Der Frauenmann - Zu Horacio Cifuentes, das Sticken, der Bauchtanz und die Frauen

Frau – Sticken – Mann 

 

Der Frauenmann 

Zu Horacio Cifuentes, das Sticken, der Bauchtanz und die Frauen 

 

„Für mich sind alle Männer Frauen.“ Das sagte am 29. April 2014 um ca. 21:15 Uhr nicht irgendjemand oder irgendeine Frau, sondern die französische Feministin, Philosophin, Universitätsmitgründerin ebenso wie Schriftstellerin bzw. Schreibende Hélène Cixous im Passagen Gespräch auf Peter Engelmanns Frage nach ihrer Rolle als Feministin. Darauf wird demnächst ausführlicher zurückzukommen sein. Ein großer Teil des Gesprächs drehte sich um den Begriff der Dekonstruktion, der wie Cixous es formulierte, irgendwann mit ihrem langjährigen Briefpartner Jacques Derrida aufgekommen sei und eine große Karriere gemacht habe, ohne das Derrida jemals eine Definition für die Dekonstruktion gegeben habe.

  

Im philosophischen Terrain geht es um Sprache und das Sprechen, was vor allem Derrida aufgedeckt und entfaltet hat. Deshalb ist es auch ein wenig unphilosophisch oder gar vermessen, mit den vielfältigen Tätigkeiten von Horacio Cifuentes vom Frauenmann zu sprechen. Im Medium eines Kulturblogs von ihm als Frauenmann zu schreiben, heißt nicht, ein phänomenologisches Argument für die Existenz des Frauenmannes einzuführen. Schon deshalb nicht, weil wir über eine sogenannte Herrengesellschaft, das Sticken, den Bauchtanz und meine Arbeit am Kulturblog ins Gespräch kamen. Vielmehr kam bei der Arbeit an der Besprechung irgendwann der Frauenmann in den Sinn. Ein Mann wie Frauen ihn sich wünschen, vielleicht, mit weiblichen und männlichen Eigenschaften. Kein Hermaphrodit, Zwitter, Neutrum, Inter- oder Transsexueller, kein Crossdresser oder Schwuler, kein Dressman oder Escort. Doch ein Mann, der mit seinen Praktiken die Geschlechter-Bilder stickend entschieden durcheinanderwirbelt.

Wenn Hélène Cixous sagt, dass für sie als Feministin alle Männer Frauen seien, dann formuliert sie damit ein dekonstruktives Denken der Geschlechter und Geschlechtskategorien. Was das Ich ist? Oder von wie vielen Ichen es sich sprechen lässt, hält die Feministin Cixous offen. Während des Passagen Gesprächs im HAU erregte die Formulierung einige zaghafte Lacher, hier und da ein Anflug von Applaus, Peter Engelmann und der Übersetzer kratzten sich, die Sprecherin in ihrer Mitte, merkwürdig synchron hinter dem Ohr und allenthalben war ein ironisches Lächeln zu sehen. Köstlich. Und wohl der beste Moment des geistreichen Gesprächs, der nicht einmal von dem langen, anhaltenden Schlussapplaus übertroffen werden konnte. Wenn es so etwas gibt wie ein Ereignis der Dekonstruktion, dann war es dieser, der Mitten ins Geschlecht traf. Cixous war sich dessen durchaus bewusst.

Wer oder was Horacio Cifuentes ist, lässt sich nicht so einfach sagen. Anders gesagt: alles hängt davon ab, wie man es formuliert. Weshalb die Rede vom Frauenmann auch nur dann funktioniert, wenn man der feministischen Haltung von Cixous folgt. Das ist schwierig genug, wie sich in den Reaktionen auf „Für-mich-sind-alle-Männer-Frauen“ zeigte. Was Frauen sind, würde die Feministin Cixous niemals in einer Definition sagen. An diesem Punkt ist sie radikaler als Judith Butler, die die Geschlechtskategorie von der Performance abhängig macht. Dies zu bedenken, gilt es, wenn man von den weiblichen Tätigkeiten Horacio Cifuentes spricht oder erzählt. Da ist zunächst das Sticken.

In der Einladung zur Herrengesellschaft, um die Erzählung einmal so zu beginnen, stand, dass man sich zunächst das Needle Painting von Horacio Cifuentes in dessen Tanzstudio in der Kurfürstenstraße anschauen werde. Später ging es in das Munch’s Hus zum Essen, Elch. Needle Painting las der Berichterstatter so, dass es wohl um eine Art Tätowierung gehen müsse. Malen mit einer Nadel liest sich im Deutschen sehr wie Tätowieren. Später erfuhr der Berichterstatter dann vom Hörensagen, dass es sich ums Sticken und ganz besondere Stickbilder handele, dreidimensional gar, die unglaublich viel Zeit in ihrer Produktion, teilweise etliche Jahre, gekostet hätten. Eine fast endlose Zeit und in gewisser Weise Zeitverschwendung.

An dieser Stelle muss bedacht werden, dass die sogenannte Herrengesellschaft, und mehr darf und soll hier nicht verraten sein, aus Herren besteht, die vor allem eines nicht haben, nämlich Zeit. Sie sind in Termine und Terminkalender eingebunden. Und dann wird ihnen Horacio Cifuentes, der mit Vornamen so heißt wie Hamlets bester Freund, vorgestellt, der für sein erstes großformatiges Stick-Bild wohl 9 Jahre aufwendete. Wo kommt dafür die Zeit her? Und wie kann man wissen, was aus dem Bild werden wird, wenn man 9 Jahre lang daran stickt? Wusste er, was dabei rauskommen, um nicht zu sagen finanziell und bildlich für ihn rausspringen würde.

 

Vom Sticken wird kulturgeschichtlich als weiblicher Tätigkeit erzählt. Anders als vom Spinnen wie etwa im Lied der Amme aus Richard Wagners Oper Der fliegende Holländer wird vom Sticken mehr als Zeitvertreib denn als Produktivität erzählt. Das Sticken geht so langsam von der Hand, dass es sich den Anforderungen gesteigerter Produktivität auf Gewinn eines Seemanns beispielsweise entzieht. Im 19. Jahrhundert sticken die (bürgerlichen) Frauen, die zum Lebensunterhalt nicht spinnen oder weben müssen. Länger als das Weben widersetzt sich das Sticken der Maschinisierung wie es in Gerhard Hauptmanns Die Weber erzählt und dramatisiert wird.

 

Das Sticken geschieht landläufig nach Schablonen oder Vorzeichnungen. Das Bild, könnte man sagen, wird also von vorneherein vorgegeben. Das Sticken wuchert oft nur im Rahmen der Schablonen. Bei Horacio Cifuentes gibt es das wuchernde Sticken ohne und mit zumindest tendenzieller Schablone. Die Schablone gibt den Raum und die Zeichnung eines Bildes, das gestickt werden soll, vor. Die Schablone hat also immer etwas Befehlsförmiges und Regelhaftes, weshalb sich das Sticken nach Schablone auch leicht in eine maschinenhafte Produktion transformieren lässt. Nicht so bei Horacio Cifuentes.

Das Wuchern, die Zeitverschwendung, der Zeitvertreib, ein Widerstand gegen das Maschinelle werden kulturgeschichtlich im Sticken stark mit dem Weiblichen verkoppelt. Frauen sticken. Männer arbeiten und bauen Maschinen. Horacio Cifuentes begann als Zeitvertreib zu sticken und ließ seine Bilder wuchern. Stich für Stich in winzigen Stichen. Das Wuchern kommt aus dem Winzigen, nicht aus dem Großen oder gar Ganzen. Sowohl das Große wie das Ganze werden durch das wuchernde Sticken unterlaufen. Deshalb war das englische Needle Painting auch so irritierend. Beim Painting gibt es immer die Geste des Malers aus der Hand oder dem Handgelenk, die bisweilen ins Große auslaufen kann. Das gibt es beim Sticken, wie es Horacio Cifuentes praktiziert, nicht.

Im Winzigen kann man sich verlieren. Das Kameraobjektiv rutscht am Winzigen in die Unschärfe aus.  Man verliert nicht nur viel Zeit, weil die Arbeit in winzigen Stichen vor sich geht, sondern man verliert sich auch dabei. Deshalb bekommt das Sticken im Winzigen auch einen meditativen Modus. Ich habe mich dann auch länger mit Horacio vor und unter seinen Stickbildern unterhalten. Er hat mir davon erzählt, wie er zum Sticken kam. Aber eigentlich ist es auch ganz schwierig, von dieser Tätigkeit im Winzigen, die viel Zeit kostet, zu erzählen. Wenn das Winzige wuchert und vielleicht auf das Format von 200cm x 160cm kommt, dann lässt sich am Schluss gar nicht mehr sehen, zeigen oder sagen, wo der erste Stich war und wie das Bild aus ihm gewuchert ist. Was ist Vorder- und was Hintergrund? Erst der Hintergrund und dann der Vordergrund? Wann wird was und wo aus dem Winzigen gestickt? Die Menschen und Männer sind in Horacio Cifuentes Gärten auch winzig im Verhältnis zu Früchten, Tieren, Blüten, Schmetterlingen und Bienen.

 

Horacio Cifuentes ist groß. Seine Körpergröße hätte es ihm fast unmöglich gemacht, seinen Traum, Tänzer im Klassischen Ballett zu werden, zu verwirklichen. Um als großer Mann Tänzer zu werden, musste er hart an seinem Körper arbeiten. Härter als kleine Männer. Die Kunst der großen Gefühle und großen Gesten im Klassischen Ballett auf großen, bisweilen sehr großen Bühnen wie der der San Francisco Opera, wo Horacio Cifuentes in den 80er und 90er Jahren als Solotänzer auftrat und das Sticken begann, verlangt kleine Männer. Seine frühen Ballettmeister und Tanzlehrerinnen verweigerten ihm den Unterricht, als er zu groß wurde für ein klassisches Ballett-Ensemble. Er schaffte es trotzdem. Und natürlich gelten die Balletttänzerinnen (generisches Femininum) an den Opern- und Balletthäusern dieser Welt als deren Schwerstarbeiter. Die Tage sind mit Training und Auftritten durchgetaktet.

 

Auf das Sticken kam Horacio, wie er erzählt, weil der durchgetaktete Ballettalltag von Pausen durchbrochen wurde, in denen es sich nicht lohnte, nach Hause zu gehen. Vertane Zeit. Unter dem Tag und am Abend vor und zwischen den Auftritten gab sich Horacio dem Sticken hin. So entstand über 9 Jahre ein erstes, größeres Bild. Zeitvertreib und Meditation. Dann entdeckte er für sich den Bauchtanz, der sich nicht mit dem Ballett vereinbaren ließ. Ballett und Bauchtanz geht im Ballettbetrieb nicht. Wieder eine weibliche Tätigkeit. Sie wird der Frau ausschließlich zugeschrieben, wie Andrea Böhm gerade in ihrem Artikel Ein Tänzer auf der Flucht – Rami war die Diva der syrischen Schwulenszene. Bis er deswegen vertrieben wurde in der ZEIT geschrieben hat. Wenn man als Mann Bauchtanz macht, dann gibt es ein Geschlechtsproblem und man muss schwul sein. 

Es ist aufschlussreich wie selbst die Journalistin Böhm das Geschlechterschema übernimmt und ihren Artikel eröffnet. Bauchtanz stellt den Mann in Frage und kann nur im Nicht-Mann als Schwuler oder Drag Queen aufgehen. Geschlechterrollen werden unauflösbar mit geschlechtlich verorteten Tätigkeiten verknüpft, obwohl dies längst überholt ist. 

Tanzen und kämpfen hat Rami früh gelernt. Mit elf, zwölf Jahren stand er zu Hause in Damaskus vor dem Spiegel, wiegte die Hüften, ließ das Becken kreisen, träumte vom Applaus, den berühmte Bauchtänzerinnen bekamen. Ein Junge, der tanzt und sich schminkt – eine Schande, sagte der Vater und verbrannte Ramis "unmännliche" T-Shirts, seine Mascara – und die Kajalstifte…

Horacio lernte bei einem Bauchtanz-Workshop Beata kennen, und schon bald heirateten sie in San Francisco. Natürlich hat die Geschichte, wie Horacio sie erzählt, viel mit San Francisco zu tun. Vielleicht lassen sich nur an wenigen anderen Orten die Geschlechterschablonen leichter aufbrechen als in San Francisco, dem Mekka der Schwulen und Lesben. Mekka, wo eine außerordentlich strenge Geschlechtertrennung aufgrund biologischer Geschlechtsmerkmale vollzogen wird, funktioniert mit San Francisco als eine Art Heterotopie recht gut. Die Übersiedlung von San Francisco nach Berlin und die Verknüpfung von Sticken und Bauchtanz in der Oriental Fantasy Show haben gleichsam eine Heterotopie hervorgebracht.

Die orientalische Phantasie, wie Horacio und Beata Cifuentes sie erträumt, konzipiert, ausgestattet und zur Aufführung gebracht haben, hat viel damit zu tun, was Michel Foucault eine Heterotopie nannte. In der Oriental Fantasy Show werden vor allem durch Horacio die Kategorien des Geschlechts durchbrochen. Er stickt die Rosenknospen und Rosenblüten auf Beatas Bauchtanzkleider. Jedes Kleid, jede Blüte ein Unikat bisweilen nur für einen Auftritt. Verschwenderisch. So wie die Stickbilder selbst heterotopische Gärten aus winzigen Stichen hervorbringen, entstehen die Rosengärten auf Beatas Kleidern für den Bauchtanz. Doch Heterotopien haben eben nicht nur einen Orten, sondern bleiben in Bewegung wie Beata im Tanz, wo die Rosen den Körper bedecken und betonen zugleich.

Horacio Cifuentes Stickbilder sind bunt. Das Bunte springt hervor. Sind sie zu bunt? Oder bringt das Bunte mit seinen scharfen Kontrasten Glanz in die Bilder? Horacio wurde in Kolumbien als Sohn einer Lehrerfamilie geboren. In seiner Familie wurde viel getanzt, sagt er. Kommt das Bunte aus dem Kolumbianischen, möglicherweise dem Karibischen? Man weiß es nicht. Es gibt eine Freude in dem Bunten. Aber auch das harte Exerzitium im Ballettsaal. Der Stock des Ballettmeisters, der mittlerweile eher verschwunden ist, kommt im Bild vor. Vielleicht sind Horacios Bildwelten deshalb so faszinierend und bunt, weil sie große Kontraste wie den zeigenden und bisweilen schlagenden Ballettmeisterstock und das Winzige im Stich zusammenbringen. Der Stich verlangt auch mikroskopische und mikrologische Präzision selbst wenn er verschwenderisch als Zeitvertreib ausgeführt wird.

Schon plant Horacio ein überdimensionales, wohl sein größtes Bild mit Ballett-Aliens, wie er sagt. Bekanntlich zeichnen sich Aliens physiognomisch häufig dadurch aus, dass sie kein menschliches, sondern ein insektenähnliches Gesicht haben. Das insektenähnliche Gesicht ist unheimlich. Doch Bienen als äußerst arbeitssame, staatenbildende, produzierende Insekten kamen immer schon in den Stickbildern vor. Winzig. Bienen werden zu Ballett-Aliens, die hochorganisiert und vielleicht für Nichts als den Honig arbeiten, den ihnen die Menschen rauben. Da gibt es Korrespondenzen. Beim gleichsam bienenfleißigen und übrigens weiblichen Volk der Bienen geht es mit größter Disziplin zu, die aus den klitzekleinen Portionen des Nektars Waben und ganze Honiggläser füllen.

Die Stickbilder von Horacio Cifuentes verdienen in ihrer Fülle, Buntheit, Einzigartigkeit eine gebührende Würdigung durch eine Ausstellung, weil sich in ihnen hoch komplexe Kulturprozesse verdichten. Sind sie mehr oder weniger Wert als gemalte Bilder in Öl beispielsweise? Und wie verhält es sich mit den Bauchtanzkostümen? Sind sie mehr oder weniger Bild? Die faszinierende Kunst des Horacio Cifuentes artikuliert sich nicht zuletzt als eine Wertschätzung der Frau und des Weiblichen, das nach wie vor kulturell wenn nicht entwertet, so doch weniger wertgeschätzt wird. Anders gesagt: Horacio Cifuentes ist ein Feminist.

Torsten Flüh

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Categories: Kultur | Tanz

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