten) - Bearbeitung T.F.

Im weitesten Sinne ist Tiergarten ein Autorenfilm des Neuen Deutschen Film, wenn es mit der Autorposition durch Lamberts spezifisches Produktionsverfahren nicht gerade äußerst schwierig würde. Denn Lothar Lambert als Regisseur, Kameramann, Cutter, Tonmeister und Darsteller gibt gerade in dem Maße eine auktoriale Ebene auf, wie er das ereignishafte Zeitgeschehen seines Soziotops zur Handlung des Films macht. Wenn den Autorenfilm gerade auszeichnet, dass der Regisseur alle Entscheidungen über Schnitt, Kamera und Ton trifft, so sind es bei Lambert eher Nicht-Entscheidungen.


Foto: Lothar Lambert (Tiergarten) - Bearbeitung T.F.

Die Frage der Entscheidung verlegt sich auf die Produktionsbedingungen durch die Medien. Lothar Lambert drehte Tiergarten in 16mm mit einer meist statischen Kamera. Aus Kostengründen, Produktionskosten 15.000 DM, drehte Lambert mit 30-Meter-Rollen ohne Ton. 16mm war ein Schmalfilmformat. Mit 30-Meter-Rollen bzw. 100-Fuß-Rollen konnte man bei 25 Bilder/s genau 2:46 min aufnehmen. Längere Dialogszenen werden bereits durch die Länge der Aufnahmerollen schwierig. Lambert behalf sich mit kurzen Einstellungen und vielen Schnitten.


Foto: Lothar Lambert (Tiergarten)

Durch die technisch-medial bedingte Nachvertonung entstand ein Verfremdungseffekt. Das Bild vom Sprechenden durfte möglichst nicht mit dem Sprechenden übereinstimmen, denn die Synchronisierung wollte schon deshalb bei Lambert nicht gelingen, weil der Text für den Ton nicht festgelegt war und erst während der nachträglichen Vertonung improvisiert wurde. Die Synchronisierung von Ton- und Bildspur war somit durchaus eine Problematik des frühen Films bzw. des „billigen“ Film. Der Stummfilm, soviel Leben wie er auch versprechen mochte – Vitascope Gesellschaft mbH –,  blieb stumm wie die Toten. Die Stummheit des Films wurde anfangs im Orchestergraben, wie noch im Delphi in Weißensee, oder allein von einem Klavier aufgefangen.


Foto: Lothar Lambert (Tiergarten) - Bearbeitung T.F.
Es gibt in Tiergarten eine kurze Einstellung, in der der behütete Sohn einer der Frauen aus dem Tiergarten mit einer Frankensteinmaske in der Hand erscheint. Es ist eine raffinierte Einstellung. Das Gesicht des Jungen spiegelt sich im Profil in einem Spiegel, in dem eine Schlinge, ein Strick sichtbar wird. Wer ist dieser Junge, der in dem wild wuchernden Bilderreigen der Begierden erscheint, um zu erschrecken und gleichzeitig durch den Strick erschreckt wird? Die Einstellung geht nicht mühelose in einer ohnehin zerklüfteten Erzählung auf. Stattdessen eröffnet sich ein Spiegelszenarium.


Foto: Lothar Lambert (Tiergarten) - Bearbeitung T.F.
Der Film als Bildmedium ist nicht zuletzt ein Labyrinth von Spiegeln, in denen „ich mich“ erkenne oder nicht. Tiergarten ist so ein labyrinthisches Spiegelszenarium. Es ist nicht leicht, sich in diesem Labyrinth zurechtzufinden. Denn schließlich geht es um Begierden und das Begehren in diesen wuchernden Bildern. Es gibt die Frauen. Es gibt die Männer. Es gibt den Sex, den es vor allem in der Eröffnungssequenz nicht gibt. Er wird sozusagen der begehrenden „Hausfrau“ vorenthalten. Scheinbar problemlos, also abgesehen von den Toten im Landwehrkanal, gibt es die Erfüllung der Begierde in den Büschen, hinter Bäumen und auf den Wiesen des Tiergartens.


Foto: Lothar Lambert (Tiergarten) - Bearbeitung T.F.
Die Darstellung des Begehrten im Film geht durchaus fehl, wenn eine Stadtstreicherin (Erika Rabau) eher vergewaltigt wird, statt dass ihr Begehren erfüllt würde. Das Begehren wird nicht zuletzt in den Gedichten der „Hausfrau“ als Sehnsucht nach einem starken Mann in Worte gefasst und entstellt. Es ist, als ob den Frauen und Männern beispielsweise auch im Swinger-Club, der Sex ständig entgleitet. Niemand bekommt, was er/sie will. Allein in einer rituell äußerst ausgebauten Sequenz mit Masken und Fesselungen scheint es so etwas wie eine Erfüllung des Wunsches im Rahmen einer Inszenierung zu geben.    


Foto: Lothar Lambert (Tiergarten)

Auf ähnliche Weise spielen die türkischen oder südost-europäischen Männer in Lamberts Tiergarten wie schon der farbige, ehemalige GI (Conrad Jennings) in 1 Berlin-Harlem eine schräge Rolle in der Ökonomie der Begierden. Ihnen wird nämlich im Kontrast zum biederen, West-Berliner Ehemann ein größeres Begehren, eine stärkere Potenz zugeschrieben. Sie versprechen in den Augen von Renate Ratenau eine Erfüllung des Begehrens, was indessen nur von kurzer Dauer ist.   


Foto: Lothar Lambert und Dagmar Beiersdorf

Statt der Erfüllung gibt es nur den Tod. Genau darin springt das Bild von dem Jungen mit dem Strick im Spiegelbild und der Frankensteinmaske zusammen. Neben dem auf vielfache Weise dokumentarischem Wert, was sich freilich mit einem Wert im Modus des Spiegelns überschneidet, ist es vor allem das Labyrinth der gespiegelten Begierden, die Tiergarten zu einem sehenswerten, ja preiswürdigen Film machen.


Foto: Lothar Lambert

Erzählen ließe sich das kaum. Aber durch die albtraum- wie fieberhafte Sicherheit im Schnitt steht am Schluss gerade kein Happy End, das es nicht geben kann, sondern ein Mord. Wenigstens könnte man sagen, dass es 1979 auch ein Mord an einer West-Berliner Idylle aus Homosexuellen, Frauen, Normalität, Gastarbeiterträumen usw. war.       

 

Torsten Flüh

  

Tiergarten

Ein Film von Lothar Lambert

Mit Steven Adamczewski, Dagmar Beiersdorf, Erich Förtsch, Marion Herschel, Mustafa Iskandarani, Alfredo Julian, H. W. Kurth, Lothar Lambert, Dorothea Moritz, Erika Rabau, Uwe Sange, Ulrike Schirm (alias Ulrike S.), Roland Stoos, Beate Hasenau, Stefan Menche u.a.

noch bis 21. September in der

Brotfabrik   

 


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Categories: Film

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