Die Hardware, Software und das Urheberrecht - Zur Urheberrechtsausweitung

Hardware – Wissen – Software

 

Die Hardware, Software und das Urheberrecht

Zur Urheberrechtsausweitung und der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft

 

 

Am 29. November wird die Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft ab 13:00 Uhr eine öffentliche Anhörung im Deutschen Bundestag durchführen. Es wird um das Urheberrecht gehen. Immer, wenn sich grundlegende Neuerungen der Hardware ereignen, steht das Urheberrecht auf dem Prüfstand.


Der Maler Evgenij Kozlov (E-E) in seinem Atelier.                               Foto: Colmán O'Regan

 

Diese Konstellation gibt NIGHT OUT @ BERLIN die Gelegenheit, im Kontext der Medien- und Blog-Wissenschaft das Verhältnis von Schrift und Schriftlichkeit von der mittelalterlichen Handschrift über den Buchdruck sowie die Fotografie und last but not least das iPad zu befragen. Es geht nicht zuletzt um Interessenvertretungen, Politik und Politiken der Medien. Die Anhörung im Bundestag findet in einer Konstellation von Hochsicherheitsmaßnahmen als Reaktion auf bereits computergeneriertes Wissen statt.

 

Es lohnt sich, die Aktualität der Konstellation ein wenig zuzuspitzen. Wissen ist heute in einem hohen Maße abhängig von der Hardware und Software des Internets. Ohne die Hardware des Siemens-Konzerns, mit einem anderen Wort der „Siemens-Maschinen“, hätte der Computerwurm Stuxnet als Software die Drehzahl der Zentrifugen des Atomprogramms im Iran – und anderswo - nicht verändern können. - Siehe den aktuellen Beitrag von Sandro Gaycken im Wirtschaftsteil der ZEIT vom 25. November 2010.

Hardware sind Maschinen im weitesten Sinne. Die Hand der Handschrift, die Handdruckpresse, die Buchdruckpresse, die Zeitungsdruckereien. Der Mönch im Mittelalter brauchte kein Urheberrecht. Der Gedanke einer Autorschaft war ihm fremd. Mönche waren Kopisten des Wort Gottes. Selbst die Minnesänger erfüllten ein religiöses Programm. Als Autor sind sie i. d. R. nicht aufzuspüren. Die Biographisierung des mittelalterlichen Schreibers erfolgte im Nachhinein. Die Frage, wer Hartmann von der Aue war, entspringt der nachträglichen Autorenkonzeption des 19. Jahrhunderts.

 

Wer schrieb den Sonnengesang des Echnaton? Ein namenloser Priester der ein neues Herrschaftskonzept des Lichts, Re, mit oder für Echnaton niederschrieb? Die Ursprünge der Dichtung am Nil, die uns in Hieroglyphen auf Papyrus und in Stein überliefert sind, liegen im Dunkeln. Ginka Steinwachs hat den Sonnengesang jüngst mit dem Internet und den „Göttern in Bytes“, Steve Jobs und Bill Gates, in ihrer Cyberpoetry www.herzschriFtmachter.net (Passagen Verlag) konstelliert. Damit hat sie die Schreibbedingungen des Internets mit dem Rückgriff auf einen der ersten überlieferten Texte der Menschheit in Bezug gebracht.

Mit neuen Druckmaschinen verändert sich im 19. Jahrhundert alles. 1844 gründete der Österreicher Georg Sigl, der moderne Druckerpressen auf seiner Reise von Niederösterreich nach Berlin kennengelernt hatte, auf der Chausseestraße 35 inmitten der Eisenbahnindustrie eine Fabrik für die Fertigung von Druckmaschinen. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte Berlin mit den Zeitungsverlagen in der Koch-, Zimmer- und Schützenstraße links und rechts der Friedrichstraße das weltweit größte Zeitungs-Viertel.

 

In Preußen entwickelte sich das Urheberrecht seit dem Jahr 1837. Das war kurz vor Erfindung der Fotografie in den Jahren um 1840. Der Fotoapparat ist eine Bild-Maschine. Nahezu gleichzeitig erkundeten Louis Jacques Mandé Daguerre in Paris und William Henry Fox Talbot auf seinem englischen Landsitz Lacock Abbey zwei unterschiedliche Verfahren der Fotografie, die das Urheberrecht zumindest für kurze Zeit ins Wanken brachten. Talbot erfand das Negativ-Positiv-Verfahren, mit dem es nicht zuletzt möglich wurde, von einem Negativ tendenziell unendlich viele Abzüge herzustellen.

Mit der Fotografie ging ein tiefer Riss durch die Grundvoraussetzungen des Urheberrechts. Dieser Riss betraf das Denken des Bildes. Was war das fotografische Bild? Wer hatte es gemacht? Talbot nannte sein erstes Fotobuch 1846 emphatisch The Pencil of Nature. Die Natur selbst sollte die Bilder gemacht haben. Das war ein Affront.

 

In der Frühzeit der Fotografie schwankte der Name des neuen Mediums zwischen Daguerreotypie, Talbottypie, Heliotypie, Kalotypie und anderen mehr. Hinter jedem Namen stand ein Versprechen als Programm. Daguerreo- und Talbottypie verwiesen ganz auf ihre Erfinder. Auf das Genie der Erfinder. Dabei waren es bei dem Einen wie dem Anderen Zufälle und verschiedene Kontexte, die letztlich zum Erfolg führten.

Ich will es hier kurz machen, weil es in diesem Kontext lediglich um Namen und Programme geht. Deshalb werden die Zufälle nicht weiter ausgeführt. Stattdessen ist es von urheberrechtlicher Relevanz, dass der französische Staat nach der offiziellen Bekanntgabe der Erfindung Daguerres am 19. August 1839 das Verfahren zur Herstellung von Bildern ankaufte. Der französische Staat zahlte auf Empfehlung der Akademie der Wissenschaften Daguerre eine nennenswerte, lebenslange Rente.

 

Damit war einerseits ein Modell für staatliches Handeln bezüglich neuer Medien angeschlagen, andererseits wurde ein Mythos begründet. Nämlich der Mythos vom Erfinder. Daguerre hatte die zufällige Ablage einer belichteten, aber noch nicht fixierten Bildplatte in einem Schrank zum Erfinder und reich gemacht. Erst durch die Dämpfe, die das Bild auf der Silberplatte fixierten, also dauerhaft spiegelbildlich sichtbar machten, wurde das Verfahren verwertbar.

Unter den Namen für das neue Medium finden sich anfangs ebenso Heliotypie und Heliogravure. Es ist durchaus zweifelhaft, was man da vor sich hat. Handelt es sich um einen Abdruck der Sonne oder eine Inschrift? In der Frühzeit der Fotografie experimentiert man mit unterschiedlichen Namen und Programmen. Die Photographie als Versprechen auf ein objektives, detailgenaues Bild erfüllt gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht zuletzt die Verfahren des vorherrschenden Wissenschaftsdiskurses. Die Schrift des Lichts, Photographie, erfüllt das platonische Versprechen der Wissenschaft auf Wahrheit, Wirklichkeit und Fortschritt zum Licht.

 

Das Versprechen von Licht führt zu einer tiefgreifenden Verunsicherung der bisherigen Bildproduzenten, den Malern. In den 1870er Jahren wird die Fotografie zum Anlass für mehrere Urheberrechtsprozesse in Deutschland. Es geht um den strittigen Punkt, ob der Fotograf ein Künstler ist. Wem gehört die Fotografie? Wer hat sie gemacht? Die Rechtsprechung hatte sich damit zu befassen, ob der Fotograf als Subjekt das Bild macht.

Der Fotograf wurde allererst durch die Rechtsprechung um 1870 zum Rechtssubjekt, was nicht zuletzt Gerhard Plumpe in seinem Buch Der tote Blick (1990) genauer untersucht hat. Er wurde einem juristisch verantwortlichen Träger von Rechten und Pflichten. Das war zunächst äußerst strittig. In der Praxis stellen sich solche und ähnliche Fragen oft nicht. Sie werden erst im Rechtsstreit zum Gegenstand öffentlichen Interesses. Letztlich geht es um Verwertungsrechte. Mit anderen Worten einem Recht, aus dem sich ökonomischer Nutzen ziehen lässt.

 

Nicht jede Rechtsfrage ist so entschieden mit der Ökonomie verknüpft wie das Urheberrecht. Neben dem ökonomischen Aspekt spielt der emotionale eine entscheidende Rolle. Gehen wir zunächst auf den ökonomischen ein. Aktuell strengen vor allem die Verlage im weitesten Sinne eine Änderung des Urheberrechts in Hinblick auf das Internet an. Verlage sind ökonomische Schaltstellen. Sie verkaufen Texte, Bilder und Musik, die meist eine Materialität als Zeitung, Buch oder Platte mit Informationen haben. Vor allem über diese Materialität des Produktes Buch aus Papier funktionieren Verlage.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass der Medienverleger Ruppert Murdoch, nun an einer Bezahlzeitung mit Steve Jobs und dem Apple-Konzern für das iPad arbeitet. Murdoch und sein Stab haben sehr genau die Verschränkung von Hardware und Software erkannt. Anna Marohn spekuliert in der aktuellen ZEIT mit dem Artikel Sexy Kombi darüber, ob und wie man einen Journalismus erfinden kann, der sich an Online-Journalismus ebenso wie dem iPad als Hardware andockt. (Zur Einführung des iPad)    

 

Das Internet gefährdet die Materialität von Text und Musik, insofern als Text- und Musikverlage von den weitestgehend verlagsunabhängigen Mechanismen der Informationsverbreitung im Cyberspace ausgeschaltet werden. Man kann geradezu sagen, dass Text, Bild und Musik, sogar Wissen im weitesten Sinne ent-ökonomisiert werden. Das kann man begrüßen. Oder man kann es von Seiten der Verlage kritisieren und gesetzliche Regelungen fordern, die die Informationsverbreitung auf Verlagswegen re-ökonomisiert.

Mit der gegenwärtigen Diskussion und Initiative geht es angesichts der veränderten Maschinen, der veränderten Materialität von Wissen im Internet, um eine Re-Ökonomisierung. Der Staat in Gestalt der gesetzgebenden Instanzen durch die Politik und der Regierung an ihrer Spitze soll darüber befinden, ob eine tendenzielle Re-Ökonomisierung stattfindet oder nicht. Ein erster Schritt ist die Einrichtung einer Enquete-Kommission, die eine Leitlinie für ein zukünftiges Gesetzeswerk ausarbeiten soll.  

 

Die Verlagshäuser als ökonomische Schaltstellen von Wissen haben seit Beginn des 18. Jahrhunderts für gut 300 Jahre die Ströme und Wege der Informationsverbreitung geregelt und beherrscht. Aus der Pluralität vieler verschiedener Verlage wurden bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Konzerne. Heute hat die transnationale Konzentration der Verlage unter einigen wenigen Konzerndächern – Springer, Bertelsmann, Holtzbrinck, Burda etc. – ein Maß erreicht, das sie zu einem entscheidenden Wirtschaftsfaktor macht.

Es sind aber nicht nur die mehr oder weniger privaten Verlagskonzerne. Vielmehr haben Parteien, Kirchen und Interessenverbände ihre eigenen konzernartigen Verlagshäuser. Ein Beispiel ist die Verlagsgruppe Weltbild der Diözese Augsburg. Verlage haben eine bestimmte Ausrichtung und ein Programm. Sie sind immer auch ein Mittel der Meinungsbildung. Dieses Mittel wird genutzt, ohne dass es gleich sichtbar werden muss. Schluss mit der Gratiskultur, wird dann auf einmal gerufen. Ab sofort muss jeder gelesene Artikel im Netz bezahlt werden!

 

Buch- und Zeitungsverlage waren in der frühen Neuzeit, um es einmal so zu formulieren, nicht nur ein entscheidendes Instrument für die Verbreitung von Büchern, Zeitungen und Wissen, vielmehr noch für die Entstehung einer bürgerlichen Zivilgesellschaft. Damit wurde die Macht der Kirche, die sich auf ein System der Kirchen und Klöster stützte, vom Bürgertum ausgehöhlt und in das Medium der Druckerzeugnisse überführt. Deshalb sind die gegenwärtigen Umbrüche im Verlagswesen angesichts des Internets von epochaler Bedeutung. Die Digitalisierung hat zu einer kaum noch beherrschbaren Entmaterialisierung von Wissen in Büchern geführt.

Das Konzept der Verlage als Schaltstelle von Wissen war und ist zutiefst an die Hardware des Drucks gebunden. Sie sind der Dreh- und Angelpunkt von Wissen und Wissensverbreitung in der Neuzeit. Es ist daran zu erinnern, welche Rolle Verlage der Sozialdemokratie für die Wissensverbreitung als Bildung unter Arbeitern zu Beginn des 20. Jahrhunderts gespielt haben. Durch das Volkshochschulwesen wurde Wissen und Bildung wesentlich aus dem Akademismus der Universitäten auf eine breite Ebene der Arbeiter gebracht.

 

Sozialdemokratische Verlage und Volkshochschulen waren entscheidende Elemente, um Bildung durch Wissen für alle Schichten zugänglich zu machen. Die erste deutsche Volkshochschule entstand am 13. Januar 1902 im Bürgersaal des Berliner Rathauses. Das Internet ist tendenziell ein volkshochschulartiger Wissensvermittler. Deshalb war und ist es ein genuin sozialdemokratisches Interesse, den Zugang zu Wissen zu ermöglichen und zu erleichtern. In einer Wissensgesellschaft, wie sie das digitale Zeitalter mit dem Internet hervorgebracht hat, ist der barrierefreie Zugang zu Wissensressourcen fast zum Konsens geworden.

Eine Urheberrechtsausweitung wirkt dem barrierefreien Zugang entgegen. Die Mechanismen, unter denen sich Wissen im weitesten Sinne vom Projekt Gutenberg des Spiegel bis zu Google Streetview verbreitet, sind weitestgehend dereguliert. Gemeinfreiheit von Texten, Bildern, Filmen und Musik hat durch das Internet an Bedeutung gewonnen. Gemeinfreiheit erleichtert den Zugang zu Wissensressourcen, auf die nicht zuletzt NIGHT OUT @ BERLIN gerichtet ist. Es ist eine Errungenschaft des Internets, dass heute beispielsweise der Film Freaks durch Google Video mittels Verlinkung frei zugänglich ist.    

 

Es gibt Autoren und Künstler, die in Akademien und Verbänden organisiert sind. Sie erhoffen sich durch eine Urheberrechtsausweitung einen stärkeren Schutz ihres Geistigen Eigentums, ihrer intellectual properties. Diese Position ist fragwürdig. Wird sie den Umbrüchen in den Wissenskulturen gerecht? Die Autorschaft als institutionalisierte Form Geistigen Eigentums basiert auf einem bürgerlichen Konzept des Autors, das in die Akademien hinüber gerettet worden ist. Es ist fraglich, ob Akademiemitglieder im Zeitalter des Internets noch für eine Mehrheit von Produzenten Geistigen Eigentums sprechen können. Die meisten Autoren können heute nicht einmal an eine Geltendmachung bestehender Rechte denken. 

Der Wunsch einer Urheberrechtsausweitung muss als anachronistisch  erkannt werden. Downloads sind in erster Linie kein Problem des Urheberrechts, sondern ein technisches. Verlage stehen heute vor dem Problem, dass sie Leser/User möglichst in großer Zahl brauchen und gleichzeitig Modelle entwickeln müssen, für ihre Angebote Geld zu erhalten. Wenn das Angebot zu teuer ist, sind die User weg. Das ist ein reines Marktproblem und kein juristisches.

 

Wie tiefgreifend sich das Verlagswesen angesichts des Internets und neuer Medien noch wird verändern müssen, lässt sich kaum abschätzen. Durch eine Urheberechtsausweitung werden sich diese Veränderungen allerdings nicht regeln lassen.

 

Torsten Flüh

 

PS: Auf den Fotos ist der aus St. Petersburg gebürtige Maler Evgenij Kozlov (E-E) in seinem Atelier in der Chausseestraße 35 in Berlin-Mitte zu sehen.

Hannelore Fobo schreibt: "Weil Evgenij Kozlov über einen hohen Grad an Bewusstheit von der Eigentümlichkeit des schöpferischen Prozesses verfügt, hat er 2005 beschlossen, anstelle der früheren Unterschriften «E. Kozlov» oder lediglich «Evgenij» alle seine Werke nur noch mit «E-E» zu unterschreiben, besser gesagt, zu stempeln. Ich habe einen Zettel aufgehoben, auf dem steht «1. 5. 2005 – Evgenij annulliert seinen Namen in der Kunst». Das soll heißen, er betrachtet seine Werke jetzt nicht mehr als ihm allein gehörig. Selbstverständlich kann man sie ihm zuordnen, und sie könnten auch nicht von jemandem anderen stammen, aber das Werk von «E-E» gehört gewissermaßen einer anderen Sphäre an, der Sphäre des neuen Sinns. Diese Beschreibung hat allerdings nichts mit irgendeiner Art von Vermarktung der Kunst zu tun, sondern allein mit dem Prozess ihres Entstehens." 

Fotografiert wurde E-E im Mai 2008 von Colmán O’Regan für den Bild-Essay-Band Preussens Feuerland, der bisher lediglich teilweise als PDF im Internet heruntergeladen werden kann.

Die Gebäude im äußersten hinteren Teil des Grundstückes stammen aus der Zeit um 1844, als Georg Sigl dort seine Druckpressen herstellte. Mittlerweile wurde das Grundstück als Wohnanlage erschlossen.