Der MEGA-Coup - Zum Abschluss der "Kapital-Abteilung" der Marx-Engels-Gesamtausgabe.

Werk – Werden – Wissenschaft

 

Der MEGA-Coup

Zum Abschluss der „Kapital-Abteilung“ der Marx-Engels-Gesamtausgabe

 

Im Konferenzsaal 2, Haus 2 der Friedrich-Ebert-Stiftung standen am Donnerstag nun die Früchte von 40 Jahren philologisch-editorischer Arbeit an der Marx-Engels-Gesamtausgabe, kurz MEGA, auf dem Tisch. Im August 2012 war der letzte und 22. Teilband als Band II/4.3 mit den Ökonomischen Manuskripten 1863-1867 erschienen. Die vorausgehenden Teilbände waren bereits 1988 und 1993 herausgekommen. Die Zeiträume, die damit abgesteckt werden, verschlangen ganze politische Systeme.

Das Kapital gilt zweifelsohne als Hauptwerk des Autors Karl Marx (1818-1883). Und die nachgelassenen Ökonomischen Manuskripte sind so etwas wie der Giftschrank zu diesem. Das Gift verabschiedet nämlich auf eindrückliche Weise das Hauptwerk als ein abgeschlossenes, konfrontiert es mit widersprüchlichen Manuskripten und rückt nicht zuletzt eine der einflussreichsten ökonomischen und politischen Schriften des 19. und 20. Jahrhunderts näher an die Literatur und vor allem an Karl Marx’ literarisches „Vorbild“ Honoré Balsac und seine Comédie humaine heran, wie es insbesondere der Hallenser Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte Harald Bluhm als Leiter der öffentlichen Tagung vorschlug.


Harald Bluhm, der seit 2008 Projektleiter der MEGA war, führte mehrfach eine Äußerung von Marx’ Schwiegersohn Paul Lafargue an, dass Balsac und seine Romane, der diese um 1830 eine Comédie humaine in Anklang an Dante Alighieris Göttliche Komödie zu nennen begann, das literarische Vorbild gewesen seien. Das Kapital als Hauptwerk zeichnet sich nun dadurch aus, dass es 1867 zunächst als ein erster Band oder erstes Buch erschien und auf 3, nach den Manuskripten gelegentlich auch auf mehr Bände, veranschlagt wurde. Doch wie liegt dieses Werk des Autors Karl Marx denn nun vor? Welche Schwierigkeiten an der Schnittstelle von Literatur und Wissenschaft lassen sich beobachten? 


Welche Fassung des Kapitals als Buch soll gelten? — 5 Jahre nach der Erstveröffentlichung wurden bei der 2. Auflage des ersten Bandes oder Buches bereits starke Veränderungen am Kapital vorgenommen. Und als Marx 1875 schließlich den ersten Band in Französisch - Le Capital - als Buch veröffentlichte, hatten sich wesentliche Teile noch einmal verändert. Zudem merkte er an, dass die französische Ausgabe nunmehr die beste, es aber ganz unmöglich sei, sie einfach ins Deutsche zu übersetzen. Marx berücksichtigte damit ein sprachlich-literarisches Problem, dass Das Kapital als Buch und seine Übersetzung berührt. Weder ist Le Capital eine Übersetzung der deutschen Fassung, worauf Karl Marx selbst insistiert hat, noch lässt es sich wegen der Eigenheit des Französischen einfach ins Deutsche (rück-)übersetzen.


Friedrich Engels (1820-1895) hat sich allerdings schon 1883 in Marx’ Todesjahr bei der 3. Ausgabe des ersten Bandes in Hamburg gegenüber der besonderen Einordnung der französischen Fassung hinweggesetzt und einige Änderungen in die neue deutsche übernommen (MEGA II/8). Rolf Hecker, der als Mitarbeiter der MEGA besonders auf diesen Band einging, unterstrich, dass der erste Band so nicht zuletzt durch Engels in eine Fassung gebracht worden sei, die alle vorausgegangenen Fassungen als Vorarbeiten ansah und die letzte als Verbesserung und „letzten“ Stand ausgab. Die Frage nach der gültigen und richtigen Ausgabe allein des ersten Bandes ist vor diesem Szenarium von Umschriften, Ergänzungen, Änderungen und „Übersetzungen“ mehr als berechtigt. 


Es war in der Forschung zum Kapital durchaus eine entscheidende Frage, wie allein die unterschiedlichen Fassungen und Auflagen des projektierten Werkes, die von Marx zu Lebzeiten veröffentlicht wurden, zu werten seien. Sie wurde als hoch ideologische Frage zugespitzt, die im 20. Jahrhundert Menschenleben gekostet, z.B. Dawid Rjasanow 1938, und Karrieren entschieden hat, was nur am Rande der Tagung unter den Experten erwähnt wurde. Die Abwesenheit des Marxschen Hauptwerkes konnte von den Chefideologen in den 30er Jahren nicht akzeptiert werden. Die wissenschaftliche wie politische Auflage an Rjasanow bestand darin, eine (letzt)gültige Gesamtausgabe zu liefern. 


Während die Moskauer Wissenschaftler zu Beginn der 2. wissenschaftlichen Ausgabe der MEGA und der „Kapital-Abteilung“ Anfang der 70er Jahre in Moskau davon ausgingen, dass jede Neuveröffentlichung eine Verbesserung des Autors Karl Marx gegenüber der vorausgegangenen sein müsse, woran Ljudmila Vasina erinnerte, hat sich heute diese Vorstellung einer Progression verändert, weil die Wertung einer Verbesserung u. a. mit der Frage der Übersetzung kollidiert. Das Editionsprojekt hat insofern seit seinem Beginn nicht zuletzt die Veränderung von wissenschaftlichen Standards erlebt. Die Präsenz und Absenz des Werkes, seine Geschlossenheit und seine Verzettelung in Manuskripten wurden entweder ideologisch entschieden oder als wissenschaftlich nicht relevant angesehen. Doch gerade darin liegt heute ein Interesse der Wissenschaft.


Eine weitere Drehung erhält Karl Marx’ Arbeit am Kapital dadurch, dass er im Londoner Exil unter dem Einfluss der englischen Wissenschaften am ersten Band für eine englische Ausgabe arbeitete. Doch sie wird nicht mehr zu seinen Lebzeiten, sondern erst 1887 in London erscheinen. Harald Bluhm nannte die MEGA denn auch die Dekonstruktion eines Werkes oder gar Hauptwerkes, an das sprechende Erwartungen geknüpft werden. Denn allein die Arbeit am ersten Band des Kapitals erweist sich als ein Szenarium der Zerstreuung und der Umschriften. Das projektierte mehrbändige Werk wird durch die Herausgabe und Edition der Manuskripte allein schon auf der Ebene des ersten Bandes widersprüchlich, worunter ein vereinfachender, kruder Marxismus zu Feinstaub zerbröckeln muss.


Michael Heinrich und Harald Bluhm strichen auf der Taung „Das Kapital“ von Karl Marx - Zur vollendenten Edition eines unvollendeten Projektes heraus, dass die Veröffentlichung der Bände II/5 bis II/10 zusammen mit den Manuskripten II/4.1 bis II/4.3 in der MEGA insbesondere Das Kapital als geschlossenes Werk angreift und zersetzt. Doch nicht nur diese Möglichkeit eröffnet die MEGA jetzt. Vielmehr noch hat Regina Roth von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften erste Vergleiche zwischen den Manuskripten und der von Friedrich Engels 1885 besorgten Erstausgabe des 2. und 1894 des 3. Bandes angestellt. Im Vergleich mit den Manuskripten, die Marx Engels mit der testamentarischen Aufgabe, daraus „etwas zu machen“, hinterlassen hatte, lässt sich eine umfangreiche Redaktion des „Werkes“ ausmachen.


Friedrich Engels als Redakteur, Freund und quasi Testamentsvollstrecker ordnete die hinterlassenen Manuskripte nicht nur, sondern nahm zahlreiche Änderungen vor, die Regina Roth nach ihren „Wirkungen“ auflistete:

·         Systematisierung und Strukturierung

·         Aufwertung von Textteilen

·         (Text-)Glättungen

·         Abschwächung von Widersprüchlichkeiten

·         Akzentuierung und Zuspitzung

·         Verwischen von Differenzierungen und Vielfalt

Die Arbeit des Redakteurs Engels als eine der Texterstellung erscheint nach ihren „Wirkungen“ als schwierig. Insbesondere die „Systematisierung und Strukturierung“, „Abschwächung von Widersprüchlichkeiten“ und das „Verwischen von Differenzierungen und Vielfalt“ generieren einen Text, der wissenschaftlichen Erwartungen genügen soll. Andersherum wird daraus ein Modell von Wissenschaft, das sich über Stringenz, Normalisierung und Vereinheitlichung formuliert. Mit den Manuskripten und den mehrfachen Veröffentlichungen seines ersten Bandes war allerdings genau dieses Wissenschaftsmodell auch in Frage gestellt worden, was weniger in einem fehlenden Bemühen um Wissenschaft gelegen haben mag als gerade darin, den Ansprüchen von Wissenschaft in unterschiedlichen Sprachkontexten entsprechen zu wollen.

Nun ist der Berichterstatter ganz und gar keine Marx-Engels- und/oder Kapital-Experte. Doch die Tagung vermochte es, das Verhältnis von Wissenschaft und Literatur, Hauptwerk und Edition, Schreibprozess und Wissensakkumulation z.B. durch zahlreiche Exzerpte in den Manuskripten ins literaturwissenschaftliche Interesse zu rücken. Damit verändert sich nicht nur das vor 40 Jahren begonnene und nun beendete Editionsprojekt, dem die Erstellung eines ultimativen Textkörpers anfangs vorgeschwebt haben mag. Vielmehr hat sich die „Gesamtausgabe“ dadurch verkehrt, dass sie nur unter Preisgabe einer Gesamtheit geschehen konnte. Vereitelt also die „Gesamtausgabe“ nicht gerade eine verbindliche Studienausgabe?

Im Unterschied zur „populäreren“ Studienausgabe der Marx-Engels-Werke oder MEW, die zwischen 1956 und 1990 am Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED erstellt wurde, führt das Editionsprojekt der MEGA im Bemühen um Wissenschaftlichkeit unter der Maßgabe eines historisch-kritischen Ansatzes zur Fragmentarisierung des um Wissenschaftlichkeit ringenden Werkes. Der Produktionsprozess von Wissenschaft generiert sich bei Marx nicht zuletzt durch Exzerpte, die in den Manuskripten zahlreich vorhanden und nun vollständig zugänglich gemacht worden sind.

Exzerpte als technische Strategie zur Erstellung von Wissenschaft, in dem das Exzerpt qua Zitat unter Angabe des Fundortes verarbeitet wird, sind nicht nur unerlässlich, sondern beispielsweise in Plagiatsprüfungen eine auch gefährliche Strategie. Solange das Exzerpt nur als solches beispielsweise früher im berühmten Zettelkasten vorliegt, wie in den Manuskripten, bleibt es noch in der Schwebe. Erst durch die Art und Weise, wie es in den Text eingefügt wird, kommt es zu einer Verortung und Verwertung. Um derart strittige Verwertungen von Exzerpten geht es nicht zuletzt in dem Prüfungsverfahren zur Doktorarbeit von Annette Schavan. Die Fragen der Verortung und Verwertung (auch als Be-Wertung) erstellen eine wissenschaftliche Haltung oder - je nach Textmodus - Position oder gar Meinung.


An der jüngeren Zunahme von Leitfaden-Dateien „zur Erstellung eines Exzerptes“ aus deutschen Universitäten beispielsweise dem SCS Service Center Selbststudium der Fakultät für Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld im Internet rückt das Interesse am Exzerpt als „grundlegenden Bestandteil jedes Studiums“ vehement ins Interesse von Wissenschaft. Der „Leitfaden soll … helfen, einen Text durch die Erstellung eines Exzerpts zu erschließen“, womit das Exzerpt nicht nur als Kopie, sondern als Lesestrategie genauer verortet wird. Der Leitfaden als Text unterliegt dabei vor allem Systematisierungsbemühungen des Lesens selbst. 


Anders gesagt: das Exzerpt, das mit den Ökonomischen Manuskripten 1863-67 eine besondere Aufmerksamkeit erhält, dokumentiert nicht zuletzt Karl Marx’ Lesearbeit zeitgenössischer Texte und ökonomischer Theorien. Als Exzerpt wird die Lesearbeit für eine weitere Verwertung gespeichert. Doch nicht nur das Speichern des Gelesenen auf einem Papierbogen oder Zettel erfüllt das Exzerpt, vielmehr noch wird der Speichervorgang in Hinblick auf eine spätere Verwertung als Zitat vorgenommen. Es wird deshalb zu einem Faktor von Wissenschaftlichkeit, weil es das Lesen systematisiert und scheinbar begrenzbar macht. In der Verwertung kommt es dann allerdings wieder zu Grauzonen und Überschneidungen in den Formulierungen, deren Herkunft strittig werden kann. Einerseits behaupten Plagiatsjäger nun mit Textverarbeitungsprogrammen diese Grauzonen genau bestimmen zu können, was in besonders dreisten Fällen auch funktionieren mag. Andererseits stellt die Verwertung eben auch einen Teil der Lesearbeit und Wissensverarbeitung dar.


Die Einübung von Lesestrategien zur Unterscheidung von wichtigen und unwichtigen, richtigen und falschen Informationen oder Aussagen ist insbesondere im angelsächsischen Schulsystem hoch ausdifferenziert. Das Georgia Department of Education bietet dafür eine eigene Website für Comprehensive Reading Solutions an. Die Frage des Lesens scheint hier durch „Guides“ auf strukturierte Weise übersichtlich gelöst. Unterdessen kann die Lesearbeit dazu führen, dass sie sich wohl in den Formulierungen eines Textes unmarkiert niederschlägt. Was die Wissenschaft hier anders als in der Literatur leisten soll, ist eine klare Unterscheidung von Gelesenem und bereits verarbeitetem Gelesenen.


Natürlich werden all diese Probleme, die nicht zuletzt die Wissenschaftlichkeit betreffen, mit der Leseforschung selbst wissenschaftlich berücksichtigt. Es mag hier genügen, darauf hinzuweisen, dass wissenschaftliche Paradigmenwechsel zur Veränderung von Lesetechniken und Lesehaltungen führen. Für Karl Marx wird es offenbar in den Ökonomischen Manuskripten wichtig, Exzerpte für eine spätere Text-Verarbeitung anzufertigen. Doch sie bleiben tendenziell unverwertet, so dass Engels bei der Redaktion des Werkes nun die vorhandenen Exzerpte auf gänzlich andere Weise einsetzen oder auch unbeachtet liegen lassen konnte.


Nicht ganz unbedacht sollte bleiben, dass das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm, das 1838 begonnen wurde und dessen erster Band 1854 erschien, das Wort Exzerpt nicht kennt, obwohl Jacob Grimm bis zu seinem Tode im 20. September 1863 die Buchstaben A,B,C und E abschließen konnte. Dieser Umstand mag auch einen Wink darauf geben, dass das Exzerpt, wie es Marx einsetzt und praktiziert um 1850 eine relativ neue, noch namenlose und wenig formalisierte Technik ist. Selbst das ABSCHREIBEN erfährt im Deutschen Wörterbuch noch keine Verwendung in Bezug auf die Wissenschaft.   


Die Tagung war durchaus mit illustren Gästen aus der Marx-Forschung besetzt. Teinosuke Ōtani, der einen Kurzvortrag zum „Kapital im Selbstverständnis von Marx“ beisteuerte, hatte mit Kuruma Samezō 1977 das Marx-Lexikon herausgegeben. Thomas Kuczynski war einer der führenden Wirtschaftswissenschaftler der DDR und der letzte Direktor des Instituts für Wirtschaftsgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Er arbeitet an einer neuen „Studienausgabe“ von Band 1 des Kapital.

Indessen dürften die wirklich spannenden Fragen nach der Genese von Wissenschaft mit dem Kapital ein tieferes Studium der Ökonomischen Manuskripte erfordern, was nicht zuletzt über die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften nun auch online möglich ist. — Das ist auch dringend notwendig, denn die Einzelbände der MEGA kosten im Akademie Verlag weit über 100,- €.

 

Torsten Flüh