Die Entführung ins Licht - Elfi Mikeschs Welturaufführung von Mondo Lux im Panorama der Berlinale 2011

Geste – Licht – Berlinale 2011

 

Die Entführung ins Licht

Elfie Mikeschs Welturaufführung von  Mondo Lux im Panorama der Berlinale 2011

 

Am frühen Mittwochabend hatte Mondo Lux – Die Bilderwelten des Werner Schroeter im Kino International seine Welturaufführung. Die Kamerafrau und Regisseurin Elfi Mikesch (geb. 1940) ist die große Entführerin ins Licht des queeren Films.

In Mondo Lux begleitet Mikesch Werner Schroeter ins Licht und erinnert an seine Photographien und Filme. Was war das Besondere an den Bilderwelten Werner Schroeters, der 1980 mit Palermo oder Wolfsburg den Goldenen Bären gewann, vor einem Jahr den Teddy Award für sein Lebenswerk erhielt und am 12. April 2010 verstarb?

Als es noch keine Queer Studies gab und Wieland Speck noch nicht den Teddy gezeugt hatte, gehörte Elfie Mikesch schon zu den schrägen Feen an der Wiege des Queer Movie. 1971 übernahm Elfi Mikesch die Kamera bei Rosa von Praunheims Film Leidenschaften. Ihre erste Kameraarbeit. Der queere Film war 1970 in Deutschland gerade mit Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt von Rosa von Praunheim geboren worden. Agitprop!

Noch während Praunheims Agitprop-Film vom Forum des Jungen Films auf der Berlinale 1971 bis zur bundesweiten Ausstrahlung im Ersten Programm der ARD am 15. Januar 1973 Karriere machte, drehte Elfi Mikesch auf einer Weltreise mit Praunheim im Super-8-Format Leidenschaften an Schauplätzen von Glasgow über New York und Kalkutta, Tokio und Hawaii usw. bis in die Innsbrucker Bergwelt. Super-8 war nicht zuletzt das Filmformat der Fernreisenden und Familienväter: Schmalfilm. Er wurde auf 16mm „aufgeblasen“.

Es ist wichtig, dass man sich dieser Nähe erinnert, wenn Elfie Mikesch nun ihren Dokumentarfilm Mondo Lux vorstellt. Rosa von Praunheim war damals mit Werner Schroeter in einer Beziehung. Mehrfach wird in Mondo Lux ein Gespräch mit Werner Schroeter und Rosa von Praunheim aus der Zeit zwischen 2006 und 2009 eingeschnitten. Es sind intime Studien zweier alter Herren über 60, von denen der eine gerade erfahren hat, dass er bald an Kehlkopfkrebs sterben wird. Schroeter sagt einmal, dass der Tod sein werde, wie wenn man Teil einer Energie werde, wie Licht.

Mondo Lux kann auch als ein Dokumentarfilm mit einem Augenzwinkern gesehen werden. Denn der Titel gibt einen Wink auf das Genre des Dokumentarfilms und der Mondo-Filme selbst. Mondos waren nämlich Als-ob-Dokumentarfilme, die vor allem im Italien der 60er und 70er Jahre Fiktionen der Dokumentation herstellten. Die Bilderwelten des Werner Schroeter kommen als Erzählungen, als Photographien in seiner Ausstellung Autrefois et Toujours und als Filme vor. Doch wäre es sicher zu einfach, wenn man glaubte, sie dann schon gesehen zu haben.

Der Film ist eine Montage von Ausschnitten der Filme Werner Schroeters, seiner Probenarbeit für das Theater, öffentlichen Auftritten, Anmerkungen zu seinen Photographien und Interviews mit Wegbegleitern. Wim Wenders, Wolf Wondraschek, Peter Kern, Juliane Lorenz, Digne Meller Marcovicz und nicht zuletzt Ingrid Caven kommen sozusagen als Zeugen vor. Ingrid Caven hatte 1972 in Tod der Maria Malibran von Werner Schroeter mitgespielt.

Ingrid Caven hat zwei wichtige Auftritte, die auch die merkwürdige Sichtbarkeit der Welten von Werner Schroeter betreffen. In einer Szene kommentiert Caven eine Geste aus dem Film Tod der Maria Malibran mit Candy Darling, einem Transsexuellen aus dem Umfeld von Andy Warhol. Sie habe eine Geste machen sollen, als wenn sie Candy Darlings Hals umarmen wolle und ihn doch gleichzeitig erdrossle. Es gibt nur wenige Schauspielerinnen, die so eine ambivalente Geste zeigen und formulieren können.

Es war immer die große Kunst der Caven, eine Geste in ihrer Ausführung umkippen zu lassen. Die Geste also immer nur anzudeuten, aber niemals auszuführen. Bevor die Geste zu Ende geführt wird, bleibt sie in der Luft stehen. Bevor die Geste beginnt eine Geschichte zu erzählen, ist sie auch schon wieder verschwunden. Das ist großes Theater. Oper.

Werner Schroeters Bilderwelten, so arbeitet es Elfi Mikesch heraus, kommen aus der Oper. Doch während auf der Opernbühne die großen Gesten als falsch und verstellt vorkommen, hat Schroeter sie gerade als eine Entstellung zur Wahrheit inszeniert. Schroeters Filme sind immer große Gesten, an die er durchaus glaubte, und von denen er sich auch nicht scheute zu sagen, dass die Aufnahmen der Callas für ihn ein „Erweckungserlebnis“ gewesen seien. Doch die Entstellungen erweisen sich gerade als entlarvend für die Widersprüchlichkeit von Gefühlen und Gedanken.

Caven sagt, dass „die alte Syntax“ der Filme nicht mehr trug und dass Schroeters Verschiebung in die Geste deshalb gerade ein neuer Ansatz für den Film war. Schroeters Filme wie Tod der Maria Malibran, Eika Katappa oder Die Abfallprodukte der Liebe, Kamera Elfi Mikesch, machten das Leben zur Oper, um das Leben in seinen Diskursen und Praktiken durchschimmern zu lassen. Schroeters Bewunderung für Maria Callas oder auch von Martha Mödl, die in einer Szene im Foyer des Schiller Theaters Pique Dame von Tschaikowsky singt, ist tief empfunden und wird doch zur Entlarvung der Lebenspraktiken des Normalen.

Das Leben könnte nicht falscher sein als in den Operngesten in den Filmen Werner Schroeters. Doch gibt es eben keine richtig(er)en, weil es immer schon um die Geste geht. Und in diesem vertrackten Prozess wird der Dokumentarfilm auch zum Mondo mit dem Versprechen, die Bilderwelten zeigen zu können.

Es ist nicht zuletzt wiederum Ingrid Caven, die am Schluss von einem Telefongespräch mit Werner Schroeter spricht. Es ist schon großes Kino, bei dem man nicht weiß, ob es tatsächlich das Filmprojekt gegeben hat, ob es überhaupt das Gespräch mit Schroeter gegeben hat, oder ob es von nun an nur existiert, weil Ingrid Caven davon erzählte.

1974 drehte Lothar Lambert, ein weniger bekannter, aber nicht weniger wichtiger Akteur des queeren Films in Berlin und der Berlinale, 1 Berlin-Harlem. Für die Besetzung des Films ließ er eine Anzeige in der Zeitung veröffentlichen, in der er für seine No-budget-Produktion Mitspieler suchte. Rainer Werner Fassbinder und Ingrid Caven meldeten sich neben vielen anderen. Lambert drehte eine Szene mit seinem Hauptprotagonisten Conrad Jennings während der Berlinale vor dem Zoo-Palast.

Eine wichtige Funktion für den Film haben die Erzählungen von Magdalena Montezuma (1943-1984), die in den 70er und 80er Jahren der Superstar des Queer Movie in Berlin war. Werner Schroeter hatte Magdalena Montezuma 1968 kennengelernt. Sie wirkte bis zu ihrem Tod in vielen seiner Filme mit. Doch auch in Taxi zum Klo (1981) von Frank Ripploh oder in Freak Orlando (1981) von Ulrike Ottinger trat sie auf.

Sieht man Magdalena Montezuma in den Filmen von Schroeter oder Rainer Werner Fassbinder oder Ulrike Ottinger, dann ist es vor allem ein androgyner Zug in Verbindung mit einem minimalistischen Mienenspiel, der Magdalena Montezuma in ihren Filmen zum Objekt des Begehrens machte. In dem Wechselspiel von Herr und Frau Orlando und Orlando in seiner Vielgestaltigkeit in Freak Orlando brach Magdalena Montezuma die Geschlechtergrenzen auf. Magdalena Montezuma war, wie es ihr weiblicher und männlicher Künstlername schon als Programm ankündigte, das schöne Wesen, das sich dem Geschlecht entzog.

Schroeter erzählt im Film mehrfach in einer geradezu symbiotischen Weise von Magdalena Montezuma, die nicht nur Muse, sondern Programm der geschlechtlichen Mehrdeutigkeit ebenso wie Uneindeutigkeit im Film der 70er und 80er Jahre war. In ihrer geschlechtlichen Uneindeutigkeit war sie sowohl der betörend, schöne Anwalt in Palermo oder Wolfsburg als auch Doppelzeugin in Liebeskonzil (1982) bis zur Rosenzüchterin Anna in Rosenkönig (1986), ihrem letzten Film. Zweieinhalb Wochen nach dem letzten Drehtag verstarb Magdalena Montezuma an Krebs.  

Elfi Mikisch hat Rosenkönig in leuchtenden, intensiven Farben gedreht und mit ungewöhnlichen Blickwinkeln experimentiert. Mondo Lux handelt auch von der symbiotischen Doppelung des Lebens und des Sterbens Werner Schroeters in Analogie zum Leben und Sterben Magdalena Montezumas. Werner Schroeter erklärt Rosa von Praunheim, dass es die gleiche Krebsart wie die Magdalenas nur am anderen Ort, statt des Bauches im Kehlkopf sei. Und wie bei Magdalena so führte auch Werner Schroeters Krebsdiagnose zu einem großen Schaffensausbruch. In der Weise wie Elfie Mikesch diese Doppelung verfolgt, ohne sie bloßzustellen, liegt auch die große Kunst von Mondo Lux.  

 

Mondo Lux wird zu einem rätselhaften Dokument über Werner Schroeter und sein Werk. In seinen Bilderwelten war Schroeter nicht zuletzt ein Weltreisender, der immer nur in Hotels gelebt hat und vermutlich nur auf Durchreise leben konnte. Vielleicht hätte man noch mehr von diesen Reisen erzählen können. Vielleicht gibt es sogar mehr Aussagen und Dokumente darüber, wie Schroeter gereist ist. Doch letztlich werden eben im künstlerischen Schaffen der Filme die Welten nur erfahrbar, die Schroeter durchreiste. Es waren immer Reisen im Imaginären, weil Reisen vielleicht niemals anders als im Imaginären stattfindet.

Mondo Lux ist nicht nur ein Film über Werner Schroeter, er ist auch die Erzählung vom queeren Film der Berlinale der letzten 40 Jahre. Der Bogen von 1970 bis 2010 umfasst 40 Jahre des deutschen Films, 40 Jahre der Filmszene in Berlin und 40 Jahre der Frage des Geschlechts im Film. Männer, Frauen, Schwule, Lesben, Transsexuelle und Crossdresser, Grenzen des Geschlechts, die sich aktuell eher aufzulösen beginnen. Ohne die Berlinale und dem Forum des Jungen Films früher und des Panoramas heute, würden diese Bildwelten nicht existieren.

 

Bedenkt man einmal, dass aktuell Andrej Pejic als das „model of the moment“ gilt, und auf den Catwalks der Welt von Paris bis London etc. die Frauenmode der kommenden Saison in Szene setzt, andererseits Romeos von Sabine Bernardi auf der Berlinale Erfolge feiert. Dann ist beides nicht ohne Mondo Lux zu denken. Ein junger Mann führt heute als Model die Mode der Frauen für die neue Saison vor. Ein Junge im Körper einer Frau durchlebt die Pubertät in Romeos.  


Elfi Mikisch hat einen ganz gegenwärtigen und wichtigen Film aus Mondo Lux gemacht. Ich wünsche ihr, dass sie am 18. Februar 2011 bei der Gala zum 25. Teddy Award, dem queeren Oscar, den Teddy erhält.  

 

Torsten Flüh