Die Erde, die Fakten und der Mensch - Zum Anthropozän-Projekt im Haus der Kulturen der Welt

Mensch – Geologie – Kultur 

 

Die Erde, die Fakten und der Mensch 

Zum Anthropozän-Projekt im Haus der Kulturen der Welt 

 

Word kennt das Anthropozän nicht. Überprüfen, Rechtschreibung, Hinzufügen! Ab jetzt kennen nicht nur Geologen, Archäologen, Umweltaktivisten, Philosophen den Begriff Anthropozän. Kulturwissenschaftler werden ebenfalls nicht mehr um das Anthropozän herumkommen. Denn es geht mit dem Anthropozän-Projekt im Haus der Kulturen der Welt gleich an der kanalisierten Spree darum, die Geschichte von der Erde und dem Menschen anders zu erzählen, andere Verhältnisse im Umgang zwischen γῆ (gē) und Mensch zu entwickeln. Bilder, Redeweisen, Erzählungen, Darstellungsformen von Erde und Mensch müssen verändert werden. Seit 2011 läuft das Anthropozän-Projekt am HKW. Jetzt kam es für 3 Tage zu einer hochkarätigen Cross-Culture-Veranstaltung, die ebenso trocken wie hintergründig Ein Bericht genannt wurde.

Das Anthropozän-Projekt, das der Leiter des HKW, M. Bernd Scherer, und sein Team entwickelt haben und in der Logik der Projektmittel vor allem aus dem Haushalt der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Monika Grütters bzw. ihres Vorgängers Bernd Neumann, in der Form eines Berichts auch zu einem Abschluss gebracht werden muss, soll ein Anfang sein – und zwar nicht nur einer in oder für Deutschland oder Europa. Das Anthropozän-Projekt und das HKW sind international, global hochvernetzt. Der dreibändige, findlingartige Katalog zum Bericht – Textures of the Anthropocene: Grain Vapor Ray – wurde von The MIT Press des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, Massachusetts, USA, der weltweit führenden Technologie-Uni, verlegt. Das Partikulare (Grain), das Flüchtige (Vapor) und das Strahlende (Ray) werden für das Anthropozän wichtiger werden. 

Nicht nur geologisch gesprochen sind die Textures of the Anthropocene ein Findling. Dreibändig plus Handbuch dick, 16 x 23 x 7,5 cm, 2089 Gramm schwer. Das geht schon als Krafttainingstool durch. Schwerer Lesestoff. Train your brain. Der inhaltliche Textbogen von Aristoteles über Zahir-ud-din Muhammad Babur, Elmar Altvater, Franz Kafka, Haber-Bosch Process, Michel Serres etc. bis Jan Zalasiewicz ist entsprechend angelegt. Der Kompatibilität und der weltweiten Verbreitung wegen alles auf Englisch. Eine deutsche Ausgabe wäre für das HKW ohne das MIT nicht zu stemmen. Soll man das jetzt alles lesen und wissen?  

Datenpakete für Text-, Ton-, Bild- und Video-Dateien in Giga- oder doch schon Terabyte (1012) oder 1 mit 12 Nullen Datenmenge werden allein auf der hochvernetzten Website zum  Anthropozän-Projekt. Ein Bericht bereits zur Verfügung gestellt oder noch zum Serven bereitgestellt werden. Wie soll man sich in diesen Vernetzungen von Bildern, Texten und Wissen noch zurechtfinden? Das Anthropozän-Projekt des HKW in kiloschwerer Hardware und online-flüchtig im Internet entzieht sich wohl kalkuliert zwischen Twitter, Tumblr und Pinterest auch einer einfachen oder gar totalen Erfassung. – Und wird gerade deshalb spannend. 

Das Anthropozän-Projekt, das mit seiner Anknüpfung an das Wissen der Geochronologie, ebenso sperrig wie vielversprechend das geochronologische Zeitalter des Menschen und seiner Praktiken zum Thema macht, hat gleichzeitig eine ganze Reihe neuer Veranstaltungsformate generiert. Die Kuratorin Katrin Klingan hat im Bereich Theater A Matter Theater in einer Überschneidung von Performance und Vorlesung, Kunst und Wissenschaft ausgearbeitet. Sind das jetzt schon wissenschaftliche Vorträge wie beispielsweise die „Demonstration“ The Fog of Meaning in a Voiceless Demos von Elizabeth A. Povinelli aus dem Department of Anthropology, Columbia University, New York, oder ist die Performance mit der Schildkröte und den Steinen im Aquarium als Eröffnungsveranstaltung am Donnerstag doch nur unterhaltendes, witziges Theaterspielen? 

Die Demonstrationen, die einen ebenso wissenschaftlichen wie performativen Modus der Darstellung von und des Umgangs mit Wissen ermöglichen, sollen eben auch die Bedingungen von Wissens- und Wissenschaftsproduktion vorführen. Denn der Ausspruch quod erat demonstrandum formuliert die Praxis eines wissenschaftlichen Beweises, der als Vorführung zum Abschluss gebracht worden ist. Insofern wiederholen die Demonstrations im Format Matter Theater die Praxis einer Vorführung zur logischen Wissenserstellung, die Elizabeth A. Povinelli in ihrer Performance geradezu unterläuft. Matters in ihrer Polysemantik von Sachen, Gründe, Masse, Inhalt, Körper, Materie, Frage, Angelegenheit zählen oder werden in wissenschaftlichen Demonstrations isoliert. What's the matter? Oder auch: What matters?   

 

Am Samstagabend war Elizabeth A. Povinelli ebenfalls an der Abschlussveranstaltung der Berichtstage  mit der Practice A Life unter Beteiligung des Künstlers Franck Leibovici (Paris), dem Archäologen Matt Edgeworth (Leicester) und dem Geologen und Leiter der Anthropocene Working Group im Anthropozän-Projekt Jan Zalasiewicz maßgeblich beteiligt. Die Vielfältigkeit der Praktiken und Medien für die Bericht genannte Veranstaltungsform brachte vor allem Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen von allen Enden der Welt ins Gespräch über das Anthropozän, was wiederholt ausdrücklich gelobt wurde. Gerade die Veranstaltungsformate und Veranstaltungen, die sich in der Ankündigung wie für ein Fachpublikum lasen, erwiesen sich als transdisziplinär erhellend und unterhaltend. In A Life kam es zwischen Elizabeth A. Povinelli, Matt Edgeworth und Jan Zalasiewicz fast schon zum Eklat. Denn Povinelli insistierte vor allem auf die zumindest den positivistischen Wissenschaften ─ wie der Geo- und Archäologie, aber auch der Humanmedizin ─ eigenen Unterscheidung zwischen lebendig und nicht-lebendig. 

Bernd M. Scherer lieferte nicht nur aktuelle Fakten wie Great Acceleration als ein Bild aus Diagrammen zur Zunahme der Einflüsse des Menschen auf das Geosystem seit 1950 oder die Finanzierung der IS-Truppen in Syrien und dem Irak durch die militärische Eroberung von Erdöl-Raffinerien und das Bild der Raffinerie für die Ablösung von „relativ stabilen Szenerien“ durch „stark prozesshafte“ geopolitische Abläufe, er knüpfte in seiner Eröffnungsrede auch an Franz Kafkas Text Ein Bericht für eine Akademie an. Bekanntlich geht es in dem kafkaschen Bericht um die widersprüchliche Menschwerdung eines Affen, der nun von seinem „Vorleben“ berichten soll.

Von Anfang an sind dem sprechenden Affen allerdings die Erinnerungen an sein „Affentum“, umso mehr verschlossen, als er zum Menschen wird. Er berichtet letztlich von etwas, von dem er nicht anders als in der Eingeschlossenheit der Menschenwelt nicht berichten kann. Mit Kafka: „wohler und eingeschlossener fühlte ich mich in der Menschenwelt“. Die Rückkehr durch ein mittlerweile winziges „Loch in der Ferne“ ist ihm verwehrt. Ihm ist somit auch sein „Vorleben“ als ein abgeschiedenes für die Erzählung von sich selbst verschlossen.

Der Bericht des Affen vor der Akademie erweist sich als Paradox. Insofern der Berichterstatter „auf fremde Berichte“ wie dem Führer der „Jagdexpedition der Firma Hagenbeck“ angewiesen ist. Dies hat nicht zuletzt mit der Sprache und dem Erlernen der Sprache der Menschen zu tun. Solange der Affe nicht sprechen konnte, war es ihm auch unmöglich sich in seiner „Affennatur“ zu verstehen oder zu artikulieren. Das ebenso mühsame wie zufällige und mit dem Leeren einer Schnapsflasche verbundene Erlernen und Artikulieren der Sprache der Menschen wird zur Schnittstelle des Eintretens in die Menschenwelt: „… „Halloh!“ ausrief, in Menschenlaut ausbrach, mit diesem Ruf in die Menschengemeinschaft sprang und ihr Echo: „Hört nur, er spricht!“ wie einen Kuß auf meinem ganzen schweißtriefenden Körper fühlte“. Kafkas Bericht für eine Akademie führt den Akademiemitgliedern auch vor, wie sich ihrer Aufforderungen, „über (das) äffische Vorleben“ zu berichten, wegen der Sprache nicht oder nur delirierend folgen lässt. 

Die Sprache und die Bilder der Menschen von sich und beispielsweise der Affen stellen diese her und vereiteln für den Affen die Rückkehr und den Bericht von dem, das zu berichten erwünscht wird. Die Akademie, die bei Kafka ein Zentralorgan des Menschen und der „Menschengemeinschaft“ ist, stellt institutionell das Wissen des Menschen von sich selbst und beispielsweise den Primaten als seine menschheitsgeschichtlichen Vorgänger her und muss sie verfehlen.

 

Kafkas Bericht hat nicht zuletzt bereits am 19. Dezember 1917 durch Elsa Brod im Prager Klub jüdischer Frauen eine ebenso spaßhafte wie erfolgreiche Performance erfahren. Das Sprechen des Affen als solches jenseits des Genres Fabel gehört zu den komischsten Wendungen der Literatur. Denn es eröffnet auch die Möglichkeit, dass die Akademiemitglieder, die Männer, Affen sind, sich zu Affen machen lassen oder einfach die Bedingungen ihrer Sprache und Bilder von sich selbst vergessen haben. 

Die beiläufige Erwähnung des Berichts für eine Akademie ist neben Die Sorge des Hausvaters von Franz Kafka, ebenfalls 1920 im Band Ein Landarzt veröffentlicht und im Band Grain (das Partikulare) als The Cares of a Family Father abgedruckt sowie von Jane Bennett mit The Shapes of Odradek and the Edges of Perception kommentiert, gibt einen deutlichen Wink auf den „Bericht“ des Anthropozän-Projektes. Ist es doch Franz Kafka, der das Verhältnis von Sprache, Medien, Wissen und Autorität, worauf Avital Ronell im ZfL einmal hingewiesen hat, in seinen Texten unablässig erkundet. Das Tier und der Mensch werden in Kafkas Texten wie mit Gregors Samsas Verwandlung in einen Käfer unablässig zu Grenzerfahrungen. Gregor Samsa kann von sich als Käfer erzählen, weil er Mensch war oder noch ist, aber nicht mehr sein soll. Kafkas Texte vom Menschen sind immer auch hybrid und stellen die Frage nach Autoritäten.

Der Bericht vom Anthropozän-Projekt, das zunächst einmal die Frage durch den Kopf schießen lässt „Muss ich mich jetzt auch noch mit Geologie beschäftigen?“ ─ Ich bin doch kein Geologe ─, wurde nicht zuletzt durch den Eröffnungsvortrag von Naomi Oreskes als Wissenschaftshistorikern fulminant eröffnet. Denn genau darum ging es Oreskes, die am Department of the History of Science in Harvard lehrt. Die Geologie musste den Menschen als Agenten im 19. Jahrhundert ausschalten, als es darum ging, das Wissen über die Erde und ihre verwertbaren Schätze für den industriellen Fortschritt als Gegenstand, als lebloses Ding zu nutzen. Naomi Oreskes konnte in ihrem Vortrag Man as a Geological Agent: Historical and Normative Perspectives deutlich machen, dass es bereits mit Robert Lionel Sherlock und seiner Schrift Man as a Geological Agent an Account of his Action on Inanimate Nature 1922 einen Geologen gegeben hatte, der auf die Veränderungen der Erde durch den Menschen aufmerksam gemacht hatte. Er stellte damit auch die Unterscheidung von künstlichen und natürlichen Einflüssen auf den Planeten in Frage.

 

Wie Naomi Oreskes hervorhob, gab es bereits mit dem schwedischen Nobelpreisträger für Chemie von 1903, Svante Arrhenius, einen Wissenschaftler, der ein von ihm positiv formuliertes Eingreifen in das Klima zum Thema in der Geologie gemacht hatte. Das geologische Klima könne nämlich von dem Menschen soweit beeinflusst werden, dass es in Schweden wärmer werde. Zwischen der Klimaveränderungsphantasie für ein wärmeres Schweden und den frühen Hinweisen auf die geologischen Veränderungen durch den Menschen, die 1922 mit einem Foto des Storeton Steinbruchs, Cheshire, illustriert werden, pendeln die Argumente für ein geologisches Zeitalter des Menschen, dem Anthropozän. Wenn der Mensch die Erde seit dem 19. Jahrhundert massiv verändert, indem er sie ausbeutet, dann kann, muss man vom Anthropozän sprechen, weil nichts mehr sein wird wie zuvor.  

Anselm Franke hat im HKW den Ausstellungsbereich kuratiert. Gleich drei unterschiedliche Ausstellungen wurden mit den Berichttagen eröffnet und werden noch bis Anfang Dezember gezeigt werden. Die Arbeits- und Darstellungsweisen der Ausstellungen von Armin Linke, Territorial Agency (John Palmesino und Ann-Sofi R&¨nnskog) für Anthropocene Observatory, Adam Avikainen für CSI Department of Natural Resources und The Otolith Group für Medium Earth sind höchst unterschiedlich. Während das Anthropocene Observatory: #4 The Dark Abyss of Time ein vielschichtiges Großprojekt mit Interviews von internationalen Akteuren in Politik und Wissenschaft zum Anthropozän über 2 Jahre in einem kollektiven Arbeitsprozess entstanden ist und Schautafeln wie Bilder produziert hat, arbeitete Adam Avikainen als Maler und Autor vor allem alleine an einem breiten Bilderspektrum, das an das US-Krimiserienformat CSI anknüpft. 

Adam Avikainen nimmt mit seinem Krimiformat eine Spurensicherung vor, wie es im Deutschen heißt. CSI ist jenes amerikanische, hochbildtechnologische Serienformat, in dem Bilder und Spuren von Tatorten zu einer Erzählung verdichtet werden, die dann zur meist dramatischen Aufklärung eines Verbrechens in letzter Sekunde führt. Avikainen hat zahlreiche Bilder auf Folien in Gruppen zusammengestellt, die an einem Tisch zu Informationen über das Bild in Beziehung gesetzt werden können. Insofern folgt er dem Modus der CSI-Serien. Auf drei Lichtrahmen können die Ausstellungsbesucherinnen ihr sozusagen herausgefischtes Bild als Indiz ausstellen. Auf diese Weise involviert Avikainen die Ausstellungsbesucherinnen in seine Arbeit, macht sie zu Akteuren, Ermittlern und lässt ein sich ständig veränderndes Bild der Verbrechen an Natur und Umwelt erstellen. 

Insofern als Adam Avikainen die Ausstellungsbesucherinnen selbst zu Akteuren von Bilderzählungen im Modus der CSI macht, fordert er sie auch heraus. Aus einer unübersichtlichen Menge von durchnummerierten Bildfolien auf einer Art Karussell können sie einzelne entnehmen und am Aktentisch abgleichen, um dann zu entscheiden, ob sie diese prominent mit einer anderen austauschen. Möglich wäre auch ein Blättern in den Akten, um einen einzelnen Fall aufzunehmen und ihn am Folien-Karussell als Bild zu entnehmen. Die Zuordnung von Bild und Text bekommt so eine besondere Funktion. Denn häufig erschließt sich erst das Foto durch den Text oder auch nicht. 

So bekommt man auf der Karteikarte zu einem Staubwedel — oder ist es eine Toilettenbürste? — zu lesen: „Geo-Sexuality Systens - csidnr@gmail.com 3:33 AM  Adam's Curse Oxford Ancestors PO Box 841 Oxford, United Kingdom enquiries@oxfordancestors.com Dear Friend, No more free willies. Five-thousand generations. Asexual fruit.“ — Das lässt sich lesen und formuliert doch nicht, was zu sehen ist. Willies???!

 

Obwohl CSI Department of natural Recources an den Beweis-Bild-Text-Modus des Krimiserienformats anknüpft, durchbricht es diesen doch entschieden. Gesichert werden ganz andere Lesespuren. Während Medium Earth und Anthropocene Observatory eher große Wissensräume schaffen, die die Ausstellungsbesucherinnen (generisches Femininum) konsumieren, lesen und verarbeiten können, wird das CSI-Projekt von Adam Avikainen zu einer Art variablen Wissensspiel der Akteure. Das Foto, das Ding, das Indiz wird nicht einfach entschlüsselt und gesichert. Vielmehr spielt der Kateikartentext auf witzige Weise an ganz andere Wissensräume an. — Übrigens war es ein purer Zufall, dass der Berichterstatter diese Bildfolie dem Karussell entnahm. 

Das Anthropozän-Projekt wird vom 14. bis 22. November 2014 im HKW einen Nachklang im Anthropocene Campus finden. Dann soll es strukturell neue Modelkurse, Präsentationen und Diskussionen erarbeitet. 

 

Torsten Flüh

 

HKW - Haus der Kulturen der Welt
Das Anthropoz&¨n-Projekt

Ausstellungen bis 8. Dezember 2014 

 

Anthropocene Campus

Model courses, presentations and discussions

14. bis 22. November 2014

John-Foster-Dulles-Allee 10

10557 Berlin


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Categories: Kultur | Medien Wissenschaft

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