Der Zündfunke der Revolution - Okwui Enwezors Mosse-Lecture als Eröffnung von MP6 Contemporary Art Festival from the Arab World

Civitas – Arabischer Frühling – Flamme

 

Der Zündfunke der Revolution

Okwui Enwezors Mosse-Lecture als Eröffnung des Festivals MP6

 

Noch bis Samstagnacht findet im Haus der Kulturen der Welt das Contemporary Art Festival from the Arab World MP6 unter dem Titel Locus Agonistes – Practices and Logics of the Civic statt. Kurator des Festivals ist Okwui Enwezor, der seit November 2011 das Haus der Kunst in Münchenleitet. Enwezor eröffnete mit einer Mosse-Lecture am Freitagabend das Festival und hakte in das Semesterthema Staatsbürgerschaft - Citizenschip vor allem mit der Idee der Civitas ein.

Okwui Enwezor gilt spätestens seit der Documenta XI (2002) als Starkurator. Wie Horst Bredekamp in seiner Einführung hervorhob, hat Enwezor mit der Kuratierung der vorletzten „Olympiade der Gegenwartskunst“ den Fokus entschieden verschoben. Denn durch Enwezor rückte die afrikanische, arabische und asiatische Kunst in die Aufmerksamkeit der Gegenwartskunst. Wie nachhaltig diese Verschiebung war, lässt sich bereits unschwer am Programm der Documenta XIII vom 9. Juni bis 16. September diesen Jahres erkennen. So wird beispielsweise die Ägypterin Nawal El Saadawi mit Der Tag, an dem Mubarak der Prozess gemacht wurde vertreten sein.

Mit der Verschiebung der Gegenwartskunst fand zugleich eine Verschiebung dessen statt, was die Öffentlichkeit der Gegenwartskunst anbetrifft statt. War Gegenwartskunst lange Zeit europäischen bzw. westlichen Galerien und deren Publikum vorbehalten, so geht es nun um eine andere Öffentlichkeit im Zeitalter ökonomischer Globalisierung und informationeller Vernetzung. Die Avantgarde der Gegenwartskunst findet nicht mehr exklusiv für ein bürgerliches Sammlerpublikum statt, wie es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts trendsetzend war.

Programmatisch eröffnete Enwezor seinen Vortrag mit der Erinnerung an zwei Jahrestage: 1. den Kollaps der Systeme in Nordafrika und den Feiern der Tunesier, 2. dem Tod von Mohamed Bouazizi am 4. Januar 2011 durch schwerste Verbrennungen. Dabei handelt es sich um zwei unterschiedliche zivilgesellschaftliche Ereignisse. Beide sind schwierig zu erklären. Weder lassen sich die zivilgesellschaftlichen Vorgänge der Revolution schlüssig erklären, weil Facebook und die neuen Medien nach Enwezors Ansicht nicht als Erklärung hinreichen. Noch sind die Umstände des Todes Mohamed Bouazizis, „who set himself in fire“, letztlich geklärt.

Enwezor führte beide Jahrestage als Beispiele für „civic imagination“ an. Es wird sich wahrscheinlich niemals klären lassen, ob sich Mohamed Bouazizi versehentlich oder absichtlich am 17. Dezember 2010 angezündet hat. Darüber gibt es unterschiedliche Erzählungen und Zeugenaussagen. Allerdings geschah das Ereignis unmittelbar, nachdem ihm eine Erlaubnis für seinen Gemüsestand verwehrt und er auf einer Polizeistation misshandelt worden war. Nach der Aussage der Schwester Leila hatte sich Mohamed mit Benzin übergossen, um sich zu reinigen, weil er von einer Frau auf der Polizeistation geschlagen worden war. Bei diesem Vorgang habe ein Funke ihn versehentlich in Brand gesetzt.

Für die „civic imagination“ war die Frage einer Absicht nicht entscheidend. Mohamed Bouazizi wurde zum Zündfunken für die Revolution in Tunesien. In seinem Vortrag hob Enwezor mehrfach hervor, dass die Revolutionen des Arabischen Frühlings mit einer neuen, verbreiteten Idee der Civitas, also einer Zivilgesellschaft zu tun habe. Ihn interessieren in der „zeitgenössischen Kunstpraxis“ vor allem aktivistische Praktiken:

… Tatsächlich verzeichnen wir eine Ausbreitung aktivistischer Praktiken, die im vergangenen, wirtschaftlich starken Jahrzehnt nachgelassen hatten und nun allmählich erneut zu einem fundamentalen Kulturprinzip werden, das typisch für die gegenwärtige Übergangszeit zwischen globalen Souveränitätsmodi und Prozessen sozialen Widerstands. … (Programmheft MP6, S. 5)

Enwezor geht bei seiner eher skizzenhaften Konzeption einer Civitas, die er offenbar durchaus als metaphysisch verstanden wissen möchte, von einer Unterscheidung zwischen „spectator“ und „observer“ aus. Während der „spectator“ bei den Fernsehbildern unbeteiligt bleibt, sie sozusagen extern erfährt, wird der „observer“ involviert. Er internalisiert die Vorgänge, die auf dem Bildschirm stattfinden. Was passiert da mit mir, wenn ich die Bilder auf dem Bildschirm sehe? Könnte eine Frage lauten, die die „zeitgenössische Kunstpraxis“ betrifft. Als theoretischen Hintergrund erwähnte er Homi K. Bhabha nicht zuletzt deshalb, weil dieser die Rede vom Post-Colonialism problematisiert habe. Im Gespräch kam auch Horst Bredekamp auf die schwierige Formulierung des Post-Colonialism zurück, indem er unterstrich, dass dadurch die kolonialisierten Länder wiederum kolonialsiert würden. Statt von „Hybridity“ wie Homi K. Bhabha spricht Enwezor allerdings von „Diversity“, die für „the Civic“ wichtig sei.  

Mit seinem Vortrag Civitas, Citizenship, Civility: Art and the Civic Imagination gab Enwezor keine konkreten Antworten auf die Frage der Staatsbürgerschaft und der Kunst. Vielleicht ist das bezüglich des Arabischen Frühlings auch zu früh. Hinsichtlich der Frage wie der Arabische Frühling die Kunst in den nordafrikanischen Ländern beeinflussen werde, wollte sich Enwezor auf keine Prognose einlassen. Doch er geht davon aus, dass eine interessante und engagierte Kunst sein werde. Hatte man sich erhofft, aktuelle Beispiele für das Verhältnis von Kunst und zivilgesellschaftlichen Vorstellungen vorgeführt zu bekommen, so wurde man ein wenig enttäuscht.

Was im Gespräch mit Horst Bredekamp vielmehr zur Sprache kam, war die Rolle der Flamme. Vertieft wurde durch Enwezors Antwort auf die Frage nach der Flamme, die Frage nach der Position von „spectator“  und „observer“. Enwezor will mit seiner Arbeit zum Arabischen Frühling vor allem die Frage der Medien und des Engagements druchdenken. Aus seiner Erfahrung mit Tunesien findet es Enwezor es bemerkenswert, dass niemand die Revolution vorausgesehen hatte. Das betrifft auch die Rolle der Medien als solche.

Nach Enwezor hat die zeitgenössische Kunst neue zivilgesellschaftliche Räume erobert. Dies hat zu einer anderen Denk-Atmosphäre beigetragen. Vielleicht lässt sich in diesem Kontext am besten an seinen Aufsatz zu Ai Weiwei und der Sharjah Biennale auf artforum.com im Sommer 2011 erinnern. In Spring Rain kritisiert Enwezor einerseits die Selbstgefälligkeit (complacency) der „global art world“ im Umgang mit den Protesten gegen den Arrest von Ai Weiwei in China und andererseits die Entlassung Jack Persekians als Kurator der Biennnale von Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten, weil dieser ein beschriftetes T-Shirt von Mustapha Benfodil zeigen wollte.

If the events in China and Sharjah are only part of this broader manifestation, however, they seem to have shocked the global art world out of its complacency. In April, four days after Ai’s arrest, Persekian—the highly respected artistic director of the Sharjah Art Foundation, which organizes the Sharjah Biennial—was abruptly dismissed for permitting an installation by artist Mustapha Benfodil that wantonly violated the legal codes and religious taboos of the conservative emirate. The installation was removed from the biennial, and the cry of censorship immediately ensued. (artforum.com)

Okwui Enwezor stellt am Schluss seines Artikels die Forderung, dass man sich entscheiden müsse, auf welche Seite man sich angesichts von Zensurmaßnahmen stellen wolle. Denn Ai Weiweis Kunst hat längst einen begrenzten Raum der Kunst verlassen und ist in China zu einem politischen Akteur geworden. Deshalb kritisierte Enwezor einige opportunistische Reaktionen der „art word“ als herbstlich. Enwezor fordert, dass „the art world“ sowohhl die Zensur in China, wie die in den Vereinigten Arabischen Emiraten verurteilen müsse.

The paradox is that while the long Arab Spring continues apace, setting off tremors that have terrified even China, something in the opportunistic response of the art world to recent events feels decidedly autumnal. (artforum.com)

Während in der Mosse Lecture eher unscharf blieb, was das Verhältnis von Art and the Civic imagination genauer anbetrifft, kann man beim Nachlesen im Programmheft des Festivals und des Artikels auf artforum.com doch zu einer genaueren Bestimmung kommen. Enwezor interessiert weniger, was die Künste als zivilgesellschaftlich Imaginäres hervorbringen. Sein Engagement gilt vielmehr den zivilgesellschaftlichen Prozessen, die Kunst ermöglichen oder hervorbringen. In diesen Prozessen, die an MPs, Meeting Points, als Locus Agonistes oder Orten der Auseinandersetzung stattfinden, verändern sich sowohl Praktiken der Kunst wie die der Zivilgesellschaft.

Natürlich wäre es äußerst schwierig, über die tunesische Briefmarke zu Ehren Mohamed Bouazizis als Kunst zu sprechen. Gehorcht die politisch institutionalisierte Ikonologie der Briefmarke in der Kombination eines makellosen Portraits mit dem strittigen Gemüsewagen und Staatsfahne sowie den Aufschriften „Revolution of Dignity“ und „The Martyr Mohamed Bouazizi“ eher naiven, traditionellen Vorstellungen von Helden einer vollzogenen Revolution. In der Icon of Arab Spring wiederholt sich in dem farblichen Dreiklang von Rot, Weiß, Grün nicht zuletzt die Trikolore unter islamischen Vorzeichen. Das revolutionäre Ereignis ist zur Staatsikone geworden. Dem wären nach Enwezor, um es einmal drastisch zu formulieren, die Fernsehbilder des brennenden Mohamed entgegen zu stellen, die nicht nur Fernsehbilder sind und schon gar nicht nur Bild. Im Falle der Briefmarke muss man nicht zuletzt an Dantons Formulierung in Georg Büchners Danton's Tod erinnern: „die Statue der Freiheit ist noch nicht gegossen“. Denn darin liegt das Problem der Revolution und Freiheit, dass sie sich nicht ins Bild gießen lässt.

Es lässt sich nicht zuletzt an der Art und Weise der Anknüpfung an den Arabischen Frühling durch Okwui Enwezor sehen, dass es ihm um die öffentlichen Plätze, die freie Rede und „inspiring anniversaries“ geht. Vielleicht ist es ja gerade schwierig von einer Revolution Bilder und Erzählungen zu schaffen. Vielleicht lässt sich einfach nicht davon erzählen, als Omar Robert Hamilton das Foto von Ahdaf Soueif auf dem Tahir Platz in Kairo machte. Wie wird es möglich sein, von den revolutionären Ergeignissen zu erzählen? Gibt es gar eine Präsenz der Revolution oder entzieht sich die Revolution immer schon einer Präsenz, weil sie Ereignis ist? - Ahdaf Soueif wird Samstag um 15:30 Uhr im Teil Revolutions of the Present zum Gespräch über Common Grounds and Belonging sprechen. Und ab 17:00 Uhr wird sie sich mit anderen Akteuren über The Future of the Civic Imagination reden.


Foto: Omar Robert Hamilton (Ahdaf Soueif auf dem Tahir Platz)

Am Donnerstagabend las der Berliner Schauspieler Barnaby Metschurat bereits Wall (2009) von David Hare in der Ausstellungshalle des Hauses der Kulturen der Welt. David Hare (geb. 1947) gehört zu den Theaterautoren um das Royal Court Theatre in London, das als eine der einflussreichsten Bühnen Englands gelten darf. Mark Ravenhill begann ebenfalls seine Karriere am Royal Court Theatre. Hare schrieb die Drehbücher zu The Reader (2008) von Stephen Daldry nach Bernhard Schlink mit Kate Winslet und The Hours (2002) mit Meryl Streep, Julianne Moore und Nicole Kidman. Mit Wall hat sich Hare dem Thema der Mauer zwischen Israel und Palästina in einem Monolog angenommen.

David Hare ist durchaus dafür bekannt, dass er komplexere Themen wie eben einen Schlink-Roman oder einen Roman über Virginia Woolf (The Hours) einem breiteren Publikum vermitteln kann. So auch mit Wall. Bereits Okwui Enwezor erwähnte in seiner Lecture die Berliner Mauer und ihren Fall als einen revolutionären Prozess. Hare zitiert die Berliner Mauer, um sie mit der Mauer in Israel eingangs zu kontrastieren. Denn bei der Mauer in Deutschland sei es darum gegangen, dass die Menschen eines Staates diesen nicht verlassen sollten. Bei der Mauer in Israel gehe es darum, sich gegen andere Menschen abzuschirmen, sie außerhalb des Staatsgebietes Israel zu halten. In einer ca. 50minütigen Lesung entfaltet Hare erzählend, erklärend, berichtend, was die Wall in Israel ausmacht.

Wall ist ein absurder Text, indem er die Absurdität dieser Mauer offenlegt. Dabei gelingt es Hare, nicht nur eine psychologische Studie Israels zu skizzieren. Vielmehr wird auch in der Gegenüberstellung Jerusalems mit Ramallah in der West Bank die Dimension der Bibel und des alten Testaments als Erzählung zur Legimitation der israelischen Politik herausgearbeitet. Ramallah hat nämlich das Glück, dass es in der Bibel nicht erwähnt wird. Zwischen Reiseerzählung und Strukturanalyse entsteht eine Erzählung über das Politische und die Zivilgesellschaft. Im Dezember 2011, also kürzlich wurde bekannt, dass Wall mit einem kanadischen Regisseur für 2014 verfilmt werden soll. Denn was Hare hervorhebt, ist, dass die Mauer ohne wesentliche Proteste jetzt gebaut wird.     

Okwui Enwezor pflegt eine besondere Beziehung zur Humboldt-Universität, woran Horst Bredekamp eingangs erinnerte. Einerseits hielt er bereits 2002 eine vielbeachtete Rede, die als Mega Exhibitions: Antinomies of a Transnational Form veröffentlicht wurde. Andererseits gehöre der erste schwarze Soziologe und Bürgerrechtler William Edward Burghardt Du Bois (1868-1963) zu den Vorbildern Enwezors. Du Bois hatte 1892-1894 an der damaligen Berliner Universität studiert und bekam Kontakt zu einigen wichtigen Sozialwissenschaftlern seiner Zeit wie Gustav von Schmoller. Er gehört zu den wichtigsten schwarzen Bürgerrechtlern der USA. Auch aus diesem Kontext wird man Enwezors Interesse an der Kunst vor allem als ein zivilgesellschaftliches Engagement verstehen dürfen.

Gespannt darf man sein auf die nächste und abschließende Mosse-Lecture des Wintersemesters am 7. Februar 2012 um 19:00 Uhr im Senatssaal der Humboldt-Universität vom Präsidenten des Deutschen Bundestages Norbert Lammert unter dem Titel Demokratischer Rechtsstaat und multikulturelle Bürgergesellschaft.

 

Torsten Flüh

 

Mosse-Lectures

 

MP6

Meeting Points

Contemporary Art Festival from the Arab World

Haus der Kulturen der Welt

bis 14. Februar 2012


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Categories: Kultur

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