Der Mensch als Passion - Das Passionskonzert Vox Humana der Sing-Akademie Berlin in der Gethsemanekirche

Humanum – Stimme – Ecce Homo

 

Der Mensch als Passion

Das Passionskonzert Vox Humana der Sing-Akademie Berlin in der Gethsemanekirche

 

Am Karfreitag führte die Sing-Akademie unter Leitung von Kai-Uwe Jirka ein extra für diesen Anlass zusammengestelltes Passionskonzert in 14 Stationen auf. Jirka hat Kompositionen von Franz Liszt, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, und von Allan Pettersson, dessen 100. Geburtstag zu feiern ist, zu einem nicht nur thematischen Konzert komponierend ausgearbeitet.

Geht das, zwei so unterschiedliche Komponisten für ein durchkomponiertes Konzert zu verwenden? Ein Komponist des 19. Jahrhunderts und einer des 20.? Eine Begegnung aus Früh- und Spätmoderne? Doch Franz Liszt und Allan Pettersson sind jeweils derart singuläre Komponistenpersönlichkeiten zu ihren Zeiten, dass sich gerade in der Passion, im Moment des Menschseins im Tode eine erstaunliche Sicht auf den Menschen durch die Stimme eröffnet.

Im Moment der tiefgreifendsten Verlassenheit des Menschen, der im Modus der Passion theologisch Gottes Sohn im Verrat zum Menschen werden lässt und politisch jeden Einzelnen in seiner Schutzlosigkeit dem Tod aussetzt, wird die Stimme des Menschen - Vox Humana – zur Behauptung des Menschseins. In der Passion, so ließe sich das Verfahren der Komposition formulieren, ertönt die Stimme des Menschen in ihrer Fülle und Leere zugleich. Die Stimme des Menschen lässt sich nicht wissen, aber es lässt sich um sie wissen.

Auf faszinierende Weise wird aus den sehr unterschiedlichen Kompositionen ein Konzert in 14 Stationen, das nicht weniger, sondern eher mehr Stimmen als Stationen, hören lässt. Die von Franz Liszt verwendeten Passions-Kompositionen von 1862, 1866 und 1878 sind höchst unterschiedlich. Die Kombination der 1974 entstandenen Vox Humana-Kantate von Alan Pettersson mit den Passions-Kompositionen wirkt überraschender Weise eher stabilisierend, obwohl die Kantate in sich höchst labil ist. Die Kompositionen kontrastieren einander und korrespondieren im Kompositionsverfahren der Stationen dennoch mit einander.

Zwischen dem Tristis est anima mea und dem Stabat mater dolorosa von Franz Liszt wird die Vox Humana-Kantate sozusagen eingewoben. Die lateinisch-liturgischen Texte der Passion werden mit den schwedisch-poetischen Gedichten kombiniert. Das hat zumindest einen verfremdenden Effekt. Gleichzeitig beziehen sich die Texte quasi inhaltlich aufeinander. Nimmt die Passion Christi eine Stellvertreterfunktion für die Leiden der Menschen in und an der Welt ein, so rücken die 10 Gedichte des Vox Humana-Zyklus eher das Individuum paradigmatisch ins Interesse. Es entsteht zwischen Stellvertreterschaft und Individualisierung ein weit ausgespanntes Netz vom Humanum, eine sinfonische Verdichtung vom Menschen unter der Drohung des Todes.

Das Konzert beginnt mit einem Aufschrei an Subjektivität. Anders kann man Franz Liszts sinfonische Ausarbeitung des Tristis est anima mea kaum umschreiben. Das Subjekt erkennt sich als verlassenes. Der lateinische Text formuliert eine Unterwerfung unter den Willen des Vaters – wie du willst -, doch bereits mit dem Beginn der Passion als Betrübnis der Seele angesichts des nahenden Todes durch Verrat, komponiert Liszt die Verlassenheit des Subjekts. Das ist durchaus überraschend, musikalisch überwältigend und dramaturgisch ein Paukenschlag.

Was Liszt (1811-1886) in der Musik zur Sprache bringt, ist letztlich die Verlassenheit des modernen Subjekts. Kai-Uwe Jirka und die Symphonische Compagney Berlin mit Nikolay Borchev als Baritonstimme – außerordentlich - arbeiten womöglich Franz Liszts intimsten Punkt der Komposition pointiert heraus. Man ist fast geneigt zu sagen, dass der ganze Liszt, dass sich Franz Liszt als Komponist zwischen Katholizismus und Moderne mit einem Schlag zeigt.

Die sinfonische Dichtung, Verdichtung geht weit über den liturgischen Text hinaus. Die Unterwerfung unter den Willen des Vaters, des monotheistischen Gottes als Gesetz könnte sinfonisch das Subjekt auch aufheben. Das tut Liszt aber nicht. Gerade in der Kontrastierung von emotionalem Aufbrausen im Orchester - das Gefühl als Vergewisserung des Subjekts -, und der Vereinzelung der Stimme a cappella macht den Widerstreit zwischen dem Subjekt in seiner Subjektivität und dem liturgischen Versprechen des Katholizismus hörbar.

Der Katholik Franz Liszt ist als Komponist zutiefst uneins mit sich und dem Katholizismus. Das Menschsein als Subjekt und als Katholik, als Christ tut sich als Riss auf. Dies geschieht bei Liszt in den Passions-Kompositionen von Anfang an. Das Versprechen der Moderne lässt sich formulieren als jenes, dass der Mensch als Subjekt ganz Mensch wird. Dem entgegen wird der Mensch im Christentum, wenn er sich dem göttlichen Vater unterwirft, ein guter Mensch, dem das ewige Leben winkt. Doch genau in diesem Widerspruch des Menschseins wird bei Liszt zumindest in dieser Aufführung der Passionsmusik ein gewaltiger Bruch hörbar, der den Menschen weder auf die eine noch die andere Seite schlägt.

Auf Tristis est anima mea trifft Allan Petterssons Död Nätt Tote Nacht.Das Verhältnis von Musik und Text verändert sich nicht zuletzt, das vertonte Gedicht auf Schwedisch wurde zunächst am Karfreitag auf Deutsch am vorgelesen. Dem Text wird damit ein anderer Wert eingeräumt. Pettersson hat mit Död Nätt ein Gedicht von Manuel Bandeira vertont bzw. als Chorkantate komponiert. Die Tote Nacht in Bandeiras Gedicht ruft die „Stimme“ „einer andern, gewaltigeren Nacht“ am Schluss auf. In der offenen Form des Gedichtes bleibt ungesagt, welche Nacht dies war oder sein wird. Es lässt sich sowohl an die Nacht, in der Jesus verraten ward, als auch an eine künftig, zu feiernde Nacht der Befreiung denken.

Wie Christian Filips im Programmheft ausführt, wollte Allan Pettersson (1911-1980) Vox humana für Soli, Chor und Streicherorchester als „Bekenntniswerk“ verstanden wissen. Zweifelsohne ist das Bekenntnis als Form der Rede glaubensförmig. Das Suffix be- nimmt häufig eine adressierende Funktion z.B. in beachten, beantworten, beatmen ein. Jemand beachtet die Vorschrift eines anderen. Er beantwortet eine Frage, die an ihn gestellt wird. Oder er gibt einem anderen seinen Atem, um ihn wieder zu beleben. Man kann allerdings auch etwas für sich behalten. Insofern bekennt sich Pettersson zwar zur menschlichen Stimme, doch behält für sich, was diese Stimme zwischen Individual- und Chorstimme ist.

Im unmittelbaren Aufeinandertreffen von Trestis est anima mea und Döde Nätt entsteht zunächst der Eindruck, dass die Zerrissenheit bei Liszt nun bei Pettersson geglättet wird. Es ist, als fehle die emotionale Zerrissenheit. Doch es fehlt bei Petterson in der Musik nicht nur Gefühl, das tonal komponiert wird, vielmehr hat sich die Tonalität selbst verändert. Filips zitiert dafür die Rede von einer „Tonalität jenseits der Tonalität“. Damit lässt sich vielleicht am genauesten formulieren, was der „permanente Unruhepuls zuckernder Pizzicati“ und „die expressiven Wellen … ins Unbestimmte“ beim Hören auslöst. Wo bei Liszt gerade noch mit aller Macht sich das Subjekt im Gefühl Gehör verschaffte, bleiben nun nur noch ein „Unruhepuls“ wie Leben und „expressive Wellen“ wie Stimmungen. Gleichwohl will der Text vernommen werden.

Das kompositorische Verfahren, mit dem das Passionskonzert Vox Humana entstanden ist, dürfte in seinen Grundzügen deutlich geworden sein. Gerade im Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kompositionsstile gewinnt die Frage nach der Stimme des Menschen wie der menschlichen Stimme an Intensität. Mit Liszts Sancta Veronica als 7. Station ist es, als kehre mit dem Bach-Zitat in dem protestantischen Kirchenlied O Haupt voll Blut und Wunden von Paul Gerhardt, jene Harmonik zurück, die einst in der Passion das Versprechen auf die Auferstehung mit sich führte.

Das Heilige als wahres Bild - vera icon -, in dem der Mensch gewordene Sohn Gottes, zugleich die Schuld der Menschen auf sich nimmt, wird in der Übertragung von Paul Gerhard zum eigenen:

O Haupt, sonst schön gezieret

Mit höchster Ehr und Zier,

Jetzt aber höchst beschimpfet,

Gegrüßet seist du mir.

Im Sancta Veronica findet sich die „geknechtete Menschheit“ (Pettersson) als das ihre wieder. Doch bei Liszt kommt dieses sich wiederfinden nur noch als Zitat vor. Es funktioniert indessen im Passionskonzert als Erinnerung eines Fehlenden in der Musik.     

Im abschließenden, durchaus gewaltigen Stabat Mater Dolorosa von Franz Liszt fanden die Stimmkultur der Sing-Akademie, des Staats- und Domchors, der hervorragenden Solisten – Julia Giebel (Sopran), Hilke Andersen (Alt), Ferdinand von Bothmer (Tenor), Nikolay Borchev (Bariton) – und nicht zuletzt des Orchesters noch einmal zu einer großen, symphonischen Dichtung zusammen. Doch auch sie erinnert in ihrer modernen Weise weit mehr an die Gewissheit, die nicht nur Franz Liszt fehlt. Das Versprechen des „Paradieses“ ist der Stimme dieser „Mutter voller Schmerzen“ längst nicht mehr gewiss:

Wenn der Körper einst muss sterben,

meine Seele lass erwerben

Paradieses klaren Schein.

 

Torsten Flüh


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Categories: Oper

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