Der Terror und die Liebeslieder - Der kalte Schmuck des Lebens - Ausstellung und Finissage mit Herta Müller

Volksmusik – Literatur – Geheimdienst

 

Der Terror und die Liebeslieder

Der kalte Schmuck des Lebens – Ausstellung und Finissage mit Herta Müller

 

„Wer liebt und verlässt, den soll Gott strafen. Gott soll ihn strafen mit dem Kriechen der Schlange, mit dem Schritt des Käfers, dem Surren des Windes, dem Staub der Erde. …“, singt Sanda Weigl auf Rumänisch: „Cine iubeste si lasa …“ Maria Tănase-Gypsy Concert im Studio der Akademie der Künste. Herta Müller sitzt in der ersten Reihe links. Was mag sie gedacht, empfunden haben, die Nobelpreisträgerin 2009?

„Cine iubeste si lasa“ ist ein Volkslied aus einem kleinen transsilvanischen Dorf aus dem 18. Jahrhundert, das 1932 aufgeschrieben wurde. Herta Müller hat es übersetzt und an entscheidender Stelle in ihrem Roman Herztier zitiert. Theresa und die Ich-Erzählerin singen gemeinsam.

Die Melodie sangen sie für sich und die Flucht. Der Fluch des Liedes galt aber Theresa. (Herztier S. 118)

Es ist ein Moment größter Nähe und des Verrats. Sie singen gemeinsam ein Lied, doch die Ich-Erzählerin weiß, dass Theresa sie längst an den rumänischen Geheimdienst, die Securitate, verraten hat.

Die Verstrickungen der Menschen in einem totalitären Geheimdienst-Staat, der Rumänien bis zum Ende der Ceauşescu-Diktatur im Dezember 1989 war, sind unendlich. Sie suchen sich Bahnen bis in die kleinsten Verästelungen, deformieren und zerrütten das Individuum. Herta Müller, Sanda Weigl, Maria Tănase haben das erfahren müssen und der große Lyriker Oskar Pastior gesellt sich zu ihnen. Geheimdienste, insbesondere die Securitate, lassen das Individuum nicht entkommen. Sie machen es schuldig. So oder so.

Neben den drei Frauen war es denn auch Oskar Pastior (1927-2006), der als gespenstischer Akteur die Ausstellung und die Finissage behelligte. Sie und wir können ihm alle nicht entkommen. Wir können ihm nicht entkommen, weil er nicht zuletzt vom Virus des Geheimdienstes infiziert ist. Zum Wesen aller Geheimdienste gehört es, dass sie die Wahrheit auflösen, untertunneln, atomisieren. Wer wird jemals sagen können, was fingiert und was wahr ist?

Die Securitate hat in besonders perfider Weise die Menschen Rumäniens zerrüttet. Herta Müller hat nicht davon abgelassen, die Zerrüttungen zum Thema ihrer Literatur zu machen. Sprachbeschädigungen gehen bei ihr einher mit einer Haltung des Widerstands durch Sprache. Dies ist nicht zuletzt Thema der Ausstellung Der kalte Schmuck des Lebens im Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße, die an diesem Sonntag zu Ende geht. Man wünscht sich eine Verlängerung.   

Oskar Pastior ist ein Schaukasten in der Ausstellung gewidmet. Zu einem gewissen Teil verdankt Herta Müller ihm den Literaturnobelpreis. Was zu sehen ist im Schaukasten, sind Zeugnisse einer besonderen Hinwendung an einen liebenswerten Menschen. Eine Fürsorge, eine Teilnahme bis zur Identifikation. Doch nun, seit diesem Herbst konfrontiert die Forschung uns und Herta Müller mit der Geheimdienstakte Oskar Pastiors. Ist sie fingiert? Ist sie wahr? Hat Pastior, der Sprachakrobat, gelogen? Wen hat er verraten und schon verlassen, bevor er ihn liebte? Wer liebt und verlässt … Cine iubeste si lasa …

Volkslieder bieten im Zorn des Verlassenwerdens und des Verlassenseins vermeintlich einfache Wahrheiten an. Doch in dem Lied Maria Tănases, in der Melodie und in der Weise, wie sie es singt, ist es der Verlassene selbst, der oder die sich im Schmerz wendet und schlängelt wie eine Schlange im Staub.

Aber wir getauften Menschen,

glauben uns doch selber nicht.

Es ist eine merkwürdige Wendung in dem Lied, bevor der Fluch aus Zorn wiederholt wird. Was heißt es in dieser Wendung „getauft“ zu sein? Einerseits wird Gott zur Strafe angerufen, andererseits wird der Glaube des Getauften in Frage gestellt. Mit der Wendung wird der Fluch flüchtig. Der Fluch wird nicht helfen, weil wir Getauften schon nicht mehr an das Sakrament der Taufe, an unseren Gott glauben. Wo es Gott gibt, herrscht Wahrheit. Doch wir getauften Menschen glauben nicht mehr daran.

 

Der Riss, an dem die Securitate nicht unschuldig ist, setzt schon früher ein. Womöglich war er schon früher da. Ganz früh. Von Anfang an. Wir wissen es nicht. Wissen kann man ihn nicht. Doch in einem kleinen transsilvanischen Dorf, einem Dorf jenseits der Wälder, von dem man im 18. Jahrhundert noch nicht sagen kann, dass es ein gottverlassener Flecken war, reimt ein liebend Verlassener/ein verlassen Liebender ein Lied, das von Maria Tănase in den 30er Jahren gesungen wurde, das Herta Müller in ihren Roman einarbeitete und das Sanda Weigl am Mittwochabend sang.

Zigeunerlieder sind keine Blech-Volksmusik. Blech scheppert und lärmt. Der Harmonie-Krawall der Volksmusik kommt auf merkwürdige Weise nicht im äußerst kunstvollen Jazz der Maria-Tănase-Lieder vor. Mit den Liedern sind die Stimme und das Bild einer Frau verknüpft, der der außergewöhnliche Abend in der Akademie der Künste gewidmet war: Maria Tănase (1913-1963). Die wunderbare Sanda Weigl hat sie als 6-jährige noch mit ihrer Mutter in einem Restaurant in Bukarest auftreten gesehen. Für Herta Müller waren die Lieder und das Begräbnis von Maria Tănase ein Bezugsrahmen für den Widerstand der Rumänen gegen das totalitäre Regime.

 

Sanda Weigls Auftritt mit ihrer Band ist nicht genug zu preisen. Man weiß nicht, was man mehr loben soll, die Sängerin oder die Band mit japanischen Musikern aus New York. Sanda Weigls Kunst der Volksmusik als Jazz ist subtil und von brillanter Klarheit zugleich. Das Rumänisch, das sie singt, bietet lautmalerische Möglichkeiten, die es im Deutschen einfach nicht gibt. So wird der Gesang zum Glucksen, zum echoartigen Rufen, zum Schmerzens- und Lustlaut. Vokale und Konsonanten werden gegurgelt und geflötet. Es knackt und dehnt sich. Auf kunstvolle Weise wird Volksmusik mit extended vocal technics angereichert, um doch nur die Ursprünge des Gesangs in Erinnerung zu rufen.

Shoko Nagai, Stomu Takeishi und Satoshi Takeishi sind Jazzmusiker der Extraklasse. Sie entlocken ihren Instrumenten – Piano, Akkordeon, Keyboard, Elektrobass, Schlagzeuge – Töne und Rhythmen, die Zigeunermusik zu einem Hörerlebnis machen. Die hohe Kunst des Jazz trifft und erzeugt Volksmusik.

 

Herta Müller sagte zur Einführung des Konzerts:

Beim Hören der Maria Tănase begriff ich zum ersten Mal, was Folklore sein kann – ich nahm Volkslieder zum ersten Mal ernst. Diese Musik konnte ich immer vor und nach und zwischen den Gedichten der Autoren hören, die ich mochte. Für mich gehörten sie bruchlos zu der Lyrik, der ich alles glaubte, wenn ich sie las. Sie führten genau wie diese im Schädel dorthin, wo die Gedanken anders mit sich sprechen als in Worten.

Es ist noch einmal auf die Ausstellung im Literaturhaus zurückzukommen. Literatur auszustellen, ist schwierig. Es gehört zum Dilemma der Literatur selbst, dass sie sich nicht ausstellen lässt. Sie entsteht vielmehr in einem Zwischen. Dort lässt sie sich nicht einholen, dokumentierten oder in einem Ursprung aufspüren. Literatur ist immer in sich selbst ursprünglich. Dennoch kann die Ausstellung von Schriftstücken, Collagen, Fotos, Zeitungsausschnitten, Büchern und die Vorführung von Filmen im Sinne Walter Benjamins vom Autor als Produzent die Produktionsbedingungen von Literatur transparent werden lassen.

Die Inszenierung der Ausstellung – Der kalte Schmuck des Lebens – ist auf die Verleihung des Literaturnobelpreises ausgerichtet. Das erinnert an honoratiorenhaften Pomp mit rotem Samtvorhang und dem Muff samtgepolstertem Gestühls. In einer Preisverleihung, insbesondere den Nobelpreisverleihungen spiegelt sich immer die Elite - und bisweilen nur das Business – seiner Zeit selbst. Darauf wird bei Gelegenheit einzugehen sein. Erinnern lässt sich an dieser Stelle an „den Berliner“ Robert Koch, der 1905 den Nobelpreis für Medizin erhielt und dessen 100ter Todestag in diesem Jahr, vehement marginalisiert worden ist.

Liest man die ganze Formulierung, aus der der schmückende Titel der Ausstellung extrahiert ist, dann wird die Ambivalenz von Literaturausstellungen ein weiteres Mal deutlich. Der Name der Autorin lockt mit dem Versprechen, einen Zugang zu ihrer Literatur zu finden. Ein Publikumsversprechen. Doch die Formulierung heißt:

Noch hängt es mir am Hals, mein kleines Recht. Hängt mir

zum Hals heraus. Tiefer in mir drin der schwarze Unterschied.

Wie zwischen Tod und Tod.

Wie zwischen Tod und Leben.

Immer noch gleitet in mir der kalte Schmuck des Lebens. (1985)

Ausstellungen zur Literatur locken mit dem Versprechen des Ursprungs und – wenn sie gut sind – enttäuschen es zugleich. Der ursprüngliche Text, aus dem der Titel entnommen ist, darf als geheimnisvoller und schmerzhafter gelesen werden als der verkürzte Titel. Eine Existenz „zwischen Tod und Leben“ ist eine literarische, die weder Tod noch Leben ist. Man könnte sie eine gleitende nennen, doch was dort gleitet, wird mit dem „immer noch“ auch als ein Überflüssiges formuliert. Der kalte – tote – Schmuck des Lebens wird nicht mehr gebraucht. Doch er gleitet „noch in mir“. Ohne ihn wäre das Ich, das von sich spricht, für sich reiner und wahrer. Es möchte den Schmuck abtun.

Doch der Schmuck ist auch das, was sich nicht anders als mit dem Tod abtun lässt. Auf diese Weise hält der Schmuck paradoxerweise am Leben. Der Todeswunsch, der im Immer-noch mitklingt, wird in der literarischen Existenz ein unmöglicher. Die literarische Existenz wird nicht an ein Ende kommen, wenn sie erst einmal begonnen hat.

Die Text-Bild-Collagen von Herta Müller gehen ins Poetische. Sie sind fast schon ein eigener Werkbereich und wiederholt publiziert worden.

Erst die Verblüffung, was lose Zeitungswörter alles hergeben, brachte das Reimen mit sich,

schreibt Herta Müller einmal zu ihren poetischen Collagen. Poesie erhält mit den Collagen eine Bildlichkeit und stellt das Bildliche zugleich in Frage. Bildlich sind die Zeitungswörter, die keinen Anspruch auf Autorschaft erheben. Als Bild anonymisieren die Zeitungswörter den Autor. Denn das Verfahren der ausgeschnittenen und neu zusammengeklebten Zeitungswörter benutzen Absender, die anonym bleiben wollen. Erpresser, Verbrecher, Bombenbastler.

Nicht zuletzt schützt der anonymisierte Brief aus losen Zeitungswörtern Autoren in totalitären Staaten, die von Geheimdiensten überwacht werden. Während der Geheimdienst und der Staatsapparat die Zeitung für ihr Unterdrückungssystem benutzen, wird sie zugleich zum nahezu einzig verfügbaren Mittel des Widerstands. Auf dieser Ebene wird der Zeitungsausschnitt vom 30. April 1983 aus der NBZ erhellend für ein literarisches Verfahren. Der rumänische Staatsapparat fürchtete durch Schreibmaschinen anonymisierte Schriftstücke so sehr, dass die „Besitzer von Schreibmaschinen“ diese laut „Staatsdekret“ registrieren lassen mussten.


Herta Müller nennt es eine „Verblüffung“, ein sprachloses Erstaunen, dass sich mit losen, man darf sogar sagen, feindlichen Zeitungswörtern reimen lässt. Die Kombinatorik der kalten Zeitungswörter lässt Literatur entstehen, die nicht nur narrativ, sondern poetisch werden kann. Zwischen den Zeitungswörtern und den Bildern wird Poesie, als blühe sie dort von selbst.

 

Torsten Flüh

 

 


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Categories: Medien Wissenschaft

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