Der geborene Star: Katherine Mehrling - Katherine Mehrling gibt Judy Garland im Schlosspark Theater

Boulevard – Star – Diva

 

Der geborene Star: Katherine Mehrling

Katherine Mehrling gibt Judy Garland im Schlosspark Theater

 

Die umjubelte Premiere des Judy Garland-Stückes End of the Rainbow von Peter Quilter in der Übersetzung von Horst Johanning ist vor allem Katherine Mehrling zu verdanken. In New York am Broadway stand Tracie Bennett bis zum 19. August wie schon zuvor im Londoner West End auf der Bühne. Alles dreht sich um die letzten Wochen von Judy Garland im Jahr 1969, womit ihre Darstellerin heute beste Aussichten hat, selbst zum Drama- und Show-Star gleichzeitig zu werden.


Katherine Mehrling stellt ihre Starqualitäten unter Beweis. Sie macht aus Judy Garland eine Frau zwischen atemberaubender Bühnenpräsenz im Showact und abgestürzter Diva in der Hotelsuite. For Once in My Life wird bei Katherine Mehrling zur ganz großen Shownummer, während Judy Garland im August 1968 in der Mike Douglas Show im Fernsehen bereits hörbar ihren Zenit überschritten hatte. Am Schluss wird Somewhere Over the Rainbow von Mehrling als ganz persönliches Drama des Stars vorgeführt: If happy little bluebirds fly / Beyond the rainbow / Why, oh why can’t I?


Foto: DERDEHMEL

Judy Garland war nicht nur der Hollywood-Filmstar aus dem Studiosystem, womit sie 1939 in The Wizard of Oz indessen weltberühmt wurde. Vielmehr schaffte sie es im noch jungen Medium der Fernsehshows, die damals natürlich auf die USA beschränkt waren, mit Gesangsauftritten zurück vor die Kamera. „40 Jahre Showgeschäft, 35 Filme, 60 Radioshows, 1.800 Konzerte.“ In der Kraft Music Hall, die im Radio und im Fernsehen übertragen wurde, sang sie noch im Februar 1966 ein stimmlich und darstellerisch beeindruckendes What Now My Love, was sich heute bei YouTube finden lässt. 

What Now My Love bzw. Et maintenant von Gilbert Bécaud und Pierre Delanoë von 1961 fehlt in der Songliste zu End of the Rainbow, was möglicherweise daran liegt, dass es Judy Garland 1969 in London im Talk of the Town nicht mehr singen konnte. Dennoch gehörte Talk of the Town seit 1958 zu den besten Adressen der Londoner Nightclub-Szene der 60er Jahre. Den erfolgreichen, englischen Stückeschreiber Peter Quilter, der 14 Jahre in London gelebt hat, und der mit End of the Rainbow seinen ersten internationalen Erfolg landete, interessierte nach einem Interview mit Judy Garland News and Events genau jene Fallhöhe des Stars wie sie von Katherine Mehrling vorgeführt wird.  

Quilter wollte kein dokumentarisches, sondern ein dramatisches Stück schreiben. Im Stück lassen sich sogar einige Zitate finden, die allerdings in der deutschen Übersetzung untergehen. Stattdessen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der 6., 7. oder 8. Schwulenwitz des Abends, weil der Pianist und Vertraute der Diva Anthony schwul ist, doch reichlich altbacken rüber kommt. Stattdessen gehen Garland-Zitate wie folgendes, das Quilter im Interview erwähnt, unter:

I actually think the play uses very few things she actually said – only a very small handful.  But I couldn’t resist using “Well if they wheeled them in, they can wheel them back out again”.  That just floors me.  It’s so wicked, so funny.

Es ist nicht nur die großartige Gesangsperformance von Katherine Mehrling, sondern durchaus ihr Spiel mit Anthony (Christoph Schobesberger) und Mickey Deans (Torben Krämer) ihrem zukünftigen fünften, lediglich 12 Jahre jüngeren und letzten Ehemann. 1969 waren andere Zeiten. Obwohl Mickey am Schlosspark Theater doch etwas mehr als Toy Boy rüberkommt, lässt es sich gar nicht mit heutigen Gepflogenheiten vergleichen. Während Mehrling die Stimmungen der Diva quasi rauf und runter spielt, bleiben Anthony und Mickey Deans eher ein wenig eindimensional.

In der Beziehung zwischen Judy Garland als Diva und Mickey Deans sowie Anthony geht es nicht nur um den finalen Absturz, sondern durchaus um Macht. Denn die Diva nutzt den großen Auftritt auch, um auszutesten, wie sich die beiden Männer, die ihr auf unterschiedliche Weise ergeben sind, ihren Wünschen fügen. Mehr oder weniger vordergründig geht es darum, ob sie Drogen nimmt oder nicht und ob ihr die beiden diese beschaffen oder nicht. Doch in der Art und Weise wie sie das Spiel mit den Drogen, der Show und dem vermeintlichen Comeback verknüpft, wird ein reines Machtspiel draus.

Zumindest ist diese Ebene der Macht im Stück angelegt. Denn darin ist Judy Garland selbst im Überschwang einer neuen Liebe und der Euphorie bei Peter Quilter Diva genug. Noch kurz vor dem totalen Zusammenbruch und der ständigen Beteuerung ihrer Schwäche und Abhängigkeit von Pillen und Alkohol, ist sie so sehr Diva, dass sie ihr Umfeld nach ihren Spielregeln kommandiert. Paradoxerweise wird die Macht ausgespielt, weil die Diva zugleich ohnmächtig gegenüber ihren Schulden, infolgedessen ihren Gläubigern und den Erwartungen von Fans und Boulevardpresse ist.

Macht und Ohnmacht zugleich bestimmen, mit anderen Worten, die Existenz der Diva. Die Anlage dieser paradoxen Struktur der Diva im Stück macht aus dem Abend mehr als reine Unterhaltung. Ohne den Showauftritt lässt sich das Bild der Diva nicht halten, aber dafür verlangt sie nach Drogen, die sie zerstören, wovor die Männer sie schützen wollen. Gleichzeitig sind Pianist wie Manager-Ehemann-Toy Boy vom Auftritt der Diva als Showstar abhängig. Die Struktur der Diva ist von vorneherein eine dramatische. Bereits in der ersten Hälfte des Stückes vor der Pause wird diese eigentlich äußerst gruselige Konstellation angerissen, doch ständig mit Witzen weggelacht. Judy Garland ist bei Quilter durchaus Martha aus Virginia Woolf von Edward Albee.

Who’s Afraid of Virginia Woolf? - 1962, 1966 mit Elisabeth Taylor als Martha verfilmt - schimmert in End of the Rainbow durch, und darf es nicht sein, weil es für den Boulevard geschrieben ist. Das ist aber nicht ganz so sicher, denn das Stück hatte 2005 am Sydney Opera House seine Premiere. End of the Rainbow führt das Drama der Diva vor. In der Inszenierung von Folke Braband wird das Stück deutlich in Richtung Boulevard verschoben. Rührung darf hervorgerufen werden. Aber es soll nicht wirklich schmerzhaft werden. Das verbieten die Gesetze des Boulevardtheaters. Judy Garland wird vor allem zum Opfer gemacht.

Die Opferlogik in der Erzählung des Stars Judy Garland ist bedenkenswert. Eine dieser Opferformulierungen lautet:

Und weißt du, wie schwer es ist, Judy Garland zu sein?!

Was mit einem abschließenden Ausrufezeichen hinter einem Fragezeichen versehen wird. Geht es doch mit dieser Frage darum, eine imaginäre Spaltung des Menschen und des Stars zu formulieren. Für die Diva ist diese Spaltung allerdings konstitutiv. Natürlich bleibt die Frage meist unbeantwortet. Eine ganze Reihe von Formulierungen schwingt allerdings mit: Ich bin (nicht) Judy Garland – Ich will als Mensch geliebt werden und (nicht) als Judy Garland –

Geboren wurde ich im Alter von 12 Jahren in einem Filmstudio von Metro-Goldwyn-Mayer … (Originalzitat Judy Garland)


Foto: DERDEHMEL

Während das Publikum im Boulevardstück auf diese und ähnliche Formulierungen nur mit einem Oh-Gott-wie-schrecklich antworten kann und will, könnte die Frage danach, wie sich das Publikum denn selbst sieht, vielleicht sehen will oder soll, interessant sein. Was nämlich dem Star-Menschen in seiner Spaltung verwehrt ist, findet sich aufs glücklichste in einer vermeintlichen Identität des Menschen im Publikum bestätigt. Vorgeführt wird eine fatale Spaltung, die das Publikum nicht erleiden muss, und wenn es dann noch über die Ursachen der Spaltung nachzudenken beginnt, sich dafür sogar schuldig fühlen soll.


Foto: DERDEHMEL

Mit anderen Worten, und darin ist die boulevardeske Inszenierung eines Boulevardstückes eben sehr auf einen Allgemeinplatz verpflichtet, es muss Witze geben. Der Witz, der nicht zu anspruchsvoll sein darf, entlastet im Boulevardtheater das Publikum auch von einer zu großen Nähe zur Schuld. „Well if they wheeled them in, they can wheel them back out again“, ist allerdings im deutschen Boulevardstück schon über Niveau. Wiederholt wird in der deutschen Übersetzung stattdessen die Zote als Form des Witzes bemüht.


Foto: DERDEHMEL

Die Zote ist der Witz im Feld des Sexuellen. Und natürlich passt die Zote zu einer Dreierkonstellation, in der das Sexuelle eine prominente Rolle spielt. Gleich zu Beginn fasst Judy Garland beherzt Mickey Deans zwischen die Beine und ziemlich gegen Ende erzählt sie einen Witz von einem 25cm langen Schwanz. In der Zote geht es beständig um die Potenz als Vermögen oder Unvermögen. Dabei wird mit der Potenz die Frage des Geldes eng verknüpft. Allerdings bleibt völlig offen, ob das Geld ein Ersatz für den Sex ist oder umgekehrt.

Das Geld und der Sex in End of the Rainbow laufen unter Niveau ständig in den Dialogen mit. Denn Mickey ist allein durch seinen Schwanz vermögend, während Anthony im finalen Dialog Judy Garland anbietet, von seinem kleinen aber immerhin ausreichenden Vermögen zu leben, um sie zu retten. Sie wird ihn rauswerfen und die Beziehung zu ihm beenden. Denn nicht zuletzt liegt in diesem zwischen Geld und Sex angesiedelten Konflikt eine quasi letzte Chance, Macht auszuüben. Judy Garland will sich im Moment völliger Ohnmacht nicht kaufen lassen. Man kann das in seiner Brutalität auch als einen Akt verzweifelter Selbstbehauptung verstehen.

Die Konstellation von schwulem Pianisten, gut ausgestattetem, aber unvermögendem Liebhaber und älterer Diva, die ständig zwischen Geld und Sex verschoben wird, trägt in End of the Rainbow dokumentarische Züge. Denn Judy Garland galt (und gilt) als Ikone der Schwulen und ihrer Emanzipation. Die mythologische Erzählung der Gay Liberation geht sogar so weit, dass sie einen Zusammenhang zwischen dem Tod Judy Garlands am 22. Juni 1969, ihrer Beisetzung am 27. Juni und der Razzia in der Schwulenbar Stonewall Inn in New York am 28. Juni 1969 sowie den daraus folgenden ersten Protesten von Schwulen gegen Diskriminierung herstellt.

Wie so oft lassen sich derartige Erzählungen schwer bestätigen. Allerdings hatte seit den 50er Jahren eine auf Judy Garland gemünzte Formulierung – he is a friend of Dorothy – als Synonym dafür Verbreitung gefunden, dass jemand als schwul bzw. gay bezeichnet wurde, ohne dass man gay, queer oder homosexual sagen musste. Denn Dorothy Gale war die allen bekannte Rolle Judy Garlands in The Wizard of Oz. Wie nun genau diese Synonymisierung zustande kam, ist wiederum nicht eindeutig. Einerseits galt Judy Garland als Freundin der Schwulen und hatte offenbar mehrere schwule Pianisten an ihrer Seite. Andererseits war die Figur der Dorothy selbst ziemlich queer, insofern als Judy Garland für einen Kinderstar schon zu alt war und für Erwachsenenrollen noch zu jung, als sie die Dorothy spielte.

Insbesondere in der Queer Theory hat die Figurenkonstellation von The Wizard of Oz genauere Beachtung gefunden. Denn schließlich geht es um die Vogelscheuche Hunk, im Englischen Scarecrow also Schreckenskrähe, die statt Gehirn Stroh im Kopf hat, Hickory, den Blechmann, der kein Herz hat, Zeke, den Cowardly Lion, der keinen Mut besitzt, und natürlich Dorothy, die sich in einem fremden, feindlichen Land zurechtfinden muss. Die Wegbegleiter von Dorothy sind demnach verquere Charaktere, die im Lauf der Handlung zusagen, ihr Manko in Stärke zu verwandeln. Dabei läuft die Moral der Geschichte auf eine Botschaft hinaus, die in etwa lautet: Sei du selbst, selbst wenn du nicht bist wie die Anderen.

The Wizard of Oz lässt sich, mit anderen Worten, als queere Emanzipationsgeschichte lesen. Offen bleibt, wie weit dies als Lektüre praktiziert wurde. Denn gerade die Botschaft „Sei du selbst“ wird zumindest in der Starerzählung von Judy Garland außerordentlich ambivalent. Sie selbst sein, wird zum großen ungelösten Problem der Judy Garland.

Trotzdem wirkte der Film als Geschichte einer Emanzipation so nachhaltig, dass 1978 Sidney Lumet The Wiz mit Diana Ross als Dorothy und Michael Jackson als Scarecrow drehte. Es ist sozusagen ein farbiger Wizard of Oz. Er floppte allerdings am Box Office, während der Film von 1939 ein Erfolg gewesen war und mit der 1978 bereits präsenten Schwulenbewegung eine Art Versprechen eingelöst hatte.     

Katherine Mehrling jedenfalls hat mit End of the Rainbow ihren Durchbruch als Star mit einer hervorragenden Band geschafft. Das darf man sagen. Eine Diva ist sie glücklicher Weise nicht. Denn vielleicht war das Modell Diva auch eine historische Erzählweise im schwierigen Ringen eines zum Befehl verdichteten Identitätskonzeptes: Sei du selbst. Anders als vor 50, 40 oder auch nur 30 Jahren, kann man selbst eben heute auch anders sein. Deshalb ist End of the Rainbow ein wenig fern und schillert doch vielversprechend wie ein Regenbogen.

 

Torsten Flüh

 

End of the Rainbow

09., 10., 11., 12. und 13. September
sowie im November und Dezember 2012

Schlosspark Theater

Schloßstraße 48

12165 Berlin


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Categories: Theater

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