Der Glanz der Bilder - Else Lasker-Schüler Die Bilder im Hamburger Bahnhof

Handschrift – Malen – Briefe

 

Der Glanz der Bilder

Else Lasker-Schüler – Die Bilder - im Hamburger Bahnhof

 

Seit 1914 lebte Else Lasker-Schüler (1869-1945) in Hotelzimmern in Berlin und anderswo. Hotelzimmer sind Durchgangsstationen wie Bahnhöfe. Orte zum Briefeschreiben. Else Lasker-Schüler hat viele Briefe geschrieben. Sehr viele. Im Prozess des Briefeschreibens an die unterschiedlichsten Adressaten werden irgendwann Worte zu Bildern. Mit einem Mal zeichnet sie für das Wort Stern einen ¤.

Im Hamburger Bahnhof, dem Museum für Gegenwart der Nationalgalerie Berlin, sind jetzt die Bilder der Lyrikerin, Dichterin und Briefschreiberin Else Lasker-Schüler zu sehen. Zu verdanken ist die Ausstellung Raphael Gross, dem Direktor des Jüdischen Museums Frankfurt am Main, und dem Verein der Freunde der Nationalgalerie, der durch seine Vorsitzende Christina Weiss bei der Eröffnung vertreten wurde.

Raphael Gross hatte die Ausstellung mit seiner Mitarbeiterin Ricarda Dick für das Jüdische Museum Frankfurt am Main konzipiert, eingerichtet und dort bis zum 9. Januar ausgestellt. Zur Ausstellung ist im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag nicht nur ein Katalog, sondern das erste umfassende "Werkverzeichnis" der "Bilder" von Ricarda Dick als Herausgeberin erschienen. Dank des Vereins der Freunde der Nationalgalerie Berlin und des Direktors der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, ist die einmalige Ausstellung der über mehrere Kontinente zerstreuten Bilder von Else Lasker-Schüler nun bis zum 1. Mai 2011 in Berlin.

Zur Ausstellungseröffnung am Donnerstagabend füllte ein buntes Berliner Publikum von Eva & Adele über etliche weitere KünstlerInnen und Lea Rosh bis zu Vertretern aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft die Bahnhofshalle des Museums der Gegenwart. Dort erläuterte Udo Kittelmann den Grund für die Ausstellung in diesem Haus der Nationalgalerie damit, dass Else Lasker-Schüler in Berlin wieder gegenwärtig werden soll.

In der Ausstellung der hoch lichtempfindlichen Exponate gibt es nicht zuletzt 2 Postkarten zu sehen, schon aus dem Exil in der Schweiz – Gersau Kurort am Vierwaldstädtersee 1937 und Maloja 1938 -, die in einer merkwürdigen Bildhaftigkeit mit sehr wenig Text beschrieben sind. „Bald bin ich wieder da.“ und „Die Wiesen schon lila, Himmel rosa.“

Die früheste Postkarte, die nur eine spärliche Kombination aus Zeichnung und Text enthält, ist von Else Lasker-Schülers Hand aus dem Jahr 1911 erhalten. Sie ist dank Poststempel genau datierbar, 11.5.1911, und wurde aus Berlin an Karl Krauss in Wien adressiert. „Mein psychischer Zustand: Melancholie – Krieg“.

Bevor man allzu eilig von „Bildzeichen“ und „Schriftzeichen“  (Ricarda Dick) als distinkt trennbar eingeht, sollte man vielleicht ein wenig länger bei den Postkarten, Briefen und Briefumschlägen, die bemalt und beschriftet wurden, verweilen. Der vom Berliner Kurator der Ausstellung, Dieter Scholz, wiederholt angeführte ¤ als Ersatz oder Platzhalter für das Wort Stern erlaubt eine genauere Befragung des eigentümlichen Verhältnisses von Bild und Text in den Arbeiten Else Lasker-Schülers.

Es scheint so, als seien die Bilder eben nicht allein Bild. Auf bedenkenswerte gibt es vielmehr ein wechselseitig supplementäres Verhältnis von Text und Bild. Texte werden zu lyrischen Bildern und Bilder werden zu graphischen Texten. Erst durch das Supplement als wesentliches Verhältnis von Beschriftung und Bemalung entsteht ein Bild beispielsweise als „Meine Häuptlinge / Stambul, Memệd, Ingwer Bey Asser Gad und Morderchei, Calmus Schal und Salomein“ im März 1916 in einem Notizbuch von Albert Ehrenstein.

„Die Wiesen schon lila, Himmel rosa.“ und „Bald bin ich wieder da.“ Wo ist denn da? Da beim Adressaten Herrn Fürsprech Emil Raas in Bern? Oder da in Gersau am Vierwaldstädtersee? Oder da bei diesen beiden angedeuteten Männergesichtern mit Fez? Ist da Jerusalem? Das Dasein, die Existenz Else Lasker-Schülers ist in den Jahren nach 1933 als Künstlerin, Dichterin, Malerin und Jüdin aufs schärfste gefährdet. Die Schweiz ermöglicht ihr gerade ab März 1939 kein Dasein in der Schweiz.

Zu lesen, zu lesen ist die Postkarte - Bilder und Texte - nicht so einfach. Postkarte mit Miniaturlandschaft vom Vierwaldstädtersee abgestempelt in Zürich Fraumünster. „Zürich Fraumünster“. Männer, Frauen und keine Unterschrift des Absenders. Die Zeichnung und der Text ersetzen auch die Unterschrift der Absenderin. Was gehört zum Szenarium der Postkarte, die Else Lasker-Schüler einst verschickte? Und was soll nicht dazu gehören? Wer will das entscheiden? Wo beginnt das Lesen und wo soll es enden?

Am 11. November 1911 schreibt Else Lasker-Schüler an Karl Krauss:

„Ich will nicht behaupten, Sie können meine Schrift lesen – namentlich dann wohl nicht wo sie zu Hieroglyphen wird.“

Die Kombinatorik von Bild und Schrift tendiert zu Hieroglyphen, von denen nicht erwartet wird, dass man sie lesen können muss. Und wenn man sie lesen könnte, dann wohl doch auf eine andere Weise als die, dass man nun wüsste, was mitgeteilt werden sollte.  

Die bemalten Briefe und Kommunikationsmittel von Else Lasker-Schüler, die sie an bestimmte Personen ihres persönlichen Umfeldes verschickte oder die eher anonym adressierten Gedichte und Prosatexte, sind geheimnisvoll. Es sind Chiffren der Moderne und der Grosstadt. Sie sind einzigartig, klein- bis kleinstformatig, Travestien, Orientalismen, Ägyptologien, Märchen der Metropole und hieroglyphische Bildschriften.

Chiffren sollten als solche gewürdigt werden, sonst verlieren sie ihren Zauber. Es ist ein Glück der Berliner Museumslandschaft, dass fast alles verfügbar ist. Irgendwo in irgendeiner Sammlung oder in einem Depot im Tiefgeschoss, im Tresor schlummert sicher noch ein zauberhaftes Objekt, das sich auf seinen Auftritt freut.

 

Es geht allerdings schief und wird zum History-Trailer, wenn lebensgroße, früh-ägyptische Steintafeln zu nah an Else Lasker-Schüler herangerückt werden. - Eine Katastrophe! Mit einem Mal sind zwei Bilder entzaubert. - Da haben wir es ja. War doch klar! – Das „Relief aus dem Grab des Generals Ria in Memphis, 19. Dynastie“ im Eingangs- und Eröffnungsbereich der Ausstellung passt bis aufs Haar zur auf Lebensgröße hochgescannten Photographie von „Else Lasker-Schüler als Fakir von Theben, Fontispiz von Mein Herz (1912)“.

Eine Katastrophe ist es auch, wenn die Physiognomien auf Else Lasker-Schülers chiffrierten Postkarten etc. mit einem Mal auf einen „Stuckkopf Amenophis’ IV.“   mit abgebrochener Nase zurückgeführt werden. Dass Else Lasker-Schüler von der ägyptischen Sammlung fasziniert war, heißt noch lange nicht, dass „Amenophis IV. aus der Werkstatt des Thutmosis“ kurzer Hand als Jussuf, Prinz von Theben chiffriert wird. Was sich biographisch belegen lässt und eine bildliche Kongruenz erzeugt, ist noch lange keine Dechiffrierung. Zumal die damals aktuelle Entzifferung und Übersetzung der ägyptischen Bildschrift für Else Lasker-Schüler ein Faszinosum, aber die Rede vom Ägyptischen bei ihr eine höchst chiffrierte ist.

Die Genese des Jussuf, Prinz von Theben ist derart vielfältig und in sich selbst ur-sprünglich, dass er immer wieder neu und anders auftritt. Marianne Schuller hat einmal mit dem Zitat „Ich bin Wasser darum bin ich keine Frau“ zu „Else Lasker-Schülers melancholischer Prosa“ geschrieben, dass „die Unmöglichkeit der Repräsentation des Weiblichen in der Schrift“ den melancholischen Zug ausmache. Wegen der Melancholie verlange Else Lasker-Schüler „nach Caféhaus, nach Schauspiel, nach Travestie und Witz“. (In: ÜberSchriften, Bremen 1994) Das Ursprüngliche des Jussuf wäre damit genau andersherum durchzuarbeiten.

Das Bildschriftliche in Else Lasker-Schülers Handschriften folgt der „Unmöglichkeit der Repräsentation des Weiblichen in der Schrift“. Was weitreichende Folgen für die Rede von den Bildern Else Lasker-Schülers und ihrer Ausstellung haben sollte. Gerade das Auftauchen des Pikto- und Ideogrammatischen als Stern in der Formulierung „Sende Ihnen einen ¤“ im Brief an Richard Dehmel am 17. Februar 1907 gibt einen Wink auf die Schriftlichkeit des Bildes bei Lasker-Schüler. Ein Stern - und sei es ein David-Stern über dem Bund der wilden Juden - funkelt und glänzt auch.

Das Bild tendiert zur Schrift und es entspringt ihr im Zuge der Unmöglichkeit von Repräsentation. Neben und mit dem Prinzen von Theben füllen „Indianerinnen“, „Der Schậh“, „Der Bund der wilden Juden“, „Zulus“, „Die Tampas“, „The indianers niggers of the prince of Tiba“ Blätter und Rückseiten von Telegrammformularen. Selten, fast nie bleiben die Bilder ohne Be-Schriftung. So eröffnet sich selbst in den Collagen und Bildern für Buchpublikationen ein Zug zur Unmöglichkeit der Repräsentation in der Schrift.

„Der Bund der wilden Juden“ und „The indianers niggers of the prince of Tiba“ sind nicht zuletzt kulturhistorische Archive des Varieté und des Judentums der Metropole Berlin in Buntstift und Goldpapier, die sich in die Bildschrift eingeschrieben haben, ohne dass sie repräsentieren würden. Else Lasker-Schülers Berliner Existenz in Hotels in Berlin über fast 20 Jahre bis zur Flucht vor rassistischer und kulturideologischer Verfolgung in die Schweiz 1933 ließ auch die Halbwelt des Bunten und Flüchtigen an ihr vorüberziehen und mit ihr eins werden.

In Jerusalem, in der Schweiz oder in Alexandria im Exil, fernab des Berlins, das sie in Hotelzimmern er- und durchlebte, nehmen die Bilder Else Lasker-Schülers einen anderen Zug an. Es kommt zu einer „Egyptische(n) Photographie (In einem Café aufgenommen.) Achmed Pascha, Weib, Sohn und Brüder“, die sich nicht genau datieren lässt, doch von der sie nun in der Metaphorik der Photographie an Emil Raas schreibt:

„Nun versteh ich nicht, dass Sie das beste Bild fast oder von wenigen das mitbeste erst lernen müssen zu verstehen. Das Fixatif hat vielleicht einen Rand verursacht, der mit Warmwasser vorsichtig mit kleinem Schwamm zu entfernen ist. Das Bild ist direkt Alexandrien Caféhaus und ich hätte es gern selbst behalten denn so was macht man einmal.“ (Brief an Emil Raas vom 14. April 1936)

Das „Bild“ von "Bleistift und Kreide" mit einem Passepartout ist nun signiert mit Else Lasker-Schüler. Sie „photographiert“ jetzt, wenn sie mit Bleistift und Kreide malt. Ihre Formulierung zur Herstellung der „Egyptischen Photographie“ ist allerdings ganz und gar merkwürdig. Ist das Bild durch das „Fixatif“ fixiert oder nicht? Die Begrenzung des Bildes durch „einen Rand“ lässt sich angeblich „mit Warmwasser vorsichtig mit kleinem Schwamm entfernen“. Kann man das Bild dann besser „verstehen“? Das Verstehen von Bildern ist wie das Verstehen selbst nicht einfach.

„Das Bild ist direkt Alexandrien Caféhaus …“ Die Direktheit des Bildes persifliert das vermeintliche Vermögen der Photographie, ein direktes Bild zu machen. Obwohl Achmed Paschas „Weib“ egyptisch photographiert worden ist, könnte man in „ihren“ Zügen auch ein männliches Gesicht sehen. Dann schlägt das Verständnis des Bildes um in eine homoerotische Szene Berlins der Zeit bis 1933.

Else Lasker-Schüler war diese Szene nicht zuletzt durch ihren Freund Senna Hoy bekannt. Johannes Holzmann (1882-1914) war nicht nur Anarchist und Schriftsteller, sondern auch Aktivist der Homosexuellen seit 1905. Sein Pseudonym geht auf ein Ananym, Johannes – Senna Hoy, von Lasker-Schülers zurück.

 

Im seltsamen Ananym, das aus einem Johannes eine/n Senna Hoy macht, ist auch das Szenarium des Geschlechts in der Schrift versteckt. Johannes lässt sich als eindeutig maskuliner Name lese. Die Eindeutigkeit des Geschlechts von Senna Hoy löst sich dagegen in der weiblichen Endung auf a und dem schwer einem Geschlecht zu zuschlagenden "Familiennamen" Hoy auf. Man fragt sogleich, woher der Name kommt. Ist das ein jüdischer, ein ägyptischer, ein deutscher Name für eine Frau oder einen Mann? Am ehesten ist es ein egyptischer.

 

1907 ging Senna Hoy nach Russland und wurde dort wegen politischer, womöglich auch homosexueller Aktionen zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Else Lasker-Schüler besuchte ihn im Moskauer Gefängnis und setzte sich für seine Freilassung ein. Doch am 28. April 1914 verstarb er in der Irrenabteilung des Gefängnisses in Meschtscherskoje. Am 14. Mai 1914 wurde er auf dem Jüdischen Friehof in Berlin-Weißensee von seinen Eltern, seinen Geschwistern und seinen Freunden beerdigt.  

Die Direktheit und der Rand der „Egyptische(n) Photographie“ wiederholen um 1935 die Frage des Bildes und arbeiten sie in einer brieflichen Erwiderung durch. Deutschland taumelt währenddessen in seligstem Braun. Dort nehmen Photographien in Verbrecherkarteien ganz andere Funktionen ein. Doch es ist vor allem der merkwürdige „Rand“, der sich „vorsichtig … entfernen“ lässt, der allerdings das Bild begrenzt, indem er es umrandet.

Im Exil wird Else Lasker-Schüler zu einer anderen Photographin. Selbst wenn man nun Alexandriner oder Jerusalemer Szenerien sieht und sie „da“ ist, bleibt völlig unklar, woher die Bilder direkt kommen. Selbst wenn man meint, mit der Be-Schriftung „Café in der Altstadt Jerusalems“ „Der Sohn Ibn Saud s“ „Else Lasker-Schüler“ nun eine Szene aus einem Café in der Altstadt Jerusalems zu haben, bleibt dies doch höchst zweifelhaft im Kontext einer „Egyptische(n) Photographie“.

In vielen Bildern glänzt Gold- oder Silberpapier als Schmuck, Hose oder Kamelsattel. „Jussuf“ vom 8. September 1927 hat einen Turban und ein Gewand aus Goldfolie. Im Plakat zur Ausstellung verliert die Goldfolie ihren Glanz. Man muss die Bilder schon direkt ansehen. Es ist sehr schwierig den Glanz, der nur im Schimmer der Belichtung entsteht, zu zeigen oder zu photographieren. Den Glanz kann man im Bild wie „gehobenes Blut, Flut, bunte Flut“, Lasker-Schüler am 8.9.1927 an Paul Goldscheider, nicht zeigen oder halten.

Im Plakat gibt es den Glanz der Goldfolie nicht, woran man sich erinnern sollte, wenn man die Bilder von Else Lasker-Schüler sieht. Denn vielleicht liegt im spiegelnden Glanz der Gold- und Silberfolien mehr Bild als im Plakat. Derartige Spiegelungen werden aber nicht einfach da vor unserem Auge gegenwärtig.

 

Torsten Flüh

 

Else Lasker-Schüler

Die Bilder

 

Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof

Museum für Gegenwart – Berlin

Invalidenstraße 50-51

10557 Berlin

 

Else Lasker-Schüler – Die Bilder

hrsg. von Ricarda Dick im Auftrag des

Jüdischen Museums Frankfurt am Main

Berlin: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2010

Preis: 29 Euro


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Categories: Kultur

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