Der Juckreiz der Moderne - Yoko Tawadas Drama Kafka Kaikoku im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin

Moderne – Japan – Verwandlung

 

Der Juckreiz der Moderne

Yoko Tawadas Drama Kafka Kaikoku im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin

 

Als vor 150 Jahren die Moderne mit dem Besuch deutscher, um nicht zu sagen Berliner Gesandter, Kaufleute und Ärzte in Japan einbrach, muss das eine Art Juckreiz ausgelöst haben. Eines Morgens wachte der Japaner auf und fühlte sich in einen Europäer, der Deutsch spricht, verwandelt.

Yoko Tawada hat so in ihrem neuen Theaterstück Kafka Kaikoku den Einbruch der Moderne aus dem Westen mit Witz dramatisiert. Der Japaner Izumi stellt fest:

Die Moderne juckte. 

Man darf durchaus über den einen oder anderen dramatischen Einfall schmunzeln. Ihr Stück, das dennoch ein veritables Drama ist, wird bis zum 18. Februar im Japanisch-Deutschen Zentrum in Berlin-Dahlem durch die Lasenkan Theater Gruppe kongenial, farbenprächtig und witzig aufgeführt.

1985 wurde das Japanisch-Deutsche Zentrum als Stiftung gegründet. 1998 zog das Zentrum in das neue Gebäude in Berlin-Dahlem. Es ist ein Ausdruck der guten Beziehungen der beiden Staaten zueinander. Bis 1998 hatte das Japanisch-Deutsche Zentrum seinen Sitz in der 1938 im imperial-faschistischen Stil nach Plänen von Albert Speer erbauten Botschaft im Berliner Tiergarten.

Am 24. Januar 1861 unterzeichneten Japan und Preußen, das deutsche Kaiserreich ließ noch 10 Jahre auf sich warten, in Edo, dem heutigen Tokio, einen Freundschafts- und Handelsvertrag. Die Edo-Epoche von 1603 bis 1867 neigte sich langsam dem Ende. 1868 begann die offizielle Zeit der Reformen und der Moderne mit der Meiji-Epoche und ihrem Meiji-Tenno. Japan wandelte sich vom Feudalstaat zur imperialen Großmacht.

Mit den Holzschnitten und Drucken der Ukiyo-e Künstler hatte Japan seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine künstlerische Strömung hervorgebracht, die ihrerseits die europäische Moderne von Paris aus zutiefst beeinflussen sollte. Die „Bilder der fließenden“ oder „schwebenden Welt“ wie beispielsweise Die große Welle vor Kanagawa oder die 36 Ansichten des Bergs Fuji von Katsushika Hokusaii (1760-1849) wurden unter anderem von Claude Monet (1840-1926) für sein Refugium mit dem berühmten Garten von Giverny gesammelt und dort in japanischen Räumen inszeniert. Bereits 1875 malte Monet La Japonnaise im impressionistisch, an Hokusaii orientiertem Stil des Ukiyo-e. Der Impressionismus war geboren.    

Noch im 18. Jahrhundert wurden in Europa Japan, China und Indien austauschbar gebraucht. Mit China konnten auch Indien und Japan gemeint sein ebenso wie mit Indien Japan und China. In der europäischen Kunst überschnitten sich denn auch noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts europäisierte Chinesen mit Indern und Japaner. Erst im 19. Jahrhundert, als die Moderne mit der Herausbildung der Nationalstaaten in Europa an Fahrt aufnimmt und die Sicherung von Territorien im Fernen Osten zu einer Frage der Nationalstaaten wird, gewinnt die Ausdifferenzierung von Staaten und Territorien mit Japan, China und Indien an Bedeutung.

Vor diesem Hintergrund und dem Interesse Preußens mit seiner aufstrebenden Industriemetropole Berlin an neuen Absatzmärkten für Eisenbahnen und Dampfschiffe beispielsweise wird der Freundschafts- und Handelsvertrag zwischen Preußen und Japan zu einem wichtigen Anstoß für die Meiji-Epoche. Sie ist zugleich Reform und Restauration.

Reform einer in Asien seit alters her hoch technologisierten Kultur, die der Moderne und Modernisierung zum Aufstieg in die Industrienationen bedarf und Restauration eines zentralistisch-imperialistischen Machtgefüges, das seinen neuen und einzigen Mittelpunkt in Edo, dem heutigen Tokio findet. Die chinesischen Schriftzeichen für Tokio lassen sich nicht zuletzt mit „Hauptstadt des Ostens“ übersetzen.

Die Zeit um 1861 trifft nicht nur zusammen mit der industriellen Gründerzeit in Deutschland. Sie wird auch begleitet von der Herausbildung neuer Wissenschaften nicht zuletzt in Berlin. Die Bakteriologie wird beispielsweise zu einer der führenden medizinischen Wissenschaften.  

Zu einem der Akteure, die die medizinischen Wissenschaften mit neuen Technologien, mit neuartigen Mikroskopen, der Mikrophotographie und der Einfärbung von Analysematerial auf dem Objektträger mit Anilinfarben bahnbrechend verändern, zählt Robert Koch, der Begründer der Bakteriologie. Seit den 1880er Jahren werden später führende japanische Wissenschaftler und Ärzte aus dem Umfeld Robert Kochs die japanische Medizin grundlegend reformieren.

Yoko Tawada hat Franz Kafkas (1883-1924) Erzählung Die Verwandlung von 1912 als Drama der Moderne in Japan umgeschrieben. Saburo Shimada hat das Stück nun auf der Bühne im Japanisch-Deutschen Zentrum beeindruckend umgesetzt und eingerichtet. Es ist, um dies gleich vorweg zu nehmen, eine Empfehlung für größere Bühnen geworden. Die Stammmitglieder des Lasenkan Theaters – Kana Torino, Kei Ichigawa und Franziska Piesche – brillieren in ihren vielgestaltigen Rollen, dass es eine Lust ist, ihnen zu zuschauen.

Saburo Shimada vermeidet jeden realistischen oder naturalistischen Zug, indem er die Rolle des Japaners Izumi mit Franziska Piesche, also einer Deutschen, besetzt. Kafka Kaikoku wird zum einem Traumspiel und drückt bisweilen wie ein schwerer Alb. Die Inszenierung lebt ganz wie Yoko Tawadas Drama von dem, was das Japanische und Deutsche als ein Drittes, Neues hervorbringen. Die Inszenierung hält sich immer in einer Sphäre des Wachträumens.

Kafkas Erzählung gehört zu einem der Schlüsseltexte der Spätmoderne. Gregor Samsa erwacht – wie Izumi – eines Morgens und sieht sich in ein Ungeziefer verwandelt. Einen Käfer, der sich in seinem Zimmer eingeschlossen hat und versteckt. Gregor, der sich nicht mehr artikulieren kann, wird zunächst von seiner Schwester geschützt. Doch vor der Tür warten Vater und Mutter, die nicht wissen, was sie mit dem zu Ungeziefer gewordenen Sohn anstellen sollen.

Yoko Tawada geht in ihrem Drama der Frage nach, was es heißt, ein Ungeziefer zu werden. Sie arbeitet es nicht zuletzt als einen spezifischen Prozess der Moderne heraus. Izumi wird zu einem Alterego Kafkas, der zum Alterego Gregor wird. Denn wie Izumi als Japaner so will Kafka als Gregor vor allem eines nicht werden. Izumi/Kafka/Gregor wollen kein Opfer werden.

 

Mit der Figur des Izumi erinnert Yoko Tawada an den japanischen Autor und Dramatiker Izumi Kyoka (1873-1939), der während der Meiji-Zeit im Unterschied zu vielen anderen japanischen Autoren das vormoderne Konzept der „schwebenden Welt“ nicht aufgegeben hatte. Deshalb überschneiden sich Kafkas Angstträume mit den Träumen Izumis.

Doch bereits am Frühstückstisch wird Izumi Opfer seines eigenen Anspruches. Er flitzt zwischen japanischem und europäischem Frühstückstisch hin und her, ohne sich wirklich einen ausreichenden Bissen zu gönnen. Vom ständigen Hin- und Zurückrennen zwischen Ost und West, zwischen Japan und Deutschland/Europa ganz kopflos geworden, verwandelt er sich abermals. Diesmal verwandelt sich der Japaner, der als Europäer aufgewacht war, in eine doppeldeutige Ratte. Einem Tier, das im Westen als Ungeziefer gilt, das aber im Osten positive Eigenschaften wie Fleiß, Gewitztheit und Humor vereint.

 

Im doppelten Blick, im zweifachen Erscheinungsbild der Ratte liegt die Magie der Sprache Yoko Tawadas und der Zauber der Inszenierungen des Lasenkan Theaters. In ihrem Kafka Kaikoku nehmen die Verwandlungen kein Ende. Es ist wie eine unablässige Öffnung - Kaikoku - von Ländern und Sprachen. Während die Öffnung Japans historisch nicht zuletzt eine durch die Amerikaner erzwungene war, geht es nun um eine Öffnung der Sprachen und Bilder.

Kafka tritt aus einem Portrait, das über Izumis Arbeitstisch mit den Ukiyo-e-Blättern hängt, heraus und verwandelt sich in Gregor Samsa. Gregor Samsa verwandelt sich in einen Käfer, der „es geschafft (hat), untauglich zu werden, untauglich als Opfer“. Es entstehen Interferenzen der Kulturen und der Personen. Während Kafka und Gregor einen Vater und eine Mutter haben, hat Izumi eine nicht weniger mythologisch grausame Wasserschlange zur Mutter. Die Handlung entfaltet sich derart als eine ständige Verschiebung der Bilder.

 

Plötzlich kommt „die Dame im Pelz“ aus Der Verwandlung zu Izumi und Gregor auf die Bühne. Sie frühstückt mit Gregor eine Rose. Und sie ist wie schon bei Kafka als „Dame im Pelz“ ein fernes Echo einer anderen Dame. Die „Dame im Pelz“ ist nämlich nicht zuletzt die Wiederkehr der „Venus im Pelz“, die durch den Traumdeuter Sigmund Freud einen Namen als Fallgeschichte bekam. Die folgenreiche Venus im Pelz war nämlich bereits 1870  von Leopold von Sacher-Masoch geschrieben worden.

Yoko Tawadas Lust am Hybriden zeigt sich auch in der Dramenfigur des Scheins. Die Figur Schein ist, wie sollte es anders sein, ein japanisch-deutscher Hybrid. Das Schriftzeichen für den japanischen Büroangestellten kann man mit Schein übersetzen.

Ich strebe nach Schein, nicht nach Sein.

Doch Izumi hält Schein, der ein Ausbund an Pünktlichkeit und Fleiß, Höflichkeit, Sparsamkeit und Bescheidenheit ist, für eine „Kreatur der Moderne, ohne Rückgrat und Verstand“.  

Der Büroangestellte Schein ist ein kleiner Teufel in Schwarz mit Flügeln. In der Inszenierung von Shimada erinnert er an eine Mischung aus Marx Brother und Yoko Ono. Der Schein sorgt für heftige Verwirrung und nicht als Angestellter, sondern als Angstgestalt bei Izumi für große Bedrückung. Izumi sieht als ein von der Uhr als Siegel der Moderne Getriebener keinen anderen Ausweg mehr, als sich krankschreiben zu lassen.

In Yoko Tawadas kafkaesken Verwandlungen werden Schriftzeichen zu Büroangestellten und Pferde lassen sich aus Ukiyo-e-Bildern schneiden, damit der Landarzt damit durch die Steppe nach Japan reiten kann. Wer anderes als ein Landarzt, der nicht nur vom Lande, sondern auch aus einem anderen Land, nämlich Deutsch-Land kommt, sollte den Japaner Izumi krankschreiben können? Die Figur des Landarztes ist nicht zuletzt Kafkas Erzählung Ein Landarzt (1918) entsprungen.

Natürlich schreibt der Landarzt Izumi krank, indem er ihm krank auf den Rücken schreibt. Doch das reicht nicht. Deshalb gibt der Landarzt Izumi auch noch eine Pille, durch die er sich in eine Gliederpuppe verwandelt. Denn Izumis Vorstellungen hatten sich „allmählich aufgelöst“, was der Landarzt haarscharf als eine Erkrankung der Glieder, nämlich der Satzglieder diagnostiziert hatte. Als Therapie soll sich Izumi in eine Bunraku-Puppe verwandeln.

Die Szene Izumis mit der Ohichi (Bunraku-Puppe) ist eine schönsten Inszenierungseinfälle von Saburo Shimada. Franziska Piesche, die selbst auch als Puppenspielerin arbeitet, führt die Ohichi (Kei Ichigawa) mit großer Geschicklichkeit. Für einige Momente gerät man wirklich in Zweifel, ob in der Puppe ein Mensch steckt. Doch genau diese Momente machen den Zauber des Stückes wie der Inszenierung aus.

Die Geschichte mit Gregor und Iszumi nimmt kein gutes Ende. Am Schluss haben Vater und Mutter einfach die falschen Fahrkarten gehabt.

Mit der Inszenierung hat sich das Lasenkan Theater selbst übertroffen. Peter Ludwig Beierlein sorgt am Flügel für Zwischenmusiken, während der Zeichner Stephan Köhler hybride Bilder entstehen lässt, in denen sich Realität und Poesie verwischen.

 

Amanda Schütze als Dame im Pelz, Landarzt und Gregors Schwester glänzt vor allem als Landarzt. Als Dame dürfte sie etwas mehr Dame sein. Alejandra Langner hält sich als Izumi als Erzähler zurück und berührt durch eine entgeisterte Mutter, die von Young Kwan Kim als verzweifelt brutalen Vater begleitet wird. Yumiko Saito als Putzfrau, die Gregor als Leiche beseitigen soll, ist eher ein zurückhaltende japanische, als eine kratzbürstige deutsche Putzfrau.


Franziska Piesche als Izumi, Kana Torino als Kafka/Gregor und Kei Ichigawa als Schein und Ohichi haben einen einzigartigen Schauspielstil entwickelt, den sie mit und zwischen der deutschen und der japanischen Sprache und Kultur zu einem wirklichen Höhepunkt führen. In jeder Geste und mehr und mehr in jedem Wort schimmern beide Kulturen und Sprachen durch.

 

Torsten Flüh

 

Kafka Kaikoku

von Yoko Tawada

 

Weitere Aufführungen am

Do. 10., Frei. 11. und 16. bis 18. Februar 2011

    

Japanisch-Deutsches Zentrum

Saargemünder Straße 2

Gegenüber dem U-Bahnhof Oskar-Helene-Heim