Der Tod der Erzieher -Chen Kaiges Sacrifice auf der Berlinale Gala im Friedrichstadt Palast

Erziehung – Chen Kaige – Berlinale 2011

 

Der Tod der Erzieher

Chen Kaiges Sacrifice auf der Berlinale Gala im Friedrichstadt Palast

 

Tong Wang, die Reporterin vom Movie Channel, CCTV 6, des chinesischen Staatsfernsehens, fragt mich am Roten Teppich, kurz bevor Chen Kaige zur internationalen Premiere seines jüngsten Films - Zhao Shi Gu Er/Sacrifice - im Friedrichstadt Palast eintrifft, ob das westliche Publikum den Film verstehen wird. Warum denn nicht?

Dieter Kosslick, der Chef der Berlinale, holt Chen Kaige mit seiner bildschönen Frau, Chen Hong, und dem Kinderdarsteller William Wang samt Entourage bei der Vorfahrt ab. Großes Kino. Eher kleine Presse. CCTV zeichnet immerhin für einige Hundert Millionen Chinesen auf. Chen Kaiges Verfilmung des klassischen, chinesischen Dramas hält eine Überraschung bereit.

Zhao Shi Gu Er gehört in China zu den großen, alten und allseits bekannten Dramen. Vergleichbar mit dem Nibelungen-Lied. Es stammt aus der Yuan Dynastie in der Zeit des frühen, europäischen Mittelalters. Chen Kaige hat für seine Version gleich das Drehbuch selbst geschrieben. Großes Kino. Großes chinesisches Drama im Staate Jin der Frühling- und Herbst-Periode, die noch einmal einige Jahrhunderte früher um 700 vor Christus anzusiedeln ist.

Über den Autor des Dramas, Ji Junxiang, ist kaum etwas bekannt. Anders als andere große Dichter des chinesischen Altertums hat er keine Mythologisierung erfahren. Doch die Yuan Dynastie ist besonders für die Entwicklung des Dramas und des Romans bekannt.

Während der Yuan Dynastie wenden sich die Dramen und Erzählungen einer historischen Zeit zu, die fast 1000 Jahre zurückliegt. Das chinesische Altertum rückt in den Fokus der Erzählung. Zhao Shi Gu Er lässt sich als ein Drama denken, das für die Herausbildung der chinesischen Kultur bei gleichzeitiger Antikisierung und Aktualisierung der neuen, alten Tugenden eine Rolle spielte.     

Die Frage von Tong Wang war durchaus berechtigt. Denn für Europäer lässt sich der kulturhistorische Rahmen des Dramas kaum abschätzen. Es wäre indessen, wenn man das Nibelungen-Lied im Hinterkopf hat, eine Frage, was Chen Kaige aus dem Dramenstoff macht. Erzählt er ein großes Chinaepos? Und wenn, dann wie?

Chen hatte nach Angaben von Chen Hong als Produzentin 45 Millionen US-Dollar zur Verfügung. Chinas Regisseure müssen heute nicht knausern und offenbar kann es sich Frau Chen leisten, als Produzentin aufzutreten. Die Dame sieht nicht nur gut aus, sie versteht es auch, mit Geld umzugehen. Wie kommt also ein chinesisches Nibelungen-Lied 2010 ins Kino? Der Film hatte am 9. Dezember in Peking Premiere.

Zunächst einmal kann Chen Kaige alles aufbieten, was das chinesische Kino von Animationstechnik über Kampfkunst bis zu Schauspielern zu bieten hat. Wie es bei großen Epen und Dramen die Regel ist, wird gekämpft, intrigiert, vergiftet, gemordet und gemetzelt, was das Zeug hält. Gerade in den ersten mindestens 45 Minuten bedient die Geschichte vom Opfer alle Erwartungen des Mainstream. Technisch perfekt und intellektuell ermüdend.

Es geht ähnlich wie im Nibelungen-Lied um eine dynastische Erzählung. Der letzte Überlebende eines Herrscherhauses, der Familie Zhao, wird unmittelbar bevor seine Mutter stirbt, von ihr entbunden. Ein Baby. Und wie in den großen Epen der Menschheitsgeschichte, nicht zuletzt in der Jesusgeschichte, gibt es einen Kindsmord des Herrschers. Da läuft in der Erzählung vieles ähnlich, wie es sich auch im europäischen, westlichen Kontext erzählen ließe. Doch wann sah man die Nibelungen zuletzt als großes Kino?

Sogenannte Inhaltsangaben sind immer falsch. Inhaltsangaben eines Kinofilms sind in der Regel noch falscher. Was ist an so einem großen Epos, in dem schon seiner Erzählweise nach die unterschiedlichsten Linien und Themen aufeinander geschichtet sind und ineinander verwoben werden, wichtig und was nicht? Nachdem das große Gemetzel vorbei ist, findet Chen Kaige tatsächlich ein Thema, für das die Schauspieler mehr als Kleiderpuppen und Schlachtkörper sind.

Es ist das Thema der Erziehung. Und das ist höchst interessant. Denn jenseits der großen dynastischen Erzählung war dem Drama vom Waisen der Zhao immer schon ein Erziehungsexperiment eingeschrieben. Nachdem der Arzt Cheng Ying seinen eigenen Sohn geopfert hat, um das Baby der Zhao-Dynastie zu retten, bleibt ihm allein die Erziehung des Kindes überlassen.

Cheng Ying will Chengbo, den letzten Zhao, als Rächer der Zhaos und seines eigenen Sohnes heranziehen. Er schmiedet den Plan, dass Chengbo eines Tages Tu’an Gu ermorden soll. In seinen Racheplänen geht Cheng Ying soweit, dass er Tu’an Gu zum Paten an seinem vermeintlichen Sohn macht, damit Chengbo auch Zugang zum neuen Herrscher bekommt. Chengbo, der eine Art Siegfried-Figur im Spiel der Macht werden soll, wächst als Sohn des Arztes und Patensohn des Machthabers Gu auf.

Es ist nun interessant, wie Chen Kaige die Geschichte der Erziehung erzählt. Die Erziehung gelingt und misslingt nämlich zugleich. Chengbo entwickelt sich schon im Kindesalter zu einem aufgeweckten Knaben. Zwar hält er den Arzt für seinen leiblichen Vater, doch er spürt zugleich sehr genau, dass der Vater und der Pate gegenseitig um seine Aufmerksamkeit und Liebe mit unterschiedlichen Mitteln werben. Ge You als Cheng Ying und Wang Xue Qi als Tu’an Gu beginnen alle Register der Schauspielkunst zu ziehen.

Chen Kaige macht Chengbo schon als Kind zum Beobachter der Intrigen und spielt die beiden konkurrierenden Väter gegeneinander aus. Zwei Väter sind einer zuviel. Tu’an Gu will aus seinem Patensohn einen Krieger und Kämpfer machen. Cheng Ying will ihm kaum erlauben, zur Schule zu gehen.

 

Im Erziehungsprogramm des Arztes ist alles auf den Rachegedanken ausgerichtet. Doch gleichzeitig geht es ohne die Liebe zum Sohn nicht. Chen Kaige macht in der Dreiecksbeziehung von Vater, Paten und Sohn Chengbo schon früh zum Akteur und nicht nur zum Gegenstand der Erziehung.

Die doppelte Vaterschaft ist sehr stark gewichtet. Chengbo belauscht seinen Vater wie er mit einem anderen Überlebenden die Mordpläne schmiedet, ohne dass er wirklich versteht, um was es geht. Doch Chengbo ist bei Chen Kaige klug genug, seinen Vorteil für sich daraus zu schlagen, dass Vater und Pate, der andere Vater, sich um die Liebe des Sohnes mühen. Beide lassen ihm die maximale Aufmerksamkeit zukommen.

 

Die Erziehung Chengbos zum Kämpfer gelingt so gut, dass Tu’an Gu eines Tages in ihm dessen leiblichen Vater aus der Familie der Zhao erkennt. Wie soll er nun damit umgehen, dass sein Feind in dem Patensohn, den er wie einen eigenen liebt, fortlebt. Tu’an Gu schwankt in seiner Entscheidung. Schon ist er bereit, Chengbo in einer Schlacht dem Feind preiszugeben. Da hört er in dessen Hilferuf doch seinen geliebten Patensohn und rettet ihn.

Man kann die Gewichtung auf das Thema der Erziehung und der vielfachen Verwicklungen, die das Epos in der doppelten Vaterschaft bereithält, gar nicht genug herausstellen. Gilt das konfuzianische China doch als das große Labor der Erziehung. Der große Lehrer Konfuzius und dessen Kanonisierung ist ein Regelwerk der Erziehung. Mit dem Gelingen oder dem Misslingen der Erziehung steht gleichzeitig der Konfuzianismus Kopf auf Stein.  

Es geht nicht zuletzt um einen zutiefst chinesischen Glauben an die Machbarkeit von Erziehung. Wie muss Erziehung aussehen, damit sie gelingen kann? Der Widerstreit von Schule und Kampfausbildung wird beispielsweise durch die beiden Väter angeschnitten. Sie lieben in ihrem Sohn auch sich selbst und ihre eigene Existenz als Arzt oder als Herrscher. Sie wollen ihn zum Herrscher oder zum Rächer als Arzt machen. Der Rächer soll ein Arzt für die Wunde des ursprünglichen Verlustes werden.

 

Der konfuzianische Glaube an die Erziehung ist nicht einfach nur Pädagogik. Vielmehr überschreitet er in China massenhaft die Grenze zum Drill, wie es aktuell die chinesische Professorin Amy Chua mit ihrem Buch Die Mutter des Erfolgs in Amerika und Europa angestoßen hat. Wie sieht eine erfolgreiche Erziehung aus? An welchen Werten soll sie sich ausrichten? Ist Erziehung nur ein zutiefst narzisstisches Handlungsmodell? Und was verrichtet die Liebe an der Erziehung?

In der Art und Weise wie Chen Kaige diesen Erziehungsroman im Drama herausschält, wiederholt sich auch die Frage des Opfers und des Opfers als Verlierer. Cheng Ying hat seinen Sohn und seine Frau für die Linie der Zhao geopfert. Die Anfangssequenz beginnt damit, dass Cheng Ying eine Tür vernagelt. Was befindet sich hinter der Tür?

Wenn eine Tür vernagelt wird, dann wird ein Raum verschlossen. Doch in dem Raum wird nicht nur der Raum als solcher verschlossen, vielmehr wird in dem Raum verschlossen, was da und zugleich schon abwesend ist. Gegen den Schluss des Dramas bricht Cheng Ying die Tür auf und erklärt Chengbo, dass es der Raum für seinen leiblichen Sohn gewesen war. Der seit fast zwei Jahrzehnten vernagelte Raum ist von Wurzelwerk durchwuchert.

Der leere, durchwucherte Raum ist bei Chen Kaige der Ort der Erzählung. Um die Leere des Raumes zu füllen, wird der Erziehungsroman als Racheprogramm erzählt. Er ist damit auch eine Art Gruft. Bewohnt von Geistern der Rache. Für Chengbo soll die Gruft zum Zeugnis für das Opfer werden. Cheng Ying zeigt ihm den Raum, um ihm zu beweisen, dass er nicht sein leiblicher Sohn ist, sondern er nur dessen Stelle eingenommen hat. Das ist indessen für Chengbo eine grausame Kränkung, dass er nur anstatt des leiblichen Sohnes geliebt und erzogen wurde.

Doch indem Cheng Ying Chengbo von seiner wahren Herkunft mit der Erzählung überzeugen will und seine Vaterschaft leugnet, kann Chengbo in ihm nur einen Verlierer sehen. Das ist ein großer Kinomoment, dass das Opfer des Arztes auf ihn selbst zurück geworfen wird. Das Programm der Rache, mit dem das Opfer abgeglichen werden sollte, wird somit hoch dramatisch und hoch emotional annulliert. Es kündigt sich an, dass die Rache in der Logik des Opfers nicht funktionieren wird und kann.

Im finalen Kampf fällt Cheng Ying in dem Moment in das Schwert Tu’an Gus, in dem dieser in das Schwert von Chengbo läuft. Was aus Chengbo wird und wie er mit dem doppelten Verrat seiner Vaterliebe als Liebe zu den Vätern wird leben können, bleibt offen. Stattdessen wird das Sterben des Arztes Cheng Ying in der Schlusssequenz groß in Szene gesetzt. Der Moment der Erfüllung des Erziehungsprogramms wird zum Moment des Todes der Erzieher.

Das ist indessen ein derart kolossales Ende, dass man Chen Kaige nicht nur die erste Hälfte des Filmepos nachsieht, sondern ihm auch einen grausam normalisierten Mei Lanfang als chinesischen Nationalhelden vor zwei Jahren bei der Berlinale verzeiht. In Forever Enthralled hatte er den berühmtesten Dan-Darsteller des 20. Jahrhunderts zum Nationalhelden inszeniert, so dass jeder Reiz und jedes Interesse daran erstickt wurde. Der Film kam zu Recht nicht ins Kino.

Sacrifice wünscht man das große Kino und viele Besucher, die den Film nicht nur im Kontext der chinesischen Nationaldichtung, sondern im Kontext der Frage der Erziehung verstehen.

 

Torsten Flüh


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Categories: Film

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