Der Vorhang des Gesetzes - The Michael Kohlhaas Curtain von Stella/Calatrava in der Neuen Nationalgalerie

Gesetz – Michael Kohlhaas – Vorhang

 

Der Vorhang des Gesetzes

The Michael Kohlhaas Curtain von Stella/Calatrava in der Neuen Nationalgalerie

 

Welch eine Inszenierung nicht nur eines Kunstwerks, sondern auch des Gesetzes! Die Neue Nationalgalerie zeigt in der von Transparenz durchdrungenen überirdischen Ausstellungshalle von Mies van der Rohe einen Vorhang – The Michael Kohlhaas Curtain. Was Mies van der Rohe (1886-1969) an Transparenz mit seinem Meisterwerk der Moderne seit 1962 bis zur Eröffnung 1968 erzeugte, wird mittig auf spektakuläre Weise ver- und abgehängt.

Frank Stella hat mit seinem Michael Kohlhaas Curtain nach der gleichnamigen Novelle von Heinrich von Kleist (1777-1811) 2008 ein Monumentalbild auf eine grobe Leinwand von 30m Länge gemalt. Santiago Calatrava hat mit ihm zusammen eine Rauminstallation für diesen einzigartigen Curtain entwickelt, die nun bis zum bis zum 24. August an der Potsdamer Straße zu sehen ist. Ein Zusammentreffen der Weltstars aus Malerei, Architektur und Literatur mit dem „rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“, Michael Kohlhaas.

Besucht man dieser Tage am Abend die Neue Nationalgalerie, sieht man in der Mitte der überirdischen, quadratischen Ausstellungshalle den Michael Kohlhaas Curtain im Spiel des Lichts hängen. Gab es jemals ein Bild, das sich stärker mit dem als Ikone der Moderne geltenden „Universalraum“ von Mies van der Rohe auseinandersetzte? Im Zentrum des Raumes treffen mit einem Mal, der Einbruch der Moderne bei Kleist, die Architektur gewordene Moderne und die Befragung der Moderne aufeinander.

Mies van der Rohe glaubte mit seinem „Universalraum“ an die Gesetzmäßigkeit der Architektur. Er erwies sich damit auch als Leser Georg Wilhelm Hegels (1770-1831). Die Transparenz der Halle war das Versprechen der Moderne auf die Sichtbarkeit von Wahrheit und Gerechtigkeit. Sie ließ sich unter dem Dach von 64,8 Metern im Quadrat herstellen. Nichts als Durchsicht und Einsicht auf einer Höhe von 7,2 Metern der verglasten Seiten. Doch nun hängt ein kreisrunder Vorhang in der Mitte. Je nach Einfall des Lichts erzeugt der Vorhang nun überraschende Spiegeleffekte.


Foto: Barbara Burg + Oliver Schuh, Palladium Photodesign

The Michael Kohlhaas Curtain hat seine Weltpremiere in der Neuen Nationalgalerie. Seit sich Frank Stella und Santiago Calatrava 1990 auf Anregung der Kuratorin Christina Carillo de Albornoz in Lyon trafen, nahm das Gemeinschaftsprojekt des Malers und des Architekten, die ihre Disziplinen jeweils auf ihre Weise befragen, Konturen an. Stella malte ein monumentales Bild in leuchtenden Farben mit ungegenständlichen Formen aus dem Science Fiction und Comic Genre. Calatrava versah das Bild mit einem ‚Tragwerk’ aus kupferfarbenen Metallbögen.


Foto: Barbara Burg + Oliver Schuh, Palladium Photodesign

In der Bildkomposition, die an ein Panorama erinnert, lassen sich geometrische Figuren erkennen, die an Spiralen, Explosionen, Punktgitter, Schleifen und Raster erinnern. Sie überschneiden und überdecken einander. Die kreisrunde Konstruktion und Hängung des panoramatischen Bildes bezieht sich konkret auf die moderne Unterhaltungskunst des Panoramas, die sich um 1800 großer Beliebtheit erfreute. Im Genre des Panoramas, das 1800, also zu Kleists Zeiten, in Berlin auf dem Gendarmenmarkt von Johann Anton Breysig eine Allansicht der Stadt Rom (Manfred Schneider, Kleist-Jahrbuch 1998) erlaubte, wird von Stella und Calatrava 2011 ein Bild inszeniert, zu dem Stella durch die Lektüre der Erzählung Michael Kohlhaas angeregt worden ist.


Foto: Barbara Burg + Oliver Schuh, Palladium Photodesign

Die Erzählung Michael Kohlhaas ist von Heinrich von Kleist als Chronik und Panorama angelegt. Man kann mit ihr einerseits „die Chronik einer Revolte“ lesen, wie es der Ausstellungstext nahelegt, andererseits geht es um die Frage des Gesetzes. Denn obwohl Kleists Erzählung streng chronologisch verfährt, wird sie thematisch von der Frage nach dem Gesetz und dem Recht beherrscht. Nicht zuletzt ist es ausgerechnet Martin Luther in der Erzählung, der Michael Kohlhaas auf einem „Plakat …, das in allen Städten und Flecken des Kurfürstentums angeschlagen ward“, als Rebell verurteilt:

… Das Schwert, wisse, das du führst, ist das Schwert des Raubes und der Mordlust, ein Rebell bist du und kein Krieger des gerechten Gottes, dein Ziel auf Erden ist Rad und Galgen, und jenseits die Verdammnis, die über die Missetat und die Gottlosigkeit verhängt ist.

Wittenberg, usw.

Martin Luther


Foto: Barbara Burg + Oliver Schuh, Palladium Photodesign

Was macht Michael Kohlhaas zum Rebell? In der Formulierung des Plakats durch Heinrich von Kleist steht der Rebell vor allem dem „Krieger des gerechten Gottes“ entgegen. Ein Rebell bringt buchstäblich den Krieg – bellum – zurück -re. Was vermeintlich durch das Gesetz befriedet werden soll, kehrt als Krieg der Gesetze zurück. In der wie in die Zahnräder eines Uhrwerks greifenden Erzählung von Michael Kohlhaas, wird die Chronologie durch das Gegenspiel der Gesetze in Gang gehalten. Von den Gesetzen lässt sich erzählen.

Eine wichtige Funktion in der Erzählung kommt dem Schlag zu. Ständig werden Mandate, Plakate, Blätter an Kirchen, Rathäuser und Hausecken angeschlagen, angeplakt oder „auf dem Wege der öffentlichen Anplackung bekannt“ gemacht. Michael Kohlhaas, Martin Luther, der Kurfürst schlagen wie das „Kohlhaasische Mandat“ und weiland Martin Luther die 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg am 31. Oktober 1517 an. Es geht Schlag auf Schlag um das Gesetz. Nicht zuletzt ist es ein „Schlagbaum“, ein willkürlich gesetzter Schlagbaum, der Michael Kohlhaas zum Rebell macht.

In der Eröffnungssequenz der Erzählung, in ihrem ersten, langen, verschachtelten Kleist-Satz trifft nämlich Michael Kohlhaas

auf sächsischem Gebiete einen Schlagbaum …, den er sonst auf diesem Wege nicht vorgefunden hatte.

Denn wie sich herausstellt, ist der alte Herr am „Schlagfluß“ gestorben. Es geht Schlag auf Schlag. Der Eintritt des Gesetzes wird von Anfang an schlagartig oder plötzlich inszeniert. Darum herum Erzählung. Und es geht nicht zuletzt während der gesamten folgenden Erzählung darum, dass Michael Kohlhaas den Urheber dieses ersten Schlags mit einem Schlagbaum, Junker Wenzel von Tronka, habhaft zu werden versucht. Er entweicht ihm ständig. Mit dem (ersten) „Schlagbaum“, der sonst nicht auf dem Wege war, beginnt das (Un-)Recht, das Michael Kohlhaas zum Rebell macht. Und er wird Wenzel von Tronka als Urheber nicht zu fassen kriegen.

Das Gesetz lässt die Frage der Schuld aufkommen.

Nun! Was bin ich schuldig? – fragte er; und holte die Groschen, die der Zollwärter verlangte, mühselig unter dem im Winde flatternden Mantel hervor.

Die Frage der Schuld wird fortan zu einer, die vom Gesetz abhängig ist. Doch die Frage der Schuld lässt sich nicht abgelten. Sie wird sich nahezu wie eine Spirale steigern. Jede Schuld erzeugt eine neue noch größere Schuld. Denn was Michael Kohlhaas eintreiben wird und was ihn zum „Mordbrenner“ macht, wird letztlich sein, dass er eine Tilgung der Schuld durch Wenzel von Tronka verlangt. Doch umso mehr er die Tilgung der Schuld verfolgt, desto größer wird sie. Das, was sich nicht tilgen lässt, was sich nicht aufrechnen lässt, ist die Schuld, die von Heinrich von Kleist auf, um es einmal so zu formulieren, rührende Weise mit dem Gefühl verknüpft wird.

Auf durchaus prekäre Weise wird Michael Kohlhaas aus Gefühl zum Rebell. - Man kann dabei immer auch die dynamischen, aggressiven, zerplatzenden, sich schlängelnden und punktuellen Formen von Frank Stellas Curtain im Auge behalten. – Das Gefühl kommt in der Erzählung zum ersten Mal in einer wissensförmigen Weise um die „gebrechliche Einrichtung der Welt“ zur Sprache. Und es kommt im Plural als widerstreitende Gefühle vor.

Denn ein richtiges, mit der gebrechlichen Einrichtung der Welt schon bekanntes Gefühl machte ihn, trotz der erlittenen Beleidigungen, geneigt, falls nur wirklich dem Knecht, wie der Schlossvogt behauptete, eine Art von Schuld beizumessen sei, den Verlust der Pferde, als eine gerechte Folge davon zu verschmerzen. Dagegen sagte ihm ein ebenso vortreffliches Gefühl, und dies Gefühl fasste tiefere und tiefere Wurzeln, in dem Maße, als er weiter ritt, und überall, wo er einkehrte, von den Ungerechtigkeiten hörte, die täglich auf der Tronkenburg gegen die Reisenden verübt wurden: dass wenn der ganze Vorfall, wie es allen Anschein habe, bloß abgekartet sein sollte, er mit seinen Kräften der Welt in der Pflicht verfallen sei, sich Genugtuung für die erlittene Kränkung, und Sicherheit für zukünftige seinen Mitbürgern zu verschaffen.

 

Der Umschlag des Gefühls vom einen in das andere Gefühl durch die „Ungerechtigkeiten“, die er „hörte“, ist folgenschwer. Denn das befriedende Gefühl von „der gebrechlichen Einrichtung der Welt“ schlägt um in das kriegerische Gefühl, „der Welt in der Pflicht verfallen“ zu sein. Die Verpflichtung durch das Hörensagen von „Ungerechtigkeiten“ gehorcht auch einer Ökonomie der Schuld. Es gehört zu Kleists verstörenden Erzählstrategien, derartige Umschläge, als wären sie begründet, zu beschreiben. Die „gebrechliche Einrichtung der Welt“ ist auch eine, in der das Gesetz nicht als absolut gesetzt wird. Indem Michael Kohlhaas nun aber „der Welt in der Pflicht“ verfällt, der „Sicherheit für zukünftige seine(r) Mitbürger“ verfällt, ist er dieser Pflicht auch verfallen. Er tritt in eine andere Gesetzmäßigkeit ein.

Die Verschränkung von Gefühl und Gesetz wird auf einer weiteren Ebene im Disput von Michael Kohlhaas mit seiner Frau Lisbeth vollzogen:

„Nun also!“ rief Kohlhaas. „Wenn du fühlst, dass mir, falls ich mein Gewerbe forttreiben soll, Recht werden muss, so gönne mir auch die Freiheit, die mir nötig ist, es mir zu verschaffen!“

Kurz darauf „fühlt“ Lisbeth genau diese Verpflichtung und nimmt sie als ihre eigene an, indem sie nunmehr nach Berlin gehen will, um ihrem Mann das gefühlte Recht zu verschaffen. Während Kohlhaas sie zunächst gebeten hatte, „über die Grenze“ nach Schwerin zu gehen, sie also in Sicherheit bringen wollte, kommt es durch die Übertragung des Gefühls zur Katastrophe. Lisbeth geht nämlich, in der Absicht durch die Hilfe eines früheren Verehrers das Recht zu verschaffen, nach Berlin und kehrt sterbend zurück. Für das Ich der Moderne ist die Verschränkung von Gefühl und Recht verpflichtend.

 

Das Grab, das Kohlhaas für Lisbeth errichten lässt, ist in dem Maße, wie es Lisbeth symbolisch zur „Fürstin“ macht, nicht einfach ein märchenhaftes, vielmehr ist es das Grab als das Symbolische. Das Grab als Ordnung und Gesetzmäßigkeit des modernen Ich. Nicht zuletzt wendet Kohlhaas für das Grab jene „hundert Goldgülden“ auf, die er zur Gewinnung seiner Freiheit vom Amtmann erhalten wollte. Die unermessliche Schuld an Lisbeth wird symbolisch getilgt durch das Grab, das sie in seiner Anlage auch als Leiche, als Tote erhalten soll. Die Tote muss in der Gruft als Körper erhalten bleiben, damit Kohlhaas als Ich sein Recht bekommt:

… Er nahm die hundert Goldgülden, die ihm der Amtmann schon, für die Ställe in Dresden, zugefertigt hatte, und bestellte ein Leichenbegräbnis, das weniger für sie, als für eine Fürstin, angeordnet schien: ein eichener Sarg, stark mit Metall beschlagen, Kissen von Seide, mit goldnen und silbernen Troddeln, und ein Grab von acht Ellen Tiefe, mit Feldsteinen gefüttert und Kalk. … Als der Begräbnistag kam, ward die Leiche, weiß wie Schnee, in einen Saal aufgestellt, den er mit schwarzem Tuch hatte beschlagen lassen.

Und im nächsten Satz schlägt eine „Resolution“ wieder zu, die Kohlhaas „das Geschäft der Rache“ beginnen lässt.

Die geschäftsmäßige Abgeltung der Schuld durch das Grab und der Beginn des „Geschäfts der Rache“ sind in der Erzählung auf das engste verschränkt. Das Geschäft der Rache wird im Folgenden ökonomisiert werden. Die „Haufen“ werden gegeneinander gezählt und ständig inflationär steigen, bis Michael Kohlhaas' „Haufen“ schließlich so groß geworden ist, dass er den Staat (Sachsen) selbst zum Wanken bringt. Die Zählung der gegeneinander kämpfenden Lager und ihre Bezeichnung als „Haufen“ ist zutiefst mehrdeutig. Denn ein Haufen kann auch ein Haufen Geldes sein. Sehr wohl ist ein Haufen auch als Bezeichnung für Kot gebräuchlich. Nicht zuletzt kommt aber mit Haufen eine ungeordnete Masse ins Spiel. Es geht mit dem Geschäft um die Beherrschung und Regulierung der Haufen in ihrer schillernden Bedeutung von Wertlosigkeit und Macht.     

 

Doch es wäre keine Erzählung von Heinrich von Kleist, wenn nicht immer wieder mit einem Schlag das Geschäft – der Rache - unterbrochen würde. So ist es denn ein „Wetterschlag“, der das Geschäft als Gesetz für einen Moment außer Kraft setzt. Als Kohlhaas an der Stiftsdame Antonia von Tronka Rache nehmen will, trifft das Reale die Erzählung und gibt ihr eine plötzliche Wendung:

… und da sie, einen großen Ring mit Schlüsseln von ihrem Gurt ablösend: in Wittenberg, Kohlhaas, würdiger Mann! antwortete, und, mit bebender Stimme, hinzusetzte: fürchte Gott und tue kein Unrecht! – so wandte Kohlhaas, in die Hölle unbefriedigter Rache zurückgeschleudert, das Pferd, und war im Begriff: steckt an! zu rufen, als ein ungeheurer Wetterschlag, dicht neben ihm, zur Erde niederfiel.   

Kohlhaas ruft eben nicht „steckt an!“, sondern wendet sein Pferd, wie auch das Geschäft sich für dieses Mal wendet. Was immer auf den „Wetterschlag“ an Erzählung folgt, es hat sie mit einem Mal geändert.

Auf dem „Erzschlosse zu Lützen“ errichtet Michael Kohlhaas als „Statthalter Michaels, des Erzengels“, eine „provisorische Weltregierung“ „zur Errichtung einer besseren Ordnung der Dinge“. Was heißt Ordnung der Dinge? - Wie durch einen Brief der Königin Luise von Preußen aus dem Königsberger Exil an ihren Vater vom April 1808 überliefert, bewegt um 1810 eine neue „Ordnung der Dinge“ Preußen, nachdem der preußische Staat vor Napoleon hatte kapitulieren müssen. Doch Kleists Kohlhaas, dessen Chronik ins 16. Jahrhundert versetzt ist, will nicht nur eine „neue Ordnung der Dinge“ für Preußen, sondern für die Welt errichten.

Mit der Welt, von der im Michael Kohlhaas häufig gesprochen wird – „Kohlhaasenbrück sei ja nicht die Welt“ -, geht es wenigstens um Universalität, eine universale, neue Ordnung der Dinge, die indessen von einem Schlosse zu Lützen ausgehen soll. Lützen erinnert nicht weniger als Kohlhaasenbrück, das nicht die Welt sein soll, an die geringe Größe des Ortes. Lützen, so ließe sich sagen, ist nämlich lütt, mit einem anderen Wort: klein.

Die Namen der zahlreichen Orte – Kohlhaasenbrück, Berlin, Dresden, Wittenberg, Rom, Tronkenburg, Leipzig, Jüterbock, Pleißenburg, Meißen, Herzberg, Dahme, Wien etc. – sind ebenso wie die der Staaten – Brandenburg, Sachsen, Mecklenburg, Böhmen, Polen – in der Erzählung wichtig für die Welt. Noch zahlreicher sind die Namen der Personen, die in der Chronik genannt werden. Sie sind so zahlreich, das schon ganze Karten mit Namen und Orten angefertigt worden sind, um die Beziehungen der Akteure untereinander zu klären und zu überschauen. Doch es ist wie mit Wenzel von Tronka oder mit dem Zettel der Zigeunerin, den Kohlhaas später in einer Kapsel um den Hals trägt, um ihn in der Schlusssequenz, kurz bevor ihm der Kopf abgeschlagen wird, in den Mund zu stecken und zu verschlingen. Man kann ihrer nicht „habhaft werden“.

Die Welt ist wie die panoramatische Erzählung Michael Kohlhaas zu verschlungen, als dass sie sich so einfach durch eine Weltregierung in Lützen regieren ließe. Die Kartographie, die Heinrich von Kleist mit den zahlreichen Namen von Städten und Staaten ebenso wie Personen erzeugt, um dadurch den Effekt eines Panoramas als Welt oder Weltansicht herzustellen, ist heillos verkartet und verzettelt. Sie lässt sich nicht fassen. Doch ausgerechnet aus einem trotz Namen namenlosem Nest wie Lützen - und nicht etwa Berlin, Dresden, Wien oder Rom - beansprucht Kohlhaas, die Welt zu regieren.

Was heißt Ordnung? Martin Luthers Plakat und Kohlhaas’ Besuch bei diesem haben eine wichtige Funktion in der Erzählung. Noch bevor vom Besuch erzählt wird, kündigt die Erzählung, unmittelbar nachdem Kohlhaas von Lützen aus eine „bessere Ordnung der Dinge“ hatte errichten wollen, diese kontrastierend, Martin Luthers „Geschäft“ an. Es besteht nämlich darin,

… den Kohlhaas, …, in den Damm der menschlichen Ordnung zurückzudrücken …

Die von Kohlhaas verfolgte und versprochene bessere „Ordnung der Dinge“ wird auf eine „menschliche Ordnung“ zurückgedrückt. Luthers Duktus in den Plakaten und während der Unterredung ähnelt, dem eines Gesetzgebers bzw. des Statthalters des „Heiland“ bzw. Gottes, als welcher der Pabst gilt. Damit wäre eine moderne „bessere Ordnung der Dinge“ ausgerechnet durch eine theologische Ordnung des Menschen nach dem Bild Gottes mit der Erzählung aufgehoben. - Ist Kleists Erzählung anti-modernistisch?

 

Tatsächlich ändert der Besuch bei Luther für Kohlhaas als lutherischer Mensch alles. Fast genau auf der Mitte der Erzählung kehrt Michael Kohlhaas, nachdem er sich in Lützen zum Erzengel Michael erhoben hatte, in den „Damm der menschliche Ordnung“ zurück und geht nach Dresden. Er löst seinen „Haufen“ an Männern, Waffen und Gütern in Lützen auf. Was eine Weltregierung hätte sein und werden sollen, zerstreut sich in alle Winde. Nur Reste bleiben gerüchtehalber zurück. Der Erlös aus der Auflösung wird dem lutherischen Kurfürst von Sachsen überschrieben. Der Rebell wird unter der „menschlichen Ordnung“ zum Friedensstifter.

Der gesamte zweite Teil der Erzählung verläuft unter dem lutherischen Gesetz der Theo-Logie. Denn Kohlhaas begehrt nun nicht mehr, eine neue Ordnung der Dinge zu schaffen, sondern unterwirft sich der „menschlichen“ Ordnung, die gar zu einem märchenhaften Schluss führt, bei dem „Genugtuung“ gegen „Genugtuung“ zum Preis des Lebens getauscht werden wird.

- Kohlhaas sprach, indem er seinen Hut zwischen beide Hände nahm: und so kann ich, hochwürdiger Herr, der Wohltat versöhnt zu werden, die ich mir von Euch erbat, nicht teilhaftig werden? Luther antwortete kurz: deinem Heiland, nein; dem Landesherrn, - das bleibt einem Versuch, wie ich dir versprach, vorbehalten!   

 

Auf merkwürdige Weise verwendet Kleist nach der lutherischen Wende das Wort Wissenschaft. Zu erinnern ist dabei auch, dass im Jahr 1810 die Berliner Universität als Mutter aller modernen Universitäten gegründet wird. Kleist nimmt an den Diskussionen zur Gründung und dem ersten Lehrplan mit  dem Artikel Allerneuester Erziehungsplan seit dem 29. Oktober 1810 in mehreren Fortsetzungen in seinen Berliner Abendblättern teil. Es argumentiert nicht zuletzt auf witzige Weise mit dem „gemeinen Gesetz des Widerspruchs“ am 30. Oktober. Unausgesprochen geht es auch um Wissenschaft. In der Chronik droht Kohlhaas einerseits an, dass

er sein Anerbieten, falls er damit abgewiesen werden sollte, unfehlbar, unter gehässigen Bemerkungen, zur Wissenschaft des Volkes bringen würde, …

Andererseits geht es mit dem Zettel, der umher streichenden Zigeunerin, um Wissenschaft als „Prognose“. Das Vorherwissen, die Voraussage der Zigeunerin, die letztlich von Kohlhaas zum Unheil des Kurfürsten von Sachsen verschlungen werden wird, ist deutlich mit Macht verknüpft. Doch im Falle der Prognose wird die Wissenschaft nur als eine zwar angekündigte, aber nicht ausgesprochene eingesetzt. Vielmehr bricht in dem Moment, als die Wissenschaft als Prognose von den „zwei Astrologen, namens Oldenholm und Olearius“ ein „gelehrten Streit“ aus, der zu „Unruhe“ führt.

Weit davon entfernt, positives Wissen zu generieren, wird Wissenschaft im Michael Kohlhaas entweder als machtförmig eingesetzt oder als streitiges Wissen, das Unruhe schafft, formuliert. Wissen verleiht Macht, nicht indem es gewusst wird, sondern indem es eingesetzt wird. Es wäre geradezu gefährlich, das Wissen zu besitzen, lehrt ihm die Zigeunerin. Die Wissenschaft von der Welt wird jubilatorisch auf narzisstische Weise von Kohlhaas angenommen, ohne dass er Wissen weiß oder schafft.

Kohlhaas, der über die Macht jauchzte, die ihm gegeben war, seines Feindes Ferse, in dem Augenblick, da sie ihn in den Staub trat, tödlich zu verwunden, antwortete: nicht um die Welt, Mütterchen, nicht um die Welt! und drückte der Alten Hand, und wollte nur wissen, was für Antworten auf die ungeheuren Fragen im Zettel enthalten wären! 

Doch die Antworten erhält er nicht. Entweder gibt Wissenschaft zwei – oder noch mehr - Antworten oder keine. Heinrich von Kleists Gebrauch der Wissenschaft im Michael Kohlhaas ist nicht zuletzt eine Absage an Universalgenies, die alles und von jedem Wissen.

 

Märchenhaft ist die Gestalt, mit der Kohlhaas im Moment seines Todes die Macht über Leben und Tod zuwächst. Die Gestalt ist die Wiederkehr einer Toten als anderer. Die Zigeunerin, die als „Trödelweib“ vom Kämmerer, indem er denkt, als sei er der Kurfürst von Sachsen – „denke, du seist ich, und schaff mir den Zettel!“ -, für die Zigeunerin genommen wird, ähnelt Lisbeths Großmutter und unterschreibt letztlich den Brief an Kohlhaas mit „… Deine Elisabeth.“ Die Zigeunerin ist (nicht) Lisbeth. Lisbeth ist einerseits die Kurzform von Elisabeth, andererseits war Lisbeth zuvor nicht als Elisabeth aufgetreten. Lisbeth wurde in einer Gruft wie eine „Fürstin“ beigesetzt und ihre Leiche sollte durch die Ausstattung und Kalkung des Grabes erhalten bleiben. Die märchenhafte Wiederkehr einer Toten findet wie die Wiederherstellung der Pferde – „Punkt für Punkt“ – im Moment des Todes und der Abgleichung statt.

Doch die Abgleichung der Schuld und Schulden unter dem lutherischen Gesetz, das Kohlhaas „nichts als Ruhe und Zufriedenheit“ verschafft, wird durch die Vergleichung der Chroniken, aus denen berichtet wird, widersprüchlich. Aufgehoben wird in der märchenhaften Schlusssequenz der Erzählung diese selbst als Chronik. Mit anderen Worten: Die Erzählung wird zur Chronik gemacht und die Chronik wird als Modus der Erzählung zweifelhaft. Denn nur auf einem Nebenschauplatz mit einer kleinen Seitenwendung heißt es in der Erzählung selbst:

Wohin er eigentlich ging, …, lassen wir dahin gestellt sein, indem die Chroniken, aus deren Vergleichung wir Bericht erstatten, an dieser Stelle, auf befremdende Weise, einander widersprechen und aufheben.   

Torsten Flüh


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Categories: Medien Wissenschaft

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